Grundwissen Übergewicht und Adipositas: Folgen, Ursachen, Therapie und Fallstudie zu Ernährungs- und Bewegungsangeboten an Schulen


Masterarbeit, 2012

147 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Abkürzungs- und Symbolverzeichnis

Prolog

Einleitung

I Grundlagen Adipositas
1 Definition und Klassifikation
2 Epidemiologie
2.1 Entwicklung und aktuelle Situation
2.2 Auswirkungen
2.2.1 Gesundheitliche Auswirkungen
2.2.2 Gesellschaftliche Auswirkungen
3 Ätiologie
3.1 Biologische Faktoren
3.2 Genetische Faktoren
3.3 Bewegungsverhalten
3.4 Essverhalten
3.4.1 Einfluss psychologischer und psychischer Aspekte
3.4.2 Einfluss soziokultureller Aspekte
3.4.3 Einfluss der Medien
3.4.4 Kognitiver Einfluss auf das Essverhalten
3.5 Zusammenfassung
4 Nährstoffe und Stoffwechsel
4.1 Fett
4.2 Kohlenhydrate
4.3 Proteine
4.4 Ballaststoffe
4.5 Wasserhaushalt und Getränke
4.6 Süßstoff
5 Grundlagen des Energieverbrauchs
5.1 Oxidationswege
5.2 Definition und Messung von Grund- und Ruheumsatz
5.3 Definition und Berechnung von Arbeits- und Gesamtumsatz
6 Interventionsmöglichkeiten
6.1 Medizinische Behandlung
6.1.1 Medikamentöse Therapie
6.1.2 Operative Therapie
6.2 Ernährungsmanagement
6.2.1 Diäten
6.2.2 Langfristige Ernährungsumstellung
6.3 Bewegungstherapie
6.4 Verhaltenstherapie
6.5 Besonderheiten bei Kindern
6.6 Grenzen und Schwierigkeiten
6.7 Folgerungen

II Ernährungs- und Bewegungsangebote an Schulen
1 Forschungsdesign
1.1 Theoretischer Rahmen
1.2 Fragestellung
1.3 Stichprobe und Erhebungsmethode
1.4 Aufbereitungs- und Auswertungsmethoden
1.4.1 Aufbereitungs- und Auswertungsmethoden Bewegungsangebot
1.4.2 Aufbereitungs- und Auswertungsmethoden Zwischenverzehr
1.4.3 Aufbereitungs- und Auswertungsmethoden Mittagsangebot
2 Ergebnisdarstellung
2.1 Bewegung
2.1.1 Sportunterricht und Kooperationen
2.1.2 AG-Angebot
2.1.3 Pausenangebot
2.2 Zwischenverzehr
2.2.1 Speisenangebot
2.2.2 Getränkeangebot
2.2.3 Trinkregeln
2.3 Mensa
3 Diskussion
3.1 Diskussion Bewegung
3.1.1 Sportunterricht und Kooperationen
3.1.2 AG-Angebot
3.1.3 Pausenangebot
3.2 Diskussion Zwischenverzehr
3.2.1 Speisenangebot
3.2.2 Getränkeangebot
3.2.3 Trinkregeln
3.3 Diskussion Mensa
4 Verbesserungsvorschläge
4.1 Verbesserungsansätze Bewegung
4.1.1 Verbesserungsansätze AG-Angebot
4.1.2 Verbesserungsansätze Pausenangebot
4.2 Verbesserungsvorschläge Ernährung
4.2.1 Zwischenverzehr
4.2.2 Mittagsangebot
4.3 Projekte gegen Adipositas

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Anhang

Abkürzungs- und Symbolverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Manchmal sind wir so damit beschäftigt, unseren Kindern zu geben, was wir als Heranwachsende nie gehabt haben, daß wir darüber vergessen, ihnen zu geben, was wir einst hatten.“ (James Dobson)

Prolog

Der Wecker klingelt, Tim steht auf. Seine Mutter kann ihn nicht mehr, wie früher, wecken, denn sie ist schon auf dem Weg zu ihrem Zweitjob, den sie seit Kurzem hat. „Sie hat wohl wieder vergessen, Brot zu kaufen“, denkt sich Tim, als er die Münzen auf dem Küchentisch mit der Notiz „Kauf dir was Leckeres“ entdeckt. „Auftrag erledigt“ denkt er sich, als er Schokoriegel kauend und Erdbeermilch schlürfend in einer Ecke des Schulhofs sitzt und seinen Mitschülern beim Tisch- tennisspielen zuschaut. Eigentlich würde er auch viel lieber um solch einen Tisch laufen, doch als Tim sein Frühstück gekauft hatte, waren die einzigen beiden Leihschläger der Schule schon lange weg. Die andere auf dem Schulhof vor- handene Spielmöglichkeit, Basketball, wird von Tim gemieden, weil er langsam ist und die anderen Kinder ihn wegen seines Übergewichts hänseln. Auch in der Mit- tagspause sitzt Tim alleine und isst wie fast jeden Tag seinen Milchreis. Wenn ihm seine Klassenlehrerin nicht beiläufig gesagt hätte, dass er zu viel Fett isst, hätte er heute lieber die Pizza genommen. So ganz hat er jedoch nicht verstanden, was Fett mit seinem Gewicht zu tun hat, schließlich essen die anderen Kinder auch Pizza und sind schlanker.1

Einleitung

Immer mehr Menschen, besonders Kinder, leiden physisch und psychisch unter ihrem Übergewicht, werden ausgegrenzt und ziehen sich häufig zurück. Ohne fremde Hilfe gelingt es ihnen selten, aus dem Teufelskreis ihres ungesunden Essund Bewegungsverhaltens auszubrechen.

Nach der Definition von Adipositas soll die multifaktorielle Genese der Krankheit untersucht werden. Neben der Erläuterung biologischer und genetischer Aspekte soll vor allem untersucht werden, wodurch sich das Ess- und Bewegungsverhalten in unserer Gesellschaft verändert hat. Die Verschlechterung der Nahrungsqualität durch die Industrie, der Verlust freier Bewegungsräume sowie die stärkere Nutzung von Unterhaltungselektronik sind nur einige Faktoren, die zur Entstehung von Adipositas beitragen. Da Kinder immer mehr Zeit in der Schule verbringen, steigt die Bedeutung der dort vorhandenen Angebote. Wie viel sich Kinder bewegen und wie sie sich ernähren, hängt maßgeblich von den Bewegungsmöglichkeiten und den angebotenen Lebensmitteln ab.

Wegen dieses Zusammenhangs muss das Angebot der Schulen untersucht und gegebenenfalls verbessert werden. Die vorliegende Arbeit hat daher den Anspruch, im Rahmen einer Fallstudie Missstände aufzudecken. Um eine fundierte Analyse und Bewertung zu gewährleisten, müssen im Vorfeld entsprechende Grundlagen geschaffen werden. Während für die Untersuchung des Nahrungsangebots Kenntnisse über Nährstoffe notwendig sind, müssen zur Analyse des Bewegungsangebots vor allem die Grundlagen des Energiever- brauchs erläutert werden. Weiterhin werden verschiedene Maßnahmen der Adipositastherapie vorgestellt. Hierbei wird erklärt, wie eine gesunde Ernährung umgesetzt werden kann und welche Bewegungsformen für Kinder geeignet sind. Nach der Darstellung von Untersuchungsmethoden und Ergebnissen sollen Vor- gehensweise und Resultat kritisch hinterfragt werden.

Abschließend sollen Verbesserungsansätze und kostengünstige Umsetzungsmöglichkeiten vorgestellt werden.

I Grundlagen Adipositas

1 Definition und Klassifikation

Obwohl die Begriffe Übergewicht und Adipositas in der Literatur wie auch in dieser Arbeit oft synonym verwendet werden, bestehen definitionsgemäß Unterschiede. Während unter Übergewicht lediglich ein im Verhältnis zur Körpergröße zu hohes Körpergewicht verstanden wird, ist für eine Adipositas der Körperfettanteil aus- schlaggebend. Dieser unterliegt natürlichen Schwankungen abhängig von Geschlecht und Alter, was die Diagnose im Kindes- und Jugendalter erschwert. Bei normalgewichtigen Frauen liegt der Körperfettanteil bei 20 - 24 %, bei Männern bei 10-14 %. Bei einem Körperfettanteil über 30 % (Frauen) bzw. 20 % (Männer) wird von Adipositas gesprochen (vgl. Lehrke & Laessle, 2009, S. 3; Marées, 2003, S. 409f.).

Die einfachste Methode, den Körperfettanteil zu bestimmen ist die Berechnung aus dem Body Mass Index (BMI) über spezielle Formeln. Der BMI wird durch die Formel[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] berechnet. Er beschreibt demnach das Verhältnis zwischen Körpergröße und Körpergewicht. Diese Berechnung des Körperfettanteils ist allerdings unpräzise, da ein erhöhter BMI nicht zwangsläufig mit einem erhöhten Körperfettanteil einhergeht. Personen mit großer Muskelmasse bspw. haben ebenfalls häufig einen hohen BMI. Daher ist es ratsam, den Körperfettanteil genauer zu untersuchen (vgl. Wirth, 2008, S. 21 ff.).

Hierfür existieren mehrere, unterschiedlich präzise Methoden, die mit ent- sprechend unterschiedlich hohen Kosten verbunden sind. Eine der einfachsten Möglichkeiten, den Körperfettanteil zu bestimmen, ist die Umfangsmessung. Hierzu gehört z. B. die Taille-Hüft-Relation mit der man zwischen abdominaler (Konzentration in der Bauchregion, ‚Apfeltyp‘) und peripherer (Konzentration an Hüften und Oberschenkel, ‚Birnentyp‘) Fettverteilung unterscheiden kann. Aus dieser Verteilung lassen sich Schlüsse über die Risiken für verschiedene Folge- erkrankungen ziehen. So besteht bei ausgeprägter abdominaler Fettansammlung ein höheres Risiko für die meisten Folgekrankheiten. Ein anderes Verfahren be- steht in der Messung der Hautfaltendicke mittels einer Messzange (Caliper). Auch hierbei kommt es zu Messungenauigkeiten. Neben einer unpräzisen Vorgehensweise durch den Untersuchenden entstehen weitaus größere Abweichungen durch das unterschiedliche Kompressionsverhalten des Untersuchungsgewebes (vgl. ebd., S. 24). Etwas genauer ist die Bestimmung der Dichte einer Person. Über die Verdrängung von Wasser bzw. Luft wird das Körpervolumen bestimmt und die Körperdichte errechnet, über die wiederum eine gute Schätzung der Körperzusammensetzung möglich ist. Eine andere vergleichsweise einfache wie auch präzise Methode ist die Bioelektrische Impedanzmessung (BIA). Hierbei werden mit Hilfe von Wechselstrom die unterschiedlichen Widerstände von Fett, Muskelmasse und Wasser ermittelt, sodass mit hoher Genauigkeit Rückschlüsse auf die Körperzusammensetzung gezogen werden können. Weitere Verfahren mit größerem Aufwand sind Infrarotspektrometrie, Ultraschall, duale „X-ray“-Absoprtionsmetrie (DEXA) sowie Computer- und Magnetresonanztomografie (vgl. ebd., S. 26ff.).

