Rezensionsessay: Pierre Bourdieu. 1987. Sozialer Sinn

Kritik der theoretischen Vernunft


Essay, 2012

17 Seiten


Leseprobe

1. Einleitung und Kapitel 1: Die Objektivierung objektivieren

In der Einleitung schreibt Bourdieu über die Beziehung zwischen Objektivismus und Subjektivismus. Im Subjektivismus werden Erkenntnisse aus subjektiven Gegebenheiten abgeleitet. Der Objektivismus schliesst subjektive Faktoren aus und fokussiert sich auf unabhängige Sachverhalte, wie etwa Strukturen oder Funktionen. Bourdieu zeigt einen Gegensatz zwischen einer wissenschaftlichen/theoretischen Erkenntnis uns einer alltäglichen/praktischen Erkenntnis. Diese Kluft gilt es zu überwinden. Um dies zu schaffen, fordert Bourdieu die Unterordnung der wissenschaftlichen Praxis. Er stellt sich die Frage, ob ein Wissenschaftler als Beobachter überhaupt eine Situation verstehen kann. Bourdieu will, dass in der soziologischen Analyse sowohl die sozialen Akteure und ihre praktischen Erfahrungen, als auch die zugrunde liegenden objektiven Strukturen betrachtet werden. In Bezug auf die Beziehung zwischen Objekt und Wissenschaftler vertritt er den Standpunkt, dass der Wissenschaftler die Praxis an sich verfälscht. Er betrachtet von vornherein das Objekt aus einer bestimmten Perspektive.

Im ersten Kapitel bietet Saussures Linguistik eine Grundlage des Strukturalismus. Nach Bourdieu ist es wichtig sein Augenmerk auf den Standpunkt, aus dem das Objekt betrachtet wird, und auf das Verhältnis zum Objekt zu legen. Nach Saussure müsse man den „Standpunkt des unparteiischen Zuschauers" einnehmen. Das Objekt spiegelt sich in allem wieder, was sich aus dem Standpunkt ergibt. Der Strukturalismus weisst für ihn erstzunehmende Probleme auf, da er gesellschaftliche Bedingungen von Produktion, Reproduktion und den Gebrauch von symbolischen Objekten einfach weglässt. Die Wissenschaft fasst die in der Zeit kontinuierlich ablaufenden sozialen Praxen in eine Theorie und generalisiert Einzelfakten. Daraus entsteht dann ein mehr oder weniger schlüssiges Modell. Problematisch wird dies vor allem, wenn dieses Modell dann für die Realität gehalten wird. Die teilnehmende Beobachtung wird als Widerspruch in sich beschrieben. Die Praxis kann nicht objektiv beschrieben werden. Bourdieu erklärt die Unzulänglichkeit des wissenschaftlichen Diskurses anhand des Beispiels der Kunstgeschichte. Die Erfahrungen des Künstlers stehen dem Beobachter gegenüber. Die Analyse von Kunstwerken läuft nach einem bestimmten Muster ab, ohne zu erkennen, dass künstlerisches Schaffen keiner Theorie untergeordnet werden kann.

Der Anspruch den Bourdieu stellt, ist sehr hoch und eigentlich unerreichbar. Er fordert ein kritisches Bewusstsein für die Grenzen der Theorie. Ein Modell ist ein Versuch die Praxis zu erklären. Die Gesellschaft nimmt keine Rücksicht auf das Modell. Die Praxis läuft nicht nach einem Modell ab. Er macht bei seiner Darstellung einen sehr misstrauischen Eindruck gegenüber Theorien und Modellen. Die Theorie würde nicht einmal einen Regelfall beschreiben, sondern beschreibe wie ein Regelfall auszusehen hätte. Seine Betrachtung beschränkt sich auf die negativen Aspekte. Die Gelegenheiten oder Chancen die sich aus einer Theorie oder einem Modell ergeben fallen unter den Tisch. Seine Ansichten machen den Eindruck einer Warnung. Immer wieder wird auch seine Abneigung gegen den Strukturalismus deutlich.

