Die Schrift vor dem Buchstaben

Jacques Derridas konzeptionelle Entwicklung einer Skripturalität des Zeichens in der Auseinandersetzung mit Saussure und Husserl


Hausarbeit, 2010
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Auf dem Weg zur Grammatologie - Derridas Saussure-Lektüre
2.1. Die Textur der Sprache
2.2. Das gefährdete Innen
2.3. Eine Schrift vor der Schrift
2.4. Die vereinbarte Spur

3. Die Idealität des Zeichens - Derridas Husserl-Lektüre
3.1. (Noch) Einmal
3.2. Die Idealität der Bedeutung und die reine Präsenz
3.3. Die Re-Präsentation und das Zeichen
3.4. Von der Grammatologie zur Thanatologie

4. Der verlorene Ursprung und das unendliche Zitat

5. Literaturverzeichnis

1. Einführung

„...denn was ist die Idealität anders als gerade: das zweite Mal?“

Kierkegaard, Die Krise

Der erste Teil der Grammatologie - eines der drei grundlegenden, im Jahr 1967 veröffentlichten Werke Jacques Derridas, das den Begriff des Grundlegenden zugleich in Frage stellt - trägt den Titel Die Schrift vor dem Buchstaben. Was aber ist diese Schrift? Wofür ist sie ein Name? In welcher Hinsicht, in welcher Konstellation von Begriffen, und im Horizont welcher Folgen ist dieses Vor als Vorausgehendes und VorGeschriebenes einer Schrift vor der Schrift zu verstehen?

Diese Fragen nach der Konzeption und Tragweite dessen, was Derrida unter den Begriffen der (Ur-)Schrift, der grammè oder der Spur thematisiert, werden das Zentrum der vorliegenden Arbeit bilden. Sie wird in der textnahen Auseinandersetzung mit verschiedenen, gleichwohl miteinander kommunizierenden Arbeiten Derridas dasjenige zu umkreisen versuchen, was noch vor aller traditionellen Schrift im klassischen Sinne einer rein instrumentellen Kulturtechnik am Zeichen 'aufschreibbar' ist. Eine solche Re- konstruktion seines Schriftbegriffs ist insofern von hoher Relevanz als es gerade diese 'Aufschreibbarkeit' oder: genuine Skripturalität des Zeichens ist, aus der Derrida die eigentliche Legitimation und Kraft seiner Kritik des von ihm sogenannten Phono- (logo)zentrismus gewinnt.

Denn unterliegt ein jedes Zeichen, unabhängig von seiner Ausdruckssubstanz (Hjelmslev), einer graphematischen Struktur, so kann dem durch die Stimme (phonè) verlautbarten Zeichen nicht mehr die Unmittelbarkeit oder Nähe zu einer in sich erfüllten Präsenz der Bedeutung oder Intention zugesprochen werden, mit der die heterogensten Diskurse der abendländischen Philosophie das gesprochene Wort immer wieder übereinstimmend assoziiert haben. Die Zeichenhaftigkeit des Zeichens, so Derrida, muss durch eine Struktur garantiert werden, die jeder bewussten Intention und Intentionalität, so wie jeder (Selbst-)Gegenwart und/als/oder Vergegenwärtigung immer schon vorgängig ist. Ansonsten wäre nicht verständlich, warum ein Zeichen auch noch in der völligen Abwesenheit sowohl seines Benutzers als auch seines Adressaten und/oder Referenten als Zeichen 'lesbar' bleibt.

Diese für jegliche Zeichenkonstitution notwendige Identifizierbarkeit verknüpft Derrida, wie sich zeigen wird, im Rekurs auf Husserl mit dem Begriff der Idealität. Diese gründet letztlich in der Möglichkeit der Wiederholung, im 'Noch einmal', oder, um den am Ende dieser Arbeit bedeutsamen Begriff Derridas anzuführen: der Iterabilität. Impliziert Idealität für Husserl wesentlich eine Wiederholung des Selben, so kann sie innerhalb von Derridas eng an Saussures Linguistik orientierter Konzeption nur die Wieder-Holung eines Gleichen in die stets differierende Textur anderer Zeichen sein, zu denen es in einer konstitutiven, differentiellen Relation steht. Das Zeichen wahrt seine Stabilität als Marke innerhalb einer autonomen Textur flottierender Zeichen nur im Modus einer permanenten Destabilisierung - in einem Akt zwischen Differenz und Wiederholung.

Damit wäre bereits der Weg der folgenden Untersuchungen angedeutet. Sie werden beginnen mit einer Darstellung der Auseinandersetzung Derridas mit Saussures Theorie des Zeichens und dessen Ausschließung der (traditionellen) Schrift als Sekun- däres der (Laut-)Sprache. Derrida interpretiert diese Exklusion als eine symptomatische Verdrängung im Zeichen eines Phantasmas reiner Unmittelbarkeit und Eigentlichkeit, um schließlich gerade das Verdrängte als das primäre, konstitutive Prinzip des Semio- tischen aufzuweisen. Diesem Aufweis folgt eine Darstellung der bereits oben in ihren Grundzügen skizzierten Kritik und Weiterführung der Husserlschen Idealitäts- konzeption. Dabei sollen die Konsequenzen von Derridas Konzeption einer vörgängigen Skripturalität des Zeichens, die er auf Grundlage seiner Lektüren von Saussure und Husserl entwickelt, im Einzelnen aufgezeigt werden.

