Kriminalgeographie - Kritik zur räumlichen Fixierung von Kriminalität und (Un-)Sicherheit


Hausarbeit, 2011

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die traditionelle Kriminalgeographie
2.1 Begriff der Kriminalgeographie
2.2 Geschichte der Kriminalgeographie

3 Praxisrelevanz - Kriminologische Regionalanalysen

4 Kritische Betrachtungen der Kriminalgeographie
4.1 Methodik
4.2 Das Raumverständnis in der Kriminalgeographie
4.2.1 Stigmatisierung von Wohngebieten
4.2.2 Stigmatisierung von Bevölkerungsgruppen
4.3 Räumliche Ideologien in der Kriminalprävention
4.3.1 Das Aussprechen von Betretungsverboten
4.3.2 Videoüberwachung zur Konstruktion sicherer Räume

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Begriffe „Kriminalität“ und „(Un-)Sicherheit“ sind in der modernen Gesellschaft und in der öffentlichen sowie in der wissenschaftlichen Diskussion als natürliche Erscheinungsform des gesellschaftlichen Lebens allgegenwärtig.

Seit Mitte der 70er Jahre werden Kriminalitätskartierungen mit großer Emotionalität gefertigt. Methodik und Vorarbeit stellen Wissenschaften zur Verfügung, welche im deutschsprachigen Raum als „Kriminalgeographie“ und „Kriminologische Regionalanalyse“ betitelt werden (BELINA, B. 2007: 241).

Die Thematiken „Kriminalität“ und „(Un-)Sicherheit“ ermöglichen insbesondere der modernen Humangeographie neue und aufschlussreiche Ansatzpunkte. Insofern lässt sich aufzeigen, in welchem Umfang räumliche Zuschreibungen und Bedeutungen mit den obigen Themenfeldern in Verbindung gebracht werden (ROLFES, M. 2008: 4). Ausdrücke wie Ghetto, Kriminalitätsbrennpunkt, Angstraum, nogo-area oder einfach nur Berliner Bahnhof Zoo werden zum Synonym für Kriminalität oder Unsicherheit und deuten darauf hin, dass Diskussionsansätze für eine Verräumlichung von Kriminalität und Unsicherheit vorherrschen. Insofern werden Stadtviertel, Straßenzüge oder Plätze als potenziell kriminelle oder unsichere Räume erschaffen (GLASZE, G.; PÜTZ, R.; ROLFES, M. 2005: 13). Insbesondere Medien, Politik und Polizei tragen dazu bei, dass eine Lokalisierung von Kriminalität und Unsicherheit in bestimmten Gegenden Teil des Alltagsverständnisses wird (BELINA, B. 2007: 241).

Im Hinblick auf die Verräumlichung von Kriminalität und (Un-)Sicherheit wird in der vorliegenden Arbeit verdeutlicht, inwiefern kriminalgeographische Arbeiten und darauf folgende kriminalpräventive Maßnahmen für die Regionalwissenschaft und die Humangeographie ein diskussionswürdiges Instrument sind. Dabei werden sowohl methodische als auch interpretative Defizite aufgezeigt.

2 Die traditionelle Kriminalgeographie

2.1 Begriff der Kriminalgeographie

Für den Begriff „Kriminalgeographie“ gibt es je nach Forschungsperspektive oder Schwerpunktsetzung zahlreiche Definitionen mit den unterschiedlichsten Inhalten. Dennoch besitzen diese in der Darstellung von Zusammenhängen zwischen Kriminalität und Raumstruktur eine Gemeinsamkeit.

Auf der einen Seite beinhaltet die Kriminalgeographie einen beschreibenden Ansatz, die sog. Kriminalitätsverteilungslehre bzw. die kriminalistische Kriminalgeographie. Nach dem ehemaligen Präsidenten des Bundeskriminalamtes HEROLD (1977) ist „die Kriminalgeographie … die Wissenschaft von den Beziehungen, die zwischen der spezifischen Struktur eines Raumes und der in ihm örtlich und zeitlich anfallenden Kriminalität bestehen“ (SCHWIND, H.-D. 2010: 320).

Auf der Anderen Seite gibt es den erklärenden Ansatz; die sogenannte kriminologische Kriminalgeographie. Gemäß SCHWIND, ehemaliger Niedersächsischer Justizminister, ist die Kriminalgeographie der „Zweig der kriminologisch-kriminalistischen Forschung, der kriminelles Verhalten in seiner raumzeitlichen Verteilung erfasst und durch spezifische raumzeitliche Verteilungs- und Verknüpfungsmuster demographischer, wirtschaftlicher, sozialer, psychischer und kultureller Einflussgrößen zu erklären versucht und zwar mit dem Ziel der (primär vorbeugenden) Verbrechensbekämpfung“ (SCHWIND, H.-D. 2010: 320). SCHWIND vereint beide Ansätze. Für ihn spielen, neben der Darstellung von Zusammenhängen zwischen Kriminalität und Raum, auch die kriminalpräventiven Maßnahmen eine bedeutende Rolle.

