Adolf Hitlers Aufstieg in der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei


Seminararbeit, 2002
25 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Hitlers Beitritt zur DAP
2.2. Die erste Krise in der Partei
2.3. Das 25-Punkte-Programm und Hitlers Propagandakonzept
2.4. Hitlers Kontakte in der Gesellschaft und zur Reichswehr
2.5. Die „Julikrise“ 1921 und Hitlers Machtergreifung in der Partei
2.6. Ausbau der NSDAP zur Führerpartei
2.7. Aufbau der SA.
2.8. Aufstieg der Partei im Jahr 1922
2.9. Hitlers Selbstverständnis als „Trommler“
2.10. Vorbereitungen für einen „Marsch auf Berlin“
2.11. Hitlerputsch und Prozess
2.12. Der Wandel zum „Führer“

3. Schluss

1. Einleitung

„Der Hitler wird einmal unser Größter!“[1], meinte der österreichische Nationalsozialist Rudolf Jung im Jahr 1920. Wie Recht er damit haben würde, hätte Jung damals wohl nicht gedacht. Als Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, war er bereits diktatorischer Kopf einer straff organisierten, rund 1,4 Millionen Mitglieder umfassenden Massenpartei, war er „der Führer“ der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Doch kaum 14 Jahre vorher, Anfang des Jahres 1919, war der selbe Hitler noch ein unbedeutender Weltkriegsgefreiter, dem wegen mangelnden Führungsqualitäten die Beförderung zum Unteroffizier versagt blieb, und der nun kurz vor seiner Entlassung aus der Reichswehr stand. In den bisherigen 30 Jahren seines Lebens hatte Hitler noch nichts erreicht, keinen richtigen Beruf erlernt und nie ist ihm gelungen, was er sich vorgenommen hatte.

Wie konnte dieser Mann vom unbedeutenden Niemand zum umjubelten Führer einer Partei aufsteigen? Welche Umstände, Ereignisse und Personen haben es Hitler ermöglicht, zum Führer der NSDAP zu werden? Wann war die äußere und innere Entwicklung Hitlers zu „dem Führer“ dieser Partei abgeschlossen? Die vorliegende Arbeit versucht Aufschluss über diese Fragen zu geben.

Unzählige Arbeiten über Hitler und den Nationalsozialismus sind bisher erschienen, darunter auch viele, die sich mit der Frühgeschichte der NSDAP und Hitlers Rolle in dieser Zeit befassen.[2] Wichtige Quelle ist Hitlers eigenes Buch „Mein Kampf“. Darüber hinaus wurde eine Sammlung von Hitlers sämtlichen Aufzeichnungen von 1905 bis 1924 von Eberhard Jäckel und Axel Kuhn herausgegeben. Neben einigen frühen Aufsätzen sind zahlreiche Monographien über die Frühphase der NSDAP in den 60er und 70er Jahren erschienen, so zum Beispiel vom Georg Franz-Willing oder Werner Maser. Einige neue Ergebnisse und Sichtweisen konnte Albrecht Tyrell in einer Untersuchung von Hitlers Entwicklung „vom Trommler zum Führer“ herausarbeiten. Hinzu kommen die Werke, die die gesamte Geschichte des Nationalsozialismus behandeln, etwa von Karl Dietrich Bracher. Auch die zahlreichen Hitlerbiographien, zum Beispiel von Alan Bullock, Joachim Fest oder jüngst von Ian Kershaw, geben Auskunft über Hitlers Aufstieg in der Partei in den 20er Jahren. Vor kurzem ist in überarbeiteter und erweiterter Form eine Arbeit von Anton Joachimsthaler über Hitlers Zeit in München bis 1924 erschienen. Daneben gibt es viele Arbeiten, die sich mit speziellen Einzelthemen befassen, zum Beispiel mit dem Hitlerputsch 1923.