Trotz der vielen präziseren Methoden hat der BMI wegen seiner Einfachheit den- noch eine erhebliche Bedeutung als Indikator für einen erhöhten Körperfettanteil sowie als Vergleichsgröße für die Einschätzung von Gesundheitsrisiken. Der BMI eines normalgewichtigen Erwachsenen liegt zwischen 18,5 und 24,9 kg/m². Ein BMI unter 18,5 kg/m² bezeichnet man als Untergewicht. Ab einem BMI von 25 kg/m² gilt der Mensch als übergewichtig, ab 30 kg/m² als adipös (vgl. Klotter, 2007, S. 101f.).

Wie schon erwähnt, unterliegen der Körperfettanteil und somit auch der BMI von Kindern und Jugendlichen natürlichen Schwankungen. Daher müssen Alter und Geschlecht zusätzliche Berücksichtigung finden. Dies geschieht durch den Einbe- zug von geschlechtsabhängigen Altersperzentilen (vgl. Abb. 8, S. 117). An diesen Graphen kann man ablesen, ob ein Kind einen für sein Alter und Geschlecht normalen BMI hat. Dabei liegt der Grenzwert für Übergewicht beim 90. der Grenzwert für Adipositas beim 97. Perzentil (vgl. Lehrke & Laessle, 2009, S. 4). Bei den Altersperzentilen erfolgt der Vergleich des Kindes über populations- spezifische Referenzwerte mit anderen Kindern seines Geschlechts und Alters. Ein BMI auf dem 97. Perzentil würde demnach bedeuten, dass nur 3 % aller Kinder einen höheren BMI haben (vgl. Momm-Zach, 2002, S. 38).

2 Epidemiologie

2.1 Entwicklung und aktuelle Situation

Früher bedeutsame Infektionskrankheiten und Seuchen sind heutzutage u. a. durch die Erhöhung der Hygienestandards sowie die Entwicklung von Impfstoffen in den Hintergrund getreten. Auch die Behandlungssituation bei teilweise schwer- wiegenden Krankheiten hat sich in den letzten Jahrzehnten erheblich verbessert, was sich vor allem in einem anhaltenden Anstieg der Lebenserwartung ausdrückt. Diese Entwicklung verschleiert jedoch, dass Menschen in unserer Gesellschaft unabhängig von Adipositas in immer jüngerem Alter krank werden (vgl. Koerber, Männle & Leitzmann, 2004, S. 9). Neben rein psychischen Erkrankungen gilt dieser Trend auch für Übergewicht und Adipositas, deren Verbreitung jedoch, ähn- lich wie die von Depressionen oder Burn-out, fast ausschließlich in Wohlstands- gesellschaften der westlichen Welt vorzufinden ist. So hat sich der Anteil adipöser Menschen in westlichen Industrienationen innerhalb der letzten 20 Jahre ver- doppelt und ist weiter ansteigend. In Deutschland sind inzwischen ca. die Hälfte aller Erwachsenen von Gewichtsproblemen betroffen (vgl. Wittner, 2000, S. 2). Hierzu passen auch die Ergebnisse einer nationalen Gesundheitserhebung von 1998, die bei 54 % der Frauen und 66 % der Männer zwischen 18 und 79 Jahren Übergewicht nachwies. Adipositas lag demnach bei 22 % der Frauen sowie 19 % der Männer vor. Neben der Tatsache, dass Männern häufiger übergewichtig sind, Adipositas jedoch öfter bei Frauen vorkommt, wurde durch eine Untersuchung des MONICA-Projektes außerdem konstatiert, dass Frauen eher in späteren, Männer vorwiegend in jüngeren Jahren erkranken. Die Gründe dieser Altersverschiebung konnten allerdings bisher nicht eindeutig erklärt werden (vgl. Wirth, 2008, S. 40ff.). Nach Meinung von Grünwald-Funk (2006, S. 42f.) ist der Negativ-Trend in der Gesundheit bereits deutlich in der Kindheit zu erkennen. Demzufolge leidet die Hälfte aller Kinder unter Haltungsschwächen und 30 - 40 % unter Koordinations- störungen. Außerdem sind 20 - 30 % von einem leistungsschwachen Herz-, Kreis- lauf- und Atmungssystem betroffen und weitere 15 % werden als psychisch auf- fällig eingestuft. Dies ist nach Meinung der Autoren jedoch nur die logische Konsequenz daraus, dass sich unsere Kinder wesentlich weniger bewegen als noch vor einigen Jahrzehnten.

Im internationalen Vergleich liegt Deutschland keineswegs weit hinter Nationen wie den Vereinigten Staaten von Amerika, die man i. d. R. mit Adipositas in Ver- bindung bringt. Der BMI liegt in Deutschland durchschnittlich nur 0,8 kg/m² unter dem BMI-Wert der USA und nimmt somit einen Platz im oberen Bereich ein (vgl. Wirth, 2008, S. 42).

2.2 Auswirkungen

Übergewicht und Adipositas werden häufig nicht als eigenständige Krankheit wahrgenommen, doch ihre Bedeutung für Folgekrankheiten liegt auf der Hand. Vor allem für Kinder sind die Auswirkungen auf Körper und Psyche massiv. Durch die Entstehung von Folgeerkrankungen wird die Leistungs- und Arbeitsfähigkeit stark beeinträchtigt, wodurch sich Adipositas und Übergewicht auch auf unser gesellschaftliches System auswirken.

2.2.1 Gesundheitliche Auswirkungen

Eine Adipositas, die im Kindesalter entsteht (‚childhood-onset obesity‘), ist vor allem wegen ihres Fortbestehens bis ins Erwachsenenalter von hoher Bedeutung. Längsschnittstudien zeigten, dass 40 % der adipösen Kinder und sogar 80 % der adipösen Jugendlichen als Erwachsene ebenfalls einen erhöhten Körperfettanteil aufweisen. Die Grundlage für die Entstehung von Folgeerkrankungen wird demnach bereits in der Kindheit gelegt (vgl. Wittner, 2000, S. 5). Neben Schädigungen, die bereits in jüngeren Jahren einsetzen können, wie erhöhte Be- lastung von Gelenken und Stützapparat, Fußveränderungen und X-Beine, sind vor allem die Risiken langfristiger Erkrankungen durch Adipositas deutlich erhöht (vgl. Grünwald-Funk, 2006, S. 12).

Hierzu zählen vorwiegend Krankheiten, die das kardiovaskuläre System betreffen, z. B. Bluthochdruck (Hypertonie), koronare Herzkrankheit sowie Herzinsuffizienz (vgl. Wirth, 2008, S. 44). Allein das Risiko für Bluthochdruck ist bei Über- gewichtigen doppelt, bei Adipösen sogar sechsmal so hoch wie bei Normal- gewichtigen. Durch die hohe Prävalenz unter übergewichtigen Personen sowie gravierende Folgen, wie Rhythmusstörungen und Arteriosklerose (mit weiterer Folge Schlaganfall), gehört Hypertonie zu den bedeutendsten Begleit- bzw. Folge- erkrankungen (vgl. ebd., S. 214).

Ein ebenfalls stark erhöhtes Krankheitsrisiko durch einen hohen Körperfettanteil besteht für Diabetes mellitus Typ-2. Während beim Diabetes Typ-1 ein angeborener Defekt für den Insulinmangel verantwortlich ist, kommt es bei Typ-2- Erkrankten zu Insulinresistenz sowie einer gestörten Sekretion. Dadurch erfolgt der Anstieg der Insulinkonzentration im Blut verzögert. Allerdings steigt sie auch viel steiler an und sinkt nur sehr langsam. Von den 7 Mio. Deutschen mit Diabetes Typ-2 sind ca. 80 % adipös. Die Nurses‘ Health Study konnte bei präadipösen Frauen ein 15-fach erhöhtes Risiko für Diabetes Typ-2 gegenüber Normalgewichtigen nachweisen (vgl. ebd., S. 184ff.).

Ein stark erhöhtes Risiko durch Übergewicht konnte auch bei einigen Krebsformen nachgewiesen werden. Insbesondere bei Brust- (2-fach) und Gebärmutterhalskrebs (3 - 4-fach) lag dieses deutlich höher als bei Personen mit normalem BMI (vgl. Wittner, 2000, S. 2f.).

Wie diese Erläuterungen zeigen, kann die Bedeutung von Übergewicht und Adipositas für Begleit- und Folgeerkrankungen durch das relative Risiko ein- geschätzt werde. Ein Schema der WHO gibt einen Überblick über die wichtigsten mit Adipositas assoziierten Erkrankungen (vgl. Abb. 9, S. 118). Aus der massiven Schädigung des Organismus durch viele der mit Adipositas assoziierten Krankheiten resultiert auch eine erhöhte Sterblichkeit (Mortalität). Die zuvor schon erwähnte Nurses‘ Health Study belegte für einen geringfügig er- höhten BMI von 25 - 27 kg/m² bereits eine 60 % höhere Wahrscheinlichkeit, an kardiovaskulären Krankheiten zu sterben. Ein BMI > 32 kg/m² entspricht sogar einer Erhöhung des Risikos um 400 %. Andere Untersuchungen zeigen vor allem eine erhöhte Sterblichkeit in jüngeren Jahren. Eine Studie der US Life Tables kam zu dem Ergebnis, dass Männer im Alter von 20 bis 30 Jahren mit einem BMI von 35 kg/m² durchschnittlich eine um 3,3 Jahre geringere Lebenserwartung haben. Dabei vervielfachen ein steigender BMI sowie ein frühzeitiger Krankheitsbeginn das Risiko eines verfrühten Todes. Demnach verliert ein 20-jähriger Mann, der einen BMI über 45 kg/m² aufweist, statistisch gesehen dreizehn Jahre an Lebens- zeit. Allgemein ist anzumerken, dass der Zusammenhang zwischen Körperfett und Mortalitätsrisiko bei Männern stärker ausgeprägt ist als bei Frauen (vgl. Wirth, 2008, S. 49f.).

Wie bedeutsam die Auswirkungen von Adipositas sind, verdeutlicht auch der ge- stiegene Anteil ernährungsbedingter Krankheiten an den Todesfällen von 16 % im Jahre 1925 auf 43 % im Jahre 1952 sowie auf 55 % im Jahre 1999 (vgl. Koerber et al., 2004, S. 8).

