Heinrich von Kleists Komödie „Amphitryon“, die er selbst „Ein Lustspiel nach Molière“
nannte, besteht aus drei Akten von jeweils fünf bis elf Szenen pro Akt.
Sie wird durchgängig bestimmt von dem Motiv des Rollentausches und der damit
entstehenden Identitätsproblematik.
Schon im ersten Akt werden die Hauptpersonen vorgestellt und damit auch der
Rollentausch eingeführt. Diese sind:
Amphitryon, der Feldherr der Thebaner und somit Oberster der Thebaner.
Jupiter, Donnergott und Oberster der Götter, der in der Gestalt von Amphitryon
erscheint.
Sosias, Diener des Amphitryon.
Merkur, Diener des Jupiter und Gott, der in der Gestalt von Sosias auftritt.
Alkmene, die Frau von Amphitryon.
Charis, die Frau von Sosias.
Nicht nur das „Herr – Knecht Verhältnis“, sondern auch die optische Erscheinungsform
von Amphitryon und Jupiter sowie Sosias und Merkur sind gleich.
Somit ist der Rollentausch das bestimmende Motiv in dem gesamten Drama.
Gesetzt den Fall, dass dem Zuschauer im Theater das Drama und die Personen
bekannt sind, liegt hier ein Schwerpunkt der Komödie. Etliche komische,
verwunderliche und auch nachdenklich stimmende Szenen entstehen dadurch.
Denn wer findet es nicht komisch solchen Verwechslungen zuzusehen? Und wer fragt
sich nicht: Wie würde ich mich wohl verhalten, wenn ich plötzlich meinem eigenen
Spiegelbild gegenüberstehen würde? oder: Woran könnte ich erkennen, ob diese Frau
meine Ehefrau oder nur eine Doppelgängerin ist?
Diese Fragen und Überlegungen schaffen die Identitätsproblematik, denn woran macht
man das „ICH“ fest? Ist es das Verhalten, das innere Gefühl, das Aussehen oder sind
es Belege, die man sehen oder auch nicht sehen kann? Sind das überhaupt stichfeste
Merkmale und Beweise?
Sosias sagt in Vers 710-7151: „Jedoch zuletzt erkannt ich, musst ich mich,
Ein Ich, so wie das andre, anerkennen.
Hier stand’s, als wär die Luft ein Spiegel vor mir,
Ein Wesen völlig wie das meinige, Von diesem Anstand, seht, und diesem Wuchse,
Zwei Tropfen Wasser sind nicht ähnlicher.“ [...]
1 Heinrich von Kleist: Amphitryon. Stuttgart. Reclam. 2002, S. 28
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung in das Identitätsproblem
2. 1 Leitbegriffe
2. 1. 1 Wahrheit
2. 1. 2 Täuschung
2. 1. 3 Irrtum
2. 1. 4 Traum
2. 1. 5 Sinne
2. 1. 6 Beweis
2. 1. 7 Zeugen
2. 1. 8 Erkenntnissicherheit
2. 1. 9 Skepsis
2. 2 Identitätsproblematik
3 Bibliographie
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht Heinrich von Kleists Komödie „Amphitryon“ im Hinblick auf das zentrale Motiv des Rollentausches und die daraus resultierende Identitätsproblematik der handelnden Figuren. Ziel ist es, durch die Analyse spezifischer Leitbegriffe aufzuzeigen, wie die Grenzen zwischen Wahrnehmung, Wirklichkeit und Selbstbild für die Charaktere verschwimmen.
- Analyse des Rollentauschs als treibendes Motiv der Komödie
- Untersuchung erkenntnistheoretischer Leitbegriffe wie Wahrheit, Täuschung und Skepsis
- Deutung der Identitätskrise von Amphitryon, Alkmene, Sosias und Merkur
- Beleuchtung der Rolle der Götter bei der Manipulation menschlicher Urteilsfindung
Auszug aus dem Buch
1. Einführung in die Identitätsproblematik
Heinrich von Kleists Komödie „Amphitryon“, die er selbst „Ein Lustspiel nach Molière“ nannte, besteht aus drei Akten von jeweils fünf bis elf Szenen pro Akt. Sie wird durchgängig bestimmt von dem Motiv des Rollentausches und der damit entstehenden Identitätsproblematik.
Schon im ersten Akt werden die Hauptpersonen vorgestellt und damit auch der Rollentausch eingeführt. Diese sind: Amphitryon, der Feldherr der Thebaner und somit Oberster der Thebaner. Jupiter, Donnergott und Oberster der Götter, der in der Gestalt von Amphitryon erscheint. Sosias, Diener des Amphitryon. Merkur, Diener des Jupiter und Gott, der in der Gestalt von Sosias auftritt. Alkmene, die Frau von Amphitryon. Charis, die Frau von Sosias.
Nicht nur das „Herr – Knecht Verhältnis“, sondern auch die optische Erscheinungsform von Amphitryon und Jupiter sowie Sosias und Merkur sind gleich. Somit ist der Rollentausch das bestimmende Motiv in dem gesamten Drama. Gesetzt den Fall, dass dem Zuschauer im Theater das Drama und die Personen bekannt sind, liegt hier ein Schwerpunkt der Komödie. Etliche komische, verwunderliche und auch nachdenklich stimmende Szenen entstehen dadurch.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung in das Identitätsproblem: Der Autor stellt die Komödie vor und führt in das zentrale Motiv des Rollentausches ein, welches die Identität der Hauptfiguren nachhaltig erschüttert.
2. 1 Leitbegriffe: Dieses Kapitel definiert neun essenzielle Begriffe, die in Kleists Drama zur Beschreibung der prekären Lage und der erkenntnistheoretischen Verwirrung der Figuren dienen.
2. 1. 1 Wahrheit bis 2. 1. 9 Skepsis: Die Unterkapitel untersuchen detailliert, wie Faktoren wie Traum, Sinne, Beweise und Zeugen durch das Eingreifen göttlicher Mächte manipuliert werden und die menschliche Urteilsfähigkeit destabilisieren.
2. 2 Identitätsproblematik: Hier wird analysiert, wie die Figuren an ihrer Unfähigkeit scheitern, optisch identische Doppelgänger von sich selbst oder ihren Partnern zu unterscheiden, was zu einer existentiellen Krise führt.
3 Bibliographie: Ein Verzeichnis der in der Arbeit verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Literatur.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Amphitryon, Identitätsproblematik, Rollentausch, Erkenntnissicherheit, Täuschung, Wirklichkeit, Selbstbild, göttliche Manipulation, Komödie, Literaturanalyse, Wahrheit, Wahrnehmung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Heinrich von Kleists „Amphitryon“ hinsichtlich der durch einen Rollentausch ausgelösten Identitätskrise der Hauptfiguren.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Die Themenfelder umfassen die erkenntnistheoretische Unsicherheit, das Spannungsfeld zwischen Schein und Sein sowie die Grenzen menschlicher Wahrnehmung durch göttliche Einmischung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie die Figuren durch den Verlust ihrer äußeren und inneren Unterscheidbarkeit den Bezug zu ihrer eigenen Identität verlieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt eine werk- und motivanalytische Herangehensweise, ergänzt durch die Untersuchung zentraler philologischer Leitbegriffe anhand der Versstellen des Dramas.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Begriffsanalyse sowie eine Untersuchung der Identitätsproblematik, wobei insbesondere die Interaktionen zwischen den sterblichen Figuren und den Göttern beleuchtet werden.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Rollentausch, Täuschung, Erkenntnissicherheit, Identitätsverlust und die Analyse dramatischer Motive charakterisiert.
Warum spielt das „Herr-Knecht-Verhältnis“ eine wichtige Rolle für das Identitätsproblem?
Da sowohl Amphitryon als auch sein Diener Sosias von göttlichen Doppelgängern ersetzt werden, kollabiert nicht nur die Identität der Herrschaft, sondern auch die des Personals, was den Totalverlust der sozialen und persönlichen Identität verdeutlicht.
Inwieweit trägt das Gespräch zwischen Sosias und Merkur zur Gesamtthematik bei?
Dieses Gespräch dient als Schlüsselszene, in der Sosias durch die physische Gewalt und die Existenz seines Doppelgängers gezwungen wird, sein eigenes Ich infrage zu stellen, was die Unmöglichkeit einer klaren Selbstdefinition im Drama verdeutlicht.
- Quote paper
- Stephanie Kollmann (Author), 2003, "Amphitryon" - Leitbegriffe und Identitätsproblematik von Heinrich von Kleist, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19472