Nach „La violencia“ in Kolumbien: Drogen, Vertreibung, Paramilitär, Guerilla und Politik


Bachelorarbeit, 2011
52 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Quellen und Forschung
2.1 Quellenlage und Forschungsstand
2.2. Bestand und Kriterien der Auswertung

3. Das Dreieck kultureller, direkter und struktureller Gewalt nach Johan Galtung
3.1 Kulturelle Gewalt
3.2 Direkte Gewalt
3.3 Strukturelle Gewalt
3.4 Schlussfolgerung zu Johan Galtungs Dreieck der Gewalt

4. Kolumbien - ein von Gewalt geprägtes und zerrissenes Land
4.1 Álvaro Uribe Vélez - eine Präsidentschaft gegen Gewalt oder unter Nutzung von Gewalt?
4.1.1 Erhöhung staatlicher Ausgaben für den Militäreinsatz
4.1.2 La Ley de Justicia y Paz
4.1.3 Plan Colombia
4.2 Manuel Marulanda und Raúl Reyes - wie führten sie die FARC?
4.2.1 Biographische Hintergründe
4.2.2 Gewaltbeispiele und ihre Bezüge zum Modell von Johan Galtung
4.2.2.1 Die Verhandlungen zwischen FARC und den Regierungen Betancur und Pastrana
4.2.2.2 Attentate und Anschläge
4.2.2.3 Entführungen und Geiselnahmen durch die FARC
4.2.2.4 Massaker und Landmineneinsatz

5. Die Bedeutung der erstellten Gewaltdreiecke von Regierung und FARC

6. Schlussfolgerung

7. Bibliographie

8. Anhang

1. Einleitung

„Es gibt keine bösen Menschen, es gibt aber böse Ideen. Eine böse Idee ist, dass es böse Menschen gibt.“1

Gewalt - tagtäglich werden wir persönlich oder durch die internationale Politik damit konfrontiert. Im Jahr 2009 wurden laut DANE (Departamento Administrativo Nacional de Estadística) 530.8722 Verbrechen zwischen Dezember 2002 und November 2003 in Bogoti verzeichnet, 179.522 in Cali und 74.2593 in Medellín und dies bei einer Gesamtbevölkerungszahl von etwa 40.000.0004 Menschen. Mit Zahlen wie diesen werden wir überhäuft.

Inwieweit stimmt bei solchen Zahlen die Aussage, dass es keine bösen Menschen gibt, sondern nur die böse Idee?

Diese Frage stellte sich auch Johan Galtung und wurde für seine Gedanken und Analysen im Bereich der Friedensforschung im Jahr 1987 mit dem alternativen Friedensnobelpreis ausge- zeichnet. Er entwickelte das Dreieck zu struktureller, kultureller und direkter Gewalt, um die vorherrschende Gewalt auf Erden detaillierter zu analysieren und Lösungsansätze zu finden. Dieses Modell dient dieser Bachelorarbeit als Basis, um aufzuzeigen, welche Art von Gewalt in Kolumbien ausgeübt wurde und wird.

Viele Wissenschaftler, z.B. Senghaas oder Kant, entwarfen Modelle zur Analyse der Gewalt sowie der Friedensbildung, um die Konflikte in der Welt analysieren und lösen zu können. Das Modell von Johan Galtung ermöglicht im Gegensatz zu den meisten dieser Modelle eine Analyse verschiedener Länder anhand des gleichen Modells und unterteilt die einzelnen Gewalthandlungen sowie deren Beziehungen zueinander. Denn viele Theorien sind nur für die Analyse eines Landes nützlich, da sie sich mit gleichgewichtigen Konflikten beschäftigen oder nur in eindimensionalen Diagrammen ohne weitere Beziehungen zwischen den Akteuren und den Gewalthandlungen darzustellen sind. Die differenzierte Analyse zwischen einem Staat und einem innerstaatlichen Akteur ist meist nicht möglich.

