Das Universitätsstift St. Jakobi in Rostock – Eine Stütze für die Universität Rostock oder ein Herrschaftsinstrument der Landesherren?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

23 Seiten, Note: 2,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Universitätsstift als Sonderform des Kollegiatstifts
2.1. Das Wesen und die Funktion des Kollegiatstift
2.2. Verschiedene Formen des Kollegiatstifts
2.3. Besonderheiten und die Funktion des Universitätsstiftes

3. Die Gründung des Universitätsstift St. Jacobi in Rostock – die Rostocker Domfehde
3.1. Voraussetzungen und Ursachen für den Konflikt
3.2. Der Verlauf der Rostocker Domfehde
3.2.1. Beginn des Konflikts
3.2.2. Die Gründung des Universitätsstifts
3.2.3. Eskalation, Auszug und Rückkehr der Universität nach Rostock
3.2.4. Das Ende der Rostocker Domhändel
3.3. Die Motive der Rostocker Bürgerschaft und des Rates
3.4. Die Motive der Universität Rostock
3.5. Die Motive der Herzöge von Mecklenburg

4. Fazit – Die Bedeutung des Universitätsstifts in Rostock

5. Literatur- und Quellenverzeichnis:

1. Einleitung

Bildungseinrichtungen waren im Mittelalter stets abhängig von der Unterstützung weltlicher und geistlicher Gewalten, die für den Schutz und die materielle Existenz derselben garantierten. Dies gilt auch für die Universitäten im spätmittelalterlichen Europa. Ohne die Unterstützung durch den Landesherrn oder der römischen Kurie konnte sich die Universität weder frei entfalten, noch in Sicherheit existieren. Die Einrichtung eines Universitätsstifts war eine Möglichkeit, die Universität zu stärken und abzusichern. Doch war das Stift tatsächlich immer eine willkommene Hilfe und Stütze für die Universität? Welche Vorteile brachte es dem Stifter? Konnte es gar als ein Machtinstrument eingesetzt werden?

In der folgenden Arbeit werde ich die Bedeutung des Universitätsstifts Sankt-Jakobi für die Universität Rostock, die Herzöge von Mecklenburg sowie für die Stadt Rostock untersuchen. Mein Ziel ist es, die Motive für die Handlungen der betroffenen Parteien während der Rostocker Domfehde herauszustellen und die Funktion des Universitätsstifts in Rostock näher zu beleuchten. Um dies zu erreichen, erfolgt zunächst eine Ausführung über das Wesen, die Funktion und die Einordnung des Universitätsstifts als eine Sonderform des Kollegiatstifts in dessen Typologie. Anschließend werde ich die Chronologie der Ereignisse der Rostocker Domfehde kurz skizzieren und die einzelnen Motive der Rostocker Bürger, der Universität Rostock und der Herzöge von Mecklenburg herausarbeiten, welche den Konflikt bestimmt haben. Zuletzt werde ich den regional-spezifischen Fall des Universitätsstifts in Rostock mit den überregionalen Eigenschaften eines Universitätsstifts in Beziehung setzten und die Unterschiede verdeutlichen.

Für die Arbeit stand mir nur wenig aktuelle Forschungsliteratur zur Verfügung. Spezifische Literatur zum Universitätsstift ist kaum vorhanden. Im Rahmen einer umfangreichen Grundlagenforschung für Kollegiatstifte hat Peter Moraw wichtige Erkenntnisse für das Universitätsstift hervorgebracht. Die Dissertationsschrift Wolfgang Wagners beinhaltet ebenso wichtige Aspekte für das Universitätsstift aus der Analyse der Universitätsstifte in Prag, Heidelberg und Wien. Die wichtigsten Quellen für die Rostocker Domfehde, auf welche ich mich in dieser Arbeit stütze, hat Bernd Ullrich Hergemöller in seiner zweibändigen Quellenedition „Pfaffenkriege im spätmittelalterlichen Hanseraum“ zusammengetragen.[1]