2. Kapitel 2: Die imaginäre Anthropologie des Subjektivismus

Im zweiten Kapitel spielen Sartre und der Voluntarismus eine grosse Rolle. Sartre formuliert konsequent eine Philosophie des Handelns. Er erkennt nichts an, was an dauerhaften Dispositionen und wahrscheinlichen Eventualitäten hängt. Die Welt des Handelns beschreibt er als eine imaginäre Welt mit auswechselbaren Möglichkeiten. Das Subjekt kann bei Sartre aus der absoluten Diskontinuität ausbrechen. Das individuelle und das kollektive Subjekt wählen ihr Dasein selbst und sind frei von äusserlichen Determinanten. Eine anti-objektive Perspektive wird am Beispiel der gesellschaftlichen Klassen dargestellt. Die Arbeiterklasse wird entmachtet, indem er zu einer Maschine gemacht wird. Der Lohn deckt die Unterhaltskosten, die einzige Entscheidung des Arbeiters ist, welche Ausgabe Priorität hat. Das Klassensein ist ein praktisch inertes Sein, welches dem Menschen durch die Menschen aufgezwungen wird. Sartre schwank zwischen einem An-Sich und einem Für-Sich. Also zwischen Materialität und Praxis oder zwischen Trägheit (auf Notwendigkeit reduzierte Gruppe) und dem fortwährenden Entstehen eines freien kollektiven Entwurfs (unendliche Reihe von Entscheidungen, welche für die Gruppe nötig sind, um nicht in reiner Materialität zu enden). Wenn man Sartres Theorie analysiert, stösst man auf die Grundlage der Auseinandersetzung zwischen Objektivismus und Subjektivismus. Die Idee der Humanwissenschaft vom Menschen, welcher gleichzeitig Objekt und Subjekt der Wissenschaft ist, ist ein zentraler Punkt. In Bezug auf Entscheidungen schreibt Bourdieu über die Theorie des „rational Handelnden". Auf der einen Seite steht der zweckbetonte Ultrasubjektivismus des trägheitslosen Bewusstseins. Auf der anderen Seite finden wir den intellektuellen Determinismus, welcher sich oft gegen den mechanischen Determinismus stellt. Entscheidungen hängen zusätzlich von strukturellen Zwängen (Gesetze), welche den Handlungsspielraum begrenzen, und Präferenzen ab. Der Handelnde hat keine andere Freiheit als die des Festhaltens am Wahren (objektive Chancen) oder am Falschen (subjektives Denken). Die Theorie des rational Handelnden bezieht sich nur auf die objektiven Bedingungen. Die Grundlage zu dieser Theorie sind die Intention der Rationalität und eine freie und sachkundige Berechnung des rationalen Subjekts.

In diesem Kapitel finden wir auch eine Analyse zu den Grundlagen des Glaubens. Beweise überzeugen die Vernunft. Die Gewohnheit macht die Beweise stärker. Die Gewohnheit bestimmt den Geist, ohne dass der Geist es bemerkt. Erst durch Gewohnheit entsteht Überzeugung. Glaube allein aus der Kraft der Überzeugung reicht nicht, man könnte trotzdem zum Gegenteil neigen. So muss der Glaube in die Gewohnheit eingehen, dann sind keine Beweise nötig und die Vernunft wird gebeugt. Die Seele fällt dann dem Glauben völlig zu. Beides muss glauben, der Geist durch Gründe und der „Automat" durch Gewohnheit. Eine zentrale Frage ist: Woher kommt der Glaube? Pascal beantwortet die Frage nicht. Williams spricht von einer Entscheidung zu glauben. Diese Entscheidung muss aber vergessen werden. Es ist somit eine Entscheidung zur Entscheidung. Wobei Entscheidungen auf Bedingungen, Vorurteilen und früheren Entscheidungen beeinflusst sind. Die Urteilsfähigkeit wird so geformt. Dadurch, dass die Entscheidung zum Glauben vergessen wird, entsteht die Illusion, der Glaube sei angeboren.

