Sprichwörter lassen sich sowohl aus semantischer, lexikalischer aber auch aus historischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive untersuchen. In dieser Arbeit wurde jedoch kein Korpus an Sprichwörtern oder ihre Verwendung im Deutschen analysiert, sondern ihre Funktionen, ihre didaktischen Möglickeiten und speziell ihre Relevanz im Fach „Deutsch als Fremdsprache“. Gegenwärtig zeigt sich, dass entgegen der weitverbreiteten Meinung sowie kultur- und sprachpessimistischen Prognosen, Sprichwörter keineswegs ein vom Aussterben bedrohtes Phänomen sind. Studien und Analysen belegen, dass den Sprechern des Deutschen immer noch eine bedeutende Zahl von Sprichwörtern geläufig sind. Besonders wichtig in diesem Zusammenhang ist jedoch ihr Strukturwandel, d.h. die Variation im direkten Sprachgebrauch: Häufig werden Sprichwörter nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form verwendet, sondern als Antisprichwörter oder sogenannte Wellerismen erweitert und erhalten so ein „neumoralisches Kleid“. Dieser Aktualitätsbezug von Sprichwörtern, der sich nicht selten in den Medien oder auch der Jugendsprache niederschlägt, lässt sich durchaus auch im Deutsch als Fremdsprache-Unterricht einsetzen. Zu betonen ist jedoch, dass als Grundlage zum Verständnis dieser Sprichwortvariationen die „Originale“ bekannt sein müssen. Deswegen wurden in dieser Arbeit zunächst untersucht, welcher linguistischen Kategorie Sprichwörter zuzuordnen sind. Danach
wurden ihre Funktionen bestimmt, wobei in diesem Kontext vor allem auf ihre kulturellen Attribute eingegangen wurde. Erst nach diesen Punkten war es möglich und sinnvoll zu klären, welche Relevanz Sprichwörter im DaF-Unterricht haben und wie sie dort eingesetzt werden können – besonders im Sinn einer interkulturellen Fremdsprachendidaktik. In diesem Zusammenhang wurde anhand von Beispielen aufgezeigt, wie Sprichwörter in Lehrwerke integriert werden. Zudem wurden Strategien der Bedeutungsvermittlung wie die kontrastive Phraseologie und der phraseodidaktische Dreischritt vorgestellt. Ein kritisches Resümee und ein Ausblick runden die Arbeit ab. Letztlich wurden im Rahmen dieser Arbeit folgende Fragen beantwortet: Sind Sprichwörter grundsätzlich im DaF-Unterricht sinnvoll? Können Sprichwörter „Kultur“ vermitteln? Gibt es Methoden der Phraseo- bzw. Parömiodidaktik, die dem Ziel einer interkulturellen Didaktik entsprechen?
Inhaltsverzeichnis
1. Sprichwörter in Wissenschaft, Alltag und Unterricht
2. Ziele einer interkulturellen Fremdsprachendidaktik
3. Eine sprach- und kulturwissenschaftliche Einordnung von Sprichwörtern
3.1 Klassifikation
3.2 Dimensionen von Sprichwörtern
3.2.1 Soziale und didaktische Funktion im Kontext
3.2.2 Rhetorische Funktion: Zitat, Untermauerung oder Illustrat?
3.2.3 Sprichwörter als kulturelles Gedächtnis
4. Parömiodidaktik im Rahmen des DaF-Unterrichts
4.1 Vorkommen in Lehrwerken
4.2 Interlingualität: Die kontrastive Bedeutungserschließung von Sprichwörtern
4.3 Landeskundevermittlung durch Sprichwörter?
4.4 Unterrichtspraxis und der phraseodidaktische Dreischritt
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Bedeutung und didaktische Relevanz von Sprichwörtern im Fach "Deutsch als Fremdsprache" (DaF) unter Berücksichtigung interkultureller Ansätze. Dabei wird analysiert, wie Sprichwörter nicht nur als sprachliche Einheiten, sondern als kulturelle Wissensspeicher im Unterricht methodisch sinnvoll vermittelt werden können, um interkulturelle Kommunikationskompetenz zu fördern.
