Heiner Müllers lyrischer Text "Mommsens Block" lässt sich, abgesehen von einigen Gedichten , als seine erste literarische Reaktion auf die das Ende der statischen Ost-West-Teilung markierenden Ereignisse von 1989 aufnehmen. Müllers dramatisches Werk stand seit jeher - rezeptionsästhetisch gesehen - im Zeichen der Mauer, deren fragwürdige Legitimation letztlich seine Topoi bestimmen musste. Die zum Westen hin abgeschottete DDR ermöglichte das Müllersche Drama als kritischen Rückgriff auf geschichtliche Kulminationspunkte, an denen die Frage des Opfers des Individuums für die Gesamtheit, die Opposition kapitalistischen Eigensinns und sozialistischen Verzichtdenkens durchspielbar war . Anhand des Scheiterns der proletarischen Revolution, welches die Politik zum Schicksal des Volkes bestimmte, war daher im Blick auf die Geschichte die Utopie stets greifbar. Seit dem Zu-sammenbruch der sozialistischen Staaten Osteuropas ist der utopische Kontext unter dem Aspekt seiner staatspolitischen Inanspruchnahme Vergangenheit.
"Mommsens Block" stellt das jüngste Zeugnis der Abkehr Müllers von der Rolle des Kritikers im sozialistischen Staat dar. Die im Westen den Staat ersetzende Gesellschaft bedeutet den Verlust der Referenz auf die Utopie . Müller schreibt daher kein Drama, sondern als Lyriker über die Schreibhemmung des Dramatikers. In "Mommsens Block" tritt der Autor selbst in den Vordergrund und reflektiert über die Gründe literarischen Schweigens, "wissend der ungeschriebene Text ist eine Wunde/aus der das Blut geht das kein Nachruhm stillt"(9). Im wesentlichen allerdings vollzieht Müller diese Selbstreflexion durchgängig in indirekter Weise. Bereits der Titel deutet darauf hin, hinter dem sich die im Englischen vorhandene Ambivalenz des Wortes "block" verbirgt: Mommsens Statue und gleichwohl Mommsens "writers block" sind gemeint.
Genauer charakterisieren lässt sich der Text als Gespräch mit einem Toten, als Totenbeschwörung. "Das Drama war ja ursprünglich - jedenfalls die Tragödie - Totenbeschwörung, und das hat jetzt noch Sinn". Dieser Sinn besteht in einer radikalen Zivilisationskritik. Sprache als Mitteilung unter Lebenden sei in der Gegenwart auf ihren Informationsgehalt reduziert, demgegenüber schaffe einzig der Dialog mit den Toten Kultur. "Es geht darum, dass die Toten einen Platz bekommen. Das ist eigentlich Kultur". Die Gegenwart bietet Müller keine Identifikationsfläche, daher der Rückgriff auf den ersten deutschen Nobelpreisträger Theodor Mommsen.
Inhaltsverzeichnis
I. Kunst als Totenbeschwörung
II. Zivilisationskritik am Beispiel des "writers block"
III. Zur Problematik des Erinnerns
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Heiner Müllers lyrischen Text "Mommsens Block" im Kontext seiner Auseinandersetzung mit dem Ende der sozialistischen Utopie und reflektiert dabei die künstlerische Verarbeitung von Geschichtspessimismus und Zivilisationskritik.
- Die literarische Reaktion auf das Ende der Ost-West-Teilung
- Müllers Abkehr vom Drama hin zur lyrischen Reflexion
- Die kritische Auseinandersetzung mit dem Werk von Theodor Mommsen
- Das Scheitern politischer Utopien und der Verlust von Sinnstiftung
- Die Problematik des Erinnerns und der Dialog mit den Toten
Auszug aus dem Buch
I. Kunst als Totenbeschwörung
Heiner Müllers lyrischer Text "Mommsens Block" lässt sich, abgesehen von einigen Gedichten, als seine erste literarische Reaktion auf die das Ende der statischen Ost-West-Teilung markierenden Ereignisse von 1989 aufnehmen. Müllers dramatisches Werk stand seit jeher - rezeptionsästhetisch gesehen - im Zeichen der Mauer, deren fragwürdige Legitimation letztlich seine Topoi bestimmen musste. Die zum Westen hin abgeschottete DDR ermöglichte das Müllersche Drama als kritischen Rückgriff auf geschichtliche Kulminationspunkte, an denen die Frage des Opfers des Individuums für die Gesamtheit, die Opposition kapitalistischer Eigensinns und sozialistischen Verzichtdenkens durchspielbar war. Anhand des Scheiterns der proletarischen Revolution, welches die Politik zum Schicksal des Volkes bestimmte, war daher im Blick auf die Geschichte die Utopie stets greifbar. Seit dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten Osteuropas ist der utopische Kontext unter dem Aspekt seiner staatspolitischen Inanspruchnahme Vergangenheit.
