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"Wenn sich Diagnostik individueller Biografien bedient“ - Rehistorisierung als verstehende Diagnostik bei Menschen mit geistiger Behinderung

Titel: "Wenn sich Diagnostik individueller Biografien bedient“ - Rehistorisierung als verstehende Diagnostik bei Menschen mit geistiger Behinderung

Hausarbeit , 2006 , 29 Seiten

Autor:in: Diplom-Heilpädagogin Verena Kilian (Autor:in)

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Leseprobe & Details   Blick ins Buch
Zusammenfassung Leseprobe Details

Diese Arbeit basiert auf der Problematik, in der alltäglich erlebten
pädagogischen Praxis geistig Behinderten Menschen verstehend
gegenüber treten zu können. Um entwicklungsbezogen, würdevoll und
verantwortungsförderlich mit dem Menschen umzugehen, bedarf es ein
hohes Maß an emphatischer, pädagogischer Kompetenz. Diese Menschen
nicht zu verstehen und in der Alltagspraxis zu überfordern trägt die
Konsequenz, dass diese Menschen darauf mit affektlogischem Verhalten
reagieren. Diese Auswirkung ist bestimmt nicht in meinem und im
allgemeinen, heilpädagogischen berufsethischen Interesse. Diese nicht
verstehenden Alltagssituationen treten jedoch häufig auf. Die
Pädagoginnen haben oftmals ein mangelhaftes explizites Wissen und zu
wenig reflexives Verständnis über innere sowie äußere isolierende
Bedingungen des Betroffenen. Sie können sich die genaue Schwierigkeit
im Austausch mit der Umwelt und die Entwicklungslogik der Persönlichkeit
nicht vollständig vorstellen, erklären und verstehen. Mit dieser Arbeit
versuche ich, dem „Verstehen“ einen Schritt näher zu kommen, ohne den
Anspruch zu haben, die absolute Realität des Menschen mit einer geistigen
Behinderung erfassen zu können.
Das Seminar „Biografiearbeit“ bietet mir die Chance, individuelle
Lebensgeschichten und Methoden zum biografischen Arbeiten zu erfahren
und diese in meine heilpädagogische Arbeit einzubetten. Die biografische
Arbeit machte mich auf das Thema der Rehistorisierung aufmerksam.
Die Methode der Rehistorisierung bietet die Möglichkeit,
Entwicklungslogiken von Menschen zu erkennen und professionell darauf
zu reagieren. Ich werde mich jedoch in der folgenden Arbeit nur auf die
Menschen beziehen die von einer geistigen Beeinträchtigung betroffen
sind.
Die Frage ob Rehistorisierung eine wirkliche Methode ist, wird im Laufe
des Prozesses zu klären sein.

Im allgemeinen werde ich die Bezeichnung „Pädagogin“ nutzen um mich
auf alle Berufsgruppen zu beziehen, die mit Menschen mit geistiger
Behinderung arbeiten.

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Themeneinstieg

2. Zur Begrifflichkeit: Diagnostik und Behinderung

2.1. Kritik an der wissenschaftlichen, konventionellen Diagnostik

2.2. Zum Begriff der „Behinderung“

3. ...auf dem Weg zur Rehistorisierung

3.1. Prägende Vorannahmen

3.2. Syndromanalyse durch dialektische Entschlüsselung

3.3. Paradigmawechsel

4. Konzept und Intention der Rehistorisierung

4.1. Rehistorisierung als Möglichkeit verstehender Diagnostik

4.2. Ziele der Rehistorisierung

4.3. Vorgehensweise

5. Fallbeispiel der Fachberatung nach Jantzen

5.1. Fachberatung mit Herrn P.

5.2. Fachberatung mit Elke G.

6. Theorie vs. Praxis

6.1. Chancen und Grenzen der Rehistorisierung

6.2. Möglichkeiten und Konsequenzen für die heilpädagogische Arbeit

7. Fazit

7.1. Kritische Auseinandersetzung mit rehistorisierenden Ansichten

7.2. Persönliches Fazit bezüglich dieser Arbeit

Zielsetzung & Themen der Arbeit

Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, die Methode der Rehistorisierung als Ansatz einer verstehenden Diagnostik bei Menschen mit geistiger Behinderung zu beleuchten, um pädagogischen Fachkräften neue Wege zu eröffnen, die Entwicklungslogik und Lebensgeschichte ihrer Klienten tiefergehend zu begreifen und individuelle Bedürfnisse über defizitorientierte Etikettierungen hinaus zu erkennen.