Dass die erhöhte Morbidität und Mortalität eine erhebliche Einschränkung der Le- bensqualität Betroffener zur Folge hat, steht außer Frage. Oft sind es jedoch eher die vielen kleinen Einschränkungen des Alltags, an denen Betroffene verzweifeln. Bereits bei Kindern macht sich eine Verschlechterung der körperlichen Leistungs- fähigkeit durch eine vermehrte Körperfettmasse bemerkbar. Bewegungsein- schränkungen wirken sich stark auf alle Lebensbereiche aus. Atemnot und ver- stärktes Schwitzen schon bei geringer Belastung sind bekannte Symptome (vgl. Wirth, 2008, S. 54). Auch im psychosozialen Bereich sind die Folgen von Über- gewicht besonders für Kinder bedeutsam. Anstatt Übergewichtige zu akzeptieren, wird ihnen oft mit Diskriminierung und sozialer Benachteiligung begegnet. Sofern keine Schilddrüsen- oder Stoffwechselerkrankungen bekannt sind, wird Über- gewicht in der Gesellschaft als selbstverschuldet angenommen. Die Betroffenen integrieren diese Meinung in ihr Selbstbild, woraus nicht selten ein verringertes Selbstwertgefühl, Depressionen und letztendlich eine Verschlimmerung der Ess- störungen resultieren. Daher kann gesagt werden, dass auch psychosoziale Aspekte erheblich zur Abnahme der Lebensqualität beitragen (vgl. Lehrke & Laessle, 2009, S. 10f.). Anders als beim Zusammenhang von Adipositas und Mortalität, der bei Männern stärker ausgeprägt ist, konnte bei Frauen eine stärkere Bedeutung psychosozialer Aspekte nachgewiesen werden. Diese Tatsache könnte dadurch begründet werden, dass Frauen bzgl. ihres Erscheinungsbildes einem höheren Druck durch Medien und Gesellschaft ausgesetzt sind als Männer (vgl. Wirth, 2008, S. 55f.). Dafür sprechen auch die Ergebnisse einer Umfrage, bei der 60 % aller Mädchen und 30 % aller Jungen angaben, unzufrieden mit ihrem Körper zu sein (vgl. Klotter, 2007, S. 96).

2.2.2 Gesellschaftliche Auswirkungen

Während Übergewicht früher ein Indikator für Wohlstand und Reichtum war, wird es heute hauptsächlich als unästhetisch wahrgenommen. Diese Ansicht entwickelt sich bereits im Kindergartenalter durch die elterliche Erziehung und das soziale Umfeld. So ist bereits in sehr jungen Altersgruppen ein Ausschluss dicker Kinder aus bestehenden Gruppen zu erkennen (vgl. Momm-Zach, 2007, S. 99f.). Schuld daran ist auch, dass Übergewicht oft mit Adjektiven wie unsauber, vergesslich, faul, unhöflich, nachlässig, meinungslos und unehrlich in Verbindung gebracht wird (vgl. Wirth, 2008, S. 99). Auch in Familien, Freizeit und Schulen findet Aus- grenzung statt. Außerdem kommt es häufig zu einer Unterschätzung der kognitiven Leistungsfähigkeit dicker Kinder, die vor allem in der Schule bedeutsam ist. Ein weiteres Problem ist, dass Adipositas oft nicht als Krankheit wahrgenommen wird, wodurch der normalerweise daraus resultierende Schutzraum wegfällt. Zusätzlich werden vielfach die Eltern für das Gewicht ihrer Kinder verantwortlich gemacht, was bei manchen Eltern einen zusätzlichen Druck erzeugen kann (vgl. Reinehr, Graf & Dordel, 2007, S. 82).

Die sozialen Nachteile sind so erheblich, dass sie in den USA durch Studien be- legt werden konnten. Das Einkommen der untersuchten übergewichtigen Frauen lag 40 % unter dem normalgewichtiger. Außerdem hatten sie vergleichsweise selten einen Collegeabschluss und waren nur halb so oft verheiratet. Bei Männern konnten die gleichen Effekte nur in geringerem Ausmaß nachgewiesen werden (vgl. Wirth, 2008, S. 56f.). Diese Benachteiligung beginnt, wie eine andere Studie von Stunkard und Wadden (1992) zeigen konnte, bereits in der Schule. Hier wurde deutlich, dass Lehrer2 einen Schüler nicht unabhängig von dessen Gewicht be- urteilen können (vgl. ebd., S. 99).

Die gesellschaftliche Belastung begrenzt sich jedoch nicht nur auf Einzelpersonen, denn die Kosten, die jährlich durch Übergewicht, Adipositas sowie deren Folge- erkrankungen im Gesundheitswesen entstehen, werden von der gesamten Ge- sellschaft getragen. Hierbei wird zwischen direkten und indirekten Kosten unter- schieden. Während die direkten Kosten sich aus der medizinischen Versorgung (Diagnose, Therapie, Rehabilitation, Prävention) zusammensetzen, werden die Kosten, die durch Verlust an Arbeitskraft sowie daraus resultierende frühzeitige Berentung entstehen, als indirekt bezeichnet. Die Schätzungen der verursachten Summen in der Literatur variieren jedoch stark und es wird nicht immer deutlich, ob es sich nur um direkte Kosten oder die Gesamtkosten handelt. Außerdem könnten auch unterschiedliche Interessen der Herausgeber sowie das Problem, dass oft nur Daten zu Folgeerkrankungen vorliegen, für die Diskrepanzen ver- antwortlich sein (vgl. ebd., S. 60). Während eine Quelle von jährlichen Kosten zwischen 30 und 40 Milliarden DM ausgeht (vgl. Wittner, 2000, S. 2), nennt das Bundesministerium für Gesundheit einen Betrag von rund 74 Mrd. € pro Jahr. Au- ßerdem wird darauf verwiesen, dass die Kosten in den letzten 20 Jahren analog zum Anteil ernährungsabhängiger Krankheiten stark angestiegen sind (vgl.

Koerber et al., 2004, S. 18). Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Hochrechnung von Prof. Dr. Rudolf Schmitz, die mind. 77 Mrd. € für das Jahr 2004 veranschlagt (vgl. Müller, Vogt & Northmann, 2004, 142).

Obwohl die Gesamtsumme nicht eindeutig bestimmt werden kann, ist zumindest der Zusammenhang zwischen BMI und Gesundheitskosten, der in der KORA- Studie untersucht wurde, aufschlussreich (vgl. Abb. 10, S. 118). Hier ist ab einem BMI von 30 kg/m² ein deutlicher Anstieg der Behandlungskosten pro Jahr erkenn- bar. Bei einem BMI von über 35 kg/m² sind die Kosten mehr als dreimal so hoch wie bei Normalgewichtigen.

Leider liegen zu den indirekten Kosten für Deutschland keine Daten vor. Wirth (2008, S. 58) verweist jedoch auf eine Untersuchung aus Finnland von Rissanen et al. (1991), die belegen konnte, dass ein BMI über 30 kg/m² bei Männern mit einem 2-fachen Risiko einer vorzeitigen Berentung einhergeht. Bei adipösen Frauen ist das Risiko 1,5-fach so hoch wie bei normalgewichtigen.

3 Ätiologie

Vor einer genauen Betrachtung einzelner Ursachen und Auslöser ist zu verdeutlichen, dass Adipositas nicht durch eine einzige physische oder psychische Störung ausgelöst wird. Vielmehr begünstigten Errungenschaften und Veränderungen der Gesellschaft die Entstehung und Verbreitung der Erkrankung und tun dies immer noch. Hierfür sprechen die Parallelen von gesellschaftlichen Entwicklungen und der Ausbreitung von Adipositas in den letzten Jahrzehnten (vgl. Müller, 2000, S. 17). Charakteristisch für Adipositas ist auch die Verflechtung von physischen, psychischen und soziokulturellen Faktoren, die trotz ihres Zusammenspiels im Folgenden voneinander getrennt dargestellt werden.

3.1 Biologische Faktoren

Biologisch gesehen ist die Ursache einer Zunahme an Körperfett eine positive Energiebilanz. Einen solchen Energieüberschuss, der entsteht, wenn mehr Nahrungsenergie zugeführt wird, als der Körper am Tag benötigt, speichert der Körper in seinen Fettdepots. Dieser Zusammenhang ist gleichzeitig auch der Schlüssel zur Reduzierung von Körperfett (vgl. Lehrke & Laessle, 2009, S. 13). Während die Abläufe von Energieaufnahme und -verbrauch in Kapitel I 5 genauer erläutert werden, soll an dieser Stelle zunächst erklärt werden, wieso es diesen Fettspeicher gibt. Außerdem notwendig sind Erläuterungen zu den Prozessen der Hunger-Sättigungs-Regulation sowie zu den biologischen Reaktionen des Körpers auf eine Zunahme an Speicherfett.

Die Frage nach dem Sinn von Fettdepots kann evolutionsbiologisch beantwortet werden. Das menschliche Leben war Jahrtausende lang geprägt von der Suche nach Nahrung und dementsprechend auch von Hungerzeiten. Selbst mit Beginn des Ackerbauzeitalters war unsere Nahrungsversorgung stark von Natureinflüssen abhängig und daher nicht immer gesichert. Um das Überleben in solchen Mangel- zeiten zu sichern, verfügt der menschliche Körper über ein Reservesystem, das Nahrungsenergie umwandeln und speichern kann. Allerdings änderten sich mit Beginn der Industrialisierung um 1800 die Ernährungsmöglichkeiten und - gewohnheiten in den westlichen Industrienationen grundlegend. Anstelle einer natürlichen und überwiegend pflanzlichen Kost traten nach und nach verarbeitete Lebensmittel mit hohem Energiegehalt und geringem Ballaststoffanteil. Letztendlich kann seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr von einem Mangel die Rede sein, sondern eher von Nahrungsüberfluss. Da Anpassungen von Organismen an Veränderungen der Umwelt jedoch mehrere Jahrtausende benötigen, führten die rasanten Entwicklungen der letzen 200 Jahre zu einer Über- forderung der menschlichen Anpassungsfähigkeit. Daher ist unser Körper immer noch darauf trainiert, jegliche momentan nicht benötigte Energie zu speichern, an- statt sie auszuscheiden. Die Veränderungen von Nahrungsmitteln und Be- wegungsumfang führen ohne Anpassung des Körpers zwangsläufig auch zu einer veränderten Körperzusammensetzung (vgl. Koerber et al., 2004, S. 28ff.; Müller et al., 2004, S. 32).

