Gottfried Benns "Palau" und die Fremde – Flucht oder Realität


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

25 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Einführung
1.1. Entstehung / Namensfindung / Leben
1.2. Fragestellungen / Betrachtungen
1.3. Betrachtung zur Fremde

2. Das Gedicht
2.1. Inhalt / Begriffsklärung
2.2. Deutungen aus der Fachliteratur

3. Schlussbetrachtung / Fazit

1. Einführung

Diese Arbeit entsteht im Rahmen eines von Herrn Prof. Dr. Erhart gehaltenen Seminars zur Lyrik des 20.Jahrhunderts mit Schwerpunkt auf Gottfried Benn, Bert Brecht und Paul Celan an der EMAU Greifswald im Wintersemester 2005/6. Zur Betrachtung kommt hier ein Gedicht namens Palau von Gottfried Benn. Palau zählt zu den frühen Gedichten Benns, der ja bis zu seinem Tode im Jahr 1956 tätig war. Benns lyrisches Werk steht stets im Vordergrund der Betrachtungen. Unter den verschiedenen Gesichtspunkten soll Benns Selbstdeutung ein wenig vernachlässigt werden. Benn gilt als bedeutender Dichter der literarischen Moderne. Nicht zuletzt seine theoretischen Abhandlungen über Expressionismus und Nihilismus vermitteln das Bild eines Universalgenies, jedoch immer mit dem Untertitel ‚Reisender zwischen zwei Welten’. Mit Hilfe verschiedener Texte unterschiedlicher Aktualität möchte ich nicht versuchen, das Wesen des Gedichtes Palau offen zu legen, sondern mich lediglich einer versuchten Deutung annähern.

1.1. Entstehung / Namensfindung / Leben

Gottfried Benn verfasste das Gedicht Palau im Jahre 1922. Erstmalig war das Gedicht in seinem Schutt-Zyklus unter dem Titel „Schutt II. Rot - “ erschienen[1]. Zu diesem Zyklus gehören auch „Schutt I. Spuk – „ und in der 2.Auflage[2] „Schutt III. Schwer – „. Wie bei Benn so oft üblich, werden die Gedichte in späteren Publikationen aus dem Zyklus entnommen und unter anderem Titel weiter veröffentlicht. So wurde aus „Schutt II. Rot – „ später in der selbständigen Veröffentlichung „Spaltung. Neue Gedichte“[3] das Gedicht Palau.

Seit 1917 war er in Berlin als niedergelassener Arzt tätig und beendete 1922 mit der Publikation der „Gesammelten Schriften“ seine expressionistische Phase[4]. Palau gilt als Reisegedicht mit dem Hauptelement Wasser. Titel des Gedichtes ist „Palau“, eine Inselgruppe im Südpazifik. Obwohl Benn Zeit seines Lebens nie viel gereist war[5] und absolut auszuschließen ist, dass Benn selbst im Südpazifik war, erscheinen seine Schilderungen wie selbst erlebt. Anfang der 1920er war in den deutschen Gazetten eine Textform in Mode gekommen, die sich Reisebericht nannte. Benn, der sich stark dem Expressionismus verbunden fühlte, studierte tagtäglich die deutsche Presse und stieß wohl dabei auch auf zahlreiche Schilderungen und Darstellungen seiner kreativen Kollegen, die im Unterschied zu ihm weite Reisen in ferne Länder unternahmen. U.a. seien dabei der Maler Paul Gaugin, Brücke-Künstler Max Pechstein und der Dichter Emil Nolde zu nennen. Die Südseethematik war damit zu damaligen Zeiten nicht unüblich oder gar etwas Besonderes.

