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Jean Baptiste Grenouille ist Scheusal, Mörder, Geruchsgenie, größter Parfumeur aller Zeiten, Animal, Teufel und zugleich ein Mensch, dessen Suche nach Liebe in der Welt von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist.[...]
Eng verknüpft mit dem Protagonisten steht im Roman besonders seine einzigartige Geruchswelt im Vordergrund, die Süskind handwerklich äußerst gekonnt in Szene setzt. Das Parfum ist ein Roman, dessen Titel bereits dazu einlädt, in eine außergewöhnliche Geruchswelt einzutauchen und dessen Autor es schafft, die Welt durch die Nase eines Geruchsgenies olfaktorisch-bildlich darzustellen. Genau diese spezielle Technik, mit der Süskind die Olfaktorik in Worte fasst, erlaubt dem Leser den Eingang in die Lebenswelt eines Protagonisten, dessen Ambiguität zwischen Abscheulichkeit und Genialität fasziniert und zugleich Fragen aufwirft. Angelehnt an literarische Vorbilder, die von Hugos Quasimodo, über Camus’ Etranger, bis hin zum Märchen des Froschkönigs reichen, stellt Grenouille, der Mensch mit dem absoluten Geruchssinn und der eigenen Geruchlosigkeit, eine besonders interessante Figur dar, deren Charakteristik und Entwicklung entscheidend sind für das Verständnis des gesamten Romans.
Grenouille ist böse. An dieser Tatsache besteht kein Zweifel, schließlich bringt er jungfräuliche Mädchen um, um aus ihnen das verführerischste Parfum aller Zeiten herzustellen und die Menschen damit zu beherrschen. Doch diese Bösartigkeit ist keine simple, sondern komplex und vom Autor aus vielen, sehr verschiedenen Elementen konzipiert. Eine große Rolle spielen dabei Anklänge an Religiosität und Mythologie, die Grenouille nicht nur als Teufel oder Bacchus erscheinen lassen, sondern auch die Vermutung nahe legen, dass er einen Gegenentwurf zum christlichen Messias darstellen soll und somit als eine Art Anti-Messias und Parodie auf den christlichen Heilsbringer fungiert.
Eine weitere Frage, die in der Literatur auf unterschiedliche Weise beantwortet wird, ist die nach dem Ursprung von Grenouilles Bösartigkeit. Ist er von Grund auf böse, also als „Teufel“ geboren, oder aber macht sein Umfeld ihn zu dem, was er am Ende ist? Die Antwort auf diese Frage ist entscheidend für die gesamte Deutung des Romans.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Grenouille - das Genie
2.1 Grenouilles Geruchswelt
2.2 Die Kunst eines Genies
2.3 Identitätsverlust durch Geruchlosigkeit
3. Grenouille - der Mörder
4. Grenouille - das Monster
4.1 Das Animal
4.2 Der Teufel
4.3 Grenouilles „Menschwerdung“
5. Grenouille - der böse Gott
5.1 Apotheose des omnipotenten Gottes der Düfte
5.2 Weitere mythologische Anklänge
5.3 Ein Anti-Messias?
6. Die übrigen Figuren
6.1 Die ersten Bezugspersonen
6.2 Giuseppe Baldini und der Marquis de la Taillade-Espinasse
6.3 Antoine Richis und andere Personen in Grasse
7. Herkunft des Bösen
7.1 Ein Scheusal auf der Suche nach Liebe
7.2 Mitleid mit dem Scheusal
8. Deutungsmöglichkeiten
8.1 Macht und Massenwahn als politische Lesart
8.2 Das Parfum als Roman der Postmoderne
9. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die vielschichtige Figur des Jean-Baptiste Grenouille in Patrick Süskinds Roman „Das Parfum“ und analysiert seine Funktion als Verkörperung des Bösen, Mörder, Genie und Monster sowie dessen Ursprünge.
- Analyse der Genialität und Geruchswelt von Grenouille.
- Untersuchung der monströsen und teuflischen Aspekte des Protagonisten.
- Die Entwicklung und Suche nach Identität sowie die sogenannte „Menschwerdung“.
- Deutung Grenouilles als Anti-Messias und seine Rolle als „böser Gott“.
- Sozialgeschichtliche Einordnung und die Funktion der Nebenfiguren.
