Die Versorgungspolitik und -lage mit Lebensmitteln in der Reichsmessestadt Leipzig im Zweiten Weltkrieg


Seminararbeit, 2012

35 Seiten, Note: 1,7


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Gliederung

I. Einleitung

II. Hauptteil
2.1 Grundvoraussetzungen der Reichsversorgungspolitik
2.2 Leipzig - eine der größten und bedeutendsten Städte des Dritten Reiches
2.3 Die Versorgungspolitik des Dritten Reiches
2.4 Die Versorgungslage der Stadt Leipzig im Spiegel der städtisch archivalischen Quellen

IV. Schluss
Zusammenfassung und Fazit

V. Anhang
5.1 Literaturverzeichnis
5.2 Quellenverzeichnis
5.2.1 Gedruckte Quellen
5.2.2 Ungedruckte Quellen

I. Einleitung

1943 veröffentlichte der amerikanische Psychologe Abraham Harold Maslow im Psychological Review eine Theorie über die menschliche Antriebskraft. In diesem Artikel beschrieb er die menschlichen Bedürfnisse in einem stufenartigen Pyramidenschema, indem das jeweilige Bedürfnis auf dem jeweils Unteren aufbaut. Als unterste Stufe nennt er die physiologischen Bedürfnisse und darauf aufbauend die der Sicherheit, der Sozialität und als letztes die Bedürfnisse der Selbstverwirklichung. Wenn die Grundstufe der maslowschen Bedürfnispyramide, die physiologischen Bedürfnisse, nicht erfüllt ist, dann können die darüber befindlichen Bedürfnisse nicht entstehen. Unter physiologischen Bedürfnissen sind die Grundbedürfnisse des Menschen zu verstehen, ohne welche ein Leben in keinster Weise möglich wäre. Unter anderem zählen dazu Hunger, Durst, Schlaf, Gesundheit, Wohnraum und Kleidung.1 Mit einem dieser existenziell notwendigen Grundbedürfnisse soll sich diese Arbeit beschäftigen. Das Augenmerk soll hier auf die Ernährungssituation gelegt werden, der in der gesamten Menschheitsgeschichte eine große Bedeutung zukommt, denn das Vorhandensein bzw. das Fehlen von Nahrungsmitteln kann, durch„food riots“, über das Fortbestehen einer ganzen Nation entscheiden.2 Ich möchte in dieser Arbeit den Fokus auf die Versorgungslage und Versorgungspolitik des Dritten Reiches anhand des Beispiels Leipzigs im Zweiten Weltkrieg legen. Leider blieb dieses Thema für den Raum Leipzig in der bisherigen Forschung noch unbeachtet.3 Somit ist in dieser Arbeit Grundlagenforschung zu betreiben. Dem Leser soll ein Einblick in die Funktionsweise der Versorgungspolitik und in die Versorgungslage der Stadt Leipzig im Zweiten Weltkrieg gegeben werden. Die Quellenbasis lieferte in erster Linie der Bestand des Stadtarchivs und des Staatsarchivs Leipzig. Von besonderem Interesse waren dabei die Akten des Stadternährungsamtes, des Stadtpolizeiamtes, die Lageberichte der NSDAP, die geheimen Stimmungsberichte des SD-Abschnitts Leipzig und die Zeitungen der Stadt. Problematisch bei den städtisch archivalischen Quellen, die sich auf den Nationalsozialismus und die Kriegszeit beziehen ist, dass wertvolle Aktenbestände durch alliierte Luftangriffe und den damit einher gehenden Kriegszerstörungen in den Ämtern verloren gingen. Dies gilt in besonderem der Kölner Zivilbevölkerung mit Lebensmitte1n und Gebrauchsgegenständen im Zweiten Weltkrieg: die Auswirkungen nationalsozialistischer Versorgungspolitik auf städtischer Ebene, dargestellt anhand ausgewählter Beispiele. Köln 1998.; Brinkhus, Jörn. Luftschutz und Versorgungspolitik: Regionen und Gemeinden im NS-Staat 1942 - 1944/45. Bielefeld 2010.; Corni, Gustavo / Gies, Horst. Brot - Butter - Kanonen: die Ernährungswirtschaft in Deutschland unter der Diktatur Hitlers. Berlin 1997.

