"Amphitryon" - Leitbegriffe und Identitätsproblematik von Heinrich von Kleist


Seminararbeit, 2003
14 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung in das Identitätsproblem

2. 1 Leitbegriffe
2. 1. 1 Wahrheit
2. 1. 2 Täuschung
2. 1. 3 Irrtum
2. 1. 4 Traum
2. 1. 5 Sinne
2. 1. 6 Beweis
2. 1. 7 Zeugen
2. 1. 8 Erkenntnissicherheit
2. 1. 9 Skepsis
2. 2 Identitätsproblematik

3 Bibliographie

1. Einführung in die Identitätsproblematik

Heinrich von Kleists Komödie „Amphitryon“, die er selbst „Ein Lustspiel nach Molière“ nannte, besteht aus drei Akten von jeweils fünf bis elf Szenen pro Akt.

Sie wird durchgängig bestimmt von dem Motiv des Rollentausches und der damit entstehenden Identitätsproblematik.

Schon im ersten Akt werden die Hauptpersonen vorgestellt und damit auch der Rollentausch eingeführt. Diese sind:

Amphitryon, der Feldherr der Thebaner und somit Oberster der Thebaner.

Jupiter, Donnergott und Oberster der Götter, der in der Gestalt von Amphitryon erscheint.

Sosias, Diener des Amphitryon.

Merkur, Diener des Jupiter und Gott, der in der Gestalt von Sosias auftritt.

Alkmene, die Frau von Amphitryon.

Charis, die Frau von Sosias.

Nicht nur das „Herr – Knecht Verhältnis“, sondern auch die optische Erscheinungsform von Amphitryon und Jupiter sowie Sosias und Merkur sind gleich.

Somit ist der Rollentausch das bestimmende Motiv in dem gesamten Drama.

Gesetzt den Fall, dass dem Zuschauer im Theater das Drama und die Personen bekannt sind, liegt hier ein Schwerpunkt der Komödie. Etliche komische, verwunderliche und auch nachdenklich stimmende Szenen entstehen dadurch.

Denn wer findet es nicht komisch solchen Verwechslungen zuzusehen? Und wer fragt sich nicht: Wie würde ich mich wohl verhalten, wenn ich plötzlich meinem eigenen Spiegelbild gegenüberstehen würde? oder: Woran könnte ich erkennen, ob diese Frau meine Ehefrau oder nur eine Doppelgängerin ist?

Diese Fragen und Überlegungen schaffen die Identitätsproblematik, denn woran macht man das „ICH“ fest? Ist es das Verhalten, das innere Gefühl, das Aussehen oder sind es Belege, die man sehen oder auch nicht sehen kann? Sind das überhaupt stichfeste Merkmale und Beweise?

Sosias sagt in Vers 710-715[1]: „Jedoch zuletzt erkannt ich, musst ich mich,

Ein Ich, so wie das andre, anerkennen.

Hier stand’s, als wär die Luft ein Spiegel vor mir,

Ein Wesen völlig wie das meinige,

Von diesem Anstand, seht, und diesem Wuchse, Zwei Tropfen Wasser sind nicht ähnlicher.“

Kleist hat mit seinem „Amphitryon“ ein Thema aufgegriffen, das schon von Alters her immer aktuell geblieben ist und auch in unserer heutigen Zeit nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat. So meint auch Anthony Stephens: „Was die Gesellschaft fordert und auch zuweilen belohnt, ist das perfekte Rollenspiel, die vollendete <Performance>, und Kleists Figuren agieren oft in einem Niemandsland, das genau zwischen aristokratischem savoir faire und einer Fata Morgana bürgerlicher Eigentümlichkeit liegt.“[2]

2. 1 Leitbegriffe

Beim Umgang mit der Identitätsproblematik stößt man immer wieder auf die Leitbegriffe der Problematik. In den Versen 1122-1147[3] treten sie alle einmal auf. Es sind neun wichtige Begriffe, welche da wären:

Wahrheit (Vers 1144), Täuschung (Vers 1127), Irrtum (Vers 1133), Traum (Vers 1125), Sinne (Vers 1140), Beweis (Vers 1143), Zeugen (Vers 1131), Erkenntnissicherheit (Vers 1147) und Skepsis (Vers 1136-1138).

Im Folgenden werde ich näher auf diese eingehen.

2. 1. 1 Wahrheit

Der Begriff „Wahrheit“ lässt sich nur schwer definieren, doch einfach gesagt ist es die Übereinstimmung von Tatsache und Behauptung. Sie beschreibt die Wirklichkeit.

Die Wahrheit wird im „Amphitryon“ häufig verschleiert durch das Rollenspiel und somit durch das doppelte Vorhandensein von Sosias und Amphitryon.