Im Rahmen dieser Arbeit kann nicht auf alle Aspekte und Ereignisse in der Geschichte Hitlers und der NSDAP in dem behandelten Zeitrahmen eingegangen werden. Die Arbeit konzentriert sich daher in ihrer Darstellung auf die Punkte, die für den Aufstieg Hitlers in der Partei bedeutend sind.

2. Hauptteil

2.1. Hitlers Beitritt zur DAP

Adolf Hitlers erste politische Betätigung begann im Juni 1919 beim Reichswehrgruppenkommando 4 in München. Nach der militärischen Niederwerfung der Münchener Räterepublik Anfang Mai 1919, hielt es das Gruppenkommando für notwendig, politische Aufklärungskurse für die zu demobilisierenden Soldaten abzuhalten.[3] Damit sollten marxistische Vorstellungen, mit denen die Truppe während der Räteherrschaft in Kontakt geraten war, aber auch liberale und parlamentarisch-demokratische Ideen zurückgedrängt werden.[4] Mit der Durchführung wurde die neu eingerichtete Nachrichten- und Aufklärungsabteilung des Gruppenkommandos unter der Leitung von Hauptmann Karl Mayr, einem Antisemiten und Republikgegner, beauftragt. Auch Hitler nahm an einer solchen „politischen Schulung“ teil, wobei er in den Diskussionen durch antisemitische Ausführungen auf sich aufmerksam machte. Er selbst wurde nach den Lehrgängen in Mayrs Abteilung berufen. Dort „begann die ,gezielte‘ politische Ausbildung Hitlers“.[5] Als Vertrauensmann hielt er in dem Lager Lechfeld vor aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrenden Soldaten nun selbst politische Vorträge. Hier trat zum ersten mal Hitlers rednerisches Talent zum Vorschein.

Eine weitere Aufgabe von Hauptmann Mayrs Abteilung und seiner Vertrauensleute war die Überwachung der zahlreichen politischen Parteien und Organisationen Münchens. Aus diesem Anlass hatte Hitler am 12. September 1919 den Auftag, einer Versammlung der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) im Sterneckerbräu beizuwohnen.[6]

Die DAP war am 5. Januar 1919 von den Maschinenschlossern Anton Drexler und Michael Lotter gegründet worden. Wesentlich Anteil an der Parteigründung hatte der Sportjournalist Karl Harrer, ein Mitglied der völkisch-nationalistischen Thule-Gesellschaft.[7] Diese Organisation im Stil einer Freimaurerloge, „stellte in Bayerns Metropole das organisatorische Zentrum fast aller nationalistischen und antisemitischen Kräfte dar“ und war „Vorläuferorganisation und maßgeblicher Wegbereiter“[8] der neuen Partei. Drexler wurde von den etwa 25 Gründungsmitgliedern zum Vorsitzenden der Münchener Ortsgruppe, Harrer zum Reichsvorsitzenden der DAP gewählt. Lotter übernahm das Amt des ersten Schriftführers.

Auf der Parteiversammlung am 12. September hielt der Ingenieur und Wirtschaftstheoretiker Gottfried Feder einen Vortrag. In seinen finanzwirtschaftlichen Theorien, die er unter dem Schlagwort einer „Brechung der Zinsknechtschaft“ vertrat, machte Feder vor allem das „internationale Judentum“ für die wirtschaftlichen Probleme Deutschlands verantwortlich.[9] Hitler kannte Feder und seine Ausführungen bereits aus den Kursen der Reichswehr und folgte dem Vortrag entsprechend gelangweilt. Er wartete noch die folgende Diskussion ab und wollte gerade gehen, als einer der Besucher die Trennung Bayerns vom Reich und eine Union mit Österreich forderte. Darauf ergriff Hitler das Wort und griff seinen Vorredner so leidenschaftlich an, dass er Drexler auf sich aufmerksam machte. Er bat Hitler vor dessen Gehen, doch bald wieder zu kommen.[10]

