Die Machtanalytik von Michel Foucault

Mikrophysik, Techniken und Typen der Macht


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2007

13 Seiten, Note: 2

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärungen
2.1 Mikrophysik der Macht
2.2 Machttechniken
2.3 Disziplinarmacht und –gesellschaft

3. Machtanalytik
3.1 Machtverhältnisse
3.1.1 Widerstand
3.1.2 Dispositiv
3.2 Machttypen

4. Fazit

Quellen

1. Einleitung

Diese Abhandlung hat die Machtanalytik von Michel Foucault zum Gegenstand der Analyse. Im Rahmen der Arbeit soll auf die unterschiedlichen Machtformen eingegangen werden, die von Foucault identifiziert und kategorisiert worden sind. Diese werden in einem eigenständigen Kapitel behandelt.

Es gilt vorab einige Schlüsselbegriffe zu klären. Hierzu zählen u. a. der Disziplinbegriff und das damit verbundene Konzept der Disziplinargesellschaft und seine Vorstellung von der sogenannten Gouvernementalität.

Dabei wird sich zeigen, dass jegliche Kategorisierungsversuche à priori zum Scheitern verurteilt sind, da sich Foucault selbst weder als Philosoph, noch als Historiker oder Politologe begriff.

Die vorliegende Analyse wurde vornehmlich auf der Grundlage folgender Texte von Foucault durchgeführt: „Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit“, „Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit“ „Überwachen und Strafen“, „Wie wird Macht ausgeübt?“ sowie „Warum ich Macht untersuche: Die Frage des Subjekts“ und „In Verteidigung der Gesellschaft“

2. Begriffsklärung

Im Vorfeld gilt es festzuhalten, dass die von Foucault verwendeten Begriffliche keineswegs als fixe Einheiten im Sinne lexikalischer Festschreibungen angesehen werden können.

Hinzu kommt, dass Foucault nicht mit einer konkreten Machttheorie aufwartet. Vielmehr galt sein Interesse der Entdeckung und Analyse spezifischer Mechanismen. So bezieht sich den auch der Begriff der Machtanalytik vorrangig auf dieses Vorgehen.

Im Folgenden sollen nun also einige zentrale Begrifflichkeiten näher beleuchtet werden. Dies dient dem Vorhaben, sich der Machttypenlehre Foucaults methodologisch zu nähern.

Eine Zuordnung seiner Arbeiten zu einer Einzeldisziplin ist nicht möglich, da sich häufig zugleich diskursanalytische, epistemologische und genealogischen Elemente darin befinden.

2.1 Mikrophysik der Macht

Die Idee von der Mikrophysik der Macht elaboriert Foucault, um sich von klassischen Machtmodellen – wie etwa demjenigen von Thomas Hobbes - abzugrenzen. Demnach handelt es sich um einen Gegenentwurf zum tradierten juridischen Verständnis von Macht, es wird quasi der Gegen- Leviathan gesucht.

Foucaults konstatiert eine Allgegenwart verschiedentlich ausgeprägter Kräfteverhältnisse.

Macht wird bei ihm ausdrücklich nicht als Regierungsmacht verstanden, es ist also nicht die Ganzheit der „Institutionen und Apparate, die die bürgerliche Ordnung in einem gegebenen Staat“[1] sicherstellen.

Auch sieht er darin kein generelles Herrschaftssystem, welches von einer Gruppe gegen die andere aufrechterhalten wird und den kompletten Gesellschaftskörper durchdringt.[2]

Für Foucault ist Macht die Mannigfaltigkeit von „Kraftverhältnissen, die ein Gebiet bevölkern und organisieren; das Spiel, das in unaufhörlichen Kämpfen und Auseinandersetzungen diese Kraftverhältnisse verwandelt, verstärkt, verkehrt; die Stützen, die diese Kräfteverhältnisse aneinander finden, indem sie sich zu Systemen verketten – oder die Verschiebungen und Widersprüche, die sie gegeneinander isolieren; (…) die Strategien, in denen sie zur Wirkung gelangen und deren (…) institutionelle Kristallisierungen sich in den Staatsapparaten, in der Gesetzgebung und in den gesellschaftlichen Hegemonien verkörpern.“[3]

Foucault sieht in Macht ein Phänomen, welches sich in vielförmigen „Mikropraktiken“ ihren ausdrückt und festigt. Es geht ihm um die sozialen Handlungsformen des Alltags moderner Gesellschaften.

