Heldendichtung - Eine Gattung?

Die Abgrenzung der Gattung „Heldendichtung“ ein bekanntes Problem in der Literaturwissenschaft


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

18 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Merkmale
2.1 Überlieferung
2.2 Stoff
2.3 Anonymität
2.4 Form
2.5 Wortschatz
2.6 Sprach- und Erzählstil
2.7 Motive

3. Schlussfolgerung

4. Bibliographie

1. Einleitung

Die mittelhochdeutsche Literatur stellt im Vergleich zur althochdeutschen und frühneuhochdeutschen Literatur eine literarische Blütezeit dar. Deswegen wird diese Zeit auch oft als erste deutsche Klassik bezeichnet. Während in der althochdeutschen Periode Klöster und Domschulen im Zentrum standen, gewannen in der mittelhochdeutschen Zeit weltlich Fürstenhöfe an Bedeutung für die Literaturproduktion.[1] Dabei beeinflusste das französische Vorbild alle Bereiche des adligen und öffentlichen Lebens. Mode, Sitten, Architektur, Kunst und Literatur wurden stark von französischen Einflüssen geprägt. Das Literaturinteresse veränderte sich von stark religiös geprägt zu einer moderneren weltlichen Orientierung. Aus der vorhöfischen Literatur der frühmittelhochdeutschen Zeit entwickelten sich nun verschiedene Gattungen. Es entstehen die Artusepik und der Minnesang, die sich nach französischem Vorbild durch Minnekonzeption, Kurzzeilen und reinen Reim auszeichnen. Es entsteht jedoch auch die Heldenepik, die die vorhöfischen Stoffe aufgreift. Die Heldenepik gehört neben der Artusepik zu den bedeutendsten epischen Literaturgattungen des Mittelalters. Sie orientiert sich am Vorbild des „Nibelungenliedes“ und basiert wie dieses auf der germanischen Heldensage. Die Heldensichtung lässt jedoch auch neue Einflüsse zu und entwickelt sich so in Form und Inhalt weiter. Dabei nähert sie sich der, damals sehr populären, höfischem Dichtung zunehmend an.

Die Abgrenzung der Gattung „Heldendichtung“ ein bekanntes Problem in der Literaturwissenschaft, da sie auch Element von anderen Gattungen, vor allem der höfischen Dichtung, beinhaltet und selbst die Werke, die zur Heldendichtung gezählt werden, teilweise unterschiedliche Merkmale aufweisen.

Dieses Problem der Gattungsabgrenzung der „Heldendichtung“ soll nun anhand der Merkmale Überlieferung, Stoff, Anonymität, Form, Wortschatz, Sprachstil und Motive nachvollzogen werden. Dabei soll „Dietrichs Flucht“ als Beispiel für einen Text der Heldendichtung herangezogen werden.

2. Merkmale

2.1 Überlieferung

Heldendichtung war bereits im 11. und 12. Jahrhundert dem Publikum bekannt.[2] Die meisten Dichtungen waren als Lieder oder Balladen verbreitet. Sie wurden an Höfen von fahrenden Sängern vorgetragen. Sie wurden also mündlich überliefert und zunächst nicht aufgeschrieben, weil deutsche Dichtung damals gar nicht als literaturfähig galt.[3] Sie unterlag aufgrund ihrer mündlichen Weitergabe vielen Veränderungen. Die frühesten Handschriften, die Heldendichtung überliefern, stammen aus dem 13. Jahrhundert.[4] Dieser erste Schub der Verschriftlichung brachte auch einige Dietrichepen hervor. Viele der Werke der Heldendichtung sind jedoch erst in späteren Sammelhandschriften des 15. und 16. Jahrhunderts, wie zum Beispiel dem Ambraser Heldenbuch, überliefert.[5] Oft liegen mehrere Fassungen vor, wie zum Beispiel vom Nibelungenlied, dass in 37 Handschriften teilweise fragmentarisch überliefert ist. Die meisten der überlieferten Dichtungen entstanden im bayrisch-österreichischen Raum. In den Sammelhandschriften werden höfische Romane und Heldenepen gemeinsam überliefert. Es wurde also keine Gattungstrennung vorgenommen. Die Schriftlichkeit löste die Mündlichkeit jedoch nicht ab. Parallel zur Verschriftlichung blieb die mündliche Tradition weiter bestehen. Heinzle nimmt auch an, dass die schriftlich konzipierten Texte mündliche vorgetragen wurden und daraufhin auch wieder mündlichen weitergegeben wurden.[6] Die mündliche Verbreitung geschah wahrscheinlich durch wandernde Sänger, die auch Werke anderer Gattungen, wie der Sangspruchdichtung vortrugen. Sie trugen die Werke gesungen oder gesprochen auf Jahrmärkten oder in Wirtshäusern vor. Dort waren einfache Bürger das Publikum. Jedoch fand die Heldendichtung auch Interesse in adligen und gebildeten Kreisen. Für den Adel war die Heldendichtung „ein Medium zur Diskussion und Demonstration adligen Selbstverständnisses und adliger Lebensführung […] aber auch noch immer und nicht zuletzt Träger von Vorzeitkunde, die als Legitimation der eigenen Herrschaft dienen konnte.“[7] Deswegen wurden Abbildungen von Szenen aus den Heldendichtungen oft zur Gestaltung der Innenräume von Adelssitzen verwendet.