Maße für das Amt für Statistik, für das Ernährungsamt und das Stadtpolizeiamt.4 Um die Versorgungslage der Stadt adäquat darstellen zu können, ist es zunächst unabdingbar, die nationalsozialistische Politik der Vorkriegszeit zu betrachten. Denn nur dadurch kann ersichtlich werden, welche Vorbereitungsmaßnahmen im Bereich der Versorgung mit Lebensmitteln unternommen wurden und wie sich die Ausgangslage auf diesem Gebiet darstellte. Des Weiteren müssen gleichfalls grundsätzliche Faktoren auf Stadtebene beachtet werden. Dem schließt sich die Darlegung der Versorgungspolitik von der Reichsebene bis zur städtischen Ebene an. Letztendlich kann dann, aufgrund der Quellenbasis, die Versorgungslage der Stadt Leipzig im Zweiten Weltkrieg dargestellt und beurteilt werden. Das primäre Ziel dieser Arbeit soll sein, die Funktionsweise der Versorgungspolitik in Leipzig aufzudecken und eine möglichst realistische Darstellung der Versorgungslage zu liefern.

II. Hauptteil

2.1 Grundvoraussetzungen der Reichsversorgungspolitik

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1933 kam es zu umfassenden Umstrukturierungen des Verwaltungsapparates.5 Folgt man der Sicht von Corni und Gies, dann wird bereits dadurch ersichtlich, dass das entstehende nationalsozialistische Regime auf einen Krieg hinarbeitete.6 Die Verwaltung wurde durch eine Reihe von Gesetzen und Verordnungen allmählich in den verschiedensten Bereichen gleichgeschaltet, was letztendlich die zentrale Lenkung von Oben ermöglichte. Weiterhin entstanden neue Verwaltungsorgane, wie zum Beispiel der am 3. September 1933 gegründete Reichsnährstand.7 Eine nur oberflächliche Umstrukturierung der Landwirtschaft schien dabei nicht effizient genug, um die propagierte Nahrungsmittelfreiheit für das Volk zu gewährleisten. Der Reichsnährstand wurde als umfassende, einheitliche und straff gegliederte Organisation 8 geschaffen. Erzeuger, Bearbeiter, Verarbeiter und Verteiler der landwirtschaftlichen Produkte wurden unter einer zentralen Führung zusammengefasst. Für die verschiedenen Produktionszweige wurde jeweils ein Wirtschaftsverband gegründet (z.B. Milch-, Getreide-, Viehverband usw.).9 Dies gab dem Dritten Reich die Möglichkeit einer punktuellen Marktregulierung und Kontrolle der gesamten Landwirtschaft. Leiter des Reichsnährstandes war der Reichsbauernführer, der zugleich der Reichsernährungsminister war.10 Ein Grund für die Gleichschaltung und Kontrolle der landwirtschaftlichen Nahrungsmittelproduktion ist im Trauma des Ersten Weltkrieges zu finden. Besonders die grassierende Hungersnöte während des Krieges, vor allem der sogenannte„Steckrübenwinter“ von 1916/1711 und die als besonders demütigend empfundene englische Hungerblockade12 schien noch allgegenwärtig zu sein. Entscheidend war hier, dass die entstandene Hungersnot die Heimatfront des Kaiserreiches auf das Schärfste schwächte und den eigentlichen„Dolchstoß“ für die Oberheeresleitung darstellte. Jedoch nicht nur den Behörden wurde Versagen nachgesagt, sondern auch den Nahrungsmittelproduzenten13, was die Umstrukturierung der Landwirtschaft vollends legitimierte. Im Allgemeinen kann die Versorgungspolitik des deutschen Kaiserreiches im Ersten Weltkrieg als gescheitert gelten. Es kam kaum zu