Der freie Geist des Expressionismus und auch der fortschreitende Ausbau des Verkehrswesens machten es möglich, dass nun nahezu jedermann die Welt bereisen konnte. Ganz besonders Künstler nahmen diese Chance gern in Anspruch, um ihren geistigen Horizont zu erweitern und Inspirationen zu finden. Es ist durchaus anzunehmen, dass Benn durch diese rege Reiseberichterstattung angeregt wurde, seine Lyrik im ähnlichen Stil zu verpacken. Die Phase des Expressionismus zeichnete sich durch einen Wandel in der Darstellung aus. Bilder wurden bunter, Gedichte wurden lauter – alles abstrakter. Später war der Expressionismus für Benn „Wirklichkeitszertrümmerung“ und „rücksichtsloses Andiewurzelnderdingegehen“. Wie schon erwähnt, übte Benn lebenslang zwei Berufe aus. Mit niedergelassener Praxis gab er den pragmatischen Mediziner und seit seiner Studienzeit in Marburg auch den des freigeistigen Künstlers, wie er sich selbst nannte „Artist“. Tagsüber sezierte er Leichen, abends verkehrte er im Berlin der „Goldenen Zwanziger“ in den Künstlerkreisen vom „Café des Westens“. Sein „Doppelleben“[6] gab ihm die Möglichkeit nicht in der Empfindsamkeit eines Dichters zu zerfliesen, sondern sein sprachliches Vermögen zynisch und scharfsinnig darzustellen. Sein gesamtes Werk ist von „seiner“ Stadt Berlin geprägt. Dabei sei dann zu überlegen, ob die Exotik-Isotopie als eine Art Flucht aus der Großstadt oder Sehnsucht nach Abwechslung verstanden werden kann.

Um die Jahrhundertwende vergrößerte Kaiser Wilhelm II. das Deutsche Reich durch den Ankauf verschiedener Kolonien. U.a. kaufte er von der „Entdeckernation“ Spanien die Inseln Palau, Karolinen und Marianen. 1914 wurde Palau von Japan besetzt und wurde 1919 im Auftrag des Völkerbundes japanisches Treuhandgebiet. Mit Sicherheit nahm Benn darüber Kenntnis aus der deutschen Presse und verwendete diese Südsee-Thematik später in seinem Palau. Wie schon erwähnt, hatten Künstler wie Max Pechstein und Emil Nolde ein „persönliches“ Erlebnis mit Palau. Davon zeugen eine Fülle von Skizzen- und Bildmaterial, die beide aus der „exotischen Fremde“ heim brachten. Benns sehr gradlinig verlaufendes Leben bot nicht viel Aufregendes. Geboren in einem Pfarrhaushalt in der Westprignitz, ist es vielleicht noch interessant zu erwähnen, dass sein Vater Deutscher war und seine Mutter aus der französischsprachigen Schweiz stammte. Ständig bemüht um sein eigenes Überleben, lebte er seinen Praxisalltag als Arzt, der ihm nicht genügend Raum für sein künstlerisches Schaffen ließ. So schildert er in Briefen gegenüber Bekannten immer wieder seine innere Verzweiflung und Zerissenheit. Sein Kampf ums Überleben war nicht nur finanzieller Art. Auch in seiner Dichtung war Benn von Selbstzweifeln geplagt. Geprägt vom Nihilismus fehlt ihm jeglicher Fixpunkt in seiner Arbeit. Später schildert er diese „Trauerarbeit“ in seinem Essay „Nach dem Nihilismus“[7]. Gerade in diesen Jahren zweifelt er an seiner Produktivität. Der Arztberuf wird zur lästigen Pflicht, seine eigentliche Pflicht sei das Dichten[8]. Die Frage nach Identität, Heimat und Zugehörigkeit drängt sich einem förmlich auf.

1.2. Fragestellungen / Betrachtungen

Wie schon aufgeführt, ist und bleibt die Lektüre Bennscher Lyrik eine ewige Fragestellung. Fast nicht zu bewältigen ohne Zuhilfenahme eines Fremdwörterbuches oder der heutigen Variante, des Internets, um Erklärungen einzuholen. Was will Benn mit seinen Worten ausdrücken oder möchte er überhaupt etwas mitteilen? Wie normal ist ein Dichter, der nur Negatives zu berichten weiß? Getragen sind seine Gedichte vom Selbstzweifel und einer Weltuntergangsstimmung. Palau mutet dabei fast schon euphorisch an, so dass man sich fragt, was ist denn mit dem Benn passiert? Aber das Lesen bedeutet auch nur an der Oberfläche kratzen - die Beschäftigung mit den Worten ist das Hineingehen. Unklar bleibt auch, wie fremd sich Benn selbst ist. Bekannt ist, dass er experimentelle Erfahrungen mit Drogen gemacht hat. Er sicherlich auch außerkörperliche Erlebnisse hatte, denn so bahnen sich manche seiner Betrachtungen an. Oftmals ist die Rede von rauschhaften Zuständen. Die vormals erwähnte Exotik-Isotopie gestaltet sich als eine Flucht aus der Realität. Palau ist und bleibt für Benn eine Fiktion. Er selbst erwähnt ja später öfter, dass er sich aus der Realität in die Kunst flüchtete. Ob er darin seine Erfüllung fand, bleibt offen.

