Die Himmelsreise des Propheten

Eine Untersuchung der besuchten Orte der Himmelsreise des Propheten Muḥammad anhand von Tobias Nünlists Dissertation „Himmelfahrt und Heiligkeit im Islam“


Hausarbeit, 2012

25 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die Himmelsreise

Vorüberlegungen zur Himmelsreise
Sure 17 (Banū Isrā'īl)
Mythologischer Hintergrund
Besondere Aspekte einer Jenseitsreise

Untersuchung über die besuchten Orte der Himmelsreise
Die al-bait al-ma ʿmūr -Version
Die bait al-maqdis -Version
Verschmelzung der Legenden

Resümee

Literaturverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/

commons/b/b5/Miraj_by_Sultan_Muhammad.jpg

Einleitung

Eine Himmelsreise spielt in allen drei monotheistischen Religionen eine wichtige Rolle – so auch im Islam. Einen Hinweis für die Himmelsreise des islamischen Propheten Muḥammad findet sich im Koran zu Beginn der Sure 17. Allerdings erwähnt diese nur den Ort an dem Muḥammad die Himmelsreise begann und den, an dem sie endete. Die ausgeschmückten Beschreibungen über die Himmelsreise wie wir sie heute kennen stammen also nicht aus dem Koran, sondern aus den überlieferten Aussprüchen des Propheten, den Ḥadīṯen, welche in mehreren Sammlungen erhalten sind.

Diese Quellen bieten verschiedene Möglichkeiten zur Interpretation; insbesondere über den Zielort der nächtlichen Reise Muḥammads. Diese sollen in der vorliegenden Arbeit anhand der Dissertation von Tobias Nünlist „Himmelfahrt und Heiligkeit im Islam“ erörtert werden. Nünlist bezog sich in seiner Arbeit auf wichtige Forschungen u.a. von Josef Horovitz und Heribert Busse.

Im Folgenden werde ich mich an die Gliederung aus dem ersten Teil Nünlist’s Disseration halten und einige Vorüberlegungen zur Himmelsreise im Allgemeinen zusammenstellen. Der zweite Teil beschäftigt sich mit den einzelnen Interpretationsmöglichkeiten des Zielorts von Muḥammads Himmelreise erörtert und anhand von Ḥadīṯen dargestellt bevor ich im Resümee die Ergebnisse der aktuellen Forschung zusammenstellen werde.

Die Himmelsreise

Die Himmelsreise des islamischen Propheten Muḥammad lässt sich nach H. Busse inhaltlich in drei Teile gliedern:

1. Die Himmelfahrt (miʿrāğ): Muḥammad steigt aus einem Ort in Mekka in den Himmel auf;
2. (Nacht-) Reise nach bait al-maqdis (isrā): Muḥammad reist von Mekka zu einem Ort namens bait al-maqdis. Nach seiner Rückkehr am folgenden Morgen berichtet er von seinen Erlebnissen den Quraiš
3. Eine Kombination von 1. und 2.: Die Reise nach bait al-maqdis (isrā) und anschließend der Aufstieg in den Himmel (miʿrāğ). Der Startpunkt ist in Mekka und bait al-maqdis wird als Jerusalem identifiziert.[1]

„Any discussion of the problems relating to Muḥammad’s Night Journey (isrā) and Ascension (miʿrādj) must necessarily take the short account in Surah 17, 1 as its point of departure. From the very beginning, this famous passage was construed as follows: One night the prophet travelled miraculously from the holy mosque in Mekka to the most distant mosque (al-masdjid al-aqṣā), where God’s signs (āyāt) were revealed to him. After some initial hesitation, Islamic tradition reached the conclusion that the term al-masdjid al-aqṣā referred to Jerusalem or the Temple Mount (al-ḥaram al-sharīf). At about the same time, however, the account of Muḥammad’s vision of an ascension into heaven, concerning which apparently nothing is said in Surah 17, 1, was integrated into that story, with the result that Jerusalem (or, alternatively, the Temple Mount) became identified as the halting-place on Muḥammad’s journey. Thus, according to this version, Muḥammad first travelled to Jerusalem, and subsequently ascended into heaven, where certain revelations were made to him.”[2]