3. Kapitel 3: Strukturen, Habitusformen, Praktiken

Bourdieu versucht Subjektivismus und Objektivismus zu verbinden. In diesem Kapitel ist die Überwindung von Antinomien das Ziel. Eine zentrale Frage ist: Was ist der Habitus?

Bourdieu liefert klare Definitionen. Habitusformen sind Systeme übertragbarer und dauerhafter Dispositionen. Sie sind strukturierende Strukturen und fungieren als solche, dass heißt sie treten als Erzeugungs- und Ordnungsgrundlagen für Praktiken und Vorstellungen auf. Sie können objektiv an ihr Ziel angepasst sein. Der Habitus ist kollektiv und individuell wirksam. Er sichert die aktive Präsenz früherer Erfahrungen. Diese sind in jedem Organismus in Form von Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata vorhanden. Somit ist der Habitus als einverleibte Geschichte präsent und wirkend. Ebenfalls ist er Produkt einer Aneignungs- und Prägungsarbeit. Dies ist nötig, damit die Erzeugnisse der gemeinsamen Geschichte reproduziert werden können. Sie werden als objektive Strukturen in Form der dauerhaften und angepassten Disposition reproduziert. Der Habitus ermöglicht Institutionen am Leben zu halten. Allerdings werden den Institutionen Korrekturen und Wandlungen vom Habitus aufgezwungen. Der Habitus ist eine Fähigkeit in kontrollierter Freiheit Hervorbringungen zu erzeugen. Diese liegen immer in historischen und sozialen Grenzen. Alles in Allem ist der Habitus ein Produkt aus Strukturen und Dispositionen. Er ordnet Praktiken, welche überindividuell sind und über subjektive Absichten hinausgehen. Hier tritt er als strukturierende Struktur in Erscheinung. Unter anderen sind diese mit einem objektivierten Sinn ausgestattet. Diese Praktiken reproduzieren, korrigieren und verändern Dispositionen, welche aus der kollektiven Geschichte bestehen. Im Habitus enthaltene Handlungsgrenzen sind objektive Notwendigkeiten welche auf die Geschichte Einfluss nehmen. Die gemeinsame Geschichte wird durch ökonomische und soziale Umstände langsam gebildet. Der Habitus ist etwas verinnerlichtes, was unbewusst im Individuum ist (objektiv vorhanden). Habitusformen entstehen durch die Anpassung an ein bestimmtes Feld und durch äußere Umstände. Die Handlungen des einzelnen werden mit einbezogen.

Aus dem Habitusbegriff folgen Konsequenzen. So ist die Handlungsfreiheit des einzelnen stark begrenzt. Im gesellschaftlichen Handeln sind Veränderungen nur sehr langsam möglich. Dieses Kapitel war leichter und angenehmer zu lesen als der Rest. Im Gegensatz zu den bisherigen Kapiteln wären die Sätze kürzer und damit einfacher zu lesen und damit zu verstehen. Bourdieu formuliert hier klar und präzise. Damit sind die eindeutigen Definitionen des Habitus auch sehr gut verständlich.

4. Kapitel 4: Glaube und Leib

Zuerst schreibt Bourdieu über das Feld. Er erklärt es anhand des Spiels. Das Spiel ist eine willkürliche und künstliche soziale Konstruktion. Es hat explizite und spezifische Regeln. Dazu kommen eine zeitliche und räumliche Begrenzung. Durch den Eintritt ins Spiel werden die Regeln anerkannt und sozusagen ein Vertrag geschlossen. In das soziale Feld ist man hineingeboren und man hat sich nicht zur Teilnahme entschlossen. Das Erlernen des Spiels erklärt Bourdieu durch einen Vergleich. Er vergleicht es mit dem Erlernen der Muttersprache und einer Fremdsprache. Bei der Muttersprache lernt und spricht man gleichzeitig, man denk in dieser Sprache. Die neue Sprache erlernt man mit Regeln und Grammatik, sie wird einem ausdrücklich beigebracht.