Wenige Tage darauf erhielt Hitler per Postkarte die Mitteilung, dass er in die Partei aufgenommen worden sei, und eine Einladung zur nächsten Ausschusssitzung der Partei. Nach kurzer Bedenkzeit trat er der DAP bei und erhielt die Mitgliedsnummer 555. Tatsächlich war er aber erst das 55. Parteimitglied, da die Liste erst mit der Nummer 501 begann.[11] Auch war Hitler nicht das siebte Mitglied, wie er später in „Mein Kampf“ behauptete. Als siebtes Mitglied wurde er in den leitenden Parteiausschuss aufgenommen, in dem er als Werbeobmann für die Parteipropaganda zuständig war.[12] Der Entschluss, der Partei beizutreten war wohl zunächst ein Versuch des schon 30jährigen Hitler, der perspektivenlosen Situation zu entkommen, in der er sich befand. Ohne je einen richtigen Beruf erlernt zu haben, sollte er am 31. März 1920 aus der Reichswehr entlassen werden. Auch sein Vorgesetzter Mayr hat Hitler wahrscheinlich zum Eintritt in die DAP geraten, oder ihn sogar gedrängt. Bei seiner politischen Tätigkeit hat ihn Mayr auch nach Hitlers Ausscheiden aus der Reichswehr großzügig unterstützt.[13]

Der Entschluss zum Eintritt in die Partei war sowohl von Seiten Drexlers, als auch von Mayr vorgezeichnet worden. „Hitler kam nun zur Politik, noch mehr aber kam diese zu ihm.“[14] Sein Entschluss, Politiker zu werden erfolgte also erst im September 1919, und nicht, wie von Hitler später behauptet, bereits im November 1918 in dem Lazarett in Pasewalk, in dem Hitler sich damals befand.[15] In der Partei hatte er nun die Möglichkeit, sein politisches Konzept, das sich spätestens in den Aufklärungskursen der Reichswehr herausgebildet hatte, praktisch umzusetzen. Hitler begann bald nach seinem Beitritt zur DAP, die noch kleine Partei nach seinen Vorstellungen umzugestalten.

Auf der ersten öffentlichen Versammlung der Partei am 16. Oktober 1919 sprach Hitler als zweiter Redner vor 111 Besuchern. In einem 30minütigen, sich steigernden Redestrom gelang es ihm, die anwesende Menge zu fesseln. Wieder zeigten sich seine Fähigkeiten als Redner, die sich bereits in den Reichswehrkursen gezeigt hatten, und die Drexler am 12. September so aufgefallen waren, und bei Hitler erhärtete sich die Feststellung: „Ich konnte reden!“[16] Nach der Veranstaltung flossen 300 Mark an Spendengeldern in die Parteikasse.

2.2. Die erste Krise in der Partei

Auf Hitlers Drängen richtete die bisher nur schlecht organisierte Partei noch Ende 1919 eine feste Geschäftsstelle im Keller des Sterneckerbräu ein. Außerdem erreichte er, dass der Parteiausschuss erweitert wurde. Die neuen Stellen besetzte Hitler meist mit Reichswehrkameraden, die er für die Partei gewinnen konnte. Der Aufbau eines Parteiapparats sollte systematische Werbung und Propaganda für die Partei und ihre Veranstaltungen ermöglichen.[17] Hitler drängte die Partei, die bis dahin fast nur im kleinen Kreis aufgetreten war, an die Öffentlichkeit. Sein primäres Ziel war die Gewinnung der Massen durch möglichst viele öffentliche Parteiveranstaltungen.