  • Kritik an der konventionellen, reduktionistischen Diagnostik
  • Einführung in die Syndromanalyse nach A.R. Lurija
  • Methodik der Rehistorisierung und deren Umsetzung im pädagogischen Alltag
  • Fallanalysen zur Veranschaulichung der verstehenden Diagnostik
  • Reflexion des professionellen Selbstverständnisses und des Theorie-Praxis-Verhältnisses

Auszug aus dem Buch

5.2. Fachberatung mit Elke G.

Elke G. gehört zu dem sogenannten „harten Kern“ der Einrichtung und ist 39 Jahre alt. Sie hat eine Tetraspastik mit deutlicher Linksbetonung. Möglicherweise ist Elke blind, was aber zum Zeitpunkt des Gespräches noch nicht vollständig geklärt werden konnte. Die Pädagogen berichten, dass sie zu Autoaggressionen neigt, Tischdecken herunter reißt und mit Gegenstände herum wirft. Elke spricht nicht, stört jedoch durch hohe, schrille Töne die Bewohner/innen und Mitarbeiter/innen. Elke verfügt über motorische Elementarfunktionen der Hände und kann Gegenstände greifen. Jantzen berichtet, nachdem er die schmale Akte von Elke G. studiert hat, von einem perinatalen Defekt rechts temporal und parietal. Auch Elke nimmt an der Fachberatung über sich teil und wird in das Beratungszimmer hineingeschoben. Dabei umklammerte sie, so berichtet Jantzen, mit dem linken Arm eine Cola- Flasche. Nach Aussagen der Mitarbeiter benötigt sie diese um ruhig zu sein. Während des Gesprächs taktiert Elke mit der rechten Hand eine neben ihr sitzende Mitarbeiterin, indem sie an der Kleidung zippelt oder kneift. Nachdem Herr Jantzen auf ihre Hand tippt, überträgt sie das Muster sofort auf seine Person. Während des weiteren Gesprächs probiert Jantzen verschiedene Dinge aus und analysiert die Reaktionen von Elke G. Aufgrund des CT- Befundes in der Akte vermutet Herr Jantzen ein Rechtshemisphären- Syndrom und damit verbunden eine linksseitige Störung des Körperselbst.

Frau G. reagiert bei Annäherung von rechts sofort mit ihrer Hand, wobei bei der Annäherung von links keine Reaktion erfolgt. Herr Jantzen beginnt im rechten Körperraum mit Elke zu arbeiten. Durch rhythmische Muster auf ihren Handrücken fordert er eine Reaktion von Elke. Erst wenn sie darauf reagiert, zieht er seine Hand wieder weg. Er berichtet, dass Elke nach kurzer Zeit beginnt, sich an den Mustervariationen zu beteiligen. Am Ende der Beratung ist ein wechselseitiges, rhythmisches in die Hände klatschen mit ihrer rechten Hand möglich.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert die Schwierigkeit, Menschen mit geistiger Behinderung in der Praxis verstehend zu begegnen, und stellt die Rehistorisierung als Ansatz zur Rekonstruktion individueller Lebensgeschichten vor.

2. Zur Begrifflichkeit: Diagnostik und Behinderung: Dieses Kapitel kritisiert die konventionelle, defizitorientierte Diagnostik und diskutiert den Wandel des Verständnisses von Behinderung hin zu einer entwicklungsbezogenen Sichtweise.

3. ...auf dem Weg zur Rehistorisierung: Hier werden die theoretischen Grundlagen, insbesondere das Konzept der Syndromanalyse nach Lurija und die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels in der Diagnostik, erörtert.

4. Konzept und Intention der Rehistorisierung: Das Kapitel erläutert die Rehistorisierung als verstehende Diagnostik, die den Menschen als bio-psycho-soziale Einheit begreift und darauf abzielt, die Geschichte hinter dem Symptom aufzudecken.