Nach dem aktuellen Stand der Forschung könne al-masğid al-aqṣā aus Sure 17.1 einer der folgenden drei Orte sein: Jerusalem oder der Ḥaram aš-šarīf, eine heilige Stätte im Himmel, oder eine Moschee in Ğiʿrāna nahe Mekka (gebaut nach Muḥammad’s ʿumra zum Gedenken an diese). Es existieren verschiedene Versionen der Himmelsreise in der Ḥadīṯ - Literatur, die Erzählung aus Sure 17.1 ist nur eine von ihnen.[3] „It differs from the account transmitted in ḥadīth only in the circumstance that it was ascribed a higher degree of authority than the others on account of its inclusion in the Koran. The stories transmitted in ḥadīth were subsequently adapted in the Koranic version so as to yield a unified picture.”[4] Der Grund dafür, dass man heute in der Lage dazu ist, die Entwicklung der Erzählung nachzuvollziehen, liegt daran, dass nicht jedes Detail angepasst wurde, um mit der neuen Interpretation zu harmonieren.[5]

Josef Horovitz ist hingegen der Ansicht, dass niemand den Ort masǧid al-aqṣā in Jerusalem vermuten würde, dem nicht diese Erklärung durch die Überlieferung suggeriert worden wäre. Er lobt hier die Nachforschungen Schriekes, der sich von der islamischen Tradition befreit habe und erkannt habe, dass das „fernste Masǧid“ weder Jerusalem, noch überhaupt ein Ort auf Erden sein müsse, sondern vielmehr im Himmel zu orten sei.[6] „Ein himmlisches masǧid fügt sich der koranischen Vorstellungswelt ohne Schwierigkeit ein; auch die Engel im Himmel verrichten ihren Gottesdienst (ʿibāda), der in Sure 7205 als suǧūd bezeichnet wird. […] Sie [die Anbetung] findet im siebenten Himmel in der Nähe des göttlichen Thrones statt, auf den sich Allāh nach Vollendung der Erschaffung Himmels und der Erde begeben [hat]. An diesem Ort werden wir uns also das masǧid al aqṣā zu denken haben.“[7]

Was die Ḥadīṯe betrifft, so stehen uns eine Menge an Informationen zur Verfügung. Die Erzählungen über die isrā und die miʿrāğ finden sich in kompletter Form oder in Fragmenten in den Biographien des Propheten von Muḥammad b. Isḥāq (gest. 768) und Ibn Saʿd (gest. 845). Nachdem sich diese Biographen mit den Erzählungen beschäftigten, wurden sie auch von den šarīʿa -Gelehrten und den muḥaddiṯūn diskutiert. Man findet sie im Musnad von Aḥmad b. Ḥanbal (gest. 855), und in den „Sechs Büchern“: Buḫārī (gest. 870), Muslim (gest. 875), Ibn Mādja (gest. 886) und an-Nasāʾī (gest. 915).[8] „Thereafter, the comentators of the Koran turned to the stories in the ḥadīth, in search of suitable explanations fur Surah 17, 1. They endeavoured to treat the subject within the limits imposed by the requirements of dogma, pondering, for example on the question as to whether the prophet undertook the journey spiritually (rūḥan) or physically (djisman). In support of one thesis or the other they quoted traditions which served their purpose or were perceived as doing so.”[9]

Vorüberlegungen zur Himmelsreise

Sure 17 (Banū Isrā'īl)

Die Sure 17 die den Namen Banū Isrāʾīl „Kinder Israels“ trägt, wird häufig auch al-Isrā „Die nächtliche Reise“ oder „die Nachtwanderung“ genannt. Die Sure wurde Muḥammad zu Mekka offenbart und enthält 111 Verse.