Durch diese Ausrichtung Hitlers und seine hohe Aktivität kam es im Dezember 1919 zur ersten innerparteilichen Krise der DAP. Während Hitlers Pläne bei Drexler auf breite Zustimmung stießen, erregten sie zunehmend Harrers Widerspruch. Die Ursachen dieses Streits werden in der historischen Forschung unterschiedlich bewertet. Zum einen mißfielen dem Thule-Mitglied Harrer Hitlers Bestrebungen, die DAP zu einer öffentlichkeitsorientierten Kampfpartei umzuwandeln. Er selbst wollte die Partei auch weiter als kleinen politisierenden Kreis im Stil einer geheimbündlerischen Loge weiterführen.[18] Zum anderen erkannte wohl auch Harrer die Notwendigkeit, eine breite Öffentlichkeit für die Bewegung zu gewinnen, wollte dies jedoch mit exklusiven Treffen im kleinen Kreis verbinden, und die Öffentlichkeitsarbeit der DAP in wohldosierter Form begrenzen. Der Konflikt ging letztendlich vielmehr auf die Frage über die Art der Parteiführung zurück. Parallel zur Partei war ein „politischer Arbeiterzirkel“ gegründet worden, in dem Harrer den Vorsitz hatte. Diesen Zirkel sah Harrer als das eigentliche Führungsgremium der DAP an, mit dem er versuchte, die Partei in seinem Sinne zu lenken. Demgegenüber stand der Parteiausschuss, in dem Harrer nur einfaches Mitglied war, und in dem Hitler an Einfluss gewann.[19] Mit einer neuen Geschäftsordnung gelang es Drexler und Hitler, ihre Position gegenüber Harrers Arbeiterzirkel zu stärken, und dem Parteiausschuss die alleinige Autorität zu sichern. Die neue Geschäftsordnung schloss „jede Form einer Bevormundung einer Über- oder Nebenregierung, sei es als Zirkel, sei es als Loge ein für allemal aus.“[20] Dies bezog sich auf die Stellung des Parteiausschusses insgesamt und nicht, wie man meinen könnte, auf Hitler. „Es spricht einiges dafür, dass er in dieser Zeit nicht die unumschränkte Macht in der Partei anstrebte, denn er war bereit, die korporative Führung eines gewählten Ausschusses zu akzeptieren.“[21] Harrer musste seine Niederlage eingestehen und schied als Konsequenz am 5. Januar 1920 aus der DAP aus.

2.3. Das 25-Punkte-Programm und Hitlers Propagandakonzept

Hitler konnte nun seine Vorstellungen über die Methode der Öffentlichkeitsarbeit in die Tat umsetzten. Am 24. Februar 1920 fand im Münchener Hofbräuhaus die erste Massenveranstaltung der Partei statt. Als Hauptredner trat der in völkischen Kreisen bekannte nationalistische Arzt Dr. Johannes Dingfelder auf und referierte über das Thema: „Was uns not tut“. Mit ihm erhoffte man sich, möglichst viele Besucher anzulocken. Nach Dingfelder trat Hitler vor das Publikum. Nun verkündete er unter heftigem Tumult das Parteiprogramm, das im Parteiausschuss vor allem von Drexler unter Einwirkung von Hitler und Gottfried Feder, der schon vor Hitler der Partei beigetreten und einer ihrer wichtigsten Programmatiker war, in den Wochen zuvor ausgearbeitet worden war.[22] Inhaltlich enthielt dieses 25-Punkte-Programm weitgefasste, nicht näher definierte Forderungen, die vor allem nationalistisch, antisemitisch, antiparlamentarisch und antikapitalistisch waren.[23] Gefordert wurde unter anderem die Schaffung eines „Großdeutschland“, „Aufhebung der Friedensverträge von Versailles und St. Germain“, Einführung einer „Fremdengesetzgebung“, Ausschluss der Juden von der Staatsbürgerschaft, „Brechung der Zinsknechtschaft“ und „Gewinnbeteiligung an Großbetrieben“, sowie eine „nationalen Bedürfnissen angepasste Bodenreform“. „Ohne Rücksichtnahme auf Konfession und Rasse“ sollten „gemeine Volksverbecher, Wucherer, Schieber usw.“ mit dem Tode bestraft werden. Außerdem sollte die Presse kontrolliert werden. Im Grunde enthielt das Programm „so gut wie nichts Originelles oder Neues mit Blick auf die völkische Rechte“.[24] Um konkrete Politik zu betreiben, war das Programm viel zu vage formuliert. Es diente vielmehr dazu, mit einer Ansammlung von in rechten Kreisen populären Forderungen neue Anhänger zu gewinnen. Hitler hat die Verkündung des 25-Punkte-Programms später dann in „Mein Kampf“ zu einem Mythos verklärt:

„Ein Feuer war entzündet, aus dessen Glut dereinst das Schwert kommen muß, das dem germanischen Siegfried die Freiheit, der deutschen Nation das Leben wiedergewinnen soll.