5. Fallbeispiel der Fachberatung nach Jantzen: Anhand von zwei Praxisbeispielen (Herr P. und Elke G.) wird verdeutlicht, wie durch eine rehistorisierende Herangehensweise Bedürfnisse hinter Problemverhalten erkannt werden können.

6. Theorie vs. Praxis: Es erfolgt eine kritische Reflexion über die Chancen und Grenzen der Methode sowie über die notwendigen Konsequenzen für ein reflektiertes heilpädagogisches Handeln.

7. Fazit: Das Fazit fasst die Bedeutung der Rehistorisierung als Menschenbild zusammen und unterstreicht die Wichtigkeit einer kontinuierlichen Reflexion im pädagogischen Team.

Schlüsselwörter

Rehistorisierung, verstehende Diagnostik, geistige Behinderung, Syndromanalyse, Alexander R. Lurija, Heilpädagogik, Lebensgeschichte, Biografiearbeit, Fallberatung, Empowerment, Entwicklungslogik, Normalisierungsprinzip, pädagogisches Handeln, Inklusion, Reflexion.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit beschäftigt sich mit der Methode der Rehistorisierung, einem diagnostischen Ansatz in der Heilpädagogik, der darauf abzielt, Menschen mit geistiger Behinderung nicht nur über Defizite, sondern über ihre individuelle Lebensgeschichte und Persönlichkeitsentwicklung zu verstehen.

Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?

Zentrale Themen sind die Kritik an klassischer, konventioneller Diagnostik, die Grundlagen der Syndromanalyse nach Lurija, die Bedeutung der Biografie für das aktuelle Verhalten und die Notwendigkeit eines empathischen, ressourcenorientierten Heilpädagogen-Verständnisses.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Ziel ist es aufzuklären, wie Pädagogen durch die Rehistorisierung ein tieferes Verständnis für die Krisen und Verhaltensweisen ihrer Klienten entwickeln können, um von einer rein symptombasierten zu einer verstehenden, förderorientierten Diagnostik zu gelangen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit nutzt Literaturrecherche und die Analyse von Fallbeispielen, um die Anwendung hermeneutisch-diagnostischer Verfahren und der Theorie der Rehistorisierung nach W. Jantzen zu explorieren.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Rehistorisierung, eine Darstellung der diagnostischen Vorgehensweise sowie in die Anwendung dieser Theorie auf konkrete Fallbeispiele von Bewohnern in Großeinrichtungen.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Begriffe sind Rehistorisierung, verstehende Diagnostik, Syndromanalyse, Biografiearbeit, Heilpädagogik und Empowerment.

Wie wird in der Arbeit mit dem Begriff der „doppelten Realität“ umgegangen?

Die Arbeit greift diesen Begriff auf, um zu verdeutlichen, dass man sowohl die psychopathologische Problematik eines Menschen als auch seine gesellschaftliche Situation als „Ausgeschlossener“ oder „Gebrandmarkter“ bei der Diagnostik berücksichtigen muss.

Welche Bedeutung kommt dem Fallbeispiel von Elke G. zu?

Das Fallbeispiel von Elke G. illustriert, wie durch die Analyse neurologischer Befunde in Verbindung mit der persönlichen Lebensgeschichte ein vormals als „störend“ etikettiertes Verhalten (wie Autoaggression) als Bedürfnisäußerung und Kommunikationsversuch neu entschlüsselt werden kann.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten  - nach oben

Details

Titel
"Wenn sich Diagnostik individueller Biografien bedient“ - Rehistorisierung als verstehende Diagnostik bei Menschen mit geistiger Behinderung
Hochschule
Hochschule Hannover
Autor
Diplom-Heilpädagogin Verena Kilian (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2006
Seiten
29
Katalognummer
V195117
ISBN (eBook)
9783656210641
ISBN (Buch)
9783656211808
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heilpädagogik Diagnostik geistige Behinderung Biografiearbeit
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Diplom-Heilpädagogin Verena Kilian (Autor:in), 2006, "Wenn sich Diagnostik individueller Biografien bedient“ - Rehistorisierung als verstehende Diagnostik bei Menschen mit geistiger Behinderung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195117
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Leseprobe aus  29  Seiten
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