Der erste Vers dieser Sure ist für die Nachtwanderung Muḥammads von großer Bedeutung und der deutlichste Hinweis auf diese im Koran. Er lautet:

„Subḥana allaḏī asrā biʿabdihi laīlān mina al-masğidi al-ḥarami ʾilā āl-masğidi al-ʾāqṣaā allaḏī baraknā ḥaūlahu, linuriyahu, min āīatinā ʾinnahu, huwa as-samiīʿu al-baṣīru.

Preis Ihm, Der bei Nacht Seinen Diener hinwegführte von der Heiligen Moschee zu der Fernen Moschee, deren Umgebung Wir gesegnet haben, auf daß Wir ihm einige Unserer Zeichen zeigen. Wahrlich, Er ist der Allhörende, der Allsehende.“[10]

Tobias Nünlist sagt in seiner Arbeit, dass die muslimische Exegese und die moderne westliche Islamwissenschaft diesen Vers als den deutlichsten Hinweis auf die Himmelsreise des Propheten Muḥammad ansehen. Die arabische Kommentarliteratur sieht noch in weiteren Koranstellen Anspielungen auf die Himmelsreise. So zum Beispiel Sure 17.60[11]

„Und (gedenke der Zeit) da Wir zu dir sprachen: ‚Dein Herr umfaßt die Menschen.‘ Und Wir haben das Traumgesicht, das Wir dich sehen ließen, nur als eine Prüfung für die Menschen gemacht und ebenso den verfluchten Baum im Qur-ân. Und Wir warnen sie, jedoch es bestärkt sie nur in großer Ruchlosigkeit.“[12]

Außerdem werden hierzu die ebenfalls mekkanischen Suren 53.1-18 sowie 81.19-25 angeführt. Der Koranvers aus 17.1 stelle, so Nünlist, in der islamischen Welt den Ausgangspunkt einer großen Anzahl an Legenden dar, die sich mit der Himmelsreise Muḥammads beschäftigen. Außerdem werden unterschiedliche Deutungen mit dem Geschehen in Verbindung gebracht: Fahrt aus Mekka nach Jerusalem, Aufstieg in den Himmel und etwas später eine Kombination beider Auslegungen.

Im Folgenden beschäftigt sich Nünlist mit dem Vers aus 17.1, der, so Nünlist, beinahe keinen Ausdruck enthält, der nicht in der islamischen und westlichen Auseinandersetzung kritisch hinterfragt worden wäre. Es seien in der wissenschaftlichen Diskussion sogar Zweifel daran geäußert worden, die die Authentizität der Sure 17.1 an ihrer Stelle im Koran anzweifeln.[13]

„Die einleitende Lobrede ‚subḥāna llaḏī‘ weist darauf hin, dass Gott der Handelnde ist. Diese Sichtweise findet ihre Bestätigung in den Epitheta samīʿ und baṣīr am Versende. Beide Ausdrücke zählen zu den 99 Beinamen Gottes. Unumstritten ist eigentlich auch, dass sich der Ausdruck ʿabd auf Muḥammad bezieht. Aus diesen Überlegungen geht hervor, dass sich das Geschehen zwischen Gott (Subjekt) und Muḥammad (Objekt) abspielt. Aus dem Prädikat asrā lässt sich ausserdem ableiten, dass es sich um eine nächtliche Erfahrung, eine nächtliche Entrückung des Propheten handelt. Soweit dürfte das Verständnis von Sure 17.1 als gesichert gelten.“[14]