2. Das Universitätsstift als Sonderform des Kollegiatstifts

2.1. Das Wesen und die Funktion des Kollegiatstift

Richard Puza definiert das Kollegiatstift als eine Gemeinschaft aus Kanonikern, die an einer Kollegiatkirche als Niederstift existierte.[2] Vorläufer der Kollegiatstifte waren Klerikergemeinschaften, die erst seit der institutio von Kaiser Ludwig dem Frommen im Jahre 816 eindeutig vom Mönchtum unterschieden werden konnten.[3] Die Kollegiatkirche stand nicht unter dem Vorsitz eines Bischofs und besaß zumeist eine feste Anzahl an Pfründen.[4] Diese kirchlichen Pfründe, die auch als beneficii oder praebendae bezeichnet werden, wurden als ein ständiges Einkommen an die Träger eines kirchlichen Amtes in dem jeweiligen Stift vergeben und entstammten häufig dem Kirchenvermögen.[5] Nach Peter Moraw waren die kirchlichen Pfründen das wichtigste Element der ecclesia collegiata . Sowohl eine Bewerbung für den Pfründeerhalt als auch die Verteidigung derselben wäre lohnens- und erstrebenswert gewesen.[6] Der Erhalt von kirchlichen Pfründen verpflichtete aber auch den Pfründner zum Verbleib an dem Stift ebenso wie zur Pflege des Stiftergedankens und zum Halten des Stundengebets.[7] An der Spitze eines Kollegiatstifts stand entweder ein Dekan oder ein Propst als praepositus, der innerhalb des Stifts frei gewählt wurde. Dieser praepositus lebte für gewöhnlich in der näheren Umgebung des Stifts in einem Pfründenhaus mit eigenem Haushalt. Während der gemeinsame Gottesdienst mit Chorgebet zunächst für alle Gemeinschaftsmitglieder im Tages- und Jahresablauf verpflichtend war, verfiel mit den Kirchenreformen im 11. Jahrhundert allmählich die vita communis in dem Stift. Der Grund dafür lag in der Abspaltung der Säkularkanoniker und einfachen Chorherren von den sich neu entwickelnden Regularkanonikern und Prämonstratensern, wodurch sich das Wesen des Kollegiatstifts veränderte.[8] Das gemeinschaftliche Zusammenleben in dem Stift beschränkte sich von diesem Zeitpunkt an auf den gemeinsamen Gottesdienst und das Stundengebet. Eine weitere Konsequenz der Kirchenreformen für die ecclesia collegiata war die Auf- und Zuteilung des Stiftvermögens an die Chorherren.[9] Das Kollegiatstift zeichnete sich auch durch seine Passivität und Unselbstständigkeit aus.[10] Sie verblieben, wie andere Stifte auch, im Einflussbereich von bischöflichen und königlichen Interessen sowie denen anderer sozialer Gruppen.[11]

Die Aufgaben, die das Kollegiatstift zu erfüllen hatte, waren zum einen der Chordienst und zum anderen auch die Übernahme von Pfarrfunktionen, wie der wöchentliche Gottesdienst und die Pfarrfürsorge, für welche der praepositus des Stifts die Verantwortung übernahm.[12] Im Gegensatz zu Richard Puza, stellt Peter Moraw jedoch eine klare Abtrennung der Seelsorge von der Stiftskirche fest, einer Pflicht von welcher diese „Gottesdiener“ befreit gewesen wären.[13] Weiterhin stellt Moraw heraus, dass es sich bei den Kanonikern hauptsächlich um Säkularkanoniker, also um Weltgeistliche handelte, die eigenen Privatbesitz in dem Stift haben konnten.[14] Unterstützend formuliert Schieffer dazu, dass der praepositus viele der Liturgie-Aufgaben weitgehend an die Vikare abgegeben hat.[15] Das Kollegiatstift ist also in geringerem Maße durch das strenge christliche Ordensleben bestimmt als andere kirchliche Institutionen. Auch nach Moraw ist das Stift im Vergleich zu dem Kloster eine gegensätzliche Form institutioneller kirchlicher Existenz gewesen.[16] Als Hauptzweck eines Kollegiatstifts kennzeichnet Wolfgang Wagner die Grablege des Stifters mit dem dazugehörigen Stiftergottesdienst. Die Stifter hätten zudem versucht, das Stiftergedenken und die Wesenszüge der ecclesia collegiata möglichst lange aufrechtzuerhalten.[17] Daraus wird bereits ersichtlich wie nachhaltig der Einfluss des Stifters und seiner Nachkommen auf das Stift gewesen ist, da die Stiftung selten gänzlich erfolgte und so stets mit dem Stifter verbunden blieb.[18]

2.2. Verschiedene Formen des Kollegiatstifts

Nach Peter Moraw ist die Gründungssituation eines Kollegiatstifts von entscheidender Bedeutung, da das Gründungsmoment in einem sehr engen Zusammenhang mit der Stiftsverfassung stehe und das Denken und Handeln sowohl der Region als auch der Zeit die Gründung wechselseitig beeinflusst habe. Ein Kollegiatstift ist deshalb „gründungsbezogen“.[19] Aus dieser Überlegung heraus hat Moraw eine Typologie von Kollegiatstiften erstellt, die nach ihrer Gründungssituation und den bestimmenden Hauptkräften unterteilt worden sind. Im Wesentlichen stellt Moraw dabei drei Obergruppen heraus: Kollegiatstifte, welche schon vor der insitutio von 816 durch das Mönchtum, das Episkopat und das weltliche Herrschaftsgefüge geleitet worden sind.[20]