Das Konzept einer Mikrophysik der Macht entspringt der Phase zum ausgehenden 18. Jahrhundert in dem das Aufkommen disziplinierender Institutionen zu konstatieren ist. Im Rahmen dieser Einrichtungen entwickelten Ärzte, Schulmeister und Inspektoren in ihren Professionen vielfältige „Mikrotechniken“. Diese in Schulen, Krankenhäusern oder Haftanstalten eingesetzten Techniken wurden zunächst mitnichten im Bewusstsein des „ancien régime“ appliziert. Laut Foucault kam es erst zu einem späteren Moment zur Einverleibung besagter „Mikrotechniken“ in die „Makrostrategien der Beherrschung“.

Fraser macht auf den Umstand aufmerksam, dass diese disziplinierenden Ämter zu den ersten Einrichtungen zu rechnen sind, die sich mit dem Problem der Organisation, des Managements, der Überwachung und Kontrolle einer großen Anzahl von Personen konfrontiert sahen. Es geht um eben jene Schwierigkeit, die schlussendlich zum „grundlegenden Problem moderner Regierungsformen werden würde. Daher sind für Foucault die Taktiken und Techniken, denen diese Institutionen Bahn brachen, bestimmend für die moderne Macht.“[4]

Im Folgenden soll eine dieser Mikrotechniken vorgestellt werden, namentlich der sogenannte „Blick“ („le regard“). Ebenfalls mit Fraser lässt sich diese auf Macht und Wissen basierende Technik wie folgt charakterisieren: Der Blick befähigte die Behörde, „die Insassen der Anstalten durch neu hergestellte und genutzte Sichtbarkeit zu verwalten. Die Administration entwickelte ein System, das es ermöglichte, die Insassen zu sehen, zu identifizieren, zu überwachen und so zu beherrschen. Laut Foucault war es eine Sichtbarkeit in zweierlei Hinsicht: synoptisch und individualisierend.“[5]

Erstgenannte Sichtbarkeit wurde anhand von architektonisch–organisatorischen Neuerungen sichergestellt, wohingegen die individualisierende Sichtbarkeit sich auf detaillierte Betrachtung von Individuen, ihrer Gewohnheiten und Lebensgeschichten konzentriert.

Foucault zufolge ermöglichte es diese Art der Sichtbarkeit erstmals, das Individuum als ein Analyseobjekt der Macht zu identifiziert.

Die beiden beschriebenen Formen der Sichtbarkeit ermöglichten anhand von Mikropraktiken vorher inexistente Prozesse der Wissensproduktion. Diese wiederum erzeugten zuvor nicht dagewesene Machtformen. Eine neue Anthropologie wurde mit neuartigen Überwachungsmethoden gepaart.

Doch ist diese Beobachtungweise einseitiger Natur, denn während die Beobachtenden ihre „Objekte“ sehen konnten, war es umgekehrt den Beobachteten nicht möglich, die ihn Beobachtenden ihrerseits zu sehen.

Foucaults mikrophysikalische Herangehensweise begreift Macht als einen aus einem Verfahrensnetz hervorgehenden Effekt. Macht ist aus dieser Perspektive ein lokalers und dezentrales Phänomen. Zudem ist es nach Foucault eine Fehlannahme davon auszugehen, dieses sei elitären Herrscherzirkeln entsprungen.

2.2 Machttechniken

Die von Foucault benannten Machttechniken modernen Gesellschaften stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit der mikrophysikalischen Machtzusammensetzung. Im Folgenden werden einige ausgewählte Techniken präsentiert.

Zu Veranschaulichung bietet sich das Beispiel der staatlichen Haftanstalten an. In diesem Zusammenhang wird der Eingesperrte von der Außenwelt isoliert.

Diese Art der Machtausübung wird häufig mit einer Praktik verquickt, die von Foucault als panoptische Supervision bezeichnet wird. Hierbei handelt es sich um die Technik des „Blicks“, bei der die Überwachten die Überwachenden nicht sehen.

Hinzu kommt die Technik der Veröffentlichung von Straftaten und Abweichungen von der Norm. Dies dient der Abschreckung. Paradigmatisch für diesen Ansatz steht der in manchen Regionen der USA verfolgte Ansatz, Sexualvergehen damit zu ahnden, dass die Straftäter im Falle eines Wechsels des Wohnorts die gesamte Umgebung über die eigene verbrecherische Vergangenheit informieren müssen.

Eine subtilere Technik der Kontrolle kann in der Verteilung fixer Positionen und Funktionen an jegliche Person. Dieser Ansatz geht Hand in Hand mit der Technik der Hierarchisierung.

Status und Rang schafft einen Abstand der Individuen zueinander. Dies sorgt für einen Anpassungsdruck, da der und die Einzelne für gewöhnlich versucht, den gegebenen Klassifikationsnormen zu genügen.