Ebenfalls unverändert ist, dass unser Essverhalten teilweise durch biologische Regulationsmechanismen bestimmt wird. Ob wir hunger haben oder satt sind, ist von der Dehnung des Magens sowie der Blutglukosekonzentration abhängig. Diese Regulationsvorgänge werden von zentralnervösen und hormonellen Prozessen beeinflusst (vgl. Wittner, 2000, S. 6). Neben dem generellen Hunger- gibt es auch ein partielles Hungergefühl, das durch den Mangel bestimmter Nähr- stoffe ausgelöst wird. Dadurch wird man bei unausgewogener Ernährung zum Weiteressen verleitet, obwohl man bereits genug Energie aufgenommen hat.

Die Mechanismen finden unbewusst und verzögert zur Nahrungsaufnahme statt, da es dauert, bis die Nahrung im Magen angekommen ist und die Glukose ins Blut gelangt. Dadurch kommt es vor, dass man weiter isst, obwohl die bis dahin zu- geführte Nahrung bereits ausgereicht hätte (vgl. Merkle & Knopf, 2005, S. 13). Die Regulationssignale der Energieaufnahme werden unterteilt in episodische und tonische. Die Wirkung episodischer Signale ist bereits länger bekannt. Diese aus dem Magen-Darm-Trakt, dem Gehirn sowie dem Blutstrom stammenden Signale sind entweder biologisch (z. B. Leptin) oder psychologisch (z. B. Essverhalten) (vgl. Wirth, 2008, S. 66f.). Die Schaltzentrale bildet der Hypothalamus, der über das Regulatorhormon Leptin unseren Fettstoffwechsel steuert. Dieses Hormon steigert zudem die Thermogenese, erhöht den Grundumsatz und senkt die Nahrungsaufnahme. Neben Leptin beeinflussen zahlreiche andere Hormone unser Sättigungsgefühl; eins davon ist Insulin. Anders als die meisten Hormone, die bei protein- und fettreicher Kost ausgeschüttet werden (vgl. Reinehr et al., 2007, S. 8), reguliert Insulin den Blutzuckerspiegel und wandelt Kohlenhydrate so um, dass sie als Fett gespeichert werden können (vgl. Koerber et al., 2004, S. 90). Lange Zeit herrschte die Meinung vor, dass der Körper Übergewicht, anders als z. B. die Mangelerscheinungen einer Unterernährung, erst dann als solches wahrnimmt, wenn seine Funktion bereits eingeschränkt ist (vgl. Wirth, 2008, S. 78). Neuere Erkenntnisse gehen jedoch davon aus, dass die Energieaufnahme auch langfristig reguliert wird. Dieses erfolgt durch tonische Signale, die im Fettgewebe entstehen und zur Aufrechterhaltung des Körpergewichts beitragen (vgl. ebd., S. 66f.). Eine erhebliche Relevanz besitzt auch die biologische Auswirkung kindlicher Adipositas auf das spätere Leben. Unser Körper ist so aufgebaut, dass er alle überschüssige Energie im Fettgewebe speichert. Ist die Kapazität des Depots er- schöpft, muss eine Vermehrung sowie Vergrößerung der vorhandenen Fettzellen stattfinden, um die weitere Speicherung zu gewährleisten. Einmal ausgebildet werden Fettzellen nicht wieder zurückreguliert (vgl. Wittner, 2000, S. 5). Zwar haben genetische Faktoren (vgl. Kap. I 3.2) ebenfalls ihre Relevanz, doch die Ver- mehrung von Fettzellen in der Kindheit, die ein späteres Auftreten von Über- gewicht deutlich begünstigt, ist, anders als die Genetik, beeinflussbar und sollte daher vermieden werden (vgl. Wittner, 2000, S. 5).

3.2 Genetische Faktoren

Der Einfluss genetischer Faktoren wurde größtenteils durch den Vergleich von ge- trennt und gemeinsam aufgewachsenen Zwillingen untersucht. Hierzu verweist Wirth (2008) auf Studien von Stunkard et al. (1986), die belegen, dass 50 - 80 % eines erhöhten BMI durch genetische Aspekte erklärt werden können. Außerdem wurde in Adoptionsstudien nachgewiesen, dass der BMI von Kindern stark mit dem ihrer leiblichen Eltern korreliert; zu dem BMI der Adoptiveltern hingegen be- stand nur ein geringer bzw. gar kein Zusammenhang. Daraus kann abgeleitet werden, dass Umwelteinflüsse aus Kindergarten oder (Adoptiv-)Familie lediglich eine untergeordnete Rolle spielen. Der Einfluss genetischer Faktoren ist jedoch auf bestimmte biologische Aspekte beschränkt und verringert sich mit zu- nehmendem Lebensalter (vgl. Wirth, 2008, S. 68f.). Nachgewiesen werden konnten genetische Unterschiede bei:

- der Verbrennung im Fettgewebe,
- der Muskelzusammensetzung und Oxidationspotenzial,
- der Fettpräferenz,
- der Appetitregulation,
- thermogenetischen Effekten der Nahrung,
- der spontanen körperlichen Aktivität und
- der Insulinsensitivität

(Warschburger, Petermann & Fromme, 2005, S. 25f.).

Auch der Geschmackssinn ist teilweise genetisch festgelegt. Außerdem besteht bei allen Menschen eine angeborene Präferenz der Geschmacksqualität ‚süß‘. Der Grund hierfür dürfte in der menschlichen Evolution zu finden sein. Als ‚Alles- fresser‘ galt es, zwischen Essbarem und Ungenießbarem zu unterscheiden. Der süße Geschmack reifer Früchte half uns z. B. dabei, energiereiche und ungefähr- liche Nahrungsquellen auszuwählen (vgl. Koerber et al., 2004, S. 59). In den ersten Lebensjahren existiert jedoch eine Neophobie3 gegenüber unbekannter Nahrung (vgl. Kersting, 2000, S. 35). Diese verschwindet allerdings Schritt für Schritt, da sich unser Körper relativ schnell an eine Geschmacksveränderung an- passt. Dadurch besteht jedoch auch die Gefahr, dass z. B. erhöhte Zuckergehalte bereits nach wenigen Tagen als ‚normal‘ empfunden werden und so zur Gewohnheit werden (vgl. Koerber et al., 2004, S. 40).

Die Kenntnis der genetischen Einflüsse für Übergewicht und Adipositas ist gleich- zeitig Chance wie auch Hindernis. Eine Aufklärung über die Bedeutung der Genetik für das Gewichtsproblem wird von vielen Betroffenen als entlastend er- lebt. Problematisch wird es jedoch, wenn die genetischen Faktoren zur generellen Entschuldigung für sämtliches Fehlverhalten werden. Die Ansicht, dass alles genetisch vorgegeben ist, und man selbst gar nichts daran ändern kann, führt eher zur Resignation als zur gewünschten Motivation. Daher sollte darauf geachtet werden, dass man kein falsches Bild der Schuld- und Machtlosigkeit erzeugt. Der Begriff ‚genetischer Einfluss‘ meint nicht, dass eine Adipositas ‚vererbt‘ wird, sondern lediglich, dass eine ungünstige Prädisposition vorliegt, die die Entstehung von Fettreserven begünstigt. In keinem Fall ist diese Prädisposition jedoch alleiniger Grund für Gewichtsprobleme oder macht eine Therapie unmöglich (vgl. Warschburger et al., 2005, S. 25f.).

3.3 Bewegungsverhalten

Nachdem erläutert wurde, wieso überschüssige Energie gespeichert wird und in welcher Weise unsere Genetik daran beteiligt ist, sollen nun die Faktoren unter- sucht werden, die an der Entstehung des Energieüberschusses beteiligt sind. Grundsätzlich gilt, dass Bewegungsarmut sich negativ auf den Energieverbrauch auswirkt und so die Entstehung einer positiven Energiebilanz unterstützt (vgl. ebd., S. 29).

Die nachgewiesene Verschlechterung der Fitness 10-Jähriger in den letzten 20 Jahren wird in direktem Zusammenhang mit dem Rückgang des Bewegungs- umfanges gesehen. Während sich Kinder in den 70er Jahren durchschnittlich drei bis vier Stunden pro Tag bewegten, konnte in den 90er Jahren nur ca. eine Stunde Bewegungszeit festgestellt werden. Stattdessen verbrachten die Kinder im Alter zwischen sechs und zehn Jahren neun Stunden pro Tag im Liegen bzw. fünf Stunden im Sitzen. Vor allem bzgl. Ausdauerleistung, Sprungkraft sowie Beweg- lichkeit konnte eine Reduktion um 10 - 20 % festgestellt werden (vgl. Reinehr et al., 2007, S. 71f.).

Dieser Rückgang kann zu großen Teilen durch den Wegfall der ‚Straßenkindheit‘ begründet werden. Früher war es üblich, dass Kinder in Hinterhöfen, auf der Straße und auf öffentlichen Plätzen spielten und sich dadurch motorisch und sozial entwickelten. Unbeaufsichtigtes Spielen und Primärerfahrungen durch Be- wegung sind wichtige Elemente der menschlichen Entwicklung. Da sich die Wirkung dieser Erfahrungen außerdem auf emotionale und kognitive Kompetenzen erstreckt und die Umgebung mit allen Sinnen wahrgenommen wird, kann von einer ganzheitlichen Lernsituation gesprochen werden. Spontane Hand- lungen, frei von Vorgaben und Einschränkungen, ermöglichten die Entwicklung von Fantasie, Kreativität und Selbstständigkeit. Die Erfahrungen, die Kinder sammeln sind in erster Linie vom zur Verfügung stehenden Bewegungsraum ab- hängig. Durch die Veränderungen unserer Gesellschaft existieren heute jedoch kaum noch frei zugängliche Bewegungs- und Erfahrungsräume. Die Gefahren durch den Straßenverkehr haben stark zugenommen und freie Plätze werden zu Wohn- oder Gewerbegebieten umgebaut (vgl. Hahn & Wetterich, 1996, S. 12).

Auch die familiären Strukturen tragen dazu bei, dass spontane Bewegungen an der frischen Luft zurückgehen. Vielmehr besteht das Leben von heutigen Kindern aus von den Eltern vorgeplanten Einzelaktivitäten, die sich im Tagesablauf aneinanderreihen. Diese Anpassung an die Lebenswelt der Eltern führt zu Einschränkungen bzgl. der Spontanität von Handlungen, der Entwicklung von Selbstständigkeit und der Vielfalt von Erfahrungen (vgl. ebd., S. 17f.).

Ein weiterer Nachteil dieser Entwicklung ist die Benachteiligung von sozial schwachen Familien. Während Kinder aus ärmeren Verhältnissen früher genauso auf der Wiese mitspielen konnten, sind die heutigen Möglichkeiten in einer Welt aus kommerziellen Sportanbietern stark reduziert. Die Kosten für Vereinsbeiträge oder benötigte Ausrüstung übersteigen die Mittel vieler Familien. Auch der Trans- port zum Vereinsgelände, zu Punktspielen etc. ist mit Kosten und zeitlichem Auf- wand verbunden, den Eltern aus schwachen Sozialverhältnissen seltener er- bringen können (vgl. ebd., S. 17f.).

