Der Islam in Albanien

Eine Untersuchung über die geschichtlichen Gründe des heutigen Religions- und Nationalverständnisses der Albaner


Hausarbeit, 2011

24 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die Geschichte der Albaner

Abstammung von den antiken Illyrern

Christianisierung

Islamisierung im Osmanischen Reich

Kommunismus im 20. Jahrhundert

Europa und der Islam

Balkanislam

Bektaschi-Orden

Auswirkungen der Geschichte auf das heutige Religions- und Nationalverständnis der Albaner

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Seit der Unabhängigkeit des Kosovo gibt es in Europa zwei Staaten mit albanischer und muslimischer Bevölkerungsmehrheit. Im Gegensatz zu Kosovo und Bosnien (als ebenfalls europäischer Staat mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung), beantragte Albanien bereits die Aufnahme in die Europäische Union. Damit wäre Albanien der erste Staat in der EU mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung. Gerade wegen der mehrheitlich „islamophoben" Einstellung unter einem Großteil der EU-Bevölkerung, ist es wichtig mehr über den Islam in Albanien und die Einstellung der dortigen Muslime zu ihrem Glauben in Erfahrung zu bringen.

Ich möchte daher mit einem Überblick der Geschichte der Albaner beginnen, um hier die wesentlichen Gründe für das heutige Religions- und Nationalverständnis aufzudecken. Außerdem möchte ich die Sicht Europas auf den Islam erläutern, da ich der Meinung bin, dass die Beurteilung Anderer sich maßgeblich auf die persönliche Identitätsentwicklung auswirkt. Im dritten Teil gehe ich auf den Balkanislam ein, der sich aufgrund von seiner geografischen und geopolitischen Lage auf der Balkanhalbinsel entwickelte. Unter diesem Punkt möchte ich auch den Bektaschi-Orden vorstellen; eine Sekte, die sich aus dem Sufismus entwickelte und teilweise als Religion der Albaner betrachtet wird. Im Schlussteil versuche ich, die Auswirkungen der Geschichte auf das heutige Religions- und Nationalverständnis der Albaner zu ermitteln. Allerdings werde ich nicht das Religions- und Nationalverständnis der Albaner mit dem anderer muslimischer Ethnien vergleichen.

Zum Schluss möchte ich noch eine Begriffsabgrenzung vornehmen. Mit „Albaner" bezeichne ich immer die Ethnie und nicht die Staatsbürger der heutigen Staates Albanien. So fallen darunter auch die Bürger des heutigen Staats Kosovo. Sollte ich von den jeweiligen Staatsbürgern sprechen, weise ich explizit darauf hin.

Die Geschichte der Albaner

Um einen Überblick über die Geschichte der Albaner zu geben, habe ich mir vier Themenschwerpunkte heraus gesucht: Zu Beginn erörtere ich die Abstammung von den Illyrern, welche von den Albanern als sehr identitätsstiftend wahrgenommen wird. Dann gehe ich näher auf die Christianisierung, die darauffolgende Islamisierung durch die Osmanen und schlussendlich auf die Zeit des Kommunismus und dem Religionsverbot von 1967 ein.

Abstammung von den antiken Illyrern

Joachim Matzinger bedient sich in einer Abhandlung über die Abstammung der Albaner von den Illyrern den Ergebnissen der historischen Sprachforschung. Er ist der Ansicht, dass die Herkunft der Albaner von den Illyrern ein beliebtes Bild in der geschichts- und sprachwissenschaftlichen Literatur ist. In Albanien biete dieses Bild sogar eine identitätsstiftende