Dmitri Schostakowitsch: Streichquartett Nr. 8 c-Moll. Ein Quartett gegen den Krieg?


Seminararbeit, 2012

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Dmitri Schostakowitsch - ein biographischer Abriss

2. Schostakowitschs Streichquartett Nr
2.1. Entstehungsgeschichte
2.2. musikalische Aspekte
2.3. Stellenwert des Streichquartettes

3. Ein Quartett gegen den Krieg? Ein Quartett für Schostako­ witsch?

4 . Quellenverzeichnis
4.1 Literatur
4.2. Internetquellen
4.3. Videomaterial
4.4. Audiomaterial
4.5. Notenmaterial

1. Dmitri Schostakowitsch - ein biographischer Abriss

Schon in frühen Jahren wurde der Komponist Dmitri Schostakowitsch (1906­1975) mit politischen Ereignissen konfrontiert, als er als Elfjähriger Zeuge wurde, wie während einer Kundgebung Demonstranten erschossen wurden. Als unmittel­bare Reaktion darauf entstand die Komposition „Hymne an die Freiheit“ bzw. „Trauermarsch für die Opfer der Revolution“. Ein Zeichen, zum einen für den frühen Beginn der kompositorischen Fähigkeit, zum anderen für die Verflechtung von historisch-politischen Ereignissen im Umfeld Schostakowitsch und der Ent­stehung seiner Werke. Es folgte eine Karriere als Komponist, welchejedoch nicht zuletzt durch folgendes Ereignis immens erschüttert wurde:

1936 besuchte Josef Stalin, sowjetischer Diktator, eine Aufführung von Schosta- kowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“, verließ jedoch seine Ehrenloge nach einer musikalisch umgesetzten Kopulations-Szene. Und dies geschah, ohne dass Stalin vorher noch einmal das Gespräch mit Schostakowitsch als Komponis­ten suchte, was nicht nur der Abwertung des musikalischen Werkes, sondern in der damaligen Zeit einem Todesurteil gleichkam. Komponisten, welche als soge­nannte Systemfeinde oder Formalisten galten, wurden in nächtlichen Abholaktio­nen verhaftet, verhört, im schlimmsten Falle wurden sie in Gulags deportiert und ermordet. Auf den Eklat der Aufführung folgte ein (vermutlich von Stalin selbst verfasster) Artikel in der sowjetischen Kulturzeitung Prawda, in dem Schostako- witschjegliche musikalische Fähigkeit abgesprochen und ihm stattdessen „Chaos statt Musik“ bescheinigt wurde. Nun stand auch Schostakowitsch im Visier des Geheimdienstes und musste tagtäglich mit seiner Verhaftung rechnen. Anekdoten zufolge verbrachte er die folgenden Nächte stets mit einem gepackten Koffer un­ter seinem Bett, vernichtete alle ihn erreichenden Briefe, erteilte seinen Kindern die Auflage, unter keinen Umständen außerhalb der Wohnung über das zu spre­chen, was sie dort beredeten. Ein beträchtlicher Teil von Verwandten und Freun­den Schostakowitschs wurde deportiert oder ermordet.

Dieser Zustand änderte sich auch dann nicht, als die berühmte fünfte Sinfonie Schostakowitschs als vermeintliche „Rückkehr des verlorenen Sohnes“ von Stalin angesehen und er somit offiziell rehabilitiert wurde. Die ständige Angst, erneut in Ungnade fallen zu können, nagte stets am Komponisten.

Ein weiteres erschütterndes Ereignis in Schostakowitschs Biographie stellte zwei­felsohne der Überfall der Nationalsozialisten auf die Sowjetunion im Jahr 1942 und der daraus resultierende Krieg zwischen beiden Ländern dar. Hier zeigte sich in erschreckender Weise das Gesicht des Krieges, der Gewalttaten auf beiden Sei­ten, das unsägliche Blutvergießen. Schostakowitsch schöpfte aus diesen schreck­lichen Ereignissen musikalische Kraft und komponierte die Sinfonie Nr. 7, besser bekannt als Leningrader Sinfonie. Zur offiziell als der Leningrader Bevölkerung gewidmeten Sinfonie äußerte Schostakowitsch sich in seinen Memoiren wie folgt:

„„Ich empfinde unstillbaren Schmerz um alle, die Hitler umgebracht hat. Aber nicht weniger Schmerz bereitet mir der Gedanke an die auf Befehl Stalins Ermordeten [...]. "1

Ein Zitat, welches das gespaltene Verhältnis des Komponisten zu seiner politi­schen Führung, wenn nicht gar zu jeglicher Form von Totalitarismus und unter­drückenden Systemen äußerst deutlich macht.