Eine weitere Theorie von Johan Galtung ist die sog. Transzendenz-Methode. Diese Methode dient der Konfliktbearbeitung und weniger der Analyse der Gewaltausübungen der einzelnen Akteure. Die Transzendenz-Methode ist jedoch auf diese Bachelorarbeit nicht anwendbar, da sie nur aufzeigt, dass Kolumbien zur Herstellung des endgültigen Friedens noch nicht in der Lage ist, da die Bereitschaft der Akteure zu Neutralität und Kompromissen derzeit fehlt. Das Modell der Dreiteilung der Gewalt hingegen ermöglicht eine detaillierte Analyse der einzelnen Problem faktoren und der Akteure. Es ist hierbei nur zu beachten, dass die Analyse von der Perspektive des jeweiligen Analysten abhängig ist.

Kolumbien befindet sich noch mitten im Konflikt und eine Versöhnung der Akteure liegt in weiter Ferne. Aus diesen Gründen entscheide ich mich für das Model des Dreiecks der Gewalt, um aufzuzeigen, welche Auseinandersetzungen Kolumbien lösen muss, bevor Gedanken zu einem dauerhaften Frieden umgesetzt werden können. Die Auswahl der Theorie ist somit stets durch die Zielsetzung des Analysten beeinflusst.

Um eine möglichst detaillierte Analyse anzufertigen, beziehe ich mich auf zwei Akteure im kolumbianischen Konflikt - die FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia), welche jahrelang von Pedro Antonio Marín Marín alias Manuel Marulanda Vélez und seinem Vertrauten Luis Edgar Devia Silva alias Raúl Reyes geführt wurden, sowie Álvaro Uribe Vélez, Präsident Kolumbiens zwischen 2002 und 2010. Es soll herausgestellt werden, wie diese Akteure Gewalt ausüben und -übten, ihre Gewalttaten rechtfertigen und ob diese Gewalttaten dem Modell von Johan Galtung zuzuordnen sind. Verschiedene Beispiele veranschaulichen die unterschiedliche Ausübung von Gewalthandlungen, wie sie miteinander verknüpft sind und welche Folgen daraus resultieren. Eine derartige Analyse ist im Fall Kolumbien in Bezug auf die Gesamtsituation zu beziehen, da die Gewaltrate in Kolumbien eine der höchsten Lateinamerikas ist. Aus diesen Gründen ist zuerst eine Analyse des Modells vorzunehmen, um anschließend Bezüge zwischen Gewalthandlungen und Modell herzustellen.

Kolumbien wird seit Jahrhunderten von Gewalt heimgesucht, sei sie regional oder national, und übt selbst auf internationaler Ebene Gewalt aus. Nun beginnen die Menschen endlich - vor allem die Jugendlichen - sich intensiver mit diesem Thema zu beschäftigen, um sich ein eigenes Bild zu verschaffen. Die vorliegende Arbeit verfolgt zwei Zielsetzungen:

1. Welche Aspekte der kolumbianischen Realität die Theorie von Galtung beleuchten kann und inwiefern sie uns helfen kann, bestimmte Phänomene der Gewalt in Kolumbien zu verstehen, um gleichzeitig die Grenzen der Theorie herauszuarbeiten.

2. Es soll der Wandel in Gesellschaft, Politik und kämpfenden Gruppen in Bezug auf ihre anfängliche und heutige Zielsetzung im Kampf um Macht, Herrschaft, gerechte Verteilung von sozialen und wirtschaftlichen Gütern sowie Ideologien aufgezeigt werden. Um dieser Zielsetzung gerecht zu werden, muss eine Analyse der Texte und Schriften zu Gewaltanalysen Johan Galtungs, der Berichte der CNRR (Comisiyn Nacional de Reparaciyn y Reconciliaciyn) sowie der älteren und aktuellen Zeitungsartikel von El Tiempo, El Pais sowie Semana durchgeführt werden.