Der Rückzug in Wohnungen und Häuser wird durch die fortschreitende Ent- wicklung von Unterhaltungselektronik verstärkt. Die ansteigende Nutzung von Fernsehen und Spielekonsolen reduziert den Anteil freier Bewegungserfahrungen. Durch die rasante Zunahme an Kanälen, Serien, Staffeln und Videospielen sowie die Ausdehnung der Sendezeit auf 24 Stunden am Tag ist die Wirkung von Medien auf körperliche Aktivität enorm (vgl. Reinehr et al., 2007, S. 86f.). Der An- teil sitzender und liegender Tätigkeiten wird dadurch stark erhöht. Diese bewegungsarmen Handlungsmuster führen zu einem reduzierten Energiever- brauch und somit bei gleichbleibendem Essverhalten zu einer positiven Energie- bilanz.

Eine zusätzliche Problematik des Medienkonsums liegt in seiner Bedeutung als Stresskompensator (vgl. ebd., S. 91). Besonders Adipöse sind hier gefährdet, da sie in der Medienwelt persönliche Stärken entdecken oder Ablenkung finden. Eine Flucht in die virtuelle Welt führt jedoch stärker zu Isolation und Vernachlässigung des Kontaktes zur Außenwelt und somit zu weniger Bewegung (vgl. ebd., S. 235). Neben dem negativen Einfluss auf unsere Energiebilanz schädigt Medienkonsum außerdem die kindliche Entwicklung. Neben der Tatsache, dass Kinder ohne aus- reichende Bewegungserfahrungen koordinative Defizite aufweisen, wird auch die kognitive Entwicklung negativ beeinflusst. Dies wird dadurch erklärt, dass die Er- fahrungen, die Kinder durch Medienkonsum machen, nicht ganzheitlich, sondern nur visuell und auditiv sind. Viele Kinder wissen heutzutage nicht, was Ge- schwindigkeit bedeutet, weil sie z. B. beim Autorennen am Computer nicht den Fahrtwind auf der Haut spüren (vgl. Hahn & Wetterich, 1996, S. 18).

Der Zusammenhang zwischen Fernsehkonsum und Übergewicht konnte statistisch belegt werden. In einer 30-jährigen Langzeitstudie wurde durch eine zusätzliche Fernsehstunde eine Erhöhung des Übergewichtsrisikos um 60 % bei 6-Jährigen sowie um 24 % bei 5-Jährigen nachgewiesen (vgl. Reinehr et al., 2007, S. 90).

Auch andere technische Errungenschaften unserer Gesellschaft haben dazu bei- getragen, den Bewegungsumfang unseres alltäglichen Lebens zu reduzieren. Durch Autos und öffentliche Verkehrsmittel, Rolltreppen, Fahrstühle und andere Transportmittel ist unsere körperliche Aktivität auf das Nötigste minimiert (vgl. Klotter, 2007, S. 116).

Alle der beschriebenen Veränderungen haben eines gemeinsam: Sie können nicht rückgängig gemacht werden. Aus diesem Grund sind die Schulen besonders ge- fordert. Diese haben den allgemeinen Bildungsauftrag, die Entwicklung der Kinder zu selbstständigen Individuen zu fördern, alle Kinder können dort angesprochen werden und die Schulen verfügen auch über nutzbare Flächen (vgl. Hahn & Wetterich, 1996, S. 18).

3.4 Essverhalten

Nachdem Ursachen und Wirkung der Reduktion unseres Bewegungsumfanges beschrieben wurden, muss nun der andere Aspekt unserer Energiebilanz unter- sucht werden. Warschburger et al. (2005, S. 29) konstatieren, dass Qualität und Quantität unserer Ernährung zu einer erhöhten Energiezufuhr beitragen. Das von der nationalen Verzehrstudie ermittelte Übergewicht bei 39 % der Männer und 47 % der Frauen in der BRD wird einer überhöhten Energieaufnahme zu- geschrieben. Der Untersuchung zu Folge kommt besonders dem hohen Anteil ‚versteckter‘ Fette in Wurst-, Back- und Süßwaren eine bedeutende Rolle zu. Weitere Probleme seien zu viel Zucker in Getränken und Süßwaren sowie ein hoher Alkoholkonsum (vgl. Feldheim & Steinmetz, 1998, S.17; Reinehr et al., 2007, S. 25). Dies bestätigen weitere Studien, die belegen konnten, dass Über- gewichtige täglich ca. 25g mehr Nahrungsfett zu sich nehmen als Normal- gewichtige. Obwohl diese Unterschiede auf den ersten Blick nur gering ausfallen, ist die Wirkung durch ihre Dauerhaftigkeit hingegen immens. So resultiert aus einem Energieüberschuss von lediglich ca. 20 kcal4 pro Tag (ca. 2 g Fett) eine Ge- wichtszunahme von 1 kg im Jahr (vgl. Wittner, 2000, S. 7ff.).

Dass die Ursache des Überschusses hauptsächlich in einer übermäßigen Fett- zufuhr vermutet wird, liegt an der vergleichsweise geringen Sättigung und hohen Energiedichte (vgl. Kap. I 4.1) sowie in der direkten Einlagerung in das Speicher- system (vgl. Lehrke & Laessle, 2009, S. 15). Das grundlegende Problem der Qualität kann daher in der zu hohen Aufnahme von Fett zu Ungunsten von komplexen Kohlenhydraten und Ballaststoffen gesehen werden (vgl. Koerber et al., 2004, S. 113).

In den folgenden Unterkapiteln werden verschiedene Faktoren erörtert, die Quali- tät und Quantität unserer Ernährung und Bewegung negativ beeinflussen können.

3.4.1 Einfluss psychologischer und psychischer Aspekte

Betrachtet man zunächst die Bedeutung psychischer Aspekte und psychologi- scher Lernprozesse auf unser Essverhalten, so wird deutlich, dass die Lust an der Nahrungsaufnahme eine große Rolle spielt. Die Lust am Essen oder auch der Genuss einer Mahlzeit wird vor allem durch den Geschmack bestimmt. Wirth (2008, S. 93) verweist diesbezüglich auf Studien von Rodin (1992), die erhebliche Auswirkungen des Geschmacks auf unsere Lebensmittelauswahl, die Nahrungs- menge sowie unsere Essgeschwindigkeit einschließlich Kauverhalten belegen konnten. Weiterhin konnte gezeigt werden, dass Adipöse mehr Genuss beim Essen empfinden, wodurch sie häufiger besonders schmackhafte, d. h. kalorien- reiche Lebensmittel konsumieren und auch mehr verzehren als Normalgewichtige. Ein Weiteressen trotz bereits vorhandener Sättigung findet jedoch nicht nur aus Genuss statt, sondern teilweise auch durch Druck von außen. So gehört es sich nach Meinung vieler, vor allem älterer Menschen, seine Mahlzeit vollständig auf- zuessen (vgl. Reinehr et al., 2007, S. 97). Die Nahrungsaufnahme wird allerdings bereits im Säuglingsalter durch natürliche Mechanismen reguliert. Durch den Zwang, Trinkflasche bzw. Teller zu leeren, wird nicht nur die akute Energieauf- nahme erhöht, sondern langfristig gesehen auch die Bedeutung äußerer Reize verstärkt. Dies kann eine Störung der natürlichen Hunger-Sättigungs-Regulation zur Folge haben (vgl. Grünwald-Funk, 2006, S. 23). Reizvoll ist jedoch nicht nur der Wunsch, gesellschaftliche Erwartungen zu erfüllen, sondern auch, sich genau diesen Erwartungen zu widersetzen - der sog. Reiz des Verbotenen. Wenn Süßigkeiten und fettreiche Lebensmittel aus dem Umfeld verbannt werden, so entwickelt sich besonders bei Kindern eine Zunahme an Attraktivität, die das Ein- halten eines Ernährungsplanes nahezu unmöglich macht (vgl. Klotter, 2007, S. 97). Wird eine solche Grenze dann nur geringfügig überschritten, wird oft die kognitive Kontrolle außer Kraft gesetzt, worauf eine unkontrollierte Nahrungsauf- nahme folgen kann. Der Wechsel zwischen strenger Mäßigung und un- kontrolliertem Essen führt auf Dauer zu einem höheren Körperfettanteil (vgl. Lehrke & Laessle, 2009, S. 22).

Da die Kraft externer Reize enorm ist, werden die Mechanismen natürlich von der Wirtschaft genutzt, z. B. in der Lebensmittelwerbung (vgl. Kap. I 3.4.3). Nach dem Prinzip des klassischen Konditionierens werden dort gezielt Produkte mit positiven Reizen verknüpft (vgl. Klotter, 2007, S. 45). Aber auch die Grundsätze des operanten Konditionierens beeinflussen die Balance zwischen natürlicher Sättigung und der Wirkung äußerer Reize. So wirkt Essen bei übergewichtigen Personen in besonderer Weise als positiver Verstärker. Vor allem zur Belohnung von Kindern setzen Eltern oft Süßigkeiten und Lieblingsmahlzeiten ein. Bei diesem Verhalten besteht die Gefahr, dass die Verstärkungsprinzipien so stark verinner- licht werden, dass sie später an der eigenen Person angewandt werden, z. B. wenn man sich mit besonderem Essen oder Alkohol für eine Anstrengung belohnt (vgl. ebd., S. 47).

Doch Nahrung dient nicht nur als Belohnung bei positiven Ereignissen. Auch bei negativen Emotionen wird das Essverhalten vom physiologischen Bedürfnis ent- koppelt. Deshalb ist die Nahrungsaufnahme, wie Untersuchungen zeigen konnten, durch Stressoren wie Ärger, Konflikte, Prüfungen, Arbeit, Einsamkeit, Trauer aber auch Langeweile erhöht. Vermutet wird, dass diese Faktoren den Einfluss der kog- nitiven Kontrolle verringern und der durch Emotionen veränderte Hormonhaushalt zusätzlich unsere Hunger-Sättigungs-Regulation beeinflusst. Der emotionale Ein- fluss ist jedoch von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Während eine stark er- höhte Nahrungsaufnahme, teilweise sogar mit Fressattacken, das eine Extrem bildet, kann es auf der anderen Seite auch zu einer Reduzierung bis hin zur totalen Verweigerung von Nahrung kommen (vgl. Wirth, 2008, S. 101). Auch Reinehr et al. (2007, S.13) schreiben der Entkopplung der Nahrungsaufnahme von Hunger und Sättigung einen erheblichen Einfluss zu. Bei Kindern kann z. B. Ver- nachlässigung oder die Scheidung der Eltern die Änderung des Essverhaltens auslösen bzw. begünstigen.