kriegsvorbereitenden Maßnahmen14, so wurden nur in den seltensten Fällen Vorräte angelegt. Die Zeit als entscheidendes Faktum schien gänzlich unbeachtet geblieben zu sein. Die Produktionskapazität der Landwirtschaft und die eigenen Ressourcen wurden vollkommen fehlerhaft eingeschätzt.15 Generell war die Versorgung der Zivilbevölkerung im Ersten Weltkrieg schlecht organisiert, da nicht zentral von oben durchorganisiert. Die meisten Kommunen waren selbst für ihren regionalen Versorgungsraum verantwortlich.16 Des Weiteren war die Kompetenzverteilung zwischen Reichs-, Länder- und Kommunalebene nicht genau definiert. Somit war es in keinster Weise möglich einen überregionalen Versorgungsausgleich zu schaffen.17 Erst nach und nach wurden kriegswirtschaftliche Maßnahmen ergriffen. So wurde nach zwei Jahren andauernden Krieges im Mai 1916 das Kriegsernährungsamt gegründet18, wobei es freilich schon zu spät war die desaströse Versorgungslage zu bereinigen. Diese katastrophale Versorgungslage im Ersten Weltkrieg kam dem nationalsozialistischen Regime als abschreckendes Beispiel einer Kriegswirtschaft sehr gelegen, um aus den gravierenden Missständen zu lernen und die eigenen neuen Maßnahmen zu legitimieren. So wurde ersichtlich, dass die zufriedenstellende Versorgung der Zivilbevölkerung im Kriegsfall von enormer Wichtigkeit war und nur mit einer ausreichenden Zufriedenheit in der Bevölkerung ein Rückhalt des Systems in der Heimat eine erfolgreiche Finanzierung und Durchführung des Krieges ermöglichte.19 Die ersten Maßnahmen in dieser Hinsicht begannen bereits 1933, indem die freie Marktwirtschaft stark eingedämmt wurde, die noch im Verlauf des Ersten Weltkrieges bestanden hatte.20 Ein weiteres Faktum, welches sich aus den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges ergab, war, dass das Reich sich möglichst unabhängig von äußeren Ressourcen machen musste. Wiederum bereits 1933 begann man verstärkt, das Reich autark zu gestalten. Erzeugnisse sollten im Inland entstehen und wenn dies nicht möglich schien, wurde auf Ersatzstoffe zurückgegriffen. Das betraf im besonderen Maße die Produktion von Eisen, Stahl, Kautschuk, Treibstoff und Zellwolle. Jedoch bezieht sich die Autarkiebestrebung sowohl auf die Nahrungsmittelproduktion als auch auf die gewerbliche Wirtschaft und Industrie, wobei der Schwerpunkt spätestens ab 1936 auf der Industrie lag. Durch den Reichsnährstand war schon ein geeignetes Mittel geschaffen worden, um auf die Landwirtschaft entsprechend einwirken zu können. Auf Grundlage der Blut und Boden Ideologie, die den Bauernstand als„Blutquell der Nation“ und besonders wichtigen Bestandteil der„Volksgenossenschaft“ stilisierte21, wurden ab 1934„Erzeugungsschlachten“ ausgerufen.22 Ferner wurde eine strikte Markt- und Preisordnung vorgegeben.23 Um die von den Bauern verlangte Leistung zu kontrollieren und um sie unter Druck zu setzen, führte man systematische„Hofbegehungen" durch.24 Alle Maßnahmen, die unternommen wurden, sollten letztendlich die Produktionskapazität und Produktionsrate der landwirtschaftlichen Erzeugnisse steigern, um die Nahrungsfreiheit des Volkes zu garantieren und nicht zuletzt einer möglichen Wiederholung einer Hungerblockade im Kriegsfall frühzeitig entgegen wirken zu können.