2. Quellen und Forschung

2.1 Quellenlage und Forschungsstand

Die Quellenfunde über den Konflikt in Kolumbien sind vielfältig, jedoch häufig einseitig dargestellt und interpretiert. Hierbei ist zum Beispiel zwischen Dokumenten wie der Seguridad Democrática und den Berichten der Zeitung Semana zu unterscheiden, wobei die Sicht der Seguridad Democritica durch die Regierung beeinflusst wird und Zeitungsberichte meist neutral und aus verschiedenen Sichtweisen die Handlungen schildern. Eine Beschäftigung mit dem Konflikt und besonders den unterschiedlichen Gewaltausübungen durch die einzelnen Akteure stellt somit eine Herausforderung dar. Dokumente über die Guerillaorganisationen sowie die paramilitärischen Organisationen werden entweder einseitig geschildert oder sind unzugänglich, da sie sich in den Händen der Organisationen befinden, um keine Beweise für ihre Taten preiszugeben. Interviews und Zeitungsartikel sind vorhanden, jedoch kritisch zu bewerten. Im Gegensatz dazu sind auf der offiziellen Homepage der kolumbianischen Regierung sowie der Homepage der Unidad Nacional de Fiscalias (Nationale Einheit der Staatsanwaltschaft) ausreichend offizielle Dokumente, Interviews, Gesetzesentwürfe und Regierungsprogramme zu finden, um über die Gewalt in Kolumbien aus Sicht der Regierung bzw. des Staates zu berichten.

Aufgrund der Aktualität der Ereignisse dieses Konfliktes besteht eine schwierige Quellensituation, so dass Interviews, Berichte von Human Rights Watch oder der CNRR und öffentliche Auftritte der Guerillaorganisationen bzw. ihrer Sprecher zu einem wichtigen Zugang für detaillierte Aussagen bezüglich ihrer Handlungen und Ideologie geworden sind.

Hierbei ist zu berücksichtigen, dass die Aussagen der NROs (Nicht-Regierungs-Organisationen) erst in den letzten 10 Jahren vermehrt veröffentlicht und diskutiert wurden, da ihre Arbeit bzw. ihre Veröffentlichung vorher unterbunden wurden, um kritische Stimmen zu ersticken und dadurch weitere Konflikte zu vermeiden.

Dies sowie die Tatsache, dass viele Dokumente aus staatlicher Sicht verfasst wurden, erschweren einen unvoreingenommen Blick auf die Quellen sowie eine Analyse, die den Tatsachen entspricht. Zudem werden viele Handlungen der Paramilitärs sowie der Guerillaorganisationen von den Institutionen nicht schriftlich festgehalten, um so die Möglichkeit des Nachweises zu erschweren. Zwar erlaubt die zunehmende Globalisierung und Internationalisierung des Konfliktes einen objektiven Blickwinkel auf die Aktionen der Guerillaorganisationen wie des Staates, um jedoch die Handlungen beider Seiten wissenschaftlich analysieren zu können, müssen auch Dokumente oder Interviews mit indirekten und direkten Aussagen spezifisch analysiert werden.

Ein weiteres Zentrum der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Gesamtthematik findet sich in Kolumbien selbst. Parallel zu den Analysen der CNRR sowie weiterer NROs verfassen viele heranwachsende Studenten, Professoren und Doktoranden Thesen und Schriften über die Konfliktentwicklung, den Einfluss der Guerillaorganisationen und die Entwicklung der Perspektive der Bevölkerung gegenüber den Handlungen der Guerillaorganisationen sowie des Staates. Wurden viele dieser Schriften in den 1990ern noch „unterdrückt“5, ist es den Studenten seit Beginn des 20. Jahrhunderts vermehrt möglich in Foren über ihre Schriften zu diskutieren und diese als Literatur zu veröffentlichen. Unter diesen Schriften werden wirtschaftliche, soziale, politische und gesellschaftliche Entwicklungen und Einflüsse sowie Theorien zur Konfliktentwicklung oder zu kulturellen Einflüssen (z.B. Theorien des interkulturellen Zusammenlebens) berücksichtigt, wobei häufig Forderungen an die Regierung oder die Guerillaorganisationen gestellt werden, um einen gesellschaftlichen, politischen und teilweise wirtschaftlichen Wandel herbeizuführen.