Und neben der kommenden Erhebung fühlte ich die Göttin der unerbittlichen Rache schreiten für die Meineidstat des 9. November 1918. So leerte sich der Saal. Die Bewegung nahm ihren Lauf.“[25]

Eine Woche nach der Versammlung wurde die DAP in Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) umbenannt.

Hitler verstärkte nun die Propaganda- und Versammlungstätigkeit der Partei im Laufe des Jahres 1920. Vom 24. Februar 1920 bis zum 21. Januar 1921 veranstaltete die NSDAP in den großen Bierhallen Münchens 46 öffentliche Veranstaltungen mit steigenden Besucherzahlen. Hinzu kamen die wöchentlichen Sprechabende der Partei.[26] Häufigster Redner in München war Hitler. Sein Hauptintention war es, Aufmerksamkeit zu erregen, um der Partei mehr Beachtung zu verschaffen: „Ganz gleich, ob sie über uns lachen oder schimpfen, ob sie uns als Hanswürste oder als Verbrecher hinstellen, die Hauptsache ist, daß sie uns erwähnen, daß sie sich immer wieder mit uns beschäftigen.“[27] Durch ihren neuartigen aktionistischen und aggressiven Kampfstil hob sich die NSDAP von den traditionellen rechten Gruppierungen ab. Bewusst provozierte sie ihre politischen Gegner, etwa, indem die Versammlungsplakate in grellem Rot, der traditionellen Farbe der Linken, gestaltet wurden. Auch andere Propagandamethoden übernahm Hitler von den Sozialisten, zum Beispiel wenn er vollbesetzte Mannschaftswagen der Partei durch die Straßen fahren ließ.[28] Immer öfter kam es auch auf der Straße zu Zusammenstößen mit politischen Gegnern. Hitlers Ziel war es, völkisch-antisemitische Ideen unter der Arbeiterschaft zu verbreiten und diese zu nationalisieren. In den Versammlungen, die bald wöchentlich stattfanden, gewann Hitler immer mehr Zuhörer. Bis zu 2000 Besucher ließen sich von Hitlers Rednergabe, seinem missionarischen Eifer und seiner Überzeugungskraft in rauschhafte Euphorie versetzen.[29] Die Anwesenheit zahlreicher politischer Gegner sorgte zudem für eine explosive Stimmung.