Eine Gleichschaltung der gewerblichen Wirtschaft war, aufgrund deren Vielschichtigkeit und Größe indes nicht so einfach zu realisieren, jedoch wurden auch in diesem Sektor Organisationen gegründet, die das lenkende Eingreifen des Staates ermöglichen sollten.25 Folgt man an dieser Stelle wiederum Corni und Gies, dann ist eine beginnenden Gleichschaltung der gewerblichen Wirtschaft ab 1934 anzunehmen.26 Spätestens seit 1936 wurde die relative Selbständigkeit der Unternehmen sukzessiv unter staatliche Führung gestellt.27 Bei der Betrachtung dieses Prozesses tritt jedoch das Problem auf, dass nicht immer klar unterschieden werden kann, was nun auf dem wirtschaftlichen Willen der Firmen- und Fabrikbesitzer basierte und was durch den staatlichen Willen bedingt wurde, da beide Interessensphären allzu oft deckungsgleich erscheinen.28

Ein weiterer entscheidender Eingriff in die verschiedensten Wirtschafts- und Produktionsbereiche stellte die Verkündung des Vierjahresplans im Herbst 1936 dar. De factum wurde dieser„Plan“ als eine bürokratische Institution mit dem Rang einer Obersten Reichsbehörde unter dem Vorstand Hermann Görings geschaffen.29 Durch den Vierjahresplan wurde letztlich eine staatlich reglementierte„Kommandowirtschaft“ auf Grundlage eines privat-kapitalistischen Systems errichtet. Das bedeutet in letzter Instanz die komplette Unterordnung der Wirtschaft unter die politischen Zielen des NS-Regimes. Er war ein allgemeines Instrument der Rüstungspolitik und sollte den potenzierten Bedarf der Rüstungsindustrie zu Ungunsten der Verbrauchsindustrie decken.30 Entscheidend an dieser Stelle sind die Bestimmungen des Vierjahresplanes, dabei sollte bekanntlich das Reich binnen vier Jahren vollkommen kriegsfähig sein.31 Jedoch diese Vorbereitungen auf einen baldigen Krieg hemmte das Anlegen von volkswirtschaftlichen Reserven besonders für den zivilen Sektor, da diesem wichtige Ressourcen entzogen wurden um den wachsenden Bedarf der Rüstungsindustrie zu decken.32 Für die Ernährung wurden jedoch Maßnahmen ergriffen, um eine langfristige Vorratshaltung zu gewährleisten. So wollte man die Kapazitäten der Getreidesilos enorm steigern.33 1939 wurden ein Vorrat von 6,4 Millionen Tonnen Brotgetreide und 2,4 Millionen Tonnen Futtergetreide angelegt.34 Der Landwirtschaft schenkte man besondere Beachtung, da sie im Vierjahresplan mit einbezogen wurde. Hermann Göring und

dadurch auch Herbert Backe, als Leiter der„Geschäftsgruppe Landwirtschaft“, konnten nun auch über den Reichsbauernführer und Reichsernährungsminister Darré hinweg Anweisungen an das Reichsernährungsamt stellen und in deren innere Angelegenheiten eingreifen.35 Dies hatte zur Folge, dass sich Göring ab 1937 selbst in die Agrarpolitik einmischte und agrarfördernde Verordnungen erließ, aber gleichfalls den Repressionsdruck auf die Bauern erhöhte.36 Dadurch sollte eine nochmalig Steigerung der inländischen Nahrungsmittelproduktion und dadurch nicht zuletzt Deviseneinsparungen erreicht werden, die nun der Rüstungsindustrie zugeführt werden konnten.37 Jedoch denke ich behaupten zu können, dass die Nahrungsmittelversorgung klar und deutlich hinter der Rüstungsindustrie anzusiedeln ist. Bedenkt man Hitlers Worte bei dem sogenannten„Parteitag der Ehre“ vom 8. bis 14. September 1936, dann wird dies sehr deutlich ersichtlich. Es bewegt uns nicht so sehr die Frage, ob manches Mal die Butter mehr oder weniger ist, oder ob die Eier etwas knapper werden, sondern es verpflichtet uns in erster Linie die Sorge, daßdie breite Masse unseres Volkes in Arbeit und Verdienst bleibt und sich damit vor dem Zurücksinken in die grauenhafte Not der Erwerbslosigkeit bewahren kann. 38 Nebenher sollte gleichfalls klar werden, dass das Regime bereits 1936 die Bevölkerung dazu aufrief, sich in Enthaltsamkeit zu üben und der allgemeine zivile Konsum, zum Wohle der Erwerbstätigkeit, eingeschränkt werden sollte. Im Grunde bedeutet diese Enthaltsamkeit der Zivilbevölkerung nichts weiter, als dass man versuchte, die frei gewordenen Ressourcen und Devisen der Rüstung zuzuführen. Es kamen folglich harte Zeiten auf die„Volksgenossen“ zu, die von Mangel geprägt waren, allerdings mit dem Versprechen auf baldige Besserung der Lage.39