Bei der Verwendung dieser Sekundärliteratur sind der persönliche Blickwinkel der Autoren sowie die zeitliche Distanz zum geschilderten Ereignis zu berücksichtigen, um eine wissenschaftlich korrekte Analyse durchzuführen.

2.2. Bestand und Kriterien der Auswertung

Die vorliegende Arbeit stützt sich auf vier zentrale Primär- bzw. Sekundärliteraturen: die Schriften Galtungs bezüglich struktureller, direkter und kultureller Gewalt, die Dokumente der CNRR, die Homepage des Alto Comisionada para la Paz sowie die Homepage der Unidad Nacional de Fiscalias para la Justicia y la Paz.

Die Monographie Strukturelle Gewalt - Beiträge zur Friedens- und Konfliktforschung von Johan Galtung thematisiert, analysiert und dokumentiert die Entwicklung der Friedens- und Konfliktforschung anhand konkreter Beispiele und entwirft Modelle zur Analyse und Lösung von Gewaltausübungen, wie das Dreieck der drei Ebenen struktureller, direkter und kultureller Gewalt, welches die Basis des theoretischen Teils dieser Arbeit bildet. Ein weiterer Aufsatz von Galtung zum Thema kulturelle Gewalt6, vertieft diese Aussagen und beschreibt die einzelnen Unterbereiche kultureller Gewalt mit ausführlichen Beispielen.

Die Homepage des Alto Comisionada enthält eine Sammlung von Verträgen und Verhandlungen, die zwischen den einzelnen Guerillaorganisationen und Regierungen geschlossen wurden. Zudem dokumentiert die Seite öffentliche Pressemitteilungen der einzelnen Akteure sowie Aussagen der Regierung, Guerilla und der AUC (Autodefensas Unidas de Colombia). Somit besteht ein freier Zugang zu den Originaldokumenten von Verhandlungsverträgen wie zum Beispiel den Abkommen von Caquetania (Acuerdo de Caquetania) oder la Uribe (Acuerdo de la Uribe). Dies ermöglicht eine wissenschaftliche Analyse der Aussagen sowie die Verstöße gegen die Vereinbarungen in den Abkommen.

Die Homepage der Unidad Nacional de Fiscalias para la Justicia y la Paz thematisiert Entwürfe, Entwicklungen und Ausführungen des Gesetzes Justicia y Paz, dessen Umsetzung im Alltag, die Vor- und Nachteile des Dekretes sowie die öffentlichen Diskussionen bezüglich des Gesetzes. Die Möglichkeit des direkten Zugangs zu den einzelnen Paragraphen des Dekretes und die Meinungsäußerungen, lassen eine detaillierte Analyse der Gedanken und der Umsetzbarkeit des Gesetzes zu.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Analyse der Gewaltausübungen zweier zentraler Akteure in Kolumbien: der Regierung, unter Betrachtung der Regierungspolitik Uribes, und den FARC, unter Beachtung der Handlungen und Aussagen Manuel Marulandas sowie Raúl Reyes. Als Grundlage dieser Analyse dienen Quellen und Sekundärliteratur. Zunächst soll der Leser mittels der Theorie von Johan Galtung in das Thema der Gewalt und ihre Vielschichtigkeit eingeführt werden. Im zweiten Teil der Arbeit erfolgt dann die Gewaltanalyse der kolumbianischen Akteure. Anschließend soll herausgestellt werden, ob diese Gewaltakte mit dem Modell von Johan Galtung erklärbar sind und das Modell gut 40 Jahre nach seinem Entwurf noch immer Gültigkeit für die heutige Gewaltausübung in unterschiedlichen Staaten besitzt.

Das letzte Kapitel fasst die vorher analysierten Fakten kurz zusammen und zeigt im Allgemeinen, wie aktuelle das Modell von Johan Galtung noch ist und inwiefern die Gewaltanwendungen einer bestimmten Gewalt zuzuordnen sind bzw. eher mehrere Gewaltarten bedingen. Eine umfassende Darstellung der vielfältigen Gewaltausübungen ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich. Daher sollen einige wenige Handlungen der Akteure im Detail analysiert und daraus ein allgemeines Fazit gezogen werden.

3. Das Dreieck kultureller, direkter und struktureller Gewalt nach Johan Galtung

In den 1970ern entwarf Johan Galtung die Theorie des „Direct-structural-cultural violence triangle“7, um verschiedene Arten von Gewalt und deren Zusammenwirkungen aufzuzeigen. Johan Galtung wurde am 24. Oktober 1930 in Oslo geboren. Er ist Mathematiker, Soziologe, Politologe und Friedensforscher. Zudem ist er aufgrund seiner Analysen und Theorien zur Lösung von Konflikten Träger des alternativen Friedensnobelpreises und gilt durch die Gründung des ersten Friedensforschungsinstituts in Oslo (PRIO = Peace Research Institut Oslo) als einer der Gründerväter der Friedens- und Konfliktforschung.8 Heute lehrt er an der Universität von Hawaii, der Fernuniversität Hagen, der Universität Oslo und der Friedensuniversität in Schleining in Das Dreieck kultureller, direkter und struktureller Gewalt nach Johan Galtung Österreich. Johan Galtung beschäftigt sich mit der Gewaltausübung in verschiedenen Ländern, dadurch bezieht er viele Handlungsstränge in seine Theorien ein.

Auch wir werden jeden Tag mit Gewalt konfrontiert, sei es im persönlichen Umfeld oder durch den Einsatz von Kampfjets in Libyen durch internationale Truppen. Doch was ist Gewalt? Wie werden Frieden oder Gewalt definiert? Nach Galtung „[liegt] Gewalt (…) vor, wenn Menschen so beeinflusst werden, daß ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung.“9 Unter „aktuell“ und „potentiell“ ist Folgendes zu verstehen: Bei einem Tsunami, der auf die holländische Küste trifft und dadurch das gesamte Land verwüstet, ist das Potentielle größer als das Aktuelle, es wird jedoch keine Gewalt ausgeübt, da das Aktuelle nicht vermeidbar gewesen ist und im momentanen Zeitraum niemand von einer solchen Katastrophe in diesem Gebiet ausgeht und diese nicht hätte vermieden werden können. Hätte die Bevölkerung von dem Tsunami gewusst und wäre nicht geflüchtet, wäre das Aktuelle größer als das Potentielle, da mehr Menschen verletzt werden als man hätte vermeiden können.

Ebenfalls ist bei der Definition zu beachten, dass sie sehr allgemein gehalten ist. Ein Faktum, dass das OED (Oxford English Dictionary) anders formuliert, wenn es Gewalt wie folgt definiert: „The exercise of physical force so as to inflict injury on or damage to persons or property; action or conduct characterised by this.“10 Gewalt kann und muss somit in Unterkategorien unterteilt werden, um Kontroversen zu vermeiden und vielen Diskussionspunkten gerecht zu werden. Es ist zu beachten, dass Galtungs Modell im Nachhinein Debatten ausgelöst hat, da die Einteilungen nicht konkret genug erfolgten. Aus diesem Grund ist am Ende der Arbeit aufzuzeigen, ob die Theorie erstens noch anwendbar ist und zweitens wo ihre Grenzen liegen. Die Unterteilung ist für diese Bachelorarbeit essenziell, um aufzuzeigen, welche Art von Gewalt die jeweiligen Akteure in Kolumbien anwenden.11 Um eine solche Differenzierung zu ermöglichen, entwarf Johan Galtung seine Theorie des Dreiecks der Gewalt in Anlehnung an das bereits bekannte „Konfliktdreieck“. Letzteres besteht aus drei Spitzen: Konflikt (K), der durch Gefühle, Konfliktverhalten (V), das durch tatsächliche Handlungen und Konfliktattitüde (A), die durch den Zwiespalt ausgedrückt werden.12