2.2 Geschichte der Kriminalgeographie

Die Kriminalgeographie fand ihre Anfänge im 19. Jahrhundert mit dem Franzosen André Michel GUERRY (1802-1866) und dem Belgier Adolphe QUETELET (1796-1874). Im Jahre 1833 stellte der Kriminalstatistiker GUERRY zum ersten Mal die in Frankreich zwischen 1825 und 1830 verübten Straftaten auf einer Karte dar. Ebenso tat dies der Statistiker

QUETELET. GUERRY und QUETELET hatten das Ziel, die Kriminalitätshäufigkeit in Abhängigkeit zum Raum darzustellen. Darüber hinaus waren Merkmale wie die soziale Schicht, das Geschlecht und das Alter der Täter von Interesse (KASPERZAK, T. 2000: 13).

Anfang des 20. Jahrhunderts lieferte die Chicago-Schule, unter dem „sozialökologischen Ansatz“, Erklärungsansätze zur Beziehung zwischen dem geographischen Raum und dem dortigen Kriminalitätsaufkommen. Aufgrund der zunehmenden sozialen Probleme, die zu dieser Zeit mit Verstädterung einhergingen, entstand unter Clifford R. SHAW der Begriff der „Delinquency Areas“ (FELTES, T. 2010). Seine Studie bezog sich auf 60.000 in Chicago lebende männliche Jugendliche Verschiedenste nordamerikanische Städte wurden nach dem ökologischen Ansatz von SHAW und seinem Assistenten MCKAY untersucht (Universität Hamburg).

In Anlehnung an die statistischen Werke QUETELETS wurde der kriminalistische Forschungszweig in anderen Ländern bekannt. Große Bedeutung gewann die Kriminalgeographie in westdeutschen Großstädten zu Beginn der 1970er Jahre (ROLFES, M. 2003: 330). Zudem kam es durch die starke internationale Zuwanderung in den 1980/90er Jahren und die damit verbundene Diskussionen über Integration und Integrationsprobleme von Migranten zu einer Sensibilisierung der Öffentlichkeit und der Politik für die Themen Sicherheit und Kriminalität (OEVERMANN, M. et al. 2008: 6).

Die ersten deutschen kriminalgeographische Arbeiten wurden u.a. von Horst HEROLD (1968: „Kriminalgeographie- Ermittlung und Untersuchung der Beziehung zwischen Raum und Kriminalität“) und Hans-Dieter SCHWIND/ Wilfried AHLBORN/ Rüdiger WEIß (1978: „Empirische Kriminalgeographie (Kriminalitätsatlas Bochum)“ verfasst (SCHWIND 2010: 319). Insofern führten HEROLD und SCHWIND Ende der 1970er Jahre und während der 1980er Jahre raumbezogene Analysen in die angewandte Kriminologie ein. Das Kriminalitätsaufkommen und dessen Verteilung wurden insofern verstärkt in regionalisierter Form betrachtet (OEVERMANN, M. et al. 2008: 6).

Die Erkenntnisse der kriminalgeographischen Forschung beeinflussen heutzutage viele Arbeitsbereiche. Hinsichtlich der kommunalen Kriminalprävention können für die polizeilichen Streifenfahrten Einsatzschwerpunkte festgelegt werden. Studien, welche einen mittelbaren Zusammenhang zwischen Sozial- und Baustruktur und Kriminalität belegen, sind sowohl für Stadtplanung und Stadtentwicklung als auch für Sozial- und Kommunalpolitik oder Sozialarbeit von großer Bedeutung (FELTES, T. 2010).

3 Praxisrelevanz - Kriminologische Regionalanalysen

Die Themen (Un-)Sicherheit und Kriminalität standen insbesondere in den 1990er Jahren im Mittelpunkt jeglicher Betrachtungen, sodass bundes- und europaweit in zahlreichen Städten, Gemeinden und Landkreisen Kriminologische Regionalanalysen erstellt wurden. Die Kriminalgeographie liefert dabei Methoden und Instrumente für die Durchführung kriminologischer Regionalanalysen (GLASZE, G.; PÜTZ, R.; ROLFES, M. 2005: 24).