Fassen wir an dieser Stelle das für das Folgende Wichtigste zusammen. Es ist ein systematisches Einwirken des NS-Regimes ab 1933 auf die Landwirtschaft zu konstatieren, wobei mit dem Vierjahresplan 1936 diese Anstrengungen nochmalig verstärkt wurden. Dieses kontrollierte Einwirken spielte eine wichtige Rolle im Bezug auf Regulierung, Einfuhr und Devisenwirtschaft. Einer der wichtigsten Gründe für diese Umstrukturierung in der Verwaltung resultierte aus den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges. Folglich wollte man bereits kurz nach der„Machtergreifung“ Ernährung und Wirtschaft auf einen kommenden Krieg ausrichten. Entscheidend war dabei, dass im Kriegsfall auf diese Bereiche verstärkt eingewirkt werden konnte. Dies schaffte die Voraussetzung um die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Reichsverteidigung im Kriegsfall zu befriedigen. Das Ergebnis dieser weitgreifenden Umstrukturierung der Verwaltung war folglich ein recht müheloser und fließender Übergang von einer Friedenswirtschaft in die Kriegswirtschaft.40 Trotz der erstaunlichen Effizienz und Leistungen, die das NS-Regime auf äußerst fraglichem Weg erreichte, war die Versorgungslage des Dritten Reiches 1939 keineswegs autark. Besonders der Bedarf an Fetten konnte nur zur Hälfte aus der inländischen Produktion gedeckt werden.41 Vor allem durch den enormen Verbrauch der Rüstungsindustrie handelte es sich bei bestimmten Produkten teilweise um eine Mangelwirtschaft. Weiterhin wurden Maßnahmen der Vorratshaltung ergriffen. Im Sommer 1940 äußert sich Hermann Reichle in Bukarest zur Versorgungslage des Reiches folgendermaßen:„ Diese Vorräte sind, wie jeder unserer Freunde und Gegner weiß, enorm. Allein an Brotgetreide verfügen wir […] über gewaltige Vorräte.42 “ Diese Angabe zur Vorratslage scheint wohl zu optimistisch gewesen zu sein, aber im Allgemeinen ist eine gute Kriegsvorbereitung hinsichtlich der Ernährung zu konstatieren.43

2.2 Leipzig - eine der größten und bedeutendsten Städte des Dritten Reiches

Das Krisenjahr 1929 traf die Stadt Leipzig besonders schwer. In der Stadt grassierte die wirtschaftliche Depression, was letztendlich einen Einbruch in der Konsumgüterindustrie mit sich zog und so für eine recht hohe Arbeitslosigkeit sorgte. Dies war für die Bewohner Leipzigs besonders schlimm, da sich das Milieu der Stadt durch einen hohen Anteil von einfachen Arbeitern auszeichnete.44 Leipzig gilt bereits seit dem 19. Jahrhundert als eine Arbeiterstadt. Traditionell wichtige gewerbliche Zweige waren Pelzverwertung, Buchdruck, Maschinenbau, Textilindustrie und Braunkohleförderung im Umland. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten besserte sich die Lage allmählich. Firmen wie die Erla Maschinenwerk GmbH oder die Mitteldeutsche Motorenwerke GmbH siedelten sich in Leipzig an und schafften neue Arbeitsplätze.45 Des Weiteren bekamen bereits ansässige Firmen, wie die Allgemeine Transportanlagen GmbH46 neue Aufträge, die die angespannte Arbeitssituation deutlich milderten. Letztendlich war dieser Aufwärtstrend der Rüstungsindustrie zu verdanken. Schon 1933 lieferte die Hugo Schneider Aktiengesellschaft (HASAG) für die Wehrmacht Munition und wurde bereits im Folgejahr als„Wehrmachtbetrieb“ eingestuft.47 Dass man bei der Vergabe von Rüstungsaufträge besonders Leipzig bedachte war keineswegs ein Zufall, denn Leipzig lag zentral im Reich, verfügte über ausgesprochen gute Transportwege48, das benötigte wissenschaftliches Potential war durch die Universität präsent, es waren bereits Chemiefabriken vorhanden49, wichtige Grundstoffe, wie Kohle, waren im Umland verfügbar und wurden bereits abgebaut und weiterverarbeitet. Darüber hinaus war die Stadt nicht nur reiner Industriestandort, sondern auch Kulturort. Führend war Leipzig im Buch- und Verlagswesen. Bereits 1825 wurde der Börsenverein der Deutschen Buchhändler zu Leipzig gegründet und im Folgejahr begann die Firma Brockhaus mit der industriellen Herstellung von Büchern. Ebenfalls große Bedeutung hatten die, seit dem späten Mittelalter stattfindenden Messen. Bei der offiziellen Volkszählung im Jahre 1939 wurden in Leipzig ca. 707.000 Einwohner gezählt.50 Damit war die Stadt die Fünftgrößte Großdeutschlands. Entsprechend hoch war der tägliche Bedarf an Lebensmittel, die in die Stadt geleitet werden mussten. Als wäre dies nicht genug, erhöhte sich nach Kriegsbeginn der zu versorgende Personenkreis. So wurden um Leipzig mehrere Divisionen der Wehrmacht stationiert51, die die Stadt zum Teil mitversorgen musste. Dasselbe trifft für die nach Leipzig verschleppten Zwangsarbeiter zu.52 Andererseits wurden der Stadt ab 1939, durch den Einberufungsbefehl der Wehrmacht, sukzessiv Arbeitskräfte entzogen, was zur Folge hatte, dass es in der Stadt an Fachkräften und Beamten fehlte.53 Im schlimmsten Fall, sofern kein Ersatz gefunden wurde, mussten gar die von ihnen geleiteten Kleinbetriebe wie Bäckereien, Fleischereien, Arztpraxen usw. schließen. Zusammenfassend ist zu konstatieren, dass Leipzig am Ende der 30-er Jahre des letzten Jahrhunderts ein industrieller und kultureller Knotenpunkt des Dritten Reiches war. Besonders die Rüstungsindustrie hatte die Vorzüge dieser Stadt erkannt und begann zu expandieren. Da sich nun folglich im Stadtgebiet eine Vielzahl an Menschen ballten, denen keine Selbstversorgung möglich war, musste die Stadt, im speziellen der Handel, dafür sorgen, dass der ungeheure tägliche Bedarf an Lebensmitteln nicht nachließ.