2.4. Hitlers Kontakte in der Gesellschaft und zur Reichswehr

Durch ihren radikalen Aktivismus gewann die NSDAP in München schnell an politischer Bedeutung und wurde bald über die Grenzen der Stadt bekannt. Am 21. April 1920 wurde in Rosenheim die erste NSDAP-Ortsgruppe außerhalb Münchens gegründet. Als gefragter Redner trat Hitler gegen Bezahlung auch auf Versammlungen anderer nationalistischer Verbände etwa des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes auf. Mit wachsender politischer Bedeutung gewann Hitler auch verstärktes Interesse in der Münchener Gesellschaft. Der bereits erwähnte Gottfried Feder und der Schriftsteller und Herausgeber der antisemitischen Zeitschrift „Auf gut deutsch“, Dietrich Eckart[30], Parteimitglied der ersten Stunde, führten Hitler in die gehobenen Kreise der bayerischen Hauptstadt ein. Eckart wurde bald zu einem väterlichen Freund Hitlers und diente der Partei als Vermittler finanzieller Zuwendungen, von denen die finanzschwache Partei abhängig war. Gönner der Partei waren etwa Eckarts Freund, der Chemiker und Fabrikant Dr. Gottfried Grandel, oder sein Bruder, der Brauereibesitzer Simon Eckart.[31] Auch Feder, der schon als Redner erwähnte Dr. Johannes Dingfelder und der Münchener Verleger Julius F. Lehmann griffen der NSDAP finanziell unter die Arme. Zum engeren Bekanntenkreis Hitlers gehörten auch die Deutschbalten Alfred Rosenberg, der als Mitarbeiter Eckarts schon seit 1919 in der Partei war, und Max Erwin von Scheubner-Richter, ein Ingenieur mit Kontakten zu russischen Emigrantenkreisen.[32] Scheubner-Richter wurde bald ein enger Mitarbeiter Hitlers und spielte eine wichtige Rolle in der weiteren Entwicklung der Partei. Rosenberg machte Hitler und Eckart mit den sogenannten „Protokollen der Weisen von Zion“ bekannt. Zu Hitlers persönlichem Freundeskreis, mit dem er sich regelmäßig im Café Neumayr am Viktualienmarkt traf, gehörte Hermann Esser, ein junger Revolverjournalist und einstiger Pressereferent des Hauptmann Mayr, sowie der Student Rudolf Heß, der Hitler schwärmerisch ergeben war. Esser war neben Hitler das zweite Redetalent der Partei. Ein gern gesehener Gast war Hitler im Haus von Regierungsrat Theodor Lauböck, dem Gründer der Ortsgruppe Rosenheim. Dort fanden oft auch Besprechungen der Parteiführung statt, und Frau Lauböck versorgte Hitler bei seinen Besuchen mit Kaffee und Kuchen.[33] Ein weiterer Freund Hitlers war Ernst „Putzi“ Hanfstaengl, der ihn in großbürgerlichen Häusern salonfähig machte. Bei ihm lernte er zum Beispiel den Historiker Karl Alexander von Müller und den Abt Alban Schachleitner kennen, der später die Fahnenweihen der Partei durchführte. Bekanntschaft machte er auch mit dem Klavierfabrikanten Bechstein, und Frau Elsa Bruckmann, der Gattin des Verlegers Hugo Bruckmann, der die Schriften des britischen Antisemiten Houston Stewart Chamberlain herausgab. Die Bechsteins waren es, die Hitler im Oktober 1923 im Hause Wagner in Bayreuth einführten.[34] Zur Finanzierung seines Lebensunterhalts war Hitler auf die Spenden seiner Gönner angewiesen, da er keiner geregelten Arbeit nachging, wie die anderen Ausschussmitglieder. Dafür konnte er seiner Parteiarbeit umso mehr Zeit widmen.

[...]


[1] Zitiert nach: Franz-Willing, Georg: Die Hitlerbewegung. Der Ursprung 1919-1922. Hamburg, Berlin 1962. S. 95.

[2] Die folgenden Titel sind jeweils im Quellen- und Literaturverzeichnis aufgelistet.

[3] Vgl.: Deuerlein, Ernst: Hitlers Eintritt in die Politik und die Reichswehr. In: VfZ 7 (1959) S. 177-227. S. 178.

[4] Vgl.: Pätzold, Kurt; Weißbecker, Manfred: Adolf Hitler. Eine politische Biographie. Leipzig 1999. S. 53.

[5] Joachimsthaler, Anton: Hitlers Weg begann in München 1913-1923. Überarbeitete und um die Jahre 1920-1924 erweiterte Neuauflage des 1989 erschienenen Titels: Korrektur einer Biographie. Adolf Hitler 1908-1920. München 2000. S. 229.

[6] Vgl.: Kershaw, Ian: Hitler 1889-1936. 2. Aufl. Stuttgart 1998. S.170.

[7] Vgl.: Joachimsthaler: Hitlers Weg begann in München. S. 248-250.

[8] Pätzold, Kurt; Weißbecker, Manfred: Geschichte der NSDAP 1920-1945. Köln 1998. S.15.