In diesem Dreieck beeinflussen sich die jeweiligen Faktoren sowohl in Kreisform als auch eine Spitze die jeweils andere. Daher kann ein Konflikt durch jede der drei Spitzen ausgelöst und von jeder der drei Spitzen wieder beendet werden, zumindest ist dies der Grundgedanke des Modells. Diese gegenseitige Beeinflussung und Verbindung untereinander sind in der Theorie des Dreiecks zur Gewalt ebenfalls anzutreffen, das auf sechs unterschiedliche Weisen zusammengesetzt werden kann (s. Anhang 1.1 - 1.6).

Galtungs Theorie basiert auf drei Arten von Gewalt: direkter, struktureller und kultureller Gewalt. Direkte Gewalt drückt sich physisch und verbal gegenüber Gruppen, Einzelpersonen bzw. durch zerstörerische Aggressionen im Allgemeinen aus und ist für jeden erkennbar. Krieg, Kampf und Beleidigungen sind Formen direkter Gewalt, ausgelöst jedoch durch strukturelle oder kulturelle Aspekte. Strukturelle - auch indirekte Gewalt13 genannt - und kulturelle Gewalt sind im Gegensatz zur direkten Gewalt abhängig vom jeweiligen Blickwinkel sowie den kulturellen und sozialen Standards, werden häufig indirekt ausgeübt oder anderen Bereichen als Gewalt zugeordnet. Beispiele für diese Formen sind: Unterdrückung, Ausgrenzung, Rassismus, soziale Ungleichheit, religiöse Verfechtungen (heiliger Krieg), Genderdenken oder separate Gesetzgebungen.

3.1 Kulturelle Gewalt

Johan Galtung definiert kulturelle Gewalt in seinem Aufsatz „Cultural Violence“ wie folgt:

„By 'cultural violence' we mean those aspects of culture, the symbolic sphere of our existence - exemplified by religion and ideology, language and art, empirical science and formal science (logic, mathematics) - that can be used to justify or legitimise direct or structural violence.“14

Die Definition zeigt die direkte Verbindung zu struktureller und kultureller Gewalt. Zudem weist sie darauf hin, dass kulturelle Gewalt abhängig vom jeweiligen Kulturraum ist und innerhalb dieses Kulturraums anders gedeutet sowie ausgeprägt sein kann. Es ist eine Sechsteilung der Definition von kultureller Gewalt in Ideologie, Religion, Kunst, Sprache, empirische Wissenschaft und formelle Wissenschaft von Bedeutung, um detaillierte Aussagen zu treffen und zu erkennen welche Folgen die einzelnen Gewaltausübungen bewirken. Denn bei Religion oder Ideologie unterteilen wir die Menschen auch in Gruppen, Klassen oder nach Hautfarbe, um so strukturelle Muster nachvollziehen und realisieren zu können. So gelten weiße Menschen intelligenter als dunkelhäutige oder Frauen gehören eher in den Haushalt als ins Berufsleben. Obwohl Venezuela und Kolumbien im gleichen Kulturraum anzusiedeln sind, beeinflussen die unterschiedlichen Regierungsformen die Ausübung kultureller Gewalt (z.B. Militärparaden) in großem Maße. Aus diesen Gründen muss beachtet werden, dass keine Stereotype aufgrund kultureller Gewalt entstehen, indem ein kultureller Gewaltakt oder eine kulturelle Differenzierung auf die gesamte Nation übertragen und diese im Gesamten als gewalttätig „abgestempelt“ wird.

Kulturelle Gewalt bestimmt ihre Akteure durch Geschichte, Ideologie, Religion oder Kunst, während Akteure direkter Gewalt keiner bestimmten Gruppe oder keinem Bereich angehörig sein müssen. Es können Individuen mit speziellen Charakterzügen sein, während bei kultureller Gewalt stets die Unterteilung in positiv und negativ, gut und böse, gottgewollt und nicht-gottgewollt erfolgt, um ermessen zu können, gegen welchen Akteur Gewalt ausgeübt wird.