Auszug aus dem Buch
2.1 Grenouilles Geruchswelt
Das Paris des 18. Jahrhunderts wird uns bereits zu Beginn des Romans in aller Anschaulichkeit als stinkendster Ort Frankreichs vorgestellt. Am 17. Juli 1738 wird auf dem Fischmarkt beim „Cimetière des Innocents“ in Paris, ausgerechnet dem „allerstinkendsten Ort des gesamten Königreichs“ (S. 7), ein Kind geboren, das einen einzigartigen Geruchssinn besitzt. Noch ehe wir von dieser Fähigkeit erfahren, versetzt uns der Autor in diese geruchsdominierte Welt, die die Erlebenswelt Grenouilles bestimmt. Bereits als Kind ist dieser anders als die anderen Kinder. Schon Pater Terrier, der eine neue Amme für den Säugling finden soll, kommt es vor, „als sehe ihn das Kind mit seinen Nüstern“ (S. 23). Grenouilles Augen scheinen nicht viel wahrzunehmen, doch der Geruchssinn übernimmt ihre sehende Funktion. Im Waisenhaus Madame Gaillards beginnt er, verschiedenste Gerüche in sich aufzunehmen und zu benennen. Die Sprache bereitet ihm jedoch Schwierigkeiten - er spricht das erste Wort erst mit vier Jahren (vgl. S. 31). Allein die Absicht, Gerüche benennen zu können, lässt Grenouille sprechen lernen, indem er zunächst nur Begriffe sammelt, die riechende Gegenstände bezeichnen. Abstrakta bereiten ihm hingegen Schwierigkeiten, was nicht nur ein Zeichen für Grenouilles Geruchsorientiertheit ist, sondern zugleich unterstreicht, dass Gefühle ihm offenbar fremd sind: „ Mit Wörtern, die keinen riechenden Gegenstand bezeichneten, mit abstrakten Begriffen also, […] hatte er die größten Schwierigkeiten.“ (S. 33).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Romans, des Autors und der Bedeutung des Protagonisten Grenouille für den Erfolg des Werks.
2. Grenouille - das Genie: Analyse der einzigartigen Geruchsbegabung, des genialischen Anspruchs und des Identitätsverlusts durch Geruchlosigkeit.
3. Grenouille - der Mörder: Betrachtung von Grenouille als Künstler-Mörder, dessen Taten zweckgebunden der Olfaktorik dienen.
4. Grenouille - das Monster: Untersuchung des Animalischen, des Teuflischen und der Entwicklung zur Menschwerdung.
5. Grenouille - der böse Gott: Analyse der Apotheose Grenouilles, seiner Rolle als Anti-Messias und mythologischer Anklänge.
6. Die übrigen Figuren: Charakterisierung der Nebenfiguren und ihre Beziehung zum Protagonisten als „Galerie“ der Gesellschaft.
7. Herkunft des Bösen: Diskussion über die Ursprünge der Boshaftigkeit zwischen angeborener Natur und sozialer Prägung.
8. Deutungsmöglichkeiten: Interpretation des Romans als politische Parabel und Werk der Postmoderne.
9. Schlusswort: Fazit der Untersuchung über die Vielschichtigkeit der Figur und die Gründe für den Erfolg des Romans.
Schlüsselwörter
Patrick Süskind, Das Parfum, Jean-Baptiste Grenouille, Genialität, Geruchssinn, Bösartigkeit, Mörder, Postmoderne, Identität, Menschwerdung, Anti-Messias, Literaturanalyse, Geruchswelt, Sozialkritik, Mythologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Figur des Jean-Baptiste Grenouille aus Patrick Süskinds Roman „Das Parfum“ hinsichtlich ihrer Vielschichtigkeit und Bösartigkeit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Genialität, Identitätsfindung, das Böse in der Literatur, religiöse und mythologische Anklänge sowie die soziale Konstruktion des Protagonisten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Figur Grenouille in ihrer Komplexität zu durchleuchten und ihre Funktion für den Roman herauszuarbeiten, insbesondere im Hinblick auf das Böse und dessen Ursprung.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text des Romans mit Sekundärliteratur verknüpft und auf Deutungsansätze der Postmoderne sowie literarische Traditionen zurückgreift.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Grenouille als Genie, Mörder, Monster und „böser Gott“ sowie der Rolle der übrigen Romanfiguren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Genialität, Identität, Geruchlosigkeit, Anti-Messias, Postmoderne und Sozialisation.
Inwiefern spielt der Name „Grenouille“ eine Rolle für das Verständnis?
Der Name, der „Frosch“ bedeutet, weist auf seine animalische Natur hin und wird in der Arbeit als mythisches Symbol sowie als Anspielung auf christliche Kontexte interpretiert.
Ist Grenouille ein Opfer oder Täter?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Grenouille beides ist: ein Täter, der böse handelt, aber auch ein Opfer einer lieblosen Gesellschaft, die ihn niemals als Mensch akzeptiert hat.
Was ist die Bedeutung von Grenouilles Geruchslosigkeit?
Sie ist der Kern seiner Identitätskrise, da er die Welt zwar olfaktorisch perfekt wahrnehmen kann, aber selbst nicht riechbar ist und somit keine eigene menschliche Identität besitzt.
Warum endet der Roman mit dem kannibalischen Akt?
Das Ende verdeutlicht das Scheitern Grenouilles an seinem Ziel, geliebt zu werden. Dass die Menschen ihn in einer Art „Kommunion“ auffressen, ist das letzte Paradoxon seiner Existenz.
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- Martina Jansen (Author), 2012, "Das Parfum" und das Böse: Patrick Süskinds Protagonist Jean Baptiste Grenouille, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195082