„Dietrichs Flucht“, das als Beispieltext für die Gattung der Heldendichtung auftreten soll, wird in vier Handschriften immer zusammen mit der „Rabenschlacht“ überliefert. Beide sind darin vollständig und aufeinanderfolgend enthalten. Es liegt also die Vermutung nah, beide als zusammengehörige Werke eines Autors zu bezeichnen. So werden sie oft als „Buch von Bern“ bezeichnet. Doch erhebliche Unterschiede im Inhalt, im Sprachgebrauch und in der literarischen Technik sprechen dagegen beide Werke demselben Autor zuzuordnen.[8] Außer den vier Handschriften Riedegger Handschrift, Windhager Handschrift, Heidelberger Handschrift und Ambraser Heldenbuch existieren noch zwei Fragmente die Teile des „Buchs von Bern“ überliefern. Die Überlieferung lässt sich in zwei Überlieferungsstränge teilen, die in keiner Anhängigkeit zueinander stehen. Sprachliche Merkmale der frühen Überlieferungen in der Riedegger und in der Windhager Handschrift weisen, wie häufig in der Heldendichtung, auf eine Entstehung in Österreich hin.[9]

Die Art ihrer Überlieferung teilt die Heldendichtung jedoch mit anderen Gattungen der mittelhochdeutschen Zeit. Die Überlieferung ist also kein Kriterium, dass zur Abgrenzung der Gattung Heldendichtung genutzt werden kann.

2.2 Stoff

Die Stoffe der Heldenepik sind schon lange vor ihrer Verschriftlichung mündlich überliefert worden. Dieses stoffliche Substrat, das Taten von Helden zum Gegenstand hat, wird als Heldensage bezeichnet. Ein Held ist dabei die meist männliche Hauptfigur, die sich von anderen Menschen durch außergewöhnliche geistige wie körperliche Fähigkeiten unterscheidet. Er muss sich einer Konfliktsituation stellen, bei der er Kraft, Mut und Treue beweisen muss. Dabei unterwirft er sich keinesfalls, nicht mal gegenüber einer stärkeren Macht. „Die Helden des alten Stils sind keine Athleten, keine Baumeister und Bärenwürger. Auch dass einer so und so viele im Kampf besteht, geht mehr nebenher. Was man an ihnen bewundert, ist die Gesinnung: Mut, Stolz, Unbeugsamkeit, Treue zum eigenen Ehrgefühl und zum Herrn, zum Waffenbruder.“[10] Auch das Leben des Helden zeichnet sich durch besondere Merkmale aus, wie zum Beispiel besondere Umstände während seiner Zeugung, bei seinem Tod oder einem Kampf gegen ein Ungeheuer. Durch einen ehrenhaften Tod, zum Beispiel im Kampf für die Gemeinschaft, erringt er Ruhm und lebt im Gedächtnis seiner Gemeinschaft weiter.[11] Die Handlung der Heldendichtung entsteht daraus, dass der Held eine Prüfung bestehen muss. Diese erfordert notwendigerweise ein Gewalttat, die „nicht nur Mut, Ausdauer und Unternehmungsgeist erfordert, sondern den Helden auch, weil er sein Leben dabei aufs Spiel setzen muss, zu zeigen zwingt, wie weit er in seinem Streben nach Ehre zu gehen bereit ist.“[12] „Aus diesem Grund kann Heldendichtung von jeder Aktion handeln, in der ein Mensch sein Leben einer idealen Vorstellung von dem zu opfern bereit ist, was der Mensch eigentlich sein sollte.“[13] Die Heldendichtung rühmt also solche Menschen, indem sie von ihren Taten und Schicksalen, wenn auch nicht historisch korrekt, berichtet.

Heldensagen werden nach ihrer Herkunft und inhaltlichen Zusammenhängen, wie zum Beispiel gleichem Personal, zu Sagenkreisen zugeordnet. Die Heldensage kann in vier Sagenkreise eingeteilt werden: der Nibelungensagenkreis, der Sagenkreis um Dietrich von Bern, um Hilde und um Ortnit. Der schriftliterarisch produktivste Sagenkreis ist dabei der des Dietrich von Bern.[14] Dazu gehört auch das Hildebrandslied, als Erzählung von einem Gefolgsmann Dietrichs.

Die Stoffe der Heldendichtung sind meist germanischen Ursprungs. Sie entstammen der germanischen Heldensage, die mündlich weitergegeben wurde und daher zu großen Teilen verloren ging. Unser heutiges Wissen über die germanische Heldensage stammt aus mittelbaren Zeugnissen und Quellen, wie zum Beispiel aus Chroniken oder aus Anspielungen in anderen Text- und Bilddenkmälern.[15] Dies wird daran deutlich, dass sie von denselben Hauptgestalten handelt wie die Heldensage und dass sie von Ereignissen berichtet, die, soweit historisch verwurzelt, in die Zeit des germanischen Heldenzeitalters fallen.

Dieses wird auch als heroic age bezeichnet. Dieses Zeitalter fand bei verschiedenen Völkern zu verschiedenen Zeiten statt.[16] Chadwick definiert es als eine Zeit des Stolzes und des Mutes, in der kein organisiertes politisches System die Menschen daran hinderte ihre Talente zu entfalten.[17] Außerdem fehlt in einem Heldenzeitalter ein nationales Bewusstsein. Bei den Griechen war das heroische Zeitalter, zum Beispiel, zur Zeit des Kampfes um Troja. Bei den Germanen ist es die Zeit der Völkerwanderung vom Einbruch der Hunnen in das Reich der Ostgoten bis zum Einfall der Langobarden in Oberitalien, also von 375 bis 568 n. Chr. .[18] Die Heldensagen, die aus dieser Zeit stammen, wurden mündlich als Heldenlied überliefert und im 13. Jahrhundert als Heldenepen verschriftlicht. Dabei wurden sie formal und inhaltlich umgeformt und ausgeschmückt. Der erhebliche Unterschied im Umfang zwischen Lied und Epos wurde zunächst damit begründet, dass mehrere Lieder zu einem Epos zusammengesetzt wurden.[19] Doch 1905 veröffentlichte Andreas Heusler seine Theorie, in der er den Unterschied mit der Erzählweise begründet.[20] Das Heldenlied ist in gedrungenem, andeutendem, springendem Stil verfasst, während das Epos einen gemächlichen, ausmalenden Stil besitzt. Der Weg vom Lied zum Epos ist also Anschwellung und Ausgestaltung.

Heldendichtung ist also der Teil der Heldensage, die in künstlerischer Form schriftlich festgehalten wurde und von Personen der Völkerwanderungszeit erzählt. Dies unterscheidet die Heldendichtung von der Preisdichtung, die von einer Führergestalt der Gegenwart berichtet. Doch sind in der mittelhochdeutschen Heldendichtung nicht immer germanische Grundlagen nachweisbar oder gar rekonstruierbar.

[...]


[1] Sieburg, Heinz: Literatur des Mittelalters. Berlin: Akademie-Verlag, 2010.S.87.

[2] Rupp, Heinz: Heldendichtung als Gattung der deutschen Literatur des 13. Jahrhunderts. In: Das deutsche Versepos. Hrsg. von Walter Johannes Schröder. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1969. S.237.

[3] Ebd. S.239.

[4] Ebd. S.237.

[5] Ebd.

[6] Heinzle, Joachim: Einführung in die mittelhochdeutsche Dietrichepik. Berlin: de Gruyter, 1999. S.29.

[7] Ebd. S.30.

[8] Ebd. S.72.

[9] Ebd. S.72.

[10] Heusler, Andreas: Die altgermanische Dichtung. Potsdam: Akademische Verlagsgesellschaft Athenaion, 1941. S.164.

[11] Weddige, Hilkert: Einführung in die germanistische Mediävistik. C.H.Beck: München, 2008. S.213.

[12] Bowra, C.M.: Heldendichtungen. Eine vergleichende Phänomenologie der heroischen Poesie aller Völker und Zeiten. Stuttgart: Metzler, 1964.S.51.

[13] Ebd.

[14] Schlosser, Horst Dieter: dtv-Atlas Deutsche Literatur. Deutscher Taschenbuch Verlag: München, 2006. S.67.

[15] Weddige, Hilkert: Einführung in die germanistische Mediävistik. C.H.Beck: München, 2008. S.222.

[16] Hoffmann, Werner: Mittelhochdeutsche Heldendichtung. Schmidt: Berlin. 1974.S.27.

[17] Ebd.

[18] Ebd.

[19] Weddige, Hilkert: Einführung in die germanistische Mediävistik. C.H.Beck: München, 2008. S.224.

[20] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Heldendichtung - Eine Gattung?
Untertitel
Die Abgrenzung der Gattung „Heldendichtung“ ein bekanntes Problem in der Literaturwissenschaft
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Germanistisches Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
ÄDL IV
Note
2,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V194732
ISBN (eBook)
9783656199137
ISBN (Buch)
9783656199465
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heldendichtung, Heldenepik, Dietrichs Flucht, Mittelhochdeutsch
Arbeit zitieren
Katharina Ochsenfahrt (Autor:in), 2012, Heldendichtung - Eine Gattung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194732

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