3.2 Direkte Gewalt

Wie der Ausdruck bereits verdeutlicht, übt ein Akteur diese Art von Gewalt direkt aus. Direkte Gewalt ist „das direkte Resultat der Aktionen anderer, [die die Menschen] trifft.“15 Es können Einzelpersonen oder Gruppen sein, die physische Gewalt aktiv ausüben und damit anderen Personen oder Gruppen lebenswichtige Bedürfnisse verweigern, entziehen oder sie einschränken. Die Gewaltausübung ist unabhängig von strukturellen Systemen, kann sich auf die Natur beziehen und ist in jeder Kultur, Gesellschaft oder Person unterschiedlich stark ausgeprägt. In der Analyse wird deswegen stets die Verbindung mit einer Vorgeschichte oder dem Umfeld der agierenden Person betrachtet und wechselseitige Verbindungen zu struktureller sowie kultureller Gewalt geschaffen, da direkte Gewalt ebenso wie strukturelle Gewalt durch Bedürfnisdefizite veranlasst wird, um sich aufrecht zu erhalten. Denn Angriffe auf unsere Wünsche, Träume und einfache Lebensbedingungen wie Wasser und Nahrung, schwächen und tyrannisieren stärker als der Verlust einer Gießkanne.

3.3 Strukturelle Gewalt

Strukturelle Gewalt umfasst die Erzeugung einer Machtdifferenz und ist in jedem System unterschiedlich ausgeprägt, ohne sich auf eine bestimmte Person, Gruppe oder ein Aktionsfeld zu konzentrieren. Aus diesem Grund sind Machtfaktoren, unterschiedliche Machtzuordnungen oder -strukturen in einem System16 und nicht ein Akteur (direkte Gewalt) die entscheidenden Definitionskomponenten struktureller Gewalt. Johan Galtung erklärt den Unterschied zwischen direkter und struktureller Gewalt, indem er direkte Gewalt „am Modell eines Satzes darstellt, der Subjekt (einen Täter), Prädikat (eine Handlung) und Objekt (ein verletztes Opfer) besitzt.“17 Indirekte Gewalt hingegen besitzt kein Subjekt. Daher erfolgt eine Unterteilung in sechs Faktoren, die zur Aufrechterhaltung der Machtdifferenzen nötig sind.18 Je detaillierter sie anzutreffen sind, desto effektiver kann die Machtdifferenz aufrechterhalten werden:

1. Lineare Rangordnung

In jeder Gesellschaft sind bestimmte Berufe höher angesiedelt und angesehener als andere. Dies ist eine Hierarchie, die als allgemeingültig in unserer Gesellschaftsform hingenommen, zwar hin und wieder hinterfragt, jedoch kaum geändert wird, da es zu Unmut in den

Gesellschaftsschichten führen würde. Dies erzeugt sowohl direkte als auch kulturelle Gewalt.

2. Azyklische Interaktionsmuster

Die Schüler erhalten die Hausaufgaben vom Lehrer und nicht von ihren Mitschülern, den Eltern oder außenstehenden Personen. Dadurch ist nur eine „Anordnung“ zu befolgen, die von Außenstehenden unterstützt, aber nicht ausgeübt werden kann.

3. Korrelation zwischen Rang und Stellung

Der Präsident eines Landes besitzt mehr Einflussvermögen auf Gesetze, Rechte, Meinungsbildung oder Verfassungsänderungen als ein einfacher Bürger.

4. Kongruenz der Systeme

Der Aufbau einer Tochterfirma entspricht dem der Mutterorganisation und die Regierungen in den einzelnen Bundesländern arbeiten nach demselben Schema wie die Landesregierungen im Großen.

5. Konkordanz der Ränge

Die USA sind als Land durch ihren Präsidenten sowie durch ihre Außenpolitik eine Hegemonialmacht. Gleichzeitig besitzen sie in der UNO, der OAS oder bei Beschlüssen der Genfer Konventionen eine hohe Rangstellung.