[...]


1 Vgl. Maslow, Abraham Harold. A Theory of Human Motivation. Psychological Review 50. (1943) S. 370-396.

2 Vgl. Gailus, Manfred / Volkmann, Heinrich. Nahrungsmangel, Hunger und Protest. In: Der Kampf um das tägliche Brot: Nahrungsmangel, Versorgungspolitik und Protest 1770 - 1990 (Schriften des Zentralinstituts für Sozialwissenschaftliche Forschung der Freien Universität Berlin 74). Hrsg. Gailus, Manfred / Volkmann, Heinrich. Opladen 1994. S. 9-26.

3 Jedoch finden sich Vergleichsarbeiten mit ähnlichen Themenschwerpunkten: Wiggen-Jux, Gabriele. Die Versorgung

4 Vgl. Berger, Beate. Übersicht über die Bestände des Stadtarchivs Leipzig (Leipziger Kalender: Sonderband 2002/1). Hrsg. Stadt Leipzig / Stadtarchiv. Leipzig 2002. S. 4.

5 Vgl. Tooze, Adam. Ökonomie der Zerstörung: die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus. München 2007². S. 33.

6 Vgl. Corni / Gies. 1997. S. 339-409, bes. S. 404.

7 Vgl. Münkel, Daniela. Nationalsozialistische Agrarpolitik und Bauernalltag (Campus-Forschung 735). Frankfurt u.a. 1996. S. 100.

8 Müllenbusch, Josef. Die Organisation der deutschen Ernährungswissenschaft. Berlin 1941. S. 11.; Wiggen-Jux. 1998. S. 20.

9 Vgl. allgemein zum Reichsnährstand Münkel. 1996. S. 100-106.; Frank, Claudia. Der Reichsnährstand. Hamburg 1988. passim.

10 Leiter war von 1933-1942 Walther Darré, vgl. Uffa, Jensen. Art. Reichsnährstand. In: Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Hrsg. Benz, Wolfgang. Stuttgart 2007. S. 750.

11 Vgl. Kluge, Ulrich Agrarwirtschaft und ländliche Gesellschaft im 20. Jahrhundert (Enzyklopädie deutscher Geschichte 73). München 2005. S. 14.

12 Vgl. Mües-Baron, Klaus. Heinrich Himmler - Aufstieg des Reichsführers SS (1900 - 1933). Göttingen 2011. S. 110, 113.

13 Vgl. Raillard, Susanne. Die See- und Küstenfischerei Mecklenburgs und Vorpommerns 1918 bis 1960: traditionelles Gewerbe unter ökonomischem und politischem Wandlungsdruck (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte 87). München 2012. S. 70, hier am Bsp. von Stralsund.