In doppelter Hinsicht negativ zu bewerten ist, wenn die Eltern in solchen Fällen versuchen, fehlende Zeit und mangelnde Aufmerksamkeit durch die Versorgung mit Süßigkeiten und Lieblingsspeisen zu kompensieren. Dadurch wird Nahrung zum Ersatz für Liebe und Geborgenheit. Die Kinder lernen, sich mit Essen zu trösten (vgl. Momm-Zach, 2007, S. 108). Die Anfänge dieser Fehlentwicklung werden bereits in der Ernährungsversorgung von Säuglingen vermutet.

„Wird im ersten Lebensjahr der Wunsch nach Aufmerksamkeit und Liebe überwiegend durch Nahrung anstatt durch intensive Beschäftigung wie Spielen, Singen oder Spre- chen befriedigt, findet keine adäquate Befriedigung des Kinderwunsches statt. Die natürlichen Bedürfnisse des Kindes werden durch Nahrung gestillt und so nimmt das Essen einen emotionalen Stellenwert ein“ (vgl. Momm-Zach, 2007, S. 20).

Auch unabhängig vom Zwang aufzuessen hat die Portionsgröße einer Mahlzeit Einfluss auf die Nahrungsaufnahme. So konnte eine Studie aus Pennsylvania von Rolls et al. (2002) nachweisen, dass die Vergrößerung von Portionen zu einer Steigerung der Nahrungsaufnahme von bis zu 30 % führt (vgl. Wirth, 2008, S. 96).

Eine Reaktion auf den externen Stimulus ‚Portionsgröße‘ findet bereits ab einem Alter von fünf Jahren statt (vgl. Reinehr et al., 2007, S. 35).

Nun sollte man eigentlich davon ausgehen, dass unsere Handlungen durch unser Wissen bestimmt werden. Doch wie eine Studie, in der die Probanden Lebensmittel hinsichtlich ihrer Wirkung auf Körperfett einteilen sollten, zeigt, wird unser Wissen durch psychologische Aspekte manipuliert. In der Untersuchung stuften die Probanden kleine Schokoriegel (47 kcal) als bedeutsamer für die Entstehung von Übergewicht ein als eine Mahlzeit, bestehend aus Käse und Gemüse, die jedoch mit 569 kcal ca. zwölf Mal so energiereich war. Daraus kann geschlossen werden, dass ‚kognitive Stereotype‘ dazu verleiten, falsche Ernährungsentscheidungen zu treffen und es daher nicht sinnvoll ist, Lebensmittel in gesund und ungesund zu unterteilen (vgl. Klotter, 2007, S. 120).

Ein anderes Problem entsteht durch die ‚Kurzsichtigkeit‘ des Menschen. Die Not- wendigkeit einer Veränderung wird oft nicht erkannt, weil die Folgen von Er- nährung und Bewegung weit in der Zukunft liegen, wodurch sie kaum wahr- genommen werden und zudem unsicher scheinen (vgl. Lücke, 2007, S. 16). Abschließend kann gesagt werden, dass die Vielzahl der psychologischen und psychischen Einflüsse die natürlichen Regulationsmechanismen massiv stören. Dadurch fällt es Adipösen oft schwer, zwischen Hunger, Durst, Appetit und Sätti- gung zu unterscheiden. Außerdem entstehen häufig Fehleinschätzungen bzgl. Energiegehalt und Nahrungsmenge. Hierbei kann das häufige Unterschätzen der Nahrungsmenge durch Adipöse teilweise auch auf eine gewisse Scham zurück- geführt werden (vgl. Reinehr et al., 2007, S. 97). Grundsätzlich gilt zwar, dass die meisten psychologischen und psychischen Aspekte jeden Menschen beeinflussen, eine Gefahr besteht jedoch erst, wenn sich solche Verhaltensweisen tief im Individuum festsetzen und zu Gewohnheiten werden. Durch die Wiederholung be- stimmter Prozesse können aus Gewohnheiten sogar Bedürfnisse werden (vgl. Rößler-Hartmann, 2007, S. 53f.).

3.4.2 Einfluss soziokultureller Aspekte

Während die oberen Schichten sich früher durch ‚Wohlstandsbäuche‘ absetzten, wurden die Rollen des Körpergewichts als Mittel der sozialen Distinktion ver- tauscht. In unserer Überflussgesellschaft stellt die Ernährungsversorgung im All- gemeinen kein Problem mehr dar. Vor allem fett- und zuckerhaltige Nahrungs- mittel sind ausreichend vorhanden. Die neue Herausforderung besteht folglich darin, Kontrolle und Disziplin zu bewahren, wodurch Schlankheit zum neuen Symbol für die obere soziale Schicht geworden ist. Für Angehörige der unteren sozialen Schichten hingegen steht der momentane Genuss vor langfristigen Zielen, deren Erreichen als unwahrscheinlich eingeschätzt wird. Aus dieser Macht- losigkeit können depressive Reaktionen folgen, die ihrerseits eine Erhöhung der Nahrungsaufnahme begünstigen (vgl. Klotter, 2007, S. 111ff.). Doch durch den Wunsch, sich gesellschaftlich von anderen abzugrenzen, entsteht ebenfalls Druck, denn zu gehobenen Gesellschaften gehören auch exklusive Lebensmittel. Wenn Kaviar, Champagner und andere ‚Appetizer‘ nicht aus dem physiologischen Be- dürfnis heraus konsumiert werden, sondern weil es ‚schick‘ ist, erfolgt ebenfalls eine Entkopplung der Nahrungsaufnahme vom Hungergefühl, die negative Konsequenzen haben kann (vgl. Warschburger et al., 2005, S. 30).

Damit eine Gruppe sich von anderen abgrenzen kann, müssen die einzelnen Gruppenmitglieder miteinander verbunden werden. Auch diese Verbindung kann durch Nahrungsaufnahme erreicht werden. Die Tischgesellschaft ermöglicht eine solche Verbindung, indem sie seelische, kulturelle und soziale Funktionen wie z. B. Kommunikation erfüllt (vgl. Koerber et al., 2004, S. 20). „Die Ausweitung der individuellen Nahrungsaufnahme zu einer Mahlzeit, bei der die soziale Situation das tragende Element darstellt, kann als Umwandlung des individuell physischen Essvorgangs in eine kulturelle Angelegenheit betrachtet werden“ (Rößler-Hart- mann, 2007, S. 29). Betrachtet man allerdings die Entwicklung von familiären Essgemeinschaften in den letzten Jahrzehnten, kann man erhebliche Ver- änderungen erkennen. Während Kinder ihre Mahlzeiten früher zumindest mit einem Elternteil einnahmen, ist diese ‚Tradition‘ weitestgehend verschwunden. In- nerhalb der Woche isst man höchstens gemeinsam zu Abend oder frühstückt am Wochenende zusammen. Gründe hierfür werden in langen Arbeitszeiten, Ganz- tagsschulen und Schichtarbeit gesehen. Die rückläufige Bedeutung der Gemein- schaft beim Essen verankert sich im Erfahrungsraum der Kinder und begünstigt späteres Fehlverhalten (vgl. ebd., S. 32). So kann eine mögliche Ursache für schlechte Ernährungsgewohnheiten im Fehlen familiärer Vorbilder gesehen werden (vgl. Reinehr et al., 2007, S. 72).

Die erste Gemeinschaft, die ein Mensch kennenlernt, ist die Familie. Im Laufe des Lebens wird aus einem hilflosen Säugling zunächst ein Kind, das lernt, seine Er- nährungsversorgung zunehmend selbst zu gestalten, und schließlich ein Erwachsener mit völlig eigenem Essverhalten (vgl. Rößler-Hartmann, 2007, S. 24). Neben den familiären Einflüssen gewinnen bei dieser Entwicklung mit zunehmendem Alter auch Peergroups an Bedeutung. Bedingungen für den Einfluss Gleichaltriger (auch aller anderen) auf Konsumwünsche sind jedoch Ähnlichkeit, Attraktivität und Erreichbarkeit. Nur wenn ein Kind über die gleiche Kaufkraft verfügt wie seine Clique, bzw. wenn ähnliche Vorlieben bzgl. Nahrung bestehen, kann die Bezugsgruppe verhaltensbildend wirken. Doch leider ist gesundes Essen in der Jugend nicht so populär wie Fast Food und Süßigkeiten oder auch erste alkoholische Getränke, wodurch diese Einflüsse eher als negativ zu bewerten sind (vgl. Merkle & Knopf, 2005, S. 14).

Während in sozial starken Verhältnissen Vorbilder wegen zeitintensiver Berufe häufig fehlen, verbringen Eltern in unteren Schichten mehr Zeit im eigenen Haus- halt. Die Vorbilder, die hier demnach stärker vorhanden sind, haben jedoch auf- grund des Zusammenhangs zwischen Sozialstatus, ungünstigem Ernährungsver- halten und hohem Medienkonsum meistens einen negativen Einfluss. Daraus folgt, dass Kinder aus schwächeren Sozialverhältnissen das ungesunde Er- nährungsverhalten der Eltern regelrecht erlernen und in das eigene Handlungs- repertoire integrieren (vgl. Klotter, 2007, S. 26; Reinehr et al., 2007, S. 85f.). Zusätzlich wird bei Menschen aus sozial schwachen Verhältnissen ein erhöhter Lebensstress vermutet. Hierzu gehören Schlaf- und Konzentrationsprobleme, mangelndes Selbstbewusstsein sowie Verhaltens- und Sprachstörungen. Diese Stressoren können sich negativ auf Ess- und Bewegungsgewohnheiten auswirken (vgl. Kap. I 3.4.1).

Ein weiteres Problem ist, dass Eltern aus sozial schwächeren Verhältnissen generell seltener zum Arzt gehen und auch beim Übergewicht der Kinder sehr spät handeln. Aber auch der ärztliche Rat abzunehmen bewirkt ohne die familiäre Unterstützung wenig. Nicht immer sind Eltern aus sozial schwachen Verhältnissen in der Lage oder dazu bereit ihre Kinder zu unterstützen (vgl. Klotter, 2007, S. 172).

Der Zusammenhang zwischen Adipositas und Schichtzugehörigkeit konnte bereits in einer Untersuchung von Goldblatt et al. (1965) statistisch belegt werden. Während Männer mit einem niedrigen sozioökonomischen Status doppelt so häufig von Adipositas betroffen waren wie Männer der Oberschicht, zeigte sich bei Frauen sogar ein 6-facher Unterschied (vgl. Wirth, 2008, S. 56). Es kann davon ausgegangen werden, dass der Zusammenhang zwischen Adipositas und Schichtzugehörigkeit heute noch stärker ausfällt als 1965.