Diese Machttechniken existieren teilweise bereits seit Jahrhunderten, veränderten sich jedoch im Laufe der Zeit. Zu diesem Wandel zählt die Schwierigkeit die entsprechenden Machtinstitutionen klar zuzuordnen und die Mechanismen der Kontrolle klar zu benennen.

Dies hängt unmittelbar mit dem Umstand zusammen, dass Macht Foucault zufolge etwas Diffuses und nicht Greifbares ist, bei dem die Trennschärfe oftmals fehlt, den Macht ist keinesfalls etwas, „was man erwirbt, wegnimmt, teilt, was man bewahrt oder verliert; die Macht ist etwas, was sich von unzähligen Punkten aus und im Spiel ungleicher und beweglicher Beziehungen vollzieht.“[6]

An dieser Stelle soll im Vorgriff auf das folgende Unterkapitel kurz auf die sogenannte Disziplinarmacht eingegangen werden. Diese steht in unmittelbarem Zusammenhang mit Techniken der Kontrolle und Beeinflussung des menschlichen Körpers. Im Rahmen von Ausbildungsstätten werden Techniken der Körperübung und Körperbeherrschung, der Dressur sowie der standardisierten Bewegungsabläufe und optimierten Zeiteinteilung appliziert. Diese sind als Ausdruck der Mikrophysik der Macht zu werten.

Hierbei geht es jedoch keineswegs ausschließlich um die Unterdrückung menschlichen Körperverhaltens sondern um die Kreierung eines neuen Bewußtseins.

So wurden vier unterschiedliche Dressurverfahren zur Standardisierung des Körperverhaltens entwickelt: Die zeitliche Rationalisierung der gesamten Körpertätigkeit sowie der Dressurabläufe, die Raumverteilung sowie die Eingliederung des Körpers in ein übergeordnetes, funktionelles Gefüge.

Foucault bezeichnet dieses Zusammenspiel evolutiver, organischer, zellenförmigen sowie kombinatorischen Konditionierungsprozesse als „Taktik“.[7]

Es geht um die Beherrschung des Chaotischen, Unorganisierten. Mit dem Ziel eine Harmonisierung der Tätigkeiten aller Individuen, soll eine Automatisierung der Einzelaktivitäten bewirkt werden. Es geht um die Schaffung taktischer Netzwerke zur effizienten Verbindung von Körpern und deren Aktivitäten.

Zur Durchsetzung der notwendigen Disziplin ist die sogenannte „hierarchische Supervision“ notwendig. Diese ist kontrollierender aber auch durchsetzender Natur.

Die immer höhere Komplexität des modernen Produktionswesens kann bestimmte Aberrationen – beispielsweise aufgrund krankheitsbedingter Dienstausfälle– schon allein aus rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht dulden.[8] Daher kommt es zur Sonderausbildung der Überwachungstechniken.

Foucault stellt die sogenannte „normierende Sanktion“ vor, welche in Form einer „Mikro Justiz“ arbeitet. Diese penetriert nahezu jeglichen Lebensbereich, auch vermeintlich profane Aspekte. Die Kontrollbereiche werden von Foucault vierfach aufgeschlüsselt: Demnach werden die Bereiche des Zeitlichen, der Tätigkeit, des Körperlichen sowie des Sexuellen kontrolliert, wobei Abweichungen von der Norm in Form nicht konformen Verhaltens seitens der Disziplinarmacht via Strafen und Pflichten „berichtigt“ werden.[9]

Foucault nennt diesen Mix aus Überwachung und Sanktion die Machttechnik der „Prüfung“.

[...]


[1] Foucault: Der Wille zum Wissen, 113f.

[2] Ebd. 113f.

[3] Ebd. 114.

[4] Fraser: Widerspenstige Praktiken. S. 38.

[5] Ebd. S. 38.

[6] Foucault: Der Wille zum Wissen, 115.

[7] Vgl.: Foucault: Überwachen und Strafen, S. 216.

[8] Vgl.: Foucault: Überwachen und Strafen, S. 226.

[9] Vgl.: Ebd. S. 230f.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Machtanalytik von Michel Foucault
Untertitel
Mikrophysik, Techniken und Typen der Macht
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2
Jahr
2007
Seiten
13
Katalognummer
V194578
ISBN (eBook)
9783656201205
ISBN (Buch)
9783656205883
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Machtanalytik, Mikrophysik, Disziplinarmacht, Machttypen, Dispositiv, Foucault
Arbeit zitieren
Anonym, 2007, Die Machtanalytik von Michel Foucault, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194578

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