Ob man zu einem Feld gehört entscheidet der Glaube. Hier unterscheidet Bourdieu eine naive Form des Glaubens und den pragmatischen Glauben. Ersteres ist angeboren und bildet die ursprüngliche Zugehörigkeit. Der pragmatische Glaube ist willentlich.

Der praktische Glaube ist ein Art „Eintrittsgeld" ins Feld. Das Feld funktioniert durch ständige kollektive falsche Erkenntnis und symbolisches Kapital. Die Logik des Feldes muss unerkannt bleiben. Man ist entweder hineingeboren, also nicht willentlich Beigetreten, oder durch einen langwierigen Prozess beigetreten. Der praktische Glaube ist kein Gemütszustand und keine willentliche Anerkennung des Körpers. Er ist ein Zustand des Leibes.

Einen vollkommen anderen Glauben kann man anderen nicht durch Diskurs nacherleben lassen. Weder durch objektive Glaubenswahrheit, noch durch ein subjektives Glaubenserlebnis, kann der Glaube anderer erlebt werden. So funktioniert ein Beobachten von außen genauso wenig wie ein Nutzen der Zugehörigkeit zu einem anderen Feld. Nach Pascal ist es der Automat, der den Geist mitzieht, ohne dass dieser daran denkt. Dadurch, dass der Handelnde nie genau weiß, was er tut, ergibt die Handlung mehr Sinn.

Der Gegensatz zwischen Frau und Mann beschreibt die körperliche Hexis genau. Ein Beispiel ist die Olivenernte. Die Frau läuft hinter dem Mann und hebt auf, was er zu Boden wirft. Es gibt einen Glauben an die Rangordnung. Der Mann und die Frau seien zu bestimmten Arbeiten berufen. Für den Leib sind Ordnungsschemata doppelt begründet. Es gibt eine gesellschaftliche und geschlechtliche Arbeitsteilung. So wird der Leib je nach Geschlecht und Form bestimmt und die geschlechtliche Arbeitsteilung nach der gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Der Leib selbst spielt beziehungsweise stellt sich nichts vor. Er glaubt was er spielt. Die Vergangenheit kann wieder erlebt werden. Was der Leib gelernt hat besitzt er nicht, er verkörpert es. Ein Beispiel hierfür wären Gesellschaften ohne Schrift. Wissen bleibt im einverleibten Zustand lebendig. Weitergegeben wird es durch eine Art von Leibesübungen. Der Leib wird mit allen Kenntnissen, die er reproduziert, vermengt. Dabei ist er nie objektiv. Bei Kindern steht die Gruppe zwischen ihnen und der Welt. Sie sind von Kultur, Hierarchien und Ordnungssystemen beeinflusst. Kinder lernen dadurch die Welt mit dem gesamten Leib zu lesen („learning by doing"). Die geschlechtliche Identität ist Hauptbestandteil der sozialen Identität. Dazu kommen Vorstellungen der geschlechtlichen Arbeitsteilung und die gesellschaftliche Gesamtheit von untrennbar biologischen und sozialen Indizien. Die Grundlage für eine tiefe Teilung der Symbol- und Sozialwelt ist der Gegensatz zwischen Mann und Frau.

5. Kapitel 5: Die Logik der Praxis

Zentral in diesem Kapitel ist die Begriffsanalyse der Praxis. Dieser Terminus wird weiterhin an seinem Gegenspieler der Theorie relativiert.

Hierbei beschreibt der Soziologe Wissenschaftler als „die Inhaber des Monopols auf den Diskurs über die Sozialwelten". Anschaulich wird die Praxis mit dem gesellschaftlichen Spieltrieb verglichen, welcher im Widerspruch zur Vorhersehbarkeit der Theorie steht und somit die Theorie, welche die Praxis beschreiben soll, verneint.

