Gedichtanalyse: Der 17. Juni als Wendepunkt von Brechts Haltung zur DDR


Hausarbeit, 2003

16 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhalt

1. Hinführung

2.1. Brechts politische Grundhaltung
2.2. Die Ereignisse am 17. Juni
2.3.1. Gedichtanalyse: Die Lösung
2.3.2. Gedichtanalyse: Böser Morgen
2.3.3. Gedichtanalyse: Die Neue Mundart
2.4. Brecht im inneren Widerspruch

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Hinführung

Als es am 17. Juni 1953 zu dem gewaltsamen Niederschlagen der Arbeiteraufstände in Berlin kam, war der zu diesem Zeitpunkt weltbekannte und geachtete Autor, Dichter und Künstler Bertolt Brecht eine der wenigen namhaften Persönlichkeiten, die sich nicht gegen das Einschreiten der Sowjetpanzer aussprach. Im „Neuen Deutschland“ ist wenige Tage später zu lesen: „Es ist mir ein Bedürfnis, Ihnen in diesem Augenblick meine Verbundenheit mit der SED auszudrücken.“[1] Wie kommt ein Mensch wie Brecht, ein ausgesprochener Pazifist dazu, der SED, der Partei, die über 100 Tote und zahlreiche Verletzte durch das gewaltsame Zerschlagen der Aufstände zu verantworten hat, sich in dieser Form zu äußern? Wie stand er wirklich zur SED und zur DDR in dieser Zeit?

Ich möchte in dieser Hausarbeit versuchen, Brechts politische Position anhand der Ereignisse am 17. Juni 1953 und anhand dreier Gedichte aus den Buckower Elegien zu rekonstruieren. Ich möchte mich genauer mit den Dimensionen beschäftigen, die zeigen, inwieweit sich Brecht vom System DDR entfremdet hat.

2.1. Brechts politische Grundhaltung

Brecht war schon an seiner Schule als Rebell und Anarchist bekannt – obwohl oder vielmehr weil er selber einem wohlsituierten Elternhaus entstammt.[2] Er thematisiert dies in seinem Gedicht Verjagt mit gutem Grund:

„Als ich erwachsen war und um mich sah

Gefielen mir die Leute meiner Klasse nicht,

Nicht das Befehlen und nicht das Bedientwerden.

Und ich verließ meine Klasse und gesellte mich

Zu den geringen Leuten.“[3]

Gegen Ende des Ersten Weltkrieges leistete er Kriegsdienst als Sanitäter in einem Augsburger Lazarett, wo er mit den Toten und Verwundeten des Krieges konfrontiert wurde und seine pazifistische Haltung entwickelte.[4]

In den Jahren 1924 bis 1926 betrieb Brecht intensive Studien des Marxismus, die ihn zum überzeugten Kommunisten werden ließen.

Nachhaltiger wurde Brecht von den Taten der Nationalsozialisten und der Zeit des Krieges geprägt. Durch sie wurde er in seiner Haltung bekräftigt, dass der einzige Gegenpol zum Kapitalismus als Grundlage für Faschismus und Krieg der Kommunismus sein musste.[5] Dies konnte auch ein Kommunismus sein, der so bizarre Formen aufwies, wie der in der UdSSR seit 1923 herrschende Stalinismus, die für ihn direkte Antwort auf den Faschismus der Nazis: „Die Umwandlung des Berufsrevolutionärs in einen Bürokraten, einer ganzen revolutionären Partei in einen Beamtenkörper gewinnt durch das Auftreten des Faschismus tatsächlich eine neue Beleuchtung.“[6]

Brecht war ein Gegner der freien Wahlen: „Zweimal während meines Lebens wählten die Deutschen […] durch `freie Wahlen´ Regierungen, die verbrecherische Kriege anzettelten und sie außerdem noch verloren.“[7] Er hielt die Menschen für zu unwissend, selbst ihr politisches Schicksal zu bestimmen: „Es ist der älteste Trick der Bourgeoisie, den Wähler frei seine Unfreiheit wählen zu lassen, indem man ihm das Wissen um seine Lage vorenthält.“[8]

Nach dem Krieg zog Brecht nach Ostberlin. Er entschied sich deshalb für die DDR, weil sie für ihn der Staat auf deutschem Boden war, in dem sich der Faschismus nicht wiederholen würde. Dieses Land war für ihn eine Neue Welt, an deren Aufbau er sich beteiligen wollte. Auch die Hintergründe waren für Brecht relevant: Das System der DDR ist abhängig von dem der UdSSR, desjenigen Landes, dem es gelang, den Faschismus zu besiegen. Dagegen sah er in der westlich-orientierten Marktwirtschaft der BRD, die ihm auch die Einreise verweigert hatte, den besten Nährboden für neuen Faschismus.

Die Tatsache, dass Brecht ein Kommunist war, der sich mit Marx’ kommunistischen Theorien auseinandergesetzt hatte und dessen Ansicht teilte, nun aber in die DDR mit ihrem Real-Existierenden Sozialismus zog, war die für ihn naheliegendste Option. Brecht sah die Grundlagen für eine kommunistische Gesellschaftsordnung gesetzt: „Eigentums- und Produktionsverhältnisse sind gründlich geändert worden […] öffentliche Geschäfte sowie die Meinungsbildung der Bevölkerung folgen bisher unerhörten Methoden.“[9]

Brecht besaß in politischer Hinsicht viel Selbstbewusstsein und vertrat eine eigene Linie, die auf das Ziel der klassenlosen und friedlichen Gesellschaft ausgerichtet war.