1953 starb Josef Stalin nach jahrelanger Diktatur unter seiner Verantwortung und vielen Toten. In eben diesem Jahr entstand die 10. Sinfonie Schostakowitschs, eine Vertonung des scheinbaren Konflikts zwischen Komponist und Staatsober­haupt, welcher letztlich, dargestellt durch die vertonten Initialen des Komponisten zu dessen Gunsten entschieden wird. Ein Sieg über das System? Ein Sieg über die düstere Vergangenheit des Volkes ebenso wie der eigenen Biographie? Leider blieb es bei einem vermeintlichen Sieg, denn nach den Strapazen durch die Beob­achtungen und Verhöre hatte sich der Gesundheitszustand Schostakowitschs sehr verschlechtert. Als Komponist wurde er nach dem Tode Stalins und dem Ende des Stalinismus geradezu hofiert. Er erhielt staatliche Auszeichnungen, wurde Vorsit­zender des Komponistenverbandes2 und gelangte durch seinen Status des gefeier- ten Sowjetkomponisten auch zu Erfolg und Rum in der ehemaligen DDR. Es folgten Einladungen der DDR-Regierung zu Kuraufenthalten (unter anderem auch in derNähe Dresdens), aber auch Auftragsarbeiten entstanden in der DDR. 1975 starb Schostakowitsch und wurde unter großer Anteilnahme beigesetzt. Noch bis heute gilt er als einer der bedeutendsten Komponisten der ehemaligen Sowjetstaaten, nicht zuletzt durch seine immense Zahl von 15 Sinfonien, zahlrei­chen Orchesterstücken, Instrumentalkonzerten sowie den 15 Streichquartetten, welche bis heute zum Standardrepertoire der Kammermusik des 20. Jahrhunderts zählen. Es folgen Informationen zum zweifelsohne bekanntesten Streichquartet­tes, dem Streichquartett Nr. 8 c-moll op. 110 „in Gedenken an die Opfer des Krie­ges und Faschismus“.

2. Schostakowitschs Streichquartett Nr. 8

2.1. Entstehungsgeschichte

Im Sommer I960 unternahm Schostakowitsch eine Reise in die DDR, um an der Filmmusik fur einen Sowjetfilm zu arbeiten, welcher sich thematisch unter anderem mit dem Bombardement Dresdens am 13./14.2.1945 durch amerikanische und britische Fliegerbomben auseinandersetzen sollte. Das Streichquartett entstand beinahe als eine Art Zeitvertreib, vermutlich in den Tagen vom 12-14. Juli 1960. Inwieweit man das zerstörte Dresden als eine Art inspirierenden Moment fur Schostakowitsch bezeichnen kann, gerade bei genauerer Betrachtung des späteren Stellenwertes des Quartettes (siehe 2.3.), bleibt offen. Jedoch sprechen einige musikalische Merkmale sowohl fur als auch gegen die Ansicht, das Streichquartett sei ein „Dresdener Quartett“.

2.2. musikalische Aspekte

Bei dem Streichquartett Nr. 8 handelt es sich teilweise um ein klassisches, in eini­gen Bereichen aber auch neuartiges Streichquartett. Wird zum einen die klassi­sche Besetzung (2 Violinen, Viola, Violoncello) verwendet, so werden die (unüb­lichen) fünf Sätze des Quartettes attaca miteinander verbunden, es entstehen also keine Denkpausen oder Einschnitte innerhalb des Spannungsbogens. Auch die Tonart gestaltet sich als interessant, da es sich um die spätestens seit Beethoven als schicksalhaft bekannte Tonart c-Moll handelt. Das Schicksal, welches sich bei Beethoven durch Nacht zum Licht wandelt, wird auch hier aufgegriffen. Neben der düsteren Tonart verwendet Schostakowitsch eine immense Zahl als (Selbst)zi- taten, zu denen er sich folgendermaßen äußerte:

„ Im Quartett sind Themen aus meinen Kompositionen und das Revolu­tionslied 'Gequältvon schwerer Gefangenschaft'verwandt.

[...]


1 Schostakowitsch, Wolkow (Hg.): Memoiren des Dmitri Schostakowitsch, 175

2 Ob es sich um eine freiwillige Aufnahme oder einen Zwang handelt, ist umstritten. Siehe hierzu: Schostakowitsch: Chaos stattMusik?, Argon Berlin, 1995, 174f.

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Details

Titel
Dmitri Schostakowitsch: Streichquartett Nr. 8 c-Moll. Ein Quartett gegen den Krieg?
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Kirchenmusik & Musikwissenschaft)
Veranstaltung
„Ach Gott, wir haben nicht gewusst, was Krieg für eine Plage ist!“ - Musik und Krieg von der Frühen Neuzeit bis heute
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
13
Katalognummer
V194497
ISBN (eBook)
9783656201212
ISBN (Buch)
9783656201885
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dmitri Schostakowitsch, Schostakowitsch, Streichquartett, Krieg, Musik, Musikalische Sozialgeschichte, Musikgeschichte, Stalinismus
Arbeit zitieren
Florian Leiffheidt (Autor), 2012, Dmitri Schostakowitsch: Streichquartett Nr. 8 c-Moll. Ein Quartett gegen den Krieg?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194497

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