In Verbindung mit dem Mönchtum beschreibt Moraw zwei verschiedene Typen von Kollegiatstiften. Die erste Gruppe bezeichnet Kollegiatstifte als Minderstifte eines Klosters. Diese Minderstifte sind besonders durch große Klöster gegründet worden. Sie hatten eine im Vergleich zum Kloster reduzierte Verfassung und wurden durch ihre Gründer an ihrer Weiterentwicklung behindert. Das klösterliche Kollegiatstift wurde am Klosterort eigens für die Seelsorge oder an entfernten Besitztümern eingerichtet. Die zweite Gruppe von monastischen Kollegiatstiften bestand zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert in Bayern und ist durch die herrschaftliche Säkularisierung entstanden. Klöster konnten durch die Umwandlung entmachtet und ihres Besitzes beraubt werden.[21]

Der Haupttypus des Kollegiatstifts bestand in der Verbindung mit dem bischöflichen Amt. Das Episkopat war bis zum Ende des Spätmittelalters das wichtigste kirchenrechtliche Amt in Stiftskapiteln. Vom 9. Jahrhundert an bis zum Ende des Investiturstreits im 12. Jahrhundert wurden Kollegiatstifte von den Bischöfen an wichtigen Stellen der Diözese errichtet. Sie sollten ein neues Zentrum für die Gottesverehrung sein und zugleich die Verselbstständigung und Loslösung eines Adelsherrn vom König vorantreiben. Am Ende des 12. Jahrhunderts wurden solche episkopale Stiftungen seltener und dienten häufig nur noch territorialen oder repräsentativen Zwecken. Der Bischof wurde nur noch zur Legalisierung von Projekten herangezogen, die nicht vom Episkopat ausgingen. Das Kollegiatstift war nun immer häufiger an eine städtische Pfarrkirche gebunden.

[...]


[1] vgl. Quellen- und Literaturverzeichnis.

[2] Vgl.: Puza, Richard: Art. Kollegiatkirche, Kollegiatstift. In: Lexikon des Mittelalters. Bd. 5. Hiera-Mittel bis Lukanien. Hrsg. von Robert Auty u.a. München, Zürich 1991. S. 1253.

[3] Vgl.: Moraw, Peter: Über Typologie, Chronologie und Geographie der Stiftskirche im deutschen Mittelalter. In: Untersuchungen zu Kloster und Stift. hrsg. vom Max-Planck-Institut für Geschichte. Göttingen 1980. S. 11.

[4] Vgl.: Puza 1991, wie Anm. 2.

[5] Vgl.: Landau, Peter: Art. Beneficium, Benefizium. In: Lexikon des Mittelalters. Bd. 1. Aachen bis Bettelordenskirchen. Hrsg. von Robert Auty u.a. München, Zürich 1980. S. 1905.

[6] Vgl.: Moraw 1980, wie Anm. 3. S. 14.

[7] Vgl.: Wagner, Wolfgang Eric: Universitätsstift und Kollegium in Prag, Wien und Heidelberg. Eine vergleichende Untersuchung spätmittelalterlicher Stiftungen im Spannungsfeld von Herrschaft und Genossenschaft. In: Europa im Mittelalter. Bd. 2. Berlin 1999. S. 316.

[8] Vgl.: Schieffer, R.: Art. Kanoniker. In: Lexikon des Mittelalters. Bd. 5. Hiera-Mittel bis Lukanien. Hrsg. von Robert Auty u.a. München, Zürich 1991. S. 903f.

[9] Vgl.: ebd.

[10] Vgl.: Moraw 1980, wie Anm. 3. S. 12.

[11] Vgl.: Crusius, I.: Art. „Stift“. In: Lexikon des Mittelalters. Bd. 8. Stadt (Byzantinisches Reich) bis Werl. Hrsg. von Robert Auty u.a. München 1997. S. 171f.

[12] Vgl.: Puza 1991, wie Anm. 2.

[13] Vgl.: Moraw 1980, wie Anm. 3. S. 12.

[14] Vgl.: ebd.

[15] Vgl.: Schieffer 1991, wie Anm. 8.

[16] Vgl.: Moraw 1980, wie Anm. 3. S. 12.

[17] Vgl.: Wagner 1999, wie Anm. 7. S. 315.

[18] Vgl.: Wagner 1999, wie Anm. 7. S. 316.

[19] Vgl.: Moraw 1980, wie Anm. 3. S. 15.

[20] Vgl.: ebd. S. 16.

[21] Vgl.: ebd. S. 17ff.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Das Universitätsstift St. Jakobi in Rostock – Eine Stütze für die Universität Rostock oder ein Herrschaftsinstrument der Landesherren?
Hochschule
Universität Rostock
Note
2,1
Autor
Jahr
2010
Seiten
23
Katalognummer
V194264
ISBN (eBook)
9783656195207
ISBN (Buch)
9783656199540
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Universitätsstift, Universität, Rostock, St. Jakobi, Dom, Rostocker Domfehde
Arbeit zitieren
Michel Stark (Autor), 2010, Das Universitätsstift St. Jakobi in Rostock – Eine Stütze für die Universität Rostock oder ein Herrschaftsinstrument der Landesherren?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194264

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