Die oben beschriebenen Aspekte der familiären Essgemeinschaft könnten eine andere Entwicklung beeinflusst haben, in der Warschburger et al. (2005, S. 29) einen weiteren Grund für die Entstehung von Adipositas in Familien unterer Schichten sehen. Es wird vermutet, dass ein Auslassen des Frühstücks, das in Familien mit niedrigem Sozialstatus häufig vorkommt, Heißhungerattacken sowie einen hohen Außer-Haus-Verzehr zur Folge hat und dadurch eine überhöhte Energiezufuhr begünstigt.

Parallel zur sinkenden Bedeutung der Tischgemeinschaft veränderte sich auch unsere Arbeits- und Lebenswelt. Immer mehr Familienmütter gehen arbeiten und üben teilweise sogar mehrere Jobs aus. Dadurch haben sich die Zeitressourcen für Tätigkeiten im Haushalt reduziert, was sich auch in einem Rückgang der häus- lichen Nahrungszubereitung bemerkbar macht. Daraus resultiert ein stärkerer Konsum von sog. Convenience-Produkten (vorgefertigter Speisen) und Fast Food (vgl. Koerber, 2004, S. 150). Auch Klotter (2007, S. 167) bestätigt, dass der Außer-Haus-Verzehr stark zugenommen hat. Oft wird aus zeitlichen Gründen Fast Food konsumiert, das in den seltensten Fällen den ernährungsphysiologischen Bedürfnissen entspricht. Ohne die notwendigen gesunden Angebote würde auch ein besseres Ernährungswissen das Problem nicht lösen.

Diesbezüglich konnte die DONALD-Studie ermitteln, dass ca. ein Sechstel der weiblichen sowie ein Drittel der männlichen Jugendlichen mindestens einmal pro Woche einen Schnellimbiss besuchen. Die Häufigkeit des Konsums ist jedoch nicht nur vom Geschlecht, sondern auch vom Alter abhängig. Der Wert der Jugendlichen ist 2,5-fach so hoch wie der von Vorschulkindern (vgl. Reinehr et al., 2007, S. 30). Außerdem konnte beobachtet werden, dass die Gewichtszunahme einer Personen stark mit der Häufigkeit seines Fast Food-Verzehrs zusammen- hängt (vgl. Wirth, 2008, S. 97). Dabei ist offensichtlich, dass eine Ernährung durch Fast Food wegen der hohen Anteile an Fett, Zucker und Geschmacksverstärkern insgesamt deutlich ungesünder ist als der Verzehr selbstständig zubereiteter Kost. Da die meisten Fast Food Produkte nahezu ballaststofffrei sind, ist ihr Sättigungs- effekt vergleichsweise kurz (vgl. Kap. I 4.4). Deshalb kommt es häufig zu größeren Zwischenmahlzeiten. Dabei ist den Konsumenten allerdings oft nicht bewusst, dass Burger, Pommes frites und Limonade zusammen ca. 1400 kcal liefern und somit in etwa 77 % des Energiebedarfs von Kindern (45 % bei Jugendlichen) decken (vgl. Reinehr et al., 2007, S. 29ff.).

Doch Fast Food und Convenience-Produkte sind nicht die einzigen Entwicklungen der Industrie, die Einfluss auf unsere Ernährung nehmen. Auch die Vergrößerung von Portionspackungen führen zur gesteigerten Zufuhr meist ungesunder Produkte. Vor allem Softdrinks werden seit einigen Jahren, anders als früher, in 1,5- oder sogar 2L Flaschen angeboten. Ähnlich vergrößert haben sich die Packungen von fettreichen Lebensmitteln wie Pommes frites und Hamburgern. Natürlich folgt aus einer größeren Packung nicht zwangsläufig ein höherer Konsum, aber durch die Veränderungen werden zumindest die Rahmen- bedingungen für einen größeren Verbrauch und damit auch für eine positive Energiebilanz geschaffen. Außerdem können die größeren Portionen direkt zu einem gesteigerten Konsum verleiten (vgl. Kap. I 3.4.1; Wirth, 2008, S. 96). Zusätzlich wird dem Verbraucher oft ein falsches Bild der Inhaltsstoffe vermittelt. Durch komplizierte Angaben werden vor allem Zucker- und Fettgehalte aber auch Zusatzstoffe verschleiert (vgl. Klotter, 2007, S. 116).

Ein weiterer Trick der Lebensmittelindustrie besteht darin, das Interesse von Kindern zu wecken und durch dessen Mitspracherecht den Einkauf der Eltern zu beeinflussen. Durch die Zugabe von Stickern, Spielzeug oder Sammelkarten in Verpackungen sollen Kinder gelockt werden. Gelingt dies, werden Einkaufsentscheidungen von physiologischen Bedürfnissen entkoppelt und ungesunde Produkte nur wegen der Verpackungszugabe gesunden Lebensmitteln vorgezogen (vgl. Momm-Zach, 2007, S. 100). Diese Probleme werden durch die mediale Vermarktung verstärkt (vgl. Kap. I 3.4.3).

Neben der Entwicklung von Convenience-Produkten, Fast Food und Süßigkeiten sowie entsprechende Tricks der Vermarktung ist ein weiterer Trend darin erkenn- bar, den Anteil gesunder Inhaltsstoffe in Lebensmitteln zu Gunsten ungesunder zu reduzieren. Durch die Herstellung hochgereinigter Lebensmittel wie Auszugsmehl oder raffiniertem Zucker wird die Nährstoffdichte (vor allem der Ballaststoff- und Vitamingehalt) verringert und die Energiedichte erhöht (vgl. Manz, 2000, S. 11). Insgesamt findet dadurch eine „Verschlechterung der ernährungsphysiologischen Qualität“ statt (Koerber et al., 2004, S. 35f.). Ähnlich negativ ist auch die Her- stellung tierischer Produkte zu bewerten, bei der ein Großteil des weltweit direkt verzehrbaren Getreides an Tiere verfüttert wird. Dies ermöglicht, tierische Produkte häufig und in großen Mengen zu verzehren, was zu einer erhöhten Auf- nahme von Fett führt. Ein anderer Nachteil ist, dass gesunde Nahrung und Wasser verloren gehen, die Hunger und Durst in der Welt mindern könnten (vgl. Koerber et al., 2004, S. 20). Abgesehen von den dargestellten negativen Ver- änderungen der Ernährungssituation durch die Verarbeitung von Lebensmitteln, sollte man auch bedenken, „[…] dass die Angebotsvielfalt von Nahrungsmitteln in Industrieländern und deren nahezu uneingeschränkte Verfügbarkeit hinsichtlich Ort und Zeit zur gesteigerten Nahrungsaufnahme »verführt«“ (Wirth, 2008, S. 97).

3.4.3 Einfluss der Medien

Der Konsum von Medien hat nicht nur eine negative Wirkung auf unser Be- wegungsverhalten und somit auf den Energieverbrauch, sondern auch auf die Energieaufnahme. Die Nutzung von Medien trägt dazu bei, dass Nahrungsauf- nahme vom Hungergefühl entkoppelt wird (vgl. Kap. I 3.4.1). Häufig werden vor dem Fernseher oder Computer große Mengen energiereicher Lebensmittel (Snacks) unkontrolliert konsumiert. Fachleute schreiben bis zu 60 % des Über- gewichtes diesem Verhalten zu (vgl. Wittner, 2000, S. 5). Problematisch ist hier- bei, dass zusätzlich zu den Mahlzeiten überflüssige Energie aufgenommen wird. Auch wenn das Snacking-Verhalten den Hunger reduziert, besteht eine negative Wirkung, denn später folgende gesündere Lebensmittel könnten vernachlässigt werden (vgl. Diehl, 2000, S. 31).

Das Fernsehen nimmt innerhalb der Medienwelt eine Sonderrolle bzgl. der Wirkung auf unsere Ernährung ein, denn es beeinflusst unser Ernährungswissen und unsere Konsumwünsche. Teilweise geschieht dies beabsichtigt und gezielt. Die Lebensmittelindustrie betreibt erheblichen Aufwand, um Personen von ihren Produkten zu überzeugen. Ob ein potenzieller Konsument sich von den Argu- menten der Werbung überzeugen lässt, hängt vor allem von seinem Wissen über das beworbene Produkt ab. Da bei vielen Themen unserer Gesellschaft die wissenschaftlichen Meinungen stark voneinander abweichen und sogar gegen- teilige Positionen einnehmen, stellt sich bzgl. Ernährung zunächst die Frage, ob ein allgemein anerkanntes Wissen existiert. Vernachlässigt man bei dieser Frage kommerzielle Ratgeber und extreme Theorieansätze, so stellt man fest, dass sich die Experten zumindest in den Grundzügen einig sind. Trotz dieser positiv zu be- wertenden Basis scheint das nötige Wissen noch nicht in der Bevölkerung an- gekommen zu sein. Zusätzlich zum Mangel an Aufklärung kann sogar von einer gezielten Desinformation durch die Medien gesprochen werden. Insbesondere die Werbung der Lebensmittelindustrie beeinflusst stark das Ernährungswissen und somit auch das Konsumverhalten vieler Menschen (vgl. Koerber et al., 2004, S. 11). Welche Bedeutung der Lebensmittelwerbung innerhalb der Werbebranche zukommt, kann anhand der Kostenverteilung verdeutlicht werden. Im Jahre 1997 wurden in Deutschland 91 % aller Werbekosten (dies entsprach 966 Mio. DM) für Süßwaren-Clips ausgegeben. Kritisch werden vor allem die Werbefreiheiten der privaten Programme beurteilt, da Kinder hauptsächlich dort ausgestrahlte Sendungen anschauen. Die weniger strengen Gesetzesauflagen bzgl. Werbung bei RTL, RTL 2, Super RTL und Pro 7 machen sich vor allem im Wochenend- programm bemerkbar. Dadurch konnte sich die tägliche Werbezeit z. B. bei RTL von durchschnittlich einer knappen Stunde im Jahre 1989 auf fast 200 Minuten im Jahre 1997 vervielfachen (vgl. Diehl, 2000, S. 27ff.). Auch die Gewichtung einzel- ner Produktgruppen innerhalb der Werbung ist aufschlussreich (vgl. Abb. 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Verteilung der Produktgruppen in der Werbung auf RTL an Sonntagen in der Zeit von 7 - 13 Uhr

Abgeleitet aus dieser Produktverteilung innerhalb der Werbung zu kinderfreund- lichen Zeiten könnte man die Ratschläge der Werbeindustrie folgendermaßen zu- sammenfassen: „Eine gute Ernährung besteht zu 60 % aus Süßigkeiten, Süß- speisen und fetten Knabberartikeln, ergänzt durch reichlich Fast Food und stark gezuckerte Frühstücksprodukte, wobei die Flüssigkeitszufuhr möglichst in Form von gezuckerten Limonaden und Säften erfolgen sollte“ (Diehl, 2000, S. 31).

