Gewaltregulation als Constituens von Staatlichkeit

Athen zwischen Drakon und Kleisthenes


Seminararbeit, 2012
17 Seiten, Note: 1,0

Gratis online lesen

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gewalt

3. Aristokraten

4. Die Geset8ge9ung Dratom

5. Die Tyrannis der Peisistratiden und der Weg dorthin
5.1. Die Krise Athens und die Reformen Solons
5.2. ΠΕΙΣΙΣΤΡΑΤΟΣ

6. Athen nach dem Ende der Tyrannis - die Reformen des Kleisthenes

7. Fazit

8. Schlussreexkurs

Literaturverzei chni s

„Jungs raufen halt auf dem Spielplatz, das war schon immer so; das ist ein Naturgesetz. “

„Nein, ist es nicht! “

„Aber sicher! Wissen Sie, es braucht eine gewisse Lehrzeit, um Gewalt durch Recht zu ersetzen.

Der Ursprung des Gesetzes ist, wie Sie natürlich wissen, brutale Gewalt. “ „Das gilt vielleicht für Neandertaler, aber nicht in unserer Welt. “ „Erzählen Sie. mir etwas über unsere Welt...“ „Sie öden mich an, dieses ganze Gespräch ödet mich an. “ „[unverständlich] Ich glaube an den Gott des Gemetzels, den Gott, dessen Gesetze seit dem Anbeginn der Zeiten die Welt unverändert regieren, [...]“ Aus: „Der Gott des Gemetzels “ [1]

1. Einleitung

Eine der grundlegenden Fragen kultureller Existenz ist, inwieweit sich ein Individuum seines Lebens, seiner körperlichen Unversehrtheit sicher sein kann. Dies ist eine Ge­meinsamkeit über die Zeitalter hinweg, eine wirkliche conditio humana[2]. Die Antike war ein Zeitraum, der mit unseren Alltagserfahrungen kaum verglichen werden kann und in dem trotzdem Prinzipien wirkten, die in der Moderne noch bestimmend sind. Philosophen und später Soziologen sahen in dieser Bedingtheit, körperliche Unver­sehrtheit, einen inneren Grund, warum Menschen sich zu Gemeinschaften zusammen­geschlossen haben[3]. Die Besonderheit der Antike ist dabei, dass sie protostaatliche Zu­sammenschlüsse kennt, dass der Staat als Gemeinschaft von Menschen in mindestens einer spezifischen Ausprägung, die wir heute an unserem Staatsmodell noch wahrneh­men können, in der griechischen Antike seinen Ursprung hat. Betrachten wir diesen Aspekt antiker Staatlichkeit, dann können wir gleichermaßen dem Urknall des Politi­schen nachlauschen und dabei erkennen, was ein Grundmuster unseres Zusammenle­bens ist: die Abwesenheit direkter Gewalt in der Konstitution menschlicher Gemein­schaft. Dieser Zustand ist das Ergebnis einer historischen Entwicklung, an deren für uns heute am besten fassbaren Beginn das Werden der athenischen Staatlichkeit zum 5. Jahrhundert steht[4]. Die Formen menschlicher Gesellung haben sich dabei von proto- staatlichen Personenverbänden weg zur formal ausdifferenzierten, institutionell fassba­ren überindividuellen Polis Athen entwickelt. Diese Transformationsprozesse will die vorliegende Arbeit für Athen zwischen der Gesetzgebung Drakons 621/20[5] und den Reformen des Kleisthenes um 507[6] nachzeichnen.

Die Schwerpunktsetzung dieser Arbeit ergibt sich durch das Thema des Seminars ver­bunden mit meinem persönlichen Erkenntnisinteresse, Gewalt als Constituens von Staatlichkeit aufzufassen und dabei zu betrachten, inwieweit (früh)neuzeitliche Staaten­theorien im Grundsatz Gültigkeit für unsere Rekonstruktion des Staatenwerdungspro- zesses in Athen beanspruchen können.

Als Quellen kommt eine epigraphische Wiederaufzeichnung der drakontischen Gesetz­gebung in Betracht (IG I3 104) sowie die literarischen Quellen Herodots und der Athe- naíon politeía. Die notwendige Quellenkritik haben andere vor mir geleistet, insofern ist im Zusammenhang auf sie verwiesen.