Nach Brecht’schem Selbstverständnis hatte der Künstler politischen Einfluss auszuüben – mehr noch – der Künstler war für Brecht von politischer Bedeutung und hatte einen Staat entscheidend mit zu prägen. So sah er sich in der DDR als eine politische Instanz und verfasste verschiedene Schriften, die der Regierung Vorschläge unterschiedlichster Art zur Realisierung empfahlen. Aus seiner Feder stammen auch verschiedene Propagandagedichte, die den Menschen die Ideen des Sozialismus näher bringen sollten. An einem Ort wie Berlin, der damaligen Nahtstelle zwischen Ost und West – dem Mittelpunkt des Kalten Krieges, hatte die Existenz von Brecht im sozialistischen Ostteil der Stadt eine hohe politische Brisanz.

2.2. Die Ereignisse am 17. Juni

Brecht machte sich am Morgen des 17. Juni zusammen mit zwei Mitarbeitern ein Bild von den Ereignissen unter den Linden und wurde negativ beeindruckt von dem Bild, das sich ihm bot. Brecht zeigte sich in einem Brief an Suhrkamp empört, dass sich in die „Züge der Arbeiter und Arbeiterinnen“ die „scharfen, brutalen Gestalten der Nazizeit mischten, die man seit Jahren nicht mehr in Haufen hatte auftreten sehen und die doch immer da gewesen waren“.[10] Brecht sah in den Aufständen die Gefahr des wieder erstarkenden Faschismus und einer Wiederholung der „Nationalsozialistischen Konterrevolution“[11] „Im Osten Deutschlands sind „die Kräfte“ wieder am Werk.“[12] Brecht betrachtete den Faschismus als direkten Weg in den Krieg: „Da schien es große Leute zu geben, die bereit waren, die Arbeiter von der Straße direkt in die Freiheit der Munitionsfabriken zu führen.“[13]. Brecht wusste jedoch zugleich die Arbeiter und ihre berechtigten Forderungen von den „Kräften“ zu trennen: „Es warf der Bürgersteig das „Deutschlandlied“ auf die Straße, die Arbeiter versuchten, es mit der Internationalen niederzustimmen, aber sie kamen, verwirrt und hilflos, nicht durch damit.“[14]

In diesem Zusammenhang waren für Brecht die Panzer ein Symbol für die Rettung vor einem neuen Faschismus: „Es war offensichtlich, dass das Eingreifen der sowjetischen Truppen sich ausschließlich gegen die Versuche richtete, einen neuen Weltbrand zu entfachen.“[15] „Ich hoffe jetzt, dass die Provokateure isoliert und ihre Verbindungsnetze zerstört werden, die Arbeiter aber, die in berechtigter Unzufriedenheit demonstriert haben, nicht mit den Provokateuren auf eine Stufe gestellt werden, damit nicht die so nötige große Aussprache über die allseitig gemachten Fehler von vornherein gestört wird.“[16]

In dieser Situation und an diesem Tag sah Brecht seine erste Aufgabe in dem Dienst für die Partei. Deswegen bekundete er in Briefen an Walter Ulbricht und Otto Grotewohl seine Verbundenheit mit der SED, bot sich und das Berliner Ensemble für Propagandaaktionen an, forderte aber auch eine „Aussprache mit den Massen“[17]. Aus dem Brief an Walter Ulbricht wurde im Neuen Deutschland, dem Zentralorgan der SED, nur der letzte Satz veröffentlicht: „Es ist mir ein Bedürfnis, Ihnen in diesem Augenblick meine Verbundenheit mit der SED auszudrücken.“[18] Diese verzerrte Stellungnahme verursachte in Westdeutschland Brecht-Boykott.

[...]


[1] Brecht Werke, Bd. 30, S.178.

[2] Vgl: http://www.bertoldbrecht.de/.

[3] Brecht Werke, S. 84f.

[4] Vgl. Kesting, Brecht, S. 14.

[5] Vgl. Karasek, Brecht, S. 153f.

[6] Brecht Werke, Bd. 27, S. 158.

[7] Brecht, Gesammelte Werke, Bd. 20, S. 328.

[8] Ebd.

[9] Brecht, Gesammelte Werke, Bd. 20 S. 317.

[10] Brecht Werke, Bd. 30, S. 183.

[11] Brecht Gesammelte Werke, Bd. 20, S. 314.

[12] Brecht Werke; Bd. 30, S. 184.

[13] Ebd.

[14] Ebd.

[15] Brecht Gesammelte Werke, Bd. 20, S. 327.

[16] Ebd.

[17] Brecht Werke, Bd. 30, S.178.

[18] Brecht Werke, Bd. 30, S.178.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Gedichtanalyse: Der 17. Juni als Wendepunkt von Brechts Haltung zur DDR
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
16
Katalognummer
V19434
ISBN (eBook)
9783638235679
ISBN (Buch)
9783638758994
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Böser Morgen, Die Lösung, Die neue Mundart, Gedichtanalysen und Gedichtinterpretationen, Bertolt Brecht und die die DDR bis zum 17. Juni 1953, brechts politische Grundhaltung, Brecht im inneren Widerspruch, Die Ereignisse am 17. Juni.
Schlagworte
Gedichtanalyse, Juni, Wendepunkt, Brechts, Haltung, Proseminar
Arbeit zitieren
David Wieblitz (Autor), 2003, Gedichtanalyse: Der 17. Juni als Wendepunkt von Brechts Haltung zur DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19434

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