14 Vgl. Skalweit, August Karl Friedrich. Die deutsche Kriegsernährungswirtschaft: geschichtliche Entwicklung Teil IV: 1918-1919. Berlin 1934. passim.

15 Vgl. Skalweit, August Karl Friedrich. Die deutsche Kriegsernährungswirtschaft: geschichtliche Entwicklung Teil II: 1914-1918. Berlin 1934. S. 5-38.

16 Vgl. Beckstein, Hermann. Städtische Interessenpolitik 1991. S. 231.; Wiggen-Jux. 1998. S. 17.

17 Vgl. Gries, Rainer. Die Rationen-Gesellschaft: Versorgungskampf und Vergleichsmentalität: Leipzig, München und Köln nach dem Kriege. Münster 1991. S. 22.

18 Vgl. Bekanntmachung über die Errichtung eines Kriegsernährungsamts vom 22.5.1916 im deutschen Reichsgesetzblatt (1916) S. 402.

19 Vgl. Reichsverwaltungsblatt vom Nov. 1939, Bd. 60 Nr. 46, S. 843.

20 Vgl. Wiggen-Jux. 1998. S. 19. Für weiter kriegsvorbereitende Maßnahmen seit 1933 vgl. Wildt, Michael. Geschichte des Nationalsozialismus. Göttingen 2008. S. 96-98, 101-103, 134-145. In Kürze dazu auch: Werner, Oliver (Hrsg.). Mobilisierung im Nationalsozialismus: Institutionen und Regionen in der Kriegswirtschaft und der Verwaltung des "Dritten Reiches" 1936 bis 1945. Paderborn 2012.

21 Bereits im Juli 1932 schrieb Walther Darré in der von ihm gegründeten Monatsschrift Deutsche Agrarpolitik: Wir wollen das Blut und den Boden wieder zur Grundlage einer deutschen Agrarpolitik machen. Zitiert nach Corni / Gies. 1997. S. 23; Vgl. zur Ideologie: Münkel. 1996. 326ff.

22 Die „10 Gebote der Erzeugungsschlacht“ vgl. Münkel. 1996. S. 110.

23 So wurde ein Festpreis für landwirtschaftliche Produkte festgesetzt, ferner war es dem Bauer verboten sein Produkte selbst zu verarbeiten und direkt an den Verbraucher zu verkaufen. Vgl. Reichsnährstandgesetz vom 13.9.33 Reichsgesetzblatt I (1933), S. 626. Vgl. zur Markt- und Preisregulierung im agrarwirtschaftlichen Sektor: Münkel. 1996. S. 106-108 und allgemein Corni / Gies. 1997. S. 335ff., Brinkhus. 2010. S. 37ff.

24 Vgl. Corni / Gies. 1997. S. 475; Münkel. 1996. S. 122.

25 Vgl. Reichsverwaltungsblatt vom 16.3.40 Bd. 61, S. 113-117.

26 Vgl. Corni / Gies. 1996. S. 219.

27 Vgl. Hildebrand, Klaus. Das dritte Reich (Oldenbourg Grundriß der Geschichte 17). München 2009. S. 46.

28 Vgl. Wiggen-Jux. 1998. S. 23.

29 Vgl. Eichholtz, Dietrich. Vierjahresplan. In: Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Hrsg. Benz, Wolfgang. Stuttgart 2007. S. 851f.

30 Vgl. Petzina, Dietmar. Autarkiepolitik im Dritten Reich. Der nationalsozialistische Vierjahresplan (Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 16). Stuttgart 1968. S. 11.

31 Vgl. Treue, Wilhelm. Dokumentation: Hitlers Denkschrift zum Vierjahresplan. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte Jg. 3 Hf. 2 (1956). S. 184-210, hier S. 210.

32 Für die Ernährung wurden jedoch Maßnahmen ergriffen, um eine langfristige Vorratshaltung zu gewährleisten. So stieg die Kapazität der Getreidesilos und es wurden 1938/39 6,4 Millionen Tonnen Brotgetreide und 2,4 Millionen Tonnen Futtergetreide angelegt. Um eine Relation herzustellen aus 6000t Getreide 5000t Mehl und daraus 150 Millionen Brötchen. Vgl. Corni / Gies. 1997. S. 406.

33 Vgl. Gefüge und Ordnung der deutschen Landwirtschaft: Als Gemeinschaftsarbeit d. Forschungsdienstes. Hrsg. Mayer, Konrad. Berlin 1939. S. 540.