Unmittelbare Gewalt ist ein zentraler Aspekt von Staatlichkeit, sowohl deren Vorhan­densein als auch deren Abwesenheit. Der Prozess des Übergangs der direkten Gewalt­ausübung von mächtigen Einzelnen auf prozessual legitimierte Institutionen als Reprä­sentanten eines Gemeinwillens lässt sich am Beispiel Athens zeigen und illustriert eine Kernfunktion von Staatlichkeit, die heute noch Gültigkeit hat. Die notwendige funktio­nale Ausdifferenzierung von Institutionen lässt sich als Integrations- und Wandlungs­prozess der ursprünglich gewaltausübenden Einzelnen in die Polis hinein beschreiben; dabei kann deutlich gemacht werden, dass das so mit Wirkmacht versehene Institutio­nengefüge das zunehmend gültige Aktionsfeld gewaltausübender Einzelner geworden ist.

Nachgezeichnet wird dieser Prozess großteils an der Forschungsliteratur zu Athen und zur griechischen Archaik; wo die Quellenlage es anbietet, wird auf literarische und epi­graphische Quellen eingegangen werden. Der Schwerpunkt der Überlegungen besteht darin, die in den Quellen überlieferten Ereignisse als einen Prozess darzustellen, dessen Für und Wider seinen Niederschlag in einzelnen Quellen findet. Hinsichtlich der Staats­theorie stützt sich diese Arbeit auf die Überlegungen Thomas Hobbes’ im Grundlegen­den, auf die Max Webers im Definitorischen und auf jene Michel Wieviorkas im Aktu­ellen. Dabei wird zuerst der Blick auf den Zusammenhang zwischen Gewalt und Staat­lichkeit gerichtet, hernach der ursprüngliche Träger der Gewalt, der Aristokrat, und des­sen spezifische Lebenswelt in den Blick genommen. Anschließend werden die jeweili­gen Etappen der Institutionalisierung Athens auf ihre Wirksamkeit als Integrations­schritt zur Etablierung funktionaler Herrschaftsinstitutionen hin untersucht; breiter sollen hier die Zeit der Tyrannis der Peisistratiden zwischen 546 [7] und 511/10 [8] und die Reformen des Kleisthenes 508/07 [9] Beachtung finden.

2. Gewalt

Ein „berühmte Formel“ [10], die Staat definitorisch in direkten Zusammenhang mit Gewalt bringt, stammt von Max Weber, indem er schreibt, dass der „Staat [...] diejenige menschliche Gemeinschaft [ist], welche innerhalb eines bestimmten Gebietes [...] das Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit für sich (mit Erfolg) beansprucht.“ [11] Diese Formulierung verbindet das Vermögen des Staates, Gewalt einzusetzen, mit dem Kriterium, dass dieses legitim geschieht, also durch institutionelles Handeln abgesichert worden ist. Thomas Hobbes beschreibt den Menschen dergestalt, dass es seiner Natur gemäß sei, auf der einen Seite die Freiheit zu lieben, auf der anderen Seite aber auch die Herrschaft über andere Menschen anzustreben. Diese Doppelnatur führe zur Staatenbil­dung, weil in ihm die Herrschaft des Gesetzes mit dem Mittel der Gewalt, also des Schwertes durchgesetzt werden kann, das dem Individuum Schutz vor den natürlichen Leidenschaften des Stärkeren bietet. [12] Hobbes führt im weiteren Gründe an, warum der Mensch nicht einfach friedlich zusammenleben könne, auf die später eingegangen wer­den wird. Für die heutige Zeit wird der Zusammenhang zwischen Staatlichkeit und Ge­walt eher als Nachlassen der Autorität des Staates beschrieben, was dazu führt, dass der Gewalt günstigere Rahmenbedingungen geboten werden, „um in Formen aufzutreten, die als delinquent oder kriminell wahrgenommen werden.“ [13] Somit wird hier von bei­den Seiten des Institutionalisierungsprozeses der Blick auf den Zusammenhang zwi­schen Staatlichkeit und organisierter Abwesenheit von direkter Gewalt geworfen, ein­mal zum Beginn dieses Prozesses mit dem Beginn der Staatlichkeit in Athen und einmal mit Lockerungsprozessen im Hinblick auf die Gegenwart. Inwiefern eine Theorie vom Gewaltmonopol für das archaische Athen bzw. für die Antike Geltung beanspruchen kann, bleibt streitig, da man von einem wirklichen Gewaltmonopol in der Antike nicht sprechen kann, weil der ,Staat’ nicht die alleinige Gewalt für sich monopolisiert hatte, sondern im Prozess seiner Staatswerdung lediglich auf die höchste Gewalt bestand. [14] Streitig bleibt insofern nur der Grad, wobei der Grundsatz aufgezeigt worden ist, dass Staatlichkeit und Gewalt einander wechselseitig Bedingung sind.