6. Hohe Rangverknüpfung der Ebenen

Ein Mineralölunternehmer besitzt gute Kontakte zu hochrangigen Bankiers, die seine Interessen im Fall von Kontenveränderungen, Steuereinführungen oder Kreditbedingungen vertreten, so dass sich beide Seiten gegenseitig durch Ausnutzung ihrer Machtposition helfen können.

Bei dieser Verknüpfung ist zu beachten, dass personelle (direkte) und strukturelle Gewalt eng miteinander verbunden sind, sich gegenseitig beeinflussen, jedoch gleichzeitig allein auftreten können. Hierzu ein Beispiel:

[...]


1 Zitiert nach: Galtung, Johan: Auf Friedenswegen durch die Welt, Agenda Verlag, Münster, 2006 (Buchrücken).

2 Vgl. DANE: Encuesta de Victimizaciyn, Dezember 2002-2003.

3 Vgl. ebd., 2002-2003.

4 Dies ist eine ungefähre Schätzung, da laut Censo General im Jahre 2005 die Bevölkerungszahl Kolumbiens 41.468.384 Menschen betrug.

5 Viele Studenten absolvierten ihre Promotion oder Habilitation in den USA oder in europäischen Ländern, um ihre Gedanken frei äußern und veröffentlichen zu können.

6 Galtung, Johan: Cultural Violence. In: Steger, Manfred; Lind, Nancy (Hrsg.): Violence and its alternatives - an interdisciplinary reader, MacMillan Press, London 2008, S. 14ff.

7 Vgl. Galtung, Johan, 2008, S. 52.

8 Vgl. Bernsdorf, Wilhelm; Knospe, Horst (Hrsg.): Internationales Soziologenlexikon Band 2, Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1984 (2), S. 269f.

9 Vgl. Galtung, Johan: Gewalt, Frieden und Friedensforschung. In: Dieter Senghaas (Hrsg.): Kritische Friedensforschung, Frankfurt aM 1971, S. 56.

10 Zitiert nach: Coady, C.A.J: The idea of violence. In: Violence and its alternatives, 2008, S. 25.

11 Dieser Gedanke wird nicht nur von Johan Galtung, sondern auch von Robert Paul Wolff angesprochen, wenn er davon spricht, dass Gewalt nicht allein auf physische Kraftauswirkungen bezogen werden darf, sondern breiter gefächert werden muss. Wolff, Robert Raul: On Violence. In: Steger, Manfred (Hrsg.): Violence and its alternatives, S. 15.

12 Vgl. Galtung, Johan: Strukturelle Gewalt - Beiträge zur Friedens- und Konfliktforschung, Rowohlt Verlag, Hamburg 1975, S. 112.

13 Vgl. Ferdowsi, Mir A.: Der positive Frieden - Johan Galtungs Ansätze und Theorien des Friedens, Minerva Fachserie, München 1981, S. 113.

14 Zitiert nach: Galtung, Johan, 2008, S. 39.

15 Zitiert nach: Galtung, Johan, 1975, S. 23.

16 Vgl. Galtung, Johan, 1975, S. 12.

17 Zitiert nach: Galtung, Johan: Konflikt, Krieg und Frieden. In: Galtung, Johan; Jacobsen, Carl; Frithjof Brand- Jacobsen, Kai (Hrsg.): Neue Wege zum Frieden, Bund für Soziale Verteidigung, München 2003, S. 24.

18 Vgl. Ferdowsi, Mir A., 1981, S. 119ff.

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Nach „La violencia“ in Kolumbien: Drogen, Vertreibung, Paramilitär, Guerilla und Politik
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
52
Katalognummer
V195008
ISBN (eBook)
9783656204411
Dateigröße
1990 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kolumbien, FARC, Paramilitärs, Uribe
Arbeit zitieren
Lisa Picott (Autor), 2011, Nach „La violencia“ in Kolumbien: Drogen, Vertreibung, Paramilitär, Guerilla und Politik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195008

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