34 Vgl. Corni / Gies. 1997. S. 406.

35 Vgl. Münkel. 1996. S. 122.

36 Z.B. in der Verordnung zur Sicherung der Landbewirtschaftung vom 23.3.1937 wurde die Art und Nutzung der landwirtschaftlichen Anbauflächen diktiert. Vgl. Reichsgesetzblatt I (1937), S. 422.

37 Ebenda.

38 Hitler, Adolf. Die Reden des Führers am Parteitag der Ehre. München 1936². S. 19.

39 Vgl. Hildebrand. 2009. S. 47. Jedoch muss man gleichfalls betonen, dass die Versorgungslage der Zivilbevölkerung im Jahre 1939 deutlich besser war als im Krisenjahr 1929 und in den Kriegsjahren des Ersten Weltkrieges vgl. Corni / Gies. 1997. S. 488. Vgl. zu dem verlangten Verzicht der Bevölkerung: Treue. 1955. S. 201.

40 Vgl. Wiggen-Jux. 1998. S. 21ff.

41 Vgl. Corni / Gies. 1997. S. 485. Zur enormen Leistungssteigerung im Agrarbereich vgl. Münkel. 1996. S. 123ff.

42 Reischle, Hermann. Die geistige Grundlage der Marktordnung. München 1940. S. 85.

43 Vgl. Corni / Gies. 1997. S. 405.

44 Vgl. Schreiber, Carsten. Elite im Verborgenen: Ideologie und regionale Herrschaftspraxis des Sicherheitsdienstes der SS und seines Netzwerks am Beispiel Sachsens (Studien zur Zeitgeschichte 77). München 2008. S. 252.

45 Vgl. Erla Maschinenfabrik GmbH. Staatsarchiv Leipzig Nr. 20783.

46 Vgl. Allgemeine Transportanlagen GmbH, Maschinenfabrik. Staatsarchiv Leipzig Nr. 20778.

47 Allgemein zur Rüstung vgl. Hesse, Klaus: 1933-1945 Rüstungsindustrie in Leipzig. Leipzig 2000².

48 1915 wurde der Flugplatz Leipzig-Lindenthal eingeweiht und gleichfalls 1915 waren die Bauarbeiten am Leipziger Hauptbahnhof, der nun den größten Kopfbahnhofs Europas darstellte, abgeschlossen. Vgl. Buhl, Susann / Gohlis, Tobias. Leipzig. Ostfildern 2009. S. 72.

49 Chemiefabriken waren von enormer Wichtigkeit für die Dünger- und Sprengstoffherstellung. Einer der größten Betriebe in Leipzig war die Firma Schimmel. Vgl. Schimmel & Co, Staatsarchiv Leipzig Nr. 20721.

50 Vgl. Guldemann, Martina / Kunnemann, Otto. Geschichte der Stadt Leipzig. Gudensberg-Gleichen 2004². S. 116.

51 Zwei Luft- vier Landdivisionen nach: Kürschner, Dieter / Kürschner, Sven. Das Kriegsende in Leipzig und Nordwestsachsen. In: Kriegsschauplatz Sachsen 1945: Daten, Fakten, Hintergründe. Hrsg. Kunz, Dietmar. Altenburg 1995. S. 30-51, hier S. 31.

52 Vgl. Fickenwirth, Thomas / Horn, Birgit / Kurzweg, Christian. Fremd- und Zwangsarbeit im Raum Leipzig 1939 - 1945: archivalisches Spezialinventar (Leipziger Kalender : Sonderband 2004,1). Leipzig 2004. S. 15.

53 Vgl. Foerster, Christel. Leben in Leipzig: 1900 - 1970. Erfurt 1997. S. 69.

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Details

Titel
Die Versorgungspolitik und -lage mit Lebensmitteln in der Reichsmessestadt Leipzig im Zweiten Weltkrieg
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
35
Katalognummer
V194751
ISBN (Buch)
9783656207740
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
versorgungspolitik, lebensmitteln, reichsmessestadt, leipzig, zweiten, weltkrieg
Arbeit zitieren
Pierre Köckert (Autor), 2012, Die Versorgungspolitik und -lage mit Lebensmitteln in der Reichsmessestadt Leipzig im Zweiten Weltkrieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194751

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