Suicide bombing, heilige Bombe, Islamikaze, Selbstmordattentat, Selbsttötungschanschlag – Das Phänomen, mit dem sich die internationale Sicherheitspolitik seit dem Ende der 60er Jahre auseinandersetzen muss, hat viele Namen. Ausgehend von islamistisch geprägten Organisationen bedroht es aktuell vor allem die westlichen Gesellschaften, die von ihnen als amerikanische, israelische und europäische definiert werden. Spätestens seit den Anschlägen in Madrid im März 2004 und den Anschlägen in London im Juli 2005 ist die Bedrohung, die von diesem Phänomen ausgeht, für uns, den im europäischen Raum lebenden Menschen, bewusst geworden. Eine sicherheitspolitische Auseinandersetzung mit diesem Thema erscheint daher verpflichtend. Sie könnte für präventive Vorkehrungen oder militärische Interventionen dienen. Vielmehr versucht diese Arbeit jedoch zu klären, welche Vorstellungen, Gründe, Zwänge, oder Träume eine Gruppierung, in diesem Fall der Islamisten, so paralysieren können, dass sie ihrem eigenen Leben und dem Leben anderer Menschen keinen Wert mehr beimessen. Die individualpsychologischen Motive, wie Rache, Vergeltung oder die Belohnung für einen Märtyrer im Dies- und Jenseits, sind nur sekundär von Relevanz für diese Ausarbeitung.
Trotz dessen ist es unabdingbar sich zunächst anzusehen, welche religiösen Normen und ideologischen Vorstellungen von Islamisten ihr gemeinsames Grundethos bilden. Um dieses Ethos auf einen Selbstmordattentäter zu übertragen bedarf es einer genauen historischen Analyse, um womöglich ein Trauma festzustellen, welches destruktive Handlungen hervorrufen kann. Daraufhin wird erörtert, welche Tatsachen ein altruistischer Selbstmord, dem Selbstmord zum Wohl der Allgemeinheit, nach der Meinung der Islamisten, unerlässlich machen. Die Auswirkungen und Reaktionen auf ganze Wellen von islamistischen Selbstmordattentaten werden im letzten Teil dieser Arbeit behandelt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Grundlagen zum Verständnis
2.1 Religiöse und gesellschaftliche Legitimation der Selbstmordattentate
2.2 Die Ideologie des Islamismus
3. Die Ursache, das Motiv und die Wirkung der Attentate
3.1 Die Machtverschiebung und das Trauma
3.2 Das altruistische Selbstmordattentat zur Wiederherstellung der Machtverhältnisse
3.3 Die Wirkung der Selbstmordattentate
4. Fazit
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die Hintergründe und Motive islamistischer Selbstmordattentäter, um zu klären, welche religiösen, ideologischen und psychologischen Faktoren Menschen dazu bewegen, ihr Leben und das anderer zu opfern. Das primäre Ziel ist die Analyse des Phänomens als Mittel zur angestrebten Wiederherstellung vermeintlich verlorener Machtverhältnisse innerhalb der islamisch geprägten Welt.
- Religiöse Legitimation durch den Begriff des Märtyrertums
- Die Ideologie des Islamismus als Antwort auf westliche Dominanz
- Das Konzept des "gewählten Traumas" als psychologische Triebfeder
- Das "3-2-1-Modell" der Feindbilder und die Wirksamkeit von Terror
- Politische und soziale Auswirkungen auf westliche Gesellschaften
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Machtverschiebung und das Trauma
Bei der Betrachtung von islamisch geprägten Gesellschaften seit dem Tod des Propheten Mohammed fallen vor allem die „siegreichen Heere des Islam“ auf, welche große Mächte wie das oströmische Reich oder das Sassanidenreich besiegten. Nach der Feststellung von Dawud Gholamasad waren die islamisch geprägten Gesellschaften zu jener Zeit sowohl wissenschaftlich als auch technisch die weitentwickeltesten. Die Muslime der Postmoderne erinnerten sich gerne an Zeiten, in denen muslimische Eroberer Reiche schufen, die von der iberischen Halbinsel bis nach Indien reichten. Laut Gholamasad war der Islam für Muslime ein Unterscheidungsmerkmal, womit sie ihre Überlegenheit und Machtstärke gegenüber anderen Gruppierungen demonstrierten. Definitiv erkennbar sei, dass die Machtverteilung bis zum 12. Jahrhundert zugunsten der islamisch geprägten Gesellschaften gewesen sei. Darauf habe ab dem 13. Jahrhundert ein sozialer Abstieg und der damit einhergehende Verlust von der Machtstärke der islamisch geprägten Gesellschaften stattgefunden, welcher von ihnen bis ins 18. Jahrhundert nicht als solcher empfunden worden sei, so Gholamasad.