- Wissenschaftliche Einordnung und Klassifikation von Sprichwörtern
- Funktionen von Sprichwörtern in sozialen und rhetorischen Kontexten
- Kritische Analyse des Vorkommens in gängigen DaF-Lehrwerken
- Kontrastive Ansätze zur Bedeutungserschließung
- Integration in die Unterrichtspraxis durch den phraseodidaktischen Dreischritt
Auszug aus dem Buch
3.2.3 Sprichwörter als kulturelles Gedächtnis
Ein weiterer Ansatz in der Phraseologieforschung sollte im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht außer Acht gelassen werden: Sprichwörter als Teil des kulturellen Gedächtnisses. Dass Sprichwörter als Volksgut und somit Überlieferungsträger von Kultur betrachtet werden ist an sich keine wissenschaftliche Neuheit, jedoch lässt sich diese These mit Assmanns Begriff wesentlich besser nachvollziehen: Das kulturelle Gedächtnis ist ein Sammelbegriff für den epochenspezifischen und kulturbezogenen Bestand an Wiedergebrauchstexten oder auch Riten und Bildern, der sich auf ein kollektiv geteiltes Wissen (bevorzugt über die Vergangenheit) stützt. Im Gegensatz zum kommunikativen Gedächtnis ist das kulturelle Gedächtnis geprägt durch seine Alltagsferne und zeichnet sich durch gewisse Merkmale wie z.B. Identitätskonkretheit, Rekonstruktivität, Verbindlichkeit oder auch Reflexivität aus. (Vgl. Assmann 2003) Diese Merkmale lassen sich auch Sprichwörtern zuschreiben, da sie den Charakter von oraler Historizität aufweisen – oder wie Kozáková in einem kurzem Aufsatz passend zu Assmanns Definition resümiert: „Sprichwörter formulieren Werte und Normen, die in einer bestimmten Kultur und Zeit zur Geltung kommen“ (Kozáková 2010:102). Phraseologismen bzw. Idiome – und somit eben auch Sprichwörter (Anm. der Verfasserin) – sind fest mit der Geschichte eines Volkes verbunden. Sie leben jahrhundertelang in der Sprache und können schon längst verschwundene Sitten und Bräuche widerspiegeln (vgl. Stambolishvili 2011:209). Im Zusammenhang mit seiner Funktion als Mikrotext steht das Sprichwort zudem im Märchen und Volkslied in der besonderen literarischen Tradition der sogenannten Volksdichtung (vgl. Fleischer 1994:157). Doch nicht nur Traditionen, Sitten und Gebräuche, sondern auch geschichtliche fakten, gesellschaftliche und politische Ereignisse sowie Werte und Deutungsmuster können sich in Phraseologismen niederschlagen. Laut Földes (1996) dienen Phraseologismen folglich der Überlieferung des soziolingualen (und psycholingualen) Erfahrungsschatzes der Menschen, würden aber auch zum Teil nationalspezifische Sachverhalte der betreffenden Kultur reflektieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Sprichwörter in Wissenschaft, Alltag und Unterricht: Einleitung in das Thema, die Relevanz von Sprichwörtern im DaF-Kontext und Vorstellung der zentralen Fragestellung.
2. Ziele einer interkulturellen Fremdsprachendidaktik: Erörterung der theoretischen Grundlagen und Ziele der interkulturellen Didaktik sowie die Notwendigkeit, Sprichwörter in diesen Rahmen einzubetten.
3. Eine sprach- und kulturwissenschaftliche Einordnung von Sprichwörtern: Linguistische Definition, Klassifikation sowie Analyse der sozialen, rhetorischen und kulturellen Funktionen von Sprichwörtern.
4. Parömiodidaktik im Rahmen des DaF-Unterrichts: Untersuchung der didaktischen Umsetzung, kritische Analyse von Lehrwerken, kontrastive Methoden zur Bedeutungsvermittlung und die Anwendung des phraseodidaktischen Dreischritts.
5. Fazit und Ausblick: Zusammenfassende Bewertung der Potenziale und Herausforderungen beim Einsatz von Sprichwörtern im interkulturellen Fremdsprachenunterricht.
Schlüsselwörter
Sprichwörter, DaF-Unterricht, interkulturelle Didaktik, Phraseologie, Parömiodidaktik, kulturelles Gedächtnis, Kontrastive Phraseologie, Bedeutungserschließung, Fremdsprachendidaktik, Lehrwerkanalyse, Metakommunikation, kulturelle Werte, Sprachgebrauch, Sprachvermittlung, Phraseodidaktik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die didaktische Einsetzbarkeit und Relevanz von Sprichwörtern im Rahmen des Faches "Deutsch als Fremdsprache" (DaF) unter Einbeziehung interkultureller Lehransätze.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf der wissenschaftlichen Einordnung von Sprichwörtern, ihrer Funktion als kulturelles Gedächtnis und der methodischen Umsetzung ihrer Vermittlung im Unterricht.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Nutzen und die Möglichkeiten von Sprichwörtern für den interkulturellen DaF-Unterricht aufzuzeigen und Strategien zu entwickeln, wie diese sinnvoll in den Lehrprozess integriert werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer Literaturanalyse sowie einer kritischen Untersuchung der Behandlung von Sprichwörtern in bestehenden Lehrwerken basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der linguistischen Klassifikation, den verschiedenen Funktionen von Sprichwörtern (sozial, rhetorisch, kulturell) und der konkreten unterrichtspraktischen Einbettung durch den phraseodidaktischen Dreischritt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Begriffe sind unter anderem DaF-Unterricht, Interkulturelle Didaktik, Parömiodidaktik, Phraseologie und kulturelles Gedächtnis.
Wie werden Sprichwörter in den analysierten Lehrwerken üblicherweise behandelt?
Die Untersuchung zeigt, dass Sprichwörter in vielen Lehrwerken oft nur isoliert oder in unzureichend kontextualisierten Übungen vorkommen, was deren effektive interkulturelle Vermittlung erschwert.
Was genau ist der "phraseodidaktische Dreischritt"?
Dieser methodische Ansatz umfasst die Sensibilisierung für Phraseologismen, das Verständnis und die Erschließung der Bedeutung sowie die situationsangemessene Anwendung im kommunikativen Kontext.
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- Bachelor of Arts Ida Blick (Author), 2012, Zur Relevanz von Sprichwörtern im Fach DaF, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194341