Zentral hierbei ist die entzeitlichte Theorie, losgelöst und abstrahiert von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, welche ihrerseits versucht die Praxis zu entzeitlichen. Eine entzeitlichte Praxis ist jedoch realitätsfern, da sie durch Asymmetrien und Spontanitäten beeinflusst und beschrieben ist. Der Wissenschaftler unterliegt insofern der Gefahr der Begehung eines theoretischen Fehlers als dass er „den Standpunkt des Schauspielers mit dem des Zuschauers verwechselt" und somit eines neutralen Blickes auf die Praxis fähig ist. Auch hierbei bedient sich der Autor an dem Beispiel des Kalenders, welcher die Zeit in logische, rhythmisierte Einheiten einteilt. Dennoch können diese symmetrischen Einheiten in Abhängigkeit von ihrer praktischen Bestückung, also wie Tage, Wochen, Monate verbracht werden unterschiedlich schnell oder lang wahrgenommen werden. Dieser Vergleich lässt sich exemplarisch auf Sozialstrukturen projizieren. Sozialstrukturen sind bedingt durch praktische Handlungen, sollen aber in Theorien verankert werden, um sie zu generalisieren und somit vorhersehbar zu machen. Doch wird nicht berücksichtig, dass jede soziale Interaktion „Zweideutigkeiten, Unterschwelligkeiten und Doppelbedeutungen" impliziert, welche in Theorien nicht abstrahiert werden können. Symboliken in der Praxis sind gleichzeitig stereotypisiert und auf der Spontanität der Situation beruhend, denn sie werden aktiv vom Handelnden gewählt ohne große logische Mühe aufbringen zu müssen, denn nicht passende Aktionsmöglichkeiten werden diskriminiert. Dennoch ist herauszustellen, dass die Reflexion einer Handlung zur Verzerrung dieser führt. Der Schauspieler wird in diesem Falle zum Regisseur, was eine intuitive, spontane Aktion nicht zulässt. Der Handelnde hat keine Chance mehr „die Wahrheit seiner Praxis (...) zu formulieren." Bourdieu zieht Riten und Sitten als praktische Handlungen exemplarisch heran, welche stupide überliefert wurden, ohne hinterfragt zu werden. Sie beruhen weniger auf logischen Überlegungen, sondern sind in der Tradition manifestiert und demnach unumgänglich. Zusammenfassend zieht der Autor den Schluss, dass eine allzu große Subjektivität aber auch eine allzu abstrahierte Objektivität nicht in einer wahrheitsgemäßen Transformation von Praxis in Theorie mündet. Vielmehr sollten Praktiken, in diesem Falle Riten als unabhängig von Logik und für die Gesellschaft als unentbehrlich betrachtet werden.

6. Kapitel 6: Die Wirkung der Zeit

Das zentrale Thema des Kapitels sind Handlungen wie der Gabentausch oder Ehrenhandlungen. Der Mensch folgt einem „mechanischen Gesetz", durch welches er als Automat reduziert wird. Es ist ein Zyklus der Wechselseitigkeit, denn das Schenken verpflichtet den Beschenkten ein Gegengeschenk zu machen. Das Schenken mündet immer in ein Gegengeschenk („Sozialmechanik"). Menschen befolgen die Gesetzte der Praxis, ohne bewusst aktiv zu handeln oder diese Handlung reflektieren zu können.

Bourdieu kritisiert dieses aber, was man auch in der Graphik sieht und sagt, ein Gegengeschenk erfolgt nicht, wenn Beschenkter undankbar ist oder das Geschenk als Beleidigung zurück gewiesen wird. Lässt man diese Bedingung aber außer Acht, kann man nicht vorhersehen, wann dieser Sozialmechanismus ans Ziel gelangt beziehungsweise stoppt. Die soziale Interaktion wird durch „Geben und Nehmen" oder „kleine Geschenke erhalten die Freundschaft" aufrechterhalten. Es herrscht eine konstante Ungewissheit, die die Motivation für Weitergang der Interaktion ausmacht (soziale Wirksamkeit).

Wenn man die Praxis und ihre Logik verändert, kann dieser Kreislauf beendet werden. Zum Beispiel durch völlige Vorhersehbarkeit der nächsten Interaktion (ich schenke Schokolade, um Haribo zurück zu bekommen). Das verändert die Praxis und fördert Strategiebildung, bietet also Manipulationsmöglichkeiten, und der Reiz der Interaktion fällt weg.