Auch Reinehr et al. (2007, S.27) verweisen auf die wachsende Bedeutung von Werbung. Lebensmittelwerbung nimmt demnach nicht nur 30 % der Werbezeit ein, sondern außerdem bis zu 15 % der kompletten Sendezeit. Mit der Empfehlung von zucker- sowie fetthaltigen Lebensmitteln widerspricht Werbung dabei jedoch massiv den wissenschaftlichen Vorstellungen einer gesunden Ernährung. Doch auch die eigentlichen Sendungen nehmen Einfluss auf unser Essverhalten. Dabei werden gesundheitsrelevante Themen der Ernährung viel zu selten und wenn dann nur in Informationssendungen behandelt. In den meisten TV-Formaten wird Essen jedoch entweder als genussvolles Erlebnis oder notwendiges Übel dargestellt. Die durchschnittliche Zeit, in der ein Bezug zur Ernährung hergestellt wird, macht zwar mit ca. 11 % der Sendung nur einen relativ geringen Teil aus, doch auch hier werden oft ungesunde Lebensmittel sowie ungünstige Gewohn- heiten dargestellt. Wie eine Untersuchung von US-Serien - durchgeführt von Kaufmann (1980) - belegen konnte, handelte es sich bei etwa 30 % der dar- gestellten Lebensmittel um Süßigkeiten. Außerdem wurde Nahrung übermäßig oft als Snack dargestellt und Durst hauptsächlich durch Kaffee, Softdrinks und Alkohol ‚gelöscht‘ (vgl. Lücke, 2007, S. 28). Während auch bei allen deutschen Sendern eine bevorzugte Darstellung von Süßem zu erkennen ist, kommt bei beiden öffentlich-rechtlichen Kanälen ein häufiger Verzehr von Fleisch hinzu (vgl. ebd., S. 304 ff.). Diese Darstellungen während einer Sendung werden hauptsäch- lich unterbewusst verarbeitet. Bei Werbung hingegen sind wir in der Lage, Ver- marktungsstrategien zu durchschauen und ‚Ratschläge‘ zu ignorieren. Abgesehen davon, dass es jungen Kindern für dieses Erkennen an den notwendigen Er- fahrungen mangelt, ist das menschliche Gehirn außerdem erst ab einem gewissen Alter in der Lage, zwischen Sendung und Werbung zu unterscheiden. Dadurch werden Werbespots nicht als Unterbrechung der Sendung, sondern als mediale Realität wahrgenommen, wodurch glücklich aussehende Werbefiguren zu er- strebenswerten Vorbildern werden können (vgl. ebd., S. 315).

Der Einfluss von Fernsehkonsum auf Nahrungswünsche konnte sogar durch eine Studie nachgewiesen werden. Hierbei wurde aus der starken Korrelation von Nutzungsdauer und ungünstigen Vorlieben eine erhebliche Wirkung von Medien auf das Essverhalten der Kinder im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren ab- geleitet (vgl. Lücke, 2007, S. 32 zitiert nach Signorielli und Lears (1992)). Diesbezüglich stellt sich zu Recht die Frage, weshalb der mediale Einfluss nicht für eine Verbesserung des Essverhaltens genutzt wird. Schließlich wünschen sich Umfragen zu Folge über drei Viertel der Befragten mehr Informationen bzgl. Ernährung und Gesundheit (vgl. Lücke, 2007, S. 16f.).

3.4.4 Kognitiver Einfluss auf das Essverhalten

Werden Betroffene gefragt, warum sie Ernährungsempfehlungen nicht umsetzen, werden als Grund oft höhere Preise gesunder Lebensmittel genannt (vgl. Klotter, 2007, S. 166f.). Während dies in Grenzen auf Obst und Gemüse zutrifft, sind natürliche Grundnahrungsmittel jedoch relativ preiswert. Vergleichsweise teurer sind Convenience-Produkte, Feinbackwaren, Süßigkeiten und Softdrinks, denn deren industrielle Entwicklung und Produktion müssen schließlich mit gezahlt werden. Außerdem sorgen diese Produkte aufgrund ihrer geringen Ballaststoff- gehaltes für ein kurzes Sättigungsgefühl (vgl. Kap. I 4.4). Aus diesen Erkennt- nissen kann gefolgert werden, dass das schlechte Ernährungsverhalten sozial schwacher Familien mehr durch einen Mangel an Wissen und Zubereitungsfertig- keiten begründet werden kann als durch das Fehlen finanzieller Mittel (vgl. Koerber, 2004, S. 149).

Da das familiäre Umfeld die ersten und prägnantesten Einflüsse auf unsere Ent- wicklung hat, ist auch das dort erworbene Wissen von wesentlicher Bedeutung. Allerdings fehlt es nicht nur in sozial schwachen Familien an Wissen und Fertig- keiten. Dieses wurde lange Zeit von einer Generation zur nächsten weiter ge- reicht. Doch die Veränderungen der Arbeits- und Lebenswelt und die Auflösung der klassischen Rollenverteilung haben auch die familiäre Vermittlung von Er- nährungswissen und Zubereitungsfertigkeiten beeinflusst. So konnte die IGLO- Forum-Studie 1995 einen starken Rückgang der häuslichen Lernfelder nach- weisen (vgl. Rößler-Hartmann, 2007, S. 14). Vor allem in den jüngeren Eltern- generationen werden zudem Kinder immer häufiger komplett von der Hausarbeit freigestellt, um durch mehr Lernzeit einen möglichst guten Schulabschluss zu er- langen. Obwohl besonders jüngere Kinder ein natürliches Interesse für die häus- lichen Tätigkeiten der Eltern zeigen und Spaß am Helfen haben, fehlt den Er- wachsenen oft die Zeit. Arbeitsschritte zu erklären und von Ungeübten ausführen zu lassen, dauert meistens länger, als wenn man es schnell alleine erledigt. Wenn es zur Mithilfe kommt, dann werden häufig Arbeiten mit geringem Stellenwert ver- langt. Doch durch unbeliebte Tätigkeiten, wie Abwaschen oder Müll rausbringen, ist der Lerneffekt sehr beschränkt und das kindliche Interesse geht verloren (vgl. ebd., S. 38f.). Eine weitere Folge aus dem Zeitmangel der Eltern ist eine vermehrte Nutzung von Fertigprodukten, wodurch der mögliche Lerninhalt zusätzlich minimiert wird (vgl. ebd., S. 15).

Außerdem verhindert der frühe Einsatz dieser Produkte (teilweise schon im 1. Lebensjahr), dass Kinder den Geschmack natürlicher Lebensmittel kennen- und wertschätzen lernen. Dadurch gewöhnen sie sich an die verarbeiteten Lebensmittel, mit hohem Zucker-, Salz- und Fettanteil sowie künstlichen Aromen und Geschmacksverstärkern (vgl. Kersting, 2000, S. 37).

Wie deutlich wurde, ist die häusliche Vermittlung von Ernährungswissen und Zu- bereitungstechniken rückläufig und schon lange nicht mehr ausreichend. Somit leistet sie ihren passiven Beitrag zur Entstehung von Übergewicht und Adipositas. Doch vor allem wegen der gesellschaftlichen Veränderungen ist die Frage wichtig, was uns außerhalb der Familie noch als Wissensquelle und damit als Gegen- regulationsmaßnahme zu den medialen Manipulationsversuchen dienen kann. Die allgemeinbildenden Aufgaben der Schule, Menschen auf das spätere Leben vor- zubereiten und Wissen zu vermitteln (vgl. Heymann, 1990, S. 21 - 25), sprechen für eine Berücksichtigung der Ernährungserziehung in allen Schulformen. Betrachtet man jedoch die aktuelle Einbindung des Themas in den Fächerkanon, so erkennt man zunächst erhebliche Unterschiede zwischen Bundesländern und Schulformen. Während Haushaltslehre an Haupt- und Gesamtschulen teilweise zum Fach Arbeitslehre gehört und damit zwangsläufiger Bestandteil der Schul- ausbildung ist, wird das Fach an Realschulen vorwiegend im Wahlpflicht-Bereich angeboten. Am Gymnasium hingegen werden andere Schwerpunkte gelegt und so wird Haushaltslehre fast nie unterrichtet (vgl. Bender, 2000, S. 1). Auch die Effektivität neuerdings gestarteter Versuche, durch Frühstücksaktionen und er- nährungsbezogene Projekte eine Verbesserung des Ernährungswissens zu er- zielen, ist aufgrund des Fehlens theoretischer Hintergründe unzureichend. Daher ist es wenig überraschend, dass Kinder generell lediglich über ein partielles Er- nährungswissen verfügen und nur ca. jedes zweite präziseres Wissen, wie z. B. Kenntnisse über den Energiegehalt von Lebensmitteln angeben kann (vgl. Reinehr et al., 2007, S. 27).

[...]


1 Diese Geschichte ist selbst ausgedacht und dient lediglich als Einstieg.

2 Zur Verbesserung der Lesbarkeit werden in dieser Arbeit Personenbezeichnungen in der männlichen Form verwendet; gemeint sind dabei in allen Fällen Frauen und Männer.

3 die Angst vor dem Neuen

4 Obwohl Energiemengen heutzutage offiziell in kJ angegeben werden, verwendet die DGE in ihren Empfehlungen sowie im Analyseprogramm die veraltete Einheit kcal. Aus Gründen der Einheitlichkeit werden daher alle Energiewerte in dieser Arbeit ebenfalls in kcal angegeben und kJ-Angaben aus der Literatur entsprechend umgerechnet.

Ende der Leseprobe aus 147 Seiten

Details

Titel
Grundwissen Übergewicht und Adipositas: Folgen, Ursachen, Therapie und Fallstudie zu Ernährungs- und Bewegungsangeboten an Schulen
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Sportwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
147
Katalognummer
V195166
ISBN (eBook)
9783656209850
ISBN (Buch)
9783656210733
Dateigröße
12371 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In der Arbeit werden die Grundlagen von Übergewicht und Adipositas dargestellt. Anschließend werden die Bewegungs- und Ernährungsangebote von 10 Schulen analysiert, ihre Bedeutung für die Adipositasproblematik diskutiert und Verbesserungsmöglichkeiten vorgestellt.
Schlagworte
Adipositas, Übergewicht, Bewegungsumfang, Energiebilanz, BMI, Fett, Kohlenhydrate, Ernährung, Abnehmen, Diät, Ernährungsumstellung, Schulverpflegung, Pausenhof, Bewegung, Essverhalten, Essen, Medien, Verhaltenstherapie, Arbeitsumsatz, Grundumsatz, Gesamtumsatz, Zwischenverzehr, Kiosk, Trinkregeln, Sport-AG, Pausenangebot, Mensa
Arbeit zitieren
B.A. Janosch Bülow (Autor), 2012, Grundwissen Übergewicht und Adipositas: Folgen, Ursachen, Therapie und Fallstudie zu Ernährungs- und Bewegungsangeboten an Schulen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195166

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