1.3. Betrachtung zur Fremde

Dietrich Krusche: „Fremde ist keine Eigenschaft, die ein Objekt für ein betrachtendes Subjekt hat; sie ist ein Verhältnis, in dem ein Subjekt zu dem Gegenstand seiner Erfahrung und Erkenntnis steht.“[9]

Karl Valentin[10]: „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde?“[11]

In diesem kleinen Exkurs möchte ich verdeutlichen, wie relevant das Topos des Fremden immer wieder ist. Sicher ist, dass im 18./19.Jahrhundert die Fremde durchaus etwas Exotisches hatte. Hält diese Wirkung bis zu Benn Anfang des 20.Jahrhunderts an oder schwindet ihre Magie. Maßgebend dazu sind die Untersuchungen von Dietrich Krusche. Dazu Krusche:

„Die vom Rezipienten am Text erfahrene Andersheit ist dabei nicht nur Widerstand, Verständnishindernis, Verundeutlichungskomponente, sondern auch und vor allem die Voraussetzung dafür, daß das rezipierende Subjekt sich seiner Besonderheit bewußt werden kann, indem es die Chance wahrnimmt, sich gegenüber dem lesend erlebten Anderen als Selbst zu formulieren.“[12]

Mit anderen Worten ist das Topos Fremde ein wichtiger psychologischer Moment, sozusagen die Möglichkeit der Flucht aus dem Alltag und der Allgemeinheit. Krusche verweist auf Koeppens Reisen nach Frankreich[13] und die Feststellung, dass das „exotisch Fremde im Leseerlebnis unsere Subjektivität zu besonders lebhafter Reaktion stimuliert“. Aber der Grundtenor aller Betrachtungen lautet folgendermaßen: Fremde ist nur exotisch, solange selbst keine Erfahrungen vorhanden sind. Dann verliert sie ihren Zauber, jegliche Utopie bzw. jeglichen Paradiesgedanken. So widmet sich auch Krusche der Serie von Südseegedichten Gottfried Benns. Er gesteht Benn durchaus „gründlich recherchiertes kulturanthropologisches Detail“[14] zu. Dazu sagt er:

„[…] behält die Fremde ihren utopischen Wert, d.h.: die Übertragbarkeit von Elementen, die der Fremde zugeschrieben werden, auf die europäische Wirklichkeit wird für möglich gehalten.“[15]

[...]


[1] unselbständige Veröffentlichung in „Der neue Merkur“. Jg.6,Heft 1, April 1922, p.51-53.

[2] erschienen Dezember 1922

[3] erschienen November 1925

[4] obwohl sein Stil durchaus expressiv bleibt

[5] als Schiffsarzt war er einmal in New York

[6] auch der Name seines autobiographischen Romans von 1958

[7] erschienen Oktober 1932

[8] vgl. Eisermann, S. 32.

[9] vgl. Krusche: Hermeneutik der Fremde, S. 143.

[10] Kabarettist und Komiker, gest.1948.

[11] Quelle: Skript einer Rundfunksendung „Gedanken zur Zeit“, NDR Kultur, 26.04.2006

[12] vgl. Krusche: Hermeneutik der Fremde, S. 13.

[13] Wolfgang Koeppen: Reise nach Frankreich. – Stuttgart: Goverts, 1961.

[14] vgl. Krusche, S. 165.

[15] ebd. S. 165.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Gottfried Benns "Palau" und die Fremde – Flucht oder Realität
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Deutsche Philogie)
Veranstaltung
Lyrik des 20. Jahrhunderts
Autor
Jahr
2006
Seiten
25
Katalognummer
V195101
ISBN (eBook)
9783656211280
ISBN (Buch)
9783656212089
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Benn, Palau, Fremde, Gottfried Benn, Expressionismus, Nihilismus, Ferne
Arbeit zitieren
A. Hofmann (Autor), 2006, Gottfried Benns "Palau" und die Fremde – Flucht oder Realität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195101

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