2. Auf dem Weg zur Grammatologie - Derridas Saussure-Lektüre

2.1. Die Textur der Sprache

Der Name Ferdinand de Saussures verbindet sich mit einem Diskurs über das „Sprachliche der Sprache“1, der wie kein anderer wesentliche Prämissen der Dekon- struktion vorwegnimmt. Vielleicht, dass sich aus dieser Nähe eine gewisse Ambivalenz in Derridas Auseinandersetzung mit Saussures Cours erklären ließe. Einerseits sei Saussure zwar der Wegbereiter einer Allgemeinen Grammatologie, andererseits aber hätte ihm die Verstricktheit in die Tradition einer logozentrischen Metaphysik die ei- gentlichen Konsequenzen seiner Lehre verborgen, die Derrida in seiner Lektüre des Cours zu ziehen meint: „In Saussures Diskurs schreibt sich etwas, das nie gesagt wurde: nichts anderes nämlich als die Schrift selbst als Ursprung der Sprache.“ (77)2 Dann aber ist „nicht der reine Ursprung [...] bedroht, sondern die Bedrohung ist der Ursprung.“3

Im Folgenden sollen zunächst überblicksartig die Prämissen der Saussureschen Linguistik herausgestellt werden, die Derridas Konzeption des Zeichens als skripturaler Marke wohl am nächsten sind. In einem weiteren Teil werden sodann die Punkte in Saussures Cours thematisiert, die ihn aus Derridas Sicht daran gehindert haben, die Konsequenzen seiner Konzeption zu erkennen, und so zugleich die eigentlichen Ansatzpunkte einer dekonstruktiven Lektüre bieten.4

Form und Differenz sind die wesentlichen Begriffe einer Konzeption von Linguistik, die sich radikal von einer traditionellen Vorstellung von Sprache als „Nomenklatur“5 und damit von einer Logik der Repräsentation verabschiedet. Die Sprache ist kein substanzialistisch verstandenes Inventar an Namen für externe, bereits in sich selbst konstituierte Referenzobjekte, sondern vielmehr eine Form, die eine Vor- stellung von Gegenständen und mithin Gegenständlichkeit überhaupt erst ermöglicht: „Psychologisch betrachtet ist unser Denken, wenn wir von seinem Ausdruck durch die Worte absehen, nur eine gestaltlose und unbestimme Masse.“6 Ja, ohne sprachliche Vorstrukturierung unseres Denkens wären wir außerstande, „zwei Vorstellungen dau- ernd und klar auseinander zu halten.“7 Vor allem dürfe die Sprache nicht als ein funktio- nales „Mittel zum Ausdruck der Gedanken“ vermittelst bloßer Laute missverstanden werden, denn auch die Laute sind als reine Ausdruckssubstanz zunächst - genauso wie die chaotische „Nebelwolke“ des Denkens - nur eine amorphe Masse.

Folglich muss etwas der materiellen Ausdruckssubstanz der Sprache voraus- gehen, damit sie als ein „Verbindungsglied zwischen dem Denken und dem Laut“8 fungieren kann: Eine strukturelle Form, die die phonetischen Einheiten als Zeichen voneinander abzugrenzen und derart zu identifizieren erlaubt. Diese Strukturalität er- zeugt sich, Saussure zufolge, durch letztlich nicht weiter erklärbare9 und historisch kon- tingente Abgrenzungen, Einschnitte und Tranchen, die die Sprache zu einem „Gebiet der Artikulation“10 machen. Aus dieser Konzeption folgt, dass ein Zeichen sich allein durch die Position bestimmt, die es innerhalb der Sprache als System voneinander dif- ferierender Elemente einnimmt. Ein Zeichen kann nicht als vollkommen isolierte Entität existieren, da ihm eine Bedeutung - Saussure wird den Begriff des „Wertes“ einführen - nur als Element innerhalb einer es umfassenden, topologischen Ordnung anderer Zeichen zukommen kann. Damit gilt, dass ein Zeichen nur Zeichen zu sein vermag in der differentiellen Relation zu dem, was es nicht ist, einem Anderen: der Struktur eines Differenzsystems, innerhalb dessen es sich lokalisieren lässt, und dessen Kern wesentlich ein System von Gegensätzen konstituiert: „Was ein Zeichen an Vorstellungen oder Lautmaterial enthält, ist weniger wichtig als das, was in Gestalt der anderen Zeichen um dieses herum gelagert ist.“11