[9] Vgl.: Maser, Werner: Der Sturm auf die Republik. Frühgeschichte der NSDAP. Sonderausg. Düsseldorf u.a. 1994. S. 185-188.

[10] Vgl.: Fest, Joachim C.: Hitler. Eine Biographie. Frankfurt a.M., Berlin 1973. S. 175.

[11] Vgl.: Pätzold; Weißbecker: Geschichte der NSDAP. S. 27.

[12] Vgl.: Kershaw: Hitler. S. 171.

[13] Vgl.: Joachimsthaler: Hitlers Weg begann in München. S. 255.

[14] Pätzold; Weißbecker: Adolf Hitler. S. 57.

[15] Vgl.: Hitler, Adolf: Mein Kampf. Zwei Bände in einem Band. Ungekürzte Ausgabe. Erster Band: Eine Abrechnung. Zweiter Band: Die nationalsozialistische Bewegung. 116.-118. Aufl. München 1934. S. 225.

[16] Hitler: Mein Kampf. S. 390.

[17] Vgl.: Fest: Hitler. S. 175f.

[18] Vgl. zu dieser Ansicht: Franz-Willing: Die Hitlerbewegung. S. 68, S. 73. Maser: Der Sturm auf die Republik. S. 170. Fest: Hitler. S. 175.

[19] Zu dieser Begründung vgl.: Tyrell, Albrecht: Vom „Trommler“ zum „Führer“. Der Wandel von Hitlers Selbstverständnis zwischen 1919 und 1924 und die Entwicklung der NSDAP. München 1975. S. 29f. Kershaw: Hitler. S. 188.

[20] München, Dezember 1919. Geschäftsordnung der DAP, Teilentwurf. In: Jäckel, Eberhard; Kuhn, Axel (Hrsg.): Hitler. Sämtliche Aufzeichnungen 1905-1924. (=Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte; 21) Stuttgart 1980. S. 95.

[21] Kershaw: Hitler. S. 188.

[22] Vgl.: Fest: Hitler. S. 182.

[23] Abgedruckt bei: Pätzold; Weißbecker: Geschichte der NSDAP. S. 34-37.

[24] Kershaw: Hitler. S. 190.

[25] Hitler: Mein Kampf. S. 406.

[26] Vgl.: Tyrell: Vom Trommler zum Führer. S. 33.

[27] Hitler: Mein Kampf. S. 544.

[28] Vgl.: Conze, Werner: Der Nationalsozialismus 1919-1933. Die Krise der Weimarer Republik und die nationalsozialistische Machtergreifung. (=Tempora Quellen zur Geschichte und Politik. Herausg. v. Peter Alter u. Erhard Rumpf in Verb. mit Hermann Körner u. Hans Tümmler.) Stuttgart 1983. S. 37f.

[29] Vgl.: Joachimsthaler: Hitlers Weg begann in München. S. 271.

[30] Vgl.: Maser: Der Sturm auf die Republik. S. 179ff.

[31] Vgl.: Auerbach, Hellmuth: Hitlers politische Lehrjahre und die Münchener Gesellschaft. Versuch einer Bilanz anhand der neueren Forschung. In: VfZ 25 (1977) S. 1-45. S. 16f.

[32] Vgl.: Auerbach: Hitlers politische Lehrjahre. S. 20f.

[33] Vgl.: Auerbach: Hitlers politische Lehrjahre. S. 22.

[34] Vgl.: Auerbach: Hitlers politische Lehrjahre. S. 33f.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Adolf Hitlers Aufstieg in der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Proseminar: Das Ende der Parteien. Die Krisenjahre der Weimarer Republik 1928-1933.
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
25
Katalognummer
V19450
ISBN (eBook)
9783638235808
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Adolf, Hitlers, Aufstieg, Nationalsozialistischen, Deutschen, Arbeiterpartei, Proseminar, Ende, Parteien, Krisenjahre, Weimarer, Republik
Arbeit zitieren
Tobias Birzer (Autor), 2002, Adolf Hitlers Aufstieg in der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19450

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