Bis zum Anstieg der Machtchancen vom Westen, ausgehend von Europa, in Form von technologischen Entwicklungen, der Entstehung des Nationalstaatsprinzips und der Zivilisierung des Verhaltens der Menschen, habe die islamische Welt die Veränderungen im Westen ignorieren können. Gholamasad erkennt, dass diese Entwicklungen der islamischen Welt entgangen seien und maßgeblich für die Verlagerung der Machtbalance zugunsten der westlichen Gesellschaften gewesen seien. So habe die islamische Welt ab dem Ende des 18. Jahrhunderts weder auf gesellschaftlicher noch auf militärischer Ebene mit westlichen Staaten konkurrieren können. Diese Unterlegenheit habe mit der zionistischen Okkupation Palästinas gegipfelt und sei die größte Erniedrigung und nennenswerteste Niederlage für die islamische Welt gewesen. Der Islamismus werde von islamisch geprägten Menschen als einzige Widerstandskraft gegen die westlichen Staaten gesehen und daher von ihnen mit voller Überzeugung unterstützt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hinführung zum Phänomen des islamistischen Selbstmordattentats und Darstellung des Forschungsinteresses an den zugrundeliegenden Motiven und Zwängen.
2. Grundlagen zum Verständnis: Erläuterung der religiösen Legitimation durch den Dschihad sowie der ideologischen Fundamente, die den Islamismus von westlichen Werten abgrenzen.
3. Die Ursache, das Motiv und die Wirkung der Attentate: Analyse der historischen Machtverschiebung, des Traumas sowie der strategischen Wirkung der Anschläge als effektive Waffe.
4. Fazit: Zusammenfassende Bewertung, dass Selbstmordattentate als Mittel politischer Mobilisierung dienen und die Notwendigkeit aufgezeigt wird, den Nährboden für derartige Ideologien durch diplomatische und gesellschaftliche Unterstützung zu entziehen.
Schlüsselwörter
Islamismus, Selbstmordattentat, Märtyrer, Dschihad, Machtverhältnisse, gewähltes Trauma, Altruismus, westliche Gesellschaften, Ideologie, Terrorismus, religiöse Legitimation, Identität, Konflikt, soziale Kontrolle, Widerstandspotential.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit im Kern?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse islamistischer Selbstmordattentate, wobei der Fokus darauf liegt, wie religiöse und ideologische Überzeugungen instrumentalisiert werden, um solche Taten zu rechtfertigen.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die religiöse Deutung des Märtyrertums, die historische Machtverschiebung zwischen islamischen und westlichen Gesellschaften sowie psychologische Aspekte wie das "gewählte Trauma".
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu verstehen, wie und warum islamistische Gruppierungen das altruistische Selbstmordattentat als "notwendiges" Mittel zur Wiederherstellung politischer Machtverhältnisse definieren.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Literaturanalyse, bei der soziologische Konzepte (z.B. von Max Weber und Emile Durkheim) und psychoanalytische Ansätze (z.B. Vamik Volkan) zur Erklärung des Phänomens genutzt werden.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Legitimation durch den Dschihad, das 3-2-1-Modell der Feindbildkonstruktion und die tatsächliche Wirkung der Anschläge auf die westliche Sicherheitspolitik und die eigene Gesellschaft untersucht.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere der Islamismus, das altruistische Selbstmordattentat, das gewählte Trauma und die ideologische Abgrenzung zum Westen.
Inwieweit spielt das "3-2-1-Modell" eine Rolle für die Argumentation?
Das Modell dient als Erklärungsrahmen, um die strategische Struktur hinter den islamistischen Terrorgruppen zu verdeutlichen, bei der westliche Staaten, Israel und säkulare islamische Regierungen als unmittelbare Feindbilder fungieren.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen Selbstmördern und Märtyrern?
Die Arbeit arbeitet heraus, dass der Islamismus zwischen dem individuell motivierten Selbstmord (der als Sünde gilt) und dem altruistischen Opfer für das Gemeinwohl differenziert, wobei letzteres als Märtyrertum religiös legitimiert wird.
Welche Rolle spielt das Konzept des "gewählten Traumas"?
Es dient dazu, das kollektive Gefühl der Erniedrigung und Unterlegenheit zu beschreiben, das historisch aus der verlorenen Machtposition der islamischen Welt resultiert und als psychologischer Motor für aktuelle Radikalisierungen dient.
Was schlägt der Autor als Lösung für die Problematik vor?
Der Autor plädiert dafür, den Nährboden für Extremismus zu entziehen, indem westliche Staaten eine weniger offensive Verteidigungspolitik verfolgen und muslimische Gemeinschaften in der Diaspora aktiv dabei unterstützen, sich öffentlich von Gewalt zu distanzieren.
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- Lars Erol (Author), 2011, Islamistische Selbstmordattentäter und ihre Leitmotive, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194849