3. Aristokraten

Die ursprünglichen Träger individueller und vorinstitutioneller Gewaltausübung waren die einzelnen Aristokraten mit ihren Gefährtenschaften, den Hetairoi. Sie verfügten als Oikosbesitzer über die notwendigen natürlichen Ressourcen, ihrem Leben einen ande­ren Zweck geben zu können als den Selbsterhalt. Ein großer Teil der Lebenswelt der Aristokraten bestand aus dem Wettstreit mit anderen Aristokraten (Agon), der sich auf erfolgreiche Handelsunternehmungen, Teilnahme an Spielen oder religiösen Kulthand­lungen und ein spezifisches Ethos richtete. Der Schicht der Aristokraten war ein Le­bensraum bestimmt, der über den engeren Horizont der Heimatpolis hinausreichte, gleichsam als „international“ gelten konnte. Die eigene Polis und der wirtschaftliche Zusammenhalt ebendieser sank so als Mittel zum Zweck des eigentlich Entscheidenden, des Wettkampfes, hinab. In Verbindung mit allfälligen Agrarkrisen entstand so eine Gemengelage, die die Polis herausforderte und zu einem langsamen Wandel der Sozial­strukturen in Athen und anderswo führte. [15]

4. Die Gesetzgebung Drakons

Auf das Jahr 621/20 wird die uns überlieferte athenische Gesetzgebung datiert, die mit dem Namen des Gesetzgebers Drakon verbunden wird, zu dessen Person wenig überlie­fert ist. Sein Gesetzeswerk soll mehrere Gesetzesmaßnahmen umfasst haben [16], wovon uns eine Wiederaufzeichnung aus dem Jahr 409/08 epigraphisch in Teilen erhalten ist [17].Der uns erhaltene Teil kodifiziert die Tötung „με εκ προνοίας“ [18]. Ob die Kodifizierung Drakons auch Mord als beabsichtigte Tötung umfasst hat, muss auf Grund der Quellen­lage als unsicher bezeichnet werden.

[...]


[1] R. Polanski, Der Gott des Gemetzels, Deutschland 2011, Minuten 54:55-55:26, in: sockshare.com, (Zugriff am 10.2.2012), http://www.sockshare.com/file/AE78B07FD92591F7

[2] Hobbes, Leviathan, 131-135.; 3 Ibid.

[3] Jahreszahlen beziehen sich in dieser Arbeit - abgesehen von Fußnoten - auf die Zeit vor Beginn der

[4] Zeitrechnung nach Christus, sofern nichts anderes angegeben ist.

[5] K.-J. Hölkeskamp, DNP 3, 1997, 810f., s.v. Drakon [2].

[6] P. J. Rhodes, DNP 6, 1999, 569f., s.v. Kleisthenes [2].

[7] K. Kinzel, DNP 9, 2000, 483f., s.v. Peisistratos [4].

[8] K. Kinzel, DNP 9, 2000, 482f., s.v. Peisistratidai.

[9] P. J. Rhodes, DNP 6, 1999, 569f., s.v. Kleisthenes [2].

[10] Wieviorka, Gewalt, 69.

[11] Weber, Politik, 566.

[12] Hobbes, Leviathan, 131.

[13] Wieviorka, Gewalt, 62.

[14] Demandt, Staatsformen, 20.

[15] Stein-Hölkeskamp, Geschichte der Antike, 74-77.

[16] K.-J. Hölkeskamp, DNP 3, 1997, 810f., s.v. Drakon [2].

[17] Koerner, Inschriftliche Gesetzestexte, 27-29. Vgl. auch die Anmerkungen dort. IG I3 104 zitiert nach Koerner:, vgl. insbesondere Nörr, Drakon, 631-653.

[18] „nicht aus Vorsatz“ - Eigene Übersetzung.

17 von 17 Seiten

Details

Titel
Gewaltregulation als Constituens von Staatlichkeit
Untertitel
Athen zwischen Drakon und Kleisthenes
Hochschule
Universität zu Köln  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Von Solon bis Salamis - Athens Weg zur Staatlichkeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V195105
ISBN (Buch)
9783656208181
Dateigröße
643 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Athen, Gewalt, Solon, Drakon, Kleisthenes, Staat, Staatlichkeit
Arbeit zitieren
Kristian Kaiser (Autor), 2012, Gewaltregulation als Constituens von Staatlichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195105

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Gewaltregulation als Constituens von Staatlichkeit


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden