Was versteht Foucault unter seinem Begriff der Disziplinargesellschaft?


Essay, 2010
8 Seiten, Note: 1,3
Anonym

Leseprobe

Essay

Thema: Was versteht Foucault unter dem Begriff „Disziplinargesellschaft“?

Der französische Philosoph Michel Foucault zählt zu den bedeutendsten Denkern der Spätmoderne , dessen Werke zu Untersuchungen der Themen Dressur, Kontrolle oder Überwachung unersetzlich sind. Sein Ansatz, den Modernisierungsprozess als ein Prozess der Disziplinierung zu deuten, gilt als einer der provokantesten und gleichzeitig umstrittensten Versuche.

In meinem folgenden Essay möchte ich mich der von Foucault so genannten Diszipli- nargesellschaft widmen. Es soll Foucaults Analyse der wichtigsten Etappen der Entstehung einer solchen Gesellschaft kurz vorgestellt und Foucaults Verständnis einer Disziplinargesellschaft mit ihren Charakteristika erläutert werden.

Im Absolutismus am Ende des 18. Jahrhunderts herrschten in Frankreich die schreck­lichsten Methoden des Marterns und des Tötens.

Der absolutistische Herrscher, dessen Macht vordergründig abschöpfend war, hatte die alleinige Macht über die Strafe, welche er grausam in einem "Theater der Hölle"[1] manifestierte.

Für den König war das Verbrechen ein kriegerischer Angriff auf seinen Körper, den er nicht dulden konnte. Seine Antwort bzw. seine Reaktion musste die Asymmetrie der Macht zwischen dem Verbrecher und dem Souverän wiederherstellen.

Das Ziel der Bestrafung war der Körper des Verbrechers, der Adressat des öffentlichen Zeremoniells der Bestrafung war jedoch das Volk, dem durch die öffentlichen Hinrichtungen Macht und Überlegenheit demonstriert werden sollte.

Der geschundene Körper des Verurteilten wurde zum sichtbaren, martretierten Zeichen souveräner Macht .

Diese Art der Souveränitätsgewalt rief jedoch zunehmend Probleme hervor, da es zu vermehrten Aufständen gegen die absolutistischen Herrschaftsmethoden des Souveräns kam und das Volk eine Solidarität mit den Verbrechern bildete:,, es wurde immer sichtbarer, das durch die Zeremonie des Martens (...) vielmehr jene Solidarität als die Macht des Souveräns gestärkt wurde"[2]. Man forderte eine "besser[e]", universellere, "regelmäßigere und die gesamte Gesellschaft erfassende Funktion"[3] der Bestrafung.

Im Zuge dieses wachsenden Legitimationsproblems, dem mit dem Anwachsen kapitalistischer Produktionsapparate und dem demographischen Wachstumsstoß des 18.Jahrhunderts potenzierten sich die Konfliktherde und ließen dadurch die konventio­nellen, auf der Veranstaltung exemplarischer Marterfeste beruhende Souveränitäts- und Abschreckungsmacht im Absolutismus zunehmend unwirksam werden.

Während der Aufklärung wurde eine neue, humanere Ökonomie der Strafe nötig, „um die Ökonomie der Verausgabung und des Exzesses durch eine Ökonomie der Kontinuität und der Dauer zu ersetzten"[4]. Michel Foucault zu folge fand demnach ein Übergang vom feudalistisch-absoluten Strafsystem des Marterns hin zur modernen, überwachenden Disziplinargesellschaft statt.

Laut Foucault ist das Zeitalter der Strafnüchternheit angebrochen, in dessen Mittelpunkt nicht mehr die physische Bestrafung steht, sondern der Entzug von Rechten und Besitz, sowie die Kontrolle über die Individuen.

Den neuen Kernpunkt des Strafsystems bildet nun vielmehr die Seele des Verbrechers. Foucault betrachtet hierbei nicht die Seele im Sinne des Christentums, sondern vielmehr als den inneren Geist des Menschen, der sein Denken und Handeln bestimmt. Dem modernen Strafsystem geht es um die Besserung der Seele, nicht nur die Straftat ist nun Tatbestand, sondern vielmehr das Wesen des Täters.

Zudem kommt es zu einer Vervielfältigung der Instanzen des Justizapparates, bei dem nun auch Psychiater, Ärzte, Priester und Gefängniswärter zu einem zumindest passiven Teil der Rechtssprechung werden, wodurch Charakterzüge, die Vergangenheit und der soziale Hintergrund des Täters vermehrt in die Urteilsfindung einfließen.

Es interessiert nicht mehr nur alleine, wer der Täter ist und welche Tat er verübt hat.

Die Frage nach dem „Warum" ist von wachsendem Interesse des Justizwesens, dessen Intention es ist, Straftaten bereits im Vorfeld zu verhindern. Deswegen rückt das Wesen des Verbrechers in den Vordergrund, man möchte die Beweggründe erfahren und analysieren, um Straftaten zu präventionieren. Die Prävention ist wichtiger geworden als die Bestrafung selbst, das Gefühl der Unausweichlichkeit wird suggeriert: „So wird jedes Vergehen ans Tageslicht kommen und mit vollkommener Gewissheit bestraft werden"[5].

Durch die Einführung von Gesetzbüchern wurde dies verstärkt: vor dem Gesetz war nun jeder gleich gestellt und Strafsätze wurden erstmals geregelt und für alle geltend festgehalten.

In der neuen Moderne zielt die Strafe über die Seele auf den Körper, den man wirksam umerziehen will, um einen maximalen Nutzen für die Gesellschaft zu erlangen: „zu einer ausnutzbaren Kraft wird der Körper nur, wenn er sowohl produktiver wie unterworfener Körper ist"[6].

Die Macht ist nicht mehr wie zu Feudalzeiten abschöpfend, sondern nun wertschöp­fend.

Um eine Optimierung des Gesellschaftskörpers während des demografischen Wachstums und dem Anstieg der kapitalistischen Produktionsapparate zu gewährleis­ten, wird das Individuum normiert und dressiert. Beispiele hierfür sind u.a. die Regelung von Tagesabläufen, aber auch die Anerziehung von Hygienepraktiken.

Für Foucault wird die Seele, über welche die neue Macht agiert und welche „selber ein Stück der Herrschaft ist, welche die Macht über den Körper ausübt“[7] somit schließlich zum Gefängnis des Körpers.

Auch in der Architektur von Gebäuden spiegelt sich ein Teil dieser Machttechnologie wieder.

Das Panopticon von Jeremy Bentham gilt hierbei als Idealmodell zur Ausübung der modernen Machttechnik der Kontrollgesellschaft.

Das Gefängnis als Elementarform der neuen Gesellschaft unterdrückt unerwünschte Eigenschaften in einer geschlossenen und hierarchisierten Architektur, welche die Individuen einer permanenten Überwachung unterwirft.

Im Panoptischen Gefängnis wird die Masse an Straftätern ersetzt durch getrennte Individuen, denen kein Austausch möglich ist und die feudale Festungsarchitektur wurde durch eine einfache Geometrie ersetzt, in denen die Häftlinge in einer permanen­ten Machtsituation gefangen sind.

Es handelt sich um ein wissenschaftliches Gefängnis, dass Untersuchungen über die Individuen anstellt, sie analysiert und kategorisiert, um dann Verhaltenskorrekturen bzw. Dressuren, wie es Foucault nennt, durchzuführen.

[...]


[1] Foucault, Michel, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1994, S. 61.

[2] Vgl. ebd. S. 82.

[3] Vgl. ebd. S. 104.

[4] Vgl. ebd. S. 111.

[5] Vgl. ebd. S. 123.

[6] Vgl. ebd. S. 37.

[7] Vgl. ebd. S. 42.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Was versteht Foucault unter seinem Begriff der Disziplinargesellschaft?
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,3
Jahr
2010
Seiten
8
Katalognummer
V194854
ISBN (eBook)
9783656202837
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
foucault, begriff, disziplinargesellschaft
Arbeit zitieren
Anonym, 2010, Was versteht Foucault unter seinem Begriff der Disziplinargesellschaft?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194854

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