Es ist ein für Hilbigs Schreiben typisches Verfahren, scheinbar belanglose Tätigkeiten, welchen seine zumeist von Müdigkeit befallenen Figuren nachgehen, durch die Schilderung eines ungewöhnlichen Vorkommnisses, einer schockartigen Erfahrung oder einer obsessiven Phantasie mit Bedeutung aufzuladen. Stehen die Figuren unter einem unausweichlichen Eindruck, der ihr Bewusstsein ganz besetzt hält, setzt eine Reflektionsbewegung ein, durch die sie sich der sinnlichen Wahrnehmungen und letztlich ihrer selbst zu vergewissern suchen. Diese Phantasmagorien sind es zugleich, welche das herrschende Bild von der Realität außer Kraft setzen und aus diesem getilgte Spuren der Wirklichkeit zum Vorschein bringen.
So beginnt die Erzählung "Der Geruch der Bücher" mit dem Erwachen des Ich-Erzählers in einer Ost-Berliner Wohnung, wo ihn der "dumpfe Geruch der Bücher" (3) einer dort platzierten immensen russischen Bibliothek in einen Zustand zwischen Wachen und Träumen versetzt. Die Bücher stammen aus dem Besitz eines intellektuellen Exilrussen, der eine Zeit lang die Wohnung gemietet hatte und - "an seinem plötzlich heimatlosen Besitz irre geworden" (3) - irgendwann vor ihnen geflüchtet war. Wie der Leser später erfährt, handelt es sich um Bücher, die im Heimatland des Russen verboten waren und die aus diesem Grund "verrufene und subversive" (9) Gerüche angenommen hatten. Die Geruchsaussonderung sei an diesem Wintermorgen "durch Licht oder Wärme" (3) verstärkt worden, da der Erzähler die Wohnung in der Nacht überheizt hat. Der Geruchseindruck ist schließlich so intensiv, dass er mit dem Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, das Fenster öffnet.
Hilbig führt hier vor, wie die Obsession durch eine sinnliche Wahrnehmung eine Fluchtbewegung auslöst, der abgeschlossene Innenraum als Bild für das Gefängnis des Bewusstseins im Zustand der Erfahrung des Irrealen mit der Außenwelt konfrontiert wird.
Mit dem Geruchsmotiv, durch welches der Eindruck einer irrealen Atmosphäre vermittelt wird, geht funktional die Schneemetaphorik einher, die die Außenwelt ähnlich irreal erscheinen lässt. Der Erzähler erinnert sich an den gestrigen Tag...
Inhaltsverzeichnis
I. Absage an den Realismus
II. Die Erfahrung des Irrealen: Büchergeruch und Schneetreiben
III. Das Wissen der Heizer: Die Dialektik von Tod und Leben
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Wolfgang Hilbigs Prosatext "Der Geruch der Bücher" im Kontext seiner sprach- und ideologiekritischen Auseinandersetzung mit dem DDR-Realismus sowie der Frage nach der Legitimität und dem Sinn von Literatur. Dabei wird analysiert, wie Hilbig durch die Verknüpfung zentraler Motive die Entfremdung des Individuums und die Zerstörung der Wirklichkeit thematisiert.
- Kritik am sozialistischen Realismusbegriff und dessen ideologischer Instrumentalisierung.
- Die Funktion von Sprachkritik als immanenter Bestandteil in Hilbigs literarischem Schaffen.
- Die symbolische Bedeutung der Motivkomplexe Büchergeruch und Schneetreiben als Ausdruck einer irrealen Wahrnehmung.
- Die Dialektik von Tod und Leben im "Wissen der Heizer" als apokalyptische Warnung.
- Die Ich-Dialektik zwischen der Rolle des Schriftstellers und der Identität als ehemaliger Heizer.
Auszug aus dem Buch
II. Die Erfahrung des Irrealen: Büchergeruch und Schneetreiben
Es ist ein für Hilbigs Schreiben typisches Verfahren, scheinbar belanglose Tätigkeiten, welchen seine zumeist von Müdigkeit befallenen Figuren nachgehen, durch die Schilderung eines ungewöhnlichen Vorkommnisses, einer schockartigen Erfahrung oder einer obsessiven Phantasie mit Bedeutung aufzuladen. Stehen die Figuren unter einem unausweichlichen Eindruck, der ihr Bewusstsein ganz besetzt hält, setzt eine Reflektionsbewegung ein, durch die sie sich der sinnlichen Wahrnehmungen und letztlich ihrer selbst zu vergewissern suchen. Diese Phantasmagorien sind es zugleich, welche das herrschende Bild von der Realität außer Kraft setzen und aus diesem getilgte Spuren der Wirklichkeit zum Vorschein bringen.