"Mommsens Block" stellt das jüngste Zeugnis der Abkehr Müllers von der Rolle des Kritikers im sozialistischen Staat dar. Die im Westen den Staat ersetzende Gesellschaft bedeutet den Verlust der Referenz auf die Utopie. Müller schreibt daher kein Drama, sondern als Lyriker über die Schreibhemmung des Dramatikers. In "Mommsens Block" tritt der Autor selbst in den Vordergrund und reflektiert über die Gründe literarischen Schweigens, "wissend der ungeschriebene Text ist eine Wunde/ aus der das Blut geht das kein Nachruhm stillt" (9). Im wesentlichen allerdings vollzieht Müller diese Selbstreflexion durchgängig in indirekter Weise. Bereits der Titel deutet darauf hin, hinter dem sich die im Englischen vorhandene Ambivalenz des Wortes "block" verbirgt: Mommsens Statue und gleichwohl Mommsens "writers block" sind gemeint.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Kunst als Totenbeschwörung: Das Kapitel analysiert den Text als Müllers Auseinandersetzung mit dem Scheitern des Sozialismus und seine damit verbundene Abkehr vom klassischen Drama hin zur persönlichen Reflexion über das literarische Schweigen.
II. Zivilisationskritik am Beispiel des "writers block": Hier wird Müllers Bezugnahme auf Theodor Mommsen untersucht, um aufzuzeigen, wie das Ende der Utopie und eine pessimistische Geschichtsbetrachtung zur zentralen Diagnose der Gegenwart werden.
III. Zur Problematik des Erinnerns: Dieser Abschnitt beleuchtet die Rolle des Denkmals und das ambivalente Verhältnis zwischen den Lebenden und den Toten, wobei das Erinnern als notwendige, jedoch problematische kulturelle Aufgabe definiert wird.
Schlüsselwörter
Heiner Müller, Mommsens Block, Zivilisationskritik, Geschichtspessimismus, Utopieverlust, DDR, Sozialismus, Theodor Mommsen, Literaturkritik, Schreibhemmung, Erinnerung, Kultur, Historismus, Moderne, Lyrik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert den lyrischen Text "Mommsens Block" von Heiner Müller als eine tiefgreifende literarische Verarbeitung des politischen Umbruchs von 1989 und des damit einhergehenden Verlusts utopischer Perspektiven.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Zivilisationskritik, das Verhältnis von Geschichte und Gegenwart, die Auseinandersetzung mit dem Werk Theodor Mommsens sowie die Krise des Schreibens nach dem Ende des sozialistischen Experiments.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Müller durch die Figur Mommsens den eigenen Zweifel an der Wirksamkeit von Kunst und Politik in einer "kultur- und geschichtslosen" Gegenwart zum Ausdruck bringt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext eng an biographischen, historischen und geistesgeschichtlichen Kontexten spiegelt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des künstlerischen Selbstverständnisses Müllers, die kritische Rezeption Mommsens im Lichte des Scheiterns des Sozialismus und eine philosophische Reflexion über die Bedeutung des Erinnerns.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Zivilisationskritik, Utopieverlust, Geschichtspessimismus, Schreibhemmung und das Verhältnis zum kulturellen Erbe.
Warum spielt Theodor Mommsen eine so zentrale Rolle in Müllers Text?
Müller nutzt Mommsen als Identifikationsfigur für einen Historiker, der selbst an seiner Aufgabe verzweifelte, was Müller dazu dient, die eigene Unfähigkeit zur Bewältigung der aktuellen geschichtlichen Situation zu spiegeln.
Wie interpretiert der Autor den Begriff "Writers Block"?
Der Begriff wird doppeldeutig verwendet: Einerseits als Verweis auf das steinerne Monument Mommsens, andererseits als metaphorischer Ausdruck für die Blockade des Autors, der keine gesellschaftsverändernde Sprache mehr findet.
Welche Schlussfolgerung zieht die Arbeit zum Thema "Erinnern"?
Das Erinnern wird bei Müller als eine schwierige, aber unverzichtbare Aufgabe begriffen, die jedoch in der Moderne droht, in eine bloße Flucht vor der Realität oder in Resignation zu münden.
- Citation du texte
- Magister Artium Michael Birkner (Auteur), 1994, Inschrift des Schweigens, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194324