Es ist nicht mehr einfach für die beteiligten Personen Wahrheit von Lüge zu unterscheiden, denn selbst das Erscheinungsbild der beiden Götter entspricht nicht mehr der Wirklichkeit. Sie täuschen eine Scheinwirklichkeit vor.

Woran kann man also die Wahrheit erkennen?

Das erreicht man zum Beispiel durch Fragen.

Sosias sagt in Vers 325, 326[4]: „Ich muss ihm ein paar Fragen tun, die mich

Aufs Reine bringen. ...“

In Kleists Werk wird die Wahrheit auch oft ausgesprochen, jedoch meist so, dass sie für den Betreffenden so unklar und verschleiert ist, dass sie nicht als Wahrheit erkannt wird.

Zitat Jupiter (Vers 1266)[5]: „Ich war’s. Sei’s wer es wolle. ...“

Hier gibt Jupiter zuerst zu, dass er es war, der vorige Nacht zu ihr kam. Im zweiten Satz macht er das jedoch wieder ungültig, denn er gibt alle anderen Personen auch als Möglichkeiten an.

Letztendlich kann die Wahrheit auch so ausgesprochen und gezeigt werden, dass sie von allen verstanden wird. Wie es zum Beispiel Jupiter in der letzten Szene tut, um seine wahre Identität und die seines Dieners aufzuklären. Nachdem er das Hauptattribut Jupiters, den Donnerkeil, ergreift, wissen alle Beteiligten, wer er ist. Dies wird nur noch von den Feldherren und Obersten ausgesprochen.

2. 1. 2 Täuschung

Die Täuschung ist das bestimmende Motiv im „Amphitryon“, denn es beeinflusst den gesamten Inhalt. Schon das Rollenspiel, das sich durch das gesamte Stück zieht ist Täuschung. Jupiter täuscht alle, indem er sich als Amphitryon gibt, und Merkur tut ihm das als Sosias gleich.

Jedoch ist die Täuschung nicht ganz perfekt, denn das innere Gefühl Alkmenes lässt sie so manches ahnen.

Alkmene sagt in Vers 1126, 1127[6]: „… Wenn sich die rasende Behauptung wagt,

Dass mir ein anderer erschienen sei;“

Jupiter, als Schöpfer der Welt, will von seinem Werk Anerkennung und er sucht diese Anerkennung in der Liebe einer Frau. Er weiß, dass er die Zuneigung auch durch die Ehrfurcht der Frauen vor ihm, als Gott, erhalten kann, doch er sucht die ehrliche Liebe, die aus Gefühlen entsteht. Also verwandelt er sich in Amphitryon um in dieser Gestalt Anerkennung und Liebe zu ernten. Jupiter muss jedoch feststellen, dass Alkmene nicht dazu bereit ist, zwischen ihm, dem Geliebten, und Amphitryon, dem Ehemann, zu unterscheiden.

(Vers 1407-1409)[7]: „Und müssen nicht sie selber noch, Geliebte,

Amphitryon sein, und seine Züge stehlen,

Wenn deine Seele sie empfangen soll?“

Daher gibt er seine Täuschung letztlich auf.

[...]


[1] Heinrich von Kleist: Amphitryon. Stuttgart. Reclam. 2002, S. 28

[2] Anthony Stephens: Kleist, Sprache und Gewalt. Freiburg im Breisgau. 1999, S. 15

[3] ebd., S. 42, 43

[4] Heinrich von Kleist: Amphitryon. Stuttgart. Reclam. 2002, S. 16

[5] ebd., S. 46

[6] ebd., S. 42

[7] Heinrich von Kleist: Amphitryon. Stuttgart. Reclam. 2002, S. 51

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
"Amphitryon" - Leitbegriffe und Identitätsproblematik von Heinrich von Kleist
Hochschule
Universität Stuttgart  (Institut für Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Neuere Deutsche Literatur 2
Note
2,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
14
Katalognummer
V19472
ISBN (eBook)
9783638235907
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Aufgabe war es, das Werk oder auch nur einzelne Aspekte des Werkes zu interpretieren und analysieren. Der Dozent schrieb die Bemerkung darunter: &quot,Sie haben einen Aspekt des Stücks unter Vernachlässigung anderer Aspekte (Sprache, Komik, Nebenfiguren, Konflikt, etc.) gut dargestellt.
Schlagworte
Amphitryon, Leitbegriffe, Identitätsproblematik, Heinrich, Kleist, Neuere, Deutsche, Literatur
Arbeit zitieren
Stephanie Kollmann (Autor), 2003, "Amphitryon" - Leitbegriffe und Identitätsproblematik von Heinrich von Kleist, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19472

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