Aufgabe Kriminologischer Regionalanalysen ist die Situationsbeschreibung und -analyse eines vorab festgelegten Raumes bzw. einer Raumeinheit. Im Zuge dessen werden nach einer geographischen Darstellung der Untersuchungsregion, kleinräumliche Daten zum Kriminalitätsaufkommen bzw. die Kriminalitätsverteilung, kleinräumig differenzierte Wirtschaft-, Sozial- und Bevölkerungsdaten, Ergebnisse von Bevölkerungsbefragungen, justizielle Daten und Informationen über die Instanzen der Sozialkontrolle zusammengetragen und in Beziehung gesetzt. Insofern soll nicht nur eine Beschreibung der räumlichen Kriminalitätsverteilung stattfinden, sondern auch eine Analyse der Ursachen von Kriminalität. Aus Sicht der Kriminologen ist die Kriminologische Regionalanalyse ein Instrument zur Kriminalitätsbeobachtung, -analyse und -prognose (LUFF J. 2004: 4).

Im Folgenden wird die Gliederung einer Kriminologischen Regionalanalyse aufgezeigt.

Nach einer kleinräumlichen Darstellung geographischer, ökonomischer, sozialer und demographischer Besonderheiten der Untersuchungsregion beschreiben Kriminologische Regionalanalysen zunächst die räumliche bzw. raumzeitliche Verteilung von Kriminalität bzw. kriminellem Verhalten auf Stadtteil- bzw. Quartiersebene (GLASZE, G.; PÜTZ, R.; ROLFES, M. 2005: 18). Es wird das sog. objektive Kriminalitätslagebild beschrieben, wobei Kriminalität gewöhnlich auf Grundlage des formellen Verbrechensbegriffs (strafrechtlich) definiert wird (MEIER, B.-D. 2007: 6). Es geht insbesondere um die Identifizierung der „delinquency areas“ bzw. der „sozialkranken“ Gebiete (SCHWIND, H.-D. 2010: 382).

Die Basis der Kriminalitätsdarstellung (die Verteilung verschiedener Deliktarten, Täterwohnsitze und Viktimisierungsquoten) in der Region bildet dabei die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) sowie Daten der Strafverfolgungsbehörden. Demzufolge handelt es sich um sog. Hellfelddaten; entsprechend um die statistisch erfasste Kriminalität (ROLFES, M. 2003: 333). Die Repräsentativität dieser Hellfeldanalyse wird insbesondere dadurch beschränkt, dass einige der verübten Straftaten nicht bekannt werden. Das Hellfeld deckt insofern nur einen kleinen Teil des Kriminalitätsaufkommens ab. Die Größe des so genannten Dunkelfeldes ist u.a. von der Art des Deliktes, dem Anzeigeverhalten der Bevölkerung, von Gesetzesänderungen oder der Intensität (bzw. Selektivität) der polizeilichen Kontrolle abhängig. Dementsprechend können begangene und erfasste Straftaten nicht in ein festes Verhältnis gesetzt werden (Bundeskriminalamt 2008: 7-8).

In einem weiteren Schritt wird, als Teil der Dunkelfeldforschung, durch Bürgerbefragungen das subjektive Sicherheitsgefühl bzw. die Kriminalitätsangst analysiert. Problematisch bei dieser Methode ist, inwiefern subjektive (Un-)Sicherheit operationalisiert werden kann. Zudem besteht die Annahme, dass bereits die Thematisierung des Sicherheitsgefühls in einem bestimmten Stadtteil verunsichernde Konsequenzen nach sich zieht. Der Aspekt „Sicherheit“ würde in eine prominente Lage gebracht werden und somit an Bedeutung gewinnen, welchen er ohne die Thematisierung gar nicht gehabt hätte (ROLFES, M. 2003: 331-333).

Abschließend sollen auf lokaler oder Stadtteilebene Initiativen und Maßnahmen zur kommunalen Kriminalprävention geplant und entwickelt werden. Die Ergebnisse der Kriminologischen Regionalanalyse werden als Handlungsgrundlage bei den Strafverfolgungsbehörden und bei der Polizei genutzt und dienen als Informationsgrundlage für die kommunale Zusammenarbeit zwischen Verwaltungen, Ordnungsbehörden, Polizei sowie Trägern von Sozial- und Jugendarbeit und Kirchen. Hierbei geht die kriminalgeographische Arbeit von einem Bereich der reinen Analyse in die Anwendung über (GLASZE, G.; PÜTZ, R.; ROLFES, M. 2005: 19).

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Kriminalgeographie - Kritik zur räumlichen Fixierung von Kriminalität und (Un-)Sicherheit
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Geographisches Institut)
Veranstaltung
Sozialgeographie der Stadt
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
18
Katalognummer
V194402
ISBN (eBook)
9783656194507
ISBN (Buch)
9783656196259
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kriminalgeographie, kritik, fixierung, kriminalität
Arbeit zitieren
Sylvia Lorenz (Autor:in), 2011, Kriminalgeographie - Kritik zur räumlichen Fixierung von Kriminalität und (Un-)Sicherheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194402

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