Jetzt nimmt Bourdieu noch das Ehrverhalten hinzu. Die Gleichheit der Ehre ist eine beweislose Voraussetzung. Eine Ehrbezeugung ist als Tausch definiert. Allerdings wird eine Ehrbezeugung nur an Gleichgestellte gerichtet. Es ist ein gleichgestellter Tausch und ist erst dann vollkommen, wenn er erwidert wird, sonst ist es nur leere Herausforderung. Wenn zum Beispiel ein Rangniederer schenkt gilt es als Entehrung. Die Sozialisation von Normen durch die Gesellschaft bestimmen die Handlungen und Interaktionen. Normen haben keine Allgemeingültigkeit, sondern sind vielmehr abhängig von der Zeit.

Ein Schema weist weder „Strenge noch Beständigkeit" auf, es sind künstlich herausgegriffene elementare Verhaltensbestandteile in der Einheit einer geordneten und gerichteten Praxis zusammengefasst. Hier findet man wieder den Gegensatz von Objektivität und Subjektivität. Die Kritik an solchen Schemata ist, dass sie unbedacht zur Regel gemacht werden. Hinter dieser Regel kann man sich dann verstecken, da die Objektivität solcher Schemata vorgibt, Normen zu manifestieren, die automatisch in Praktiken münden. Also dass sie ohne Hinterfragung in der Praxis umgesetzt werden können. Schemata sind Haupthindernis einer Konstruktion und einer adäquaten Theorie der Praxis.

Bourdieus Kritik ist, dass man nur ein Modell errichten kann, welches nur die Theorie beschreibt. Dabei muss aber hervorgehen, dass dieses theoriegeleitete Modell in einem praktischen Artefakt mündet. Es liegt noch keine empirische Überprüfung des Modells vor. Es kann demnach nicht auf die Handlungsweisen in einer Population generalisiert werden. Bezieht man das wieder auf das ursprüngliche Thema der Ehrenhandlungen, so ermöglicht das Modell jedem, sich die theoretische Grundlage seines moralischen Handelns anzueignen. Bourdieu sagt also, dass zwar ein Modell besteht, dieses aber auf das Individuum herunter gebrochen werden muss. Er fasst zusammen, dass ein Individuum nicht automatisch, durch das Modell geleitet handelt, sondern immer noch Mitspracherecht in Form von Reflexion besitzt. Diese Reflexion basiert auf der Ersterziehung also Sozialisation. Das lässt sich nicht auf Überlegungen hinsichtlich des Modells zurückführen, dafür wäre keine Zeit, sondern ist instinktiv anzusiedeln („automatische Sicherheit eines Instinkts").

Wenn man versucht die Beziehung zwischen Theorie und Praxis zu erklären kommt zu folgendem Ergebnis:

Die Theorie reduziert Erleben auf bloßen Schein. Eine objektive Wahrheit ist nicht dem subjektiven Erleben gleich. Eine objektive Betrachtung ist totalisierend.

Die Praxis entspricht der subjektiven Wahrheit, weil Handlung subjektiv ist. Die Praxis steht im Verhältnis zur Zeit. Sie ist weniger objektiv und unumkehrbar. Bourdieu stellt sich jegliche Theoriebildung. Man darf nicht vergessen, dass es sich hierbei nicht um Theorie, sondern um menschliches Handeln handelt, demnach kann man die Praxis nicht vorhersehen. Gabentausch ist ein soziales Spiel, indem Spieler objektive Wahrheit also das Modell verkennen.

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Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Rezensionsessay: Pierre Bourdieu. 1987. Sozialer Sinn
Untertitel
Kritik der theoretischen Vernunft
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Autor
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V195144
ISBN (eBook)
9783656209591
ISBN (Buch)
9783656212898
Dateigröße
681 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rezensionsessay, pierre, bourdieu, sozialer, sinn, kritik, vernunft
Arbeit zitieren
Miri Unger (Autor), 2012, Rezensionsessay: Pierre Bourdieu. 1987. Sozialer Sinn , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195144

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