Von dieser Konzeption ausgehend kann Sprache nicht mehr als ein (Transport-)Medium absolut von ihr unabhängiger und gleichsam präexistenter Gedanken oder Bedeutungen gedacht werden. Diese können - in jedem Sinne - nur artikuliert werden, und das heißt: zur Erscheinung kommen im Rahmen eines differentiellen Verweisungszusammenhangs, dessen Elemente sich in einem auf diachroner Ebene prinzipiell immer schon instabilen Bezug zu anderen Elementen befinden. Erst die Sprache lässt Vorstellungen und Gedanken das sein, was sie sind, indem sie ihnen ihre immanente Struktur immer schon vorgegeben hat: „Der Mensch spricht, insofern er der Sprache entspricht.“12 Und da des Weiteren diese für jedes Element konstitutive Differenz zu allen übrigen Elementen selber nicht zur Erscheinung kommt, so ist die Präsenz eines jeden Gedankens immer schon von einer unhintergeh- baren Absenz durchfurcht. Damit aber sind, wie sich noch zeigen wird, schon bei Saussure implizit alle Prämissen angelegt, deren Konsequenzen Derrida aus dessen Linguistik für die Philosophie ziehen wird.

2.2. Das gefährdete Innen

Konstituiert sich die Sprache allein durch die Einschnitte und Tranchen, die sie als autonome Textur voneinander differentieller Zeichen strukturieren, so muss sie, wie sich bereits gezeigt hat, von der Materialität ihrer Ausdrucksträger unabhängig sein.

Dies betont Saussure hinsichtlich der Lautsubstanz mit aller Deutlichkeit: „[D]as Wesentliche an der Sprache ist [...] dem lautlichen Charakter des sprachlichen Zeichens fremd.“13 Umso mehr irritiert es daher, wenn er im sechsten Kapitel seiner Einleitung zum Cours geradezu apodiktisch zwischen dem System der (gesprochenen) Sprache und dem der Schrift unterscheidet. Wenngleich die Schrift dem „inneren System“ der Sprache fremd sei, erklärt Saussure, so müsse doch umso mehr auf „Nutzen, Fehler und Gefahren“ der schriftlichen Notation für die Sprachwissenschaft hingewiesen werden. Weiter heißt es: „Sprache und Schrift sind zwei verschiedene Systeme von Zeichen; das letztere besteht nur zu dem Zweck, um das erstere darzustellen. Nicht die Verknüpfung von geschriebenem und gesprochenem Wort ist Gegenstand der Sprachwissenschaft, sondern nur das letztere, das gesprochene Wort allein ist ihr Objekt.“14

[...]


1 So charakterisiert Johannes Fehr in seinem sehr aufschlussreichen, einleitenden Kommentar Saussures Bestimmung des spezifischen Gegenstandes der Linguistik: de Saussure, Ferdinand: Linguistik und Semiologie, Frankfurt a. M.2003, S.72.

2 Die in Klammern angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf: Derrida, Jacques: Grammatologie, übers. v. Hans-Jörg Rheinberger u. Hanns Zischler, Frankfurt a. M. 1996.

3 Roggenbuck, Simone: Saussure und Derrida, Tübingen 1998, S.90.

4 Die möglichen und wichtigen Fragen nach der Legitimität und dem Gewicht von Derridas Saussure- Lektüre können in dieser Arbeit nicht eingehend verhandelt werden Dies ist aber auch insofern innerhalb ihres Horizontes nicht notwendig als sie vor allem auf die immanente Argumentation und Methodik Derridas zielt. Es sei aber wenigstens auf die folgenden Arbeiten verwiesen: Ansén, Reiner: Defigurationen. Versuch über Derrida, Würzburg 1993, S.55-76; Fehr, Johannes: Die Theorie des Zeichens bei Saussure und Derrida oder Jacques Derridas Saussure-Lektüre, in: Cahiers Ferdinand Saussure 46 (1992), S.35-54; Mersch, Dieter: Was sich zeigt, München 2001, S.283-336.

5 de Saussure, Ferdinand: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, über. v. Herman Lommel, Berlin/New York 2001, S.77.

6 Ebd., S.133.

7 Ebd.

8 Ebd.

9 Saussure selbst spricht vom sprachlichen System der Artikulation als von einer „einigermaßen mysteriösen Tatsache“ (ebd.,134).

10 Ebd., S.134.

11 Ebd., 143/144.

12 Heidegger, Martin: Die Sprache, in: Unterwegs zur Sprache, Stuttgart 2007, S.11-33; hier: S.33.

13 de Saussure, Ferdinand: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, Berlin/New York 2001, S.8.

14 Ebd., S.28 (Hervorhebung von mir).

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Schrift vor dem Buchstaben
Untertitel
Jacques Derridas konzeptionelle Entwicklung einer Skripturalität des Zeichens in der Auseinandersetzung mit Saussure und Husserl
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Jacques Derrida: Différance und Dekonstruktion
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V194806
ISBN (eBook)
9783656203261
ISBN (Buch)
9783656205982
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dozentin: Juliane Spitta
Schlagworte
Derrida, Dekonstruktion, Differenz, Différance, Poststrukturalismus, Phänomenologie, Linguistik, Husserl, Saussure, Zeichen, Spur, Grammatologie, Signatur, Kontext, Idealität, Präsenzmetaphysik, Präsenz, Stimme, Phonozentrismus
Arbeit zitieren
Maximilian Gilleßen (Autor), 2010, Die Schrift vor dem Buchstaben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194806

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