So beginnt die Erzählung "Der Geruch der Bücher" mit dem Erwachen des Ich-Erzählers in einer Ost-Berliner Wohnung, wo ihn der "dumpfe Geruch der Bücher" (3) einer dort platzierten immensen russischen Bibliothek in einen Zustand zwischen Wachen und Träumen versetzt. Die Bücher stammen aus dem Besitz eines intellektuellen Exilrussen, der eine Zeit lang die Wohnung gemietet hatte und - "an seinem plötzlich heimatlosen Besitz irre geworden" (3) - irgendwann vor ihnen geflüchtet war. Wie der Leser später erfährt, handelt es sich um Bücher, die im Heimatland des Russen verboten waren und die aus diesem Grund "verrufene und subversive" (9) Gerüche angenommen hatten. Die Geruchsaussonderung sei an diesem Wintermorgen "durch Licht oder Wärme" (3) verstärkt worden, da der Erzähler die Wohnung in der Nacht überheizt hat. Der Geruchseindruck ist schließlich so intensiv, dass er mit dem Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, das Fenster öffnet.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Absage an den Realismus: Dieses Kapitel erörtert Hilbigs vehementen Widerstand gegen literarische Realismustendenzen und zeigt auf, wie er die sozialistische Realität als sprachlich konstruiertes, ideologisches Gebilde entlarvt.
II. Die Erfahrung des Irrealen: Büchergeruch und Schneetreiben: Hier wird analysiert, wie die Motive des Büchergeruchs und des Schneefalls beim Erzähler eine irrationale Wahrnehmung erzeugen, die das Verschwinden der Wirklichkeit hinter gesellschaftlich verordneten Bildern sichtbar macht.
III. Das Wissen der Heizer: Die Dialektik von Tod und Leben: Das letzte Kapitel untersucht die "Dialektik von Tod und Leben" anhand der Heizer-Figur, die als zentrale Instanz den zerstörerischen Raubbau der Zivilisation an der Natur apokalyptisch reflektiert.
Schlüsselwörter
Wolfgang Hilbig, Der Geruch der Bücher, Realismus, Sprachkritik, DDR-Literatur, Irrealität, Literaturtheorie, Heizer, Ideologiekritik, Entfremdung, Existenz, Ästhetik, Schreibprozess, Metaphorik, Apokalypse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Prosatext "Der Geruch der Bücher" von Wolfgang Hilbig und untersucht dessen tiefere poetologische sowie gesellschaftskritische Bedeutungsebenen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören die Sprachkritik, die Ablehnung eines ideologisch instrumentalisierten Realismusbegriffs sowie die apokalyptische Sicht auf den ökologischen Raubbau.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Hilbig mittels einer spezifischen Motivik und Ich-Dialektik die Krise des Schreibens im totalitären System verarbeitet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Analyse folgt einem literaturwissenschaftlichen Ansatz, der Textstellen eng am Wortlaut interpretiert und in den Kontext von Hilbigs poetologischem Gesamtwerk stellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Hilbigs Realismus-Absage, die Analyse der Motive von Büchergeruch und Schneetreiben sowie die Interpretation des "Wissens der Heizer".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Sprachkritik, Anti-Realismus, Sinnsuche der Literatur, das Wissen der Heizer sowie die Dialektik von Leben und Tod.
Warum spielt der Geruch bei Hilbig eine so entscheidende Rolle?
Der Geruch dient als vorsprachlicher Zugang zur Realität und ermöglicht es dem Erzähler, verdrängte, subversive Wahrheiten zu erfassen, die über die offizielle Sprache tabuisiert sind.
In welchem Verhältnis steht der Heizer zum Schriftsteller-Ich?
Das Heizer-Ich fungiert als eine Art fundamentale Wahrheitsebene oder "Berufungsinstanz", an der das Schriftsteller-Ich seine eigene Identität und sein Schreiben kritisch überprüft.
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- Magister Artium Michael Birkner (Author), 1995, Die Dialektik von Leben und Tod, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194417