Pädagogische Interaktion findet niemals losgelöst von gesellschaftlichen Einflüssen statt. Es ist neben dem individuellen Bezug immer auch eingebettet in einen kulturellen, institutionellen und gesellschaftlichen Kontext. Man spricht daher auch von einer soziokulturellen und sozioökonomischen Durchdringung der pädagogischen Praxis. Ausgehend von diesem Umstand kann es sich demnach als sinnvoll erweisen, auch die Theorien und Konzepte der Nachbardisziplin Soziologie im erziehungswissenschaftlichen Diskurs zu berücksichtigen - so zum Beispiel auch mit dem Habituskonzept des Soziologen Pierre Bourdieu.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der Habitusbegriff nach Pierre Bourdieu
2.1 Zur Bedeutung des Habitus im Rahmen der Gesellschaftstheorie Bourdieus
2.2 Definition des Habitus und seiner charakteristischen Eigenschaften
2.3 Zur allgemeinen Kritik
3 Das Verhältnis der Erziehungswissenschaft zur Habitustheorie
3.1 Anschlussmöglichkeiten an Themen der Erziehungswissenschaft
3.2 Grenzen der erziehungswissenschaftlichen Rezeption
4 Rezeptionsformen aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive
4.1 Der biographietheoretische Lernhabitus (H. Herzberg)
4.1.1 Möglichkeiten des Habituskonzepts für den Kontext von Lernprozessen
4.1.2 Grenzen des Habituskonzepts als Rahmenbedingung von Lernprozessen
4.2 Die Interessengenese in der Weiterbildung (A. Grotlüschen)
4.2.1 Möglichkeiten des Habitus für die Erklärung von Interessengenese
4.2.2 Grenzen des Habitus für die Erklärung von Interessengenese
4.3 Die Autonomie im Feld der Weiterbildung (J. Wittpoth)
4.3.1 Möglichkeiten der Habitustheorie im Hinblick auf selbstgesteuertes Lernen
4.3.2 Grenzen der Habitustheorie Hinblick auf selbstgesteuertes Lernen
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Rezeption des Habituskonzepts von Pierre Bourdieu aus einer erziehungswissenschaftlichen Perspektive. Ziel ist es, sowohl die Anschlussmöglichkeiten als auch die Grenzen dieses soziologischen Begriffs für pädagogische Kontexte kritisch zu analysieren und zu reflektieren.
- Grundlagen der Bourdieuschen Habitustheorie
- Kritische Auseinandersetzung mit Determinismus und Handlungsspielräumen
- Analyse des biographietheoretischen Lernhabitus
- Erklärung der Interessengenese in der Weiterbildung
- Autonomie und selbstgesteuertes Lernen im Kontext habitueller Strukturen
Auszug aus dem Buch
2.2 Definition des Habitus und seine charakteristischen Eigenschaften
Der Habitus-Begriff steht für ein „System von Differenzen“ und beinhaltet eine Grundhaltung gegenüber der Welt (Bourdieu 1984, S. 279). In der Auseinandersetzung mit der Welt wird der Habitus im Kontext von Sozialisations- bzw. Habitualisierungsprozessen erworben. Dabei ist der Habitus „nicht nur strukturierende, […] sondern auch strukturierte Struktur“ (ebd., S. 279).
Der Habitus ist zum einen als ein Produkt der sozialen Strukturen gedacht, also als eine Entsprechung des Sozialen im Individuum. Eine positiv behaftete Handlungsweise werde im Habitus sedimentiert und durch Einübung dann inkorporiert. In dem sich eine solche Handlungsweise zu einer Gewohnheit entwickelt, werde sie dann habitualisiert (vgl. Rehbein/Saalmann 2009b, S. 114).
Der Begriff der Inkorporierung weist deutlich darauf hin, dass der Habitus körpergebunden und von somatischer Natur ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Thematik der interdisziplinären Verknüpfung soziologischer Konzepte mit erziehungswissenschaftlichen Fragestellungen.
2 Der Habitusbegriff nach Pierre Bourdieu: Darlegung der soziologischen Grundlagen des Habitus, seiner Entstehung und seiner Rolle im gesellschaftlichen Raum.
3 Das Verhältnis der Erziehungswissenschaft zur Habitustheorie: Diskussion über die theoretische Anschlussfähigkeit sowie die Skepsis der Pädagogik gegenüber dem Konzept.
4 Rezeptionsformen aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive: Konkrete Analyse von drei Ansätzen (Herzberg, Grotlüschen, Wittpoth) im Kontext der Weiterbildung.
5 Fazit: Abschließende kritische Reflexion und Zusammenfassung der Erkenntnisse hinsichtlich der Anwendbarkeit des Habituskonzepts in der pädagogischen Praxis.
Schlüsselwörter
Habitus, Pierre Bourdieu, Erziehungswissenschaft, Weiterbildung, soziale Reproduktion, Lernhabitus, Interessengenese, Autonomie, selbstgesteuertes Lernen, Sozialisation, Feldtheorie, Praxistheorie, biographisches Lernen, pädagogische Interaktion, Determinismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen und praktischen Rezeption des soziologischen Habituskonzepts von Pierre Bourdieu innerhalb der Erziehungswissenschaft, insbesondere im Bereich der Erwachsenenbildung.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das Habituskonzept in pädagogischen Modellen genutzt wird, und die dabei auftretenden theoretischen Widersprüche sowie die Grenzen der praktischen Anwendbarkeit kritisch zu untersuchen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Zusammenhang von Habitus und Lernprozessen, die Genese von Interessen in der Weiterbildung sowie die Frage nach Autonomie und Selbststeuerung des Lernens unter habituellen Einflüssen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung, die den aktuellen erziehungswissenschaftlichen Diskurs sichtet und diesen anhand von drei ausgewählten Rezeptionsbeispielen (Herzberg, Grotlüschen, Wittpoth) analysiert und bewertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung des Habitus, die allgemeine erziehungswissenschaftliche Kritik daran und die detaillierte Untersuchung dreier spezifischer Anwendungsbeispiele aus der Weiterbildungsforschung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlüsselbegriffe sind Habitus, soziale Reproduktion, Lernhabitus, Interessengenese, Autonomie und das Verhältnis von Feld und Akteur.
Inwiefern unterscheiden sich die Ansätze von Herzberg und Grotlüschen?
Während Herzberg versucht, das Habituskonzept biographietheoretisch zu erweitern und zu modifizieren, um Lernprozesse zu erklären, nutzt Grotlüschen den Habitus eher als analytisches Instrument zur Beschreibung der Interessengenese, ohne das Konzept selbst stark zu verändern.
Welches zentrale Problem identifiziert die Autorin bei der Anwendung des Konzepts?
Die Autorin stellt fest, dass die Auseinandersetzung oft rein theoretisch bleibt und der Transfer in die pädagogische Praxis – etwa durch konkrete Methoden für die Programmplanung – bisher unzureichend gelungen ist.
- Citar trabajo
- Andrea Ulitzsch (Autor), 2011, Das Habituskonzept nach Pierre Bourdieu, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194338