Der Koran nennt den Ausgangspunkt und das Ziel der Reise Muḥammads mit al-masğid al-ḥarām und al-masğid al-aqṣā. Doch sowohl islamische als auch westliche Forschung stehen vor dem Problem, den beiden Stätten al-masğid al-ḥarām und al-masğid al-aqṣā einen geographisch klar definierten Ort zuzuweisen. Nünlist sagt, dass dem Wortlaut des ersten Verses nur zu entnehmen ist, dass die Reise Muḥammads zwischen zwei Punkten stattfand. Es würde sich aus dem koranischen Text nicht mit letzter Sicherheit ableiten lassen, welchen geographischen Orten die beiden Gebetsstätten entsprechen. Nünlist weist aber in seiner Fußnote auf Folgendes hin:[15] „Aus dem koranischen Wortgebrauch ergibt sich zwar, dass der Ausdruck al-masğid al-ḥarām Mekka, insbesondere den Heiligen Bezirk in Mekka bezeichnet (vgl. Sure 22.45; Sure 48.25: mekkanisch; Sure 2.144, 150, 151, 191, 196, 217; Sure 5.2; Sure 8.34; Sure 9.7, 19, 28: medinensisch). Problematisch hingegen ist eine gesicherte geographische Identifikation von al-masğid al-aqṣā. Der Begriff findet sich im Koran als Hapax.“[16]

Nünlist weist außerdem darauf hin, dass sich aus Sure 17.1 nicht erkennen lässt, ob es sich bei der Himmelsreise um eine horizontale Fahrt (von Mekka nach Jerusalem) oder um einen vertikalen Aufstieg in den Himmel handelt. Beide Möglichkeiten seien mit der muslimischen Kommentarliteratur in Einklang zu bringen.

Durch die mangelnden Informationen aus dem Koran müsse also auf die umfangreiche Kommentarliteratur zum Koran und dem Leben des Propheten zurückgegriffen werden, denn diese äußern sich eingehend zu diesem Ereignis. Nünlist weist darauf hin, dass diese Quellen erst ca. 200 Jahre nach Muḥammads Tod schriftlich fixiert wurden. Außerdem würden diese Werke zwar durch ihren Aufbau den Anspruch erheben, die Biographie Muḥammads aus einer historischen Perspektive zu schildern, sie würden aber letztlich eine umfangreiche Sammlung mythologisch gefärbter Berichte bilden.

[...]


[1] Vgl. (Busse, 1991, S. 7)

[2] (Busse, 1991, S. 1)

[3] Vgl. (Busse, 1991, S. 3)

[4] (Busse, 1991, S. 3)

[5] Vgl. (Busse, 1991, S. 3)

[6] Vgl. (Horovitz, 1919, S. 162)

[7] (Horovitz, 1919, S. 162-163)

[8] Vgl. (Busse, 1991, S. 3)

[9] (Busse, 1991, S. 4)

[10] (Ahmad, 2009, S. 264)

[11] Vgl. (Nünlist, 2002, S. 23)

[12] (Ahmad, 2009, S. 270)

[13] Vgl. (Nünlist, 2002, S. 23-25)

[14] (Nünlist, 2002, S. 25)

[15] Vgl. (Nünlist, 2002, S. 25-26)

[16] (Nünlist, 2002, S. 26 Fn.8)

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Himmelsreise des Propheten
Untertitel
Eine Untersuchung der besuchten Orte der Himmelsreise des Propheten Muḥammad anhand von Tobias Nünlists Dissertation „Himmelfahrt und Heiligkeit im Islam“
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Institut für Religionswissenschaft)
Veranstaltung
Paradies & Hölle im Judentum, Christentum und Islam
Note
1,5
Autor
Jahr
2012
Seiten
25
Katalognummer
V195200
ISBN (eBook)
9783656254737
ISBN (Buch)
9783656255147
Dateigröße
755 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Islam, Himmelsreise, Himmelsfahrt, Muhammad, Buraq, Mirag, Isra, bait al-maqdis, al-bait al-mamur, Sure 17
Arbeit zitieren
Ann Cathrin Riedel (Autor), 2012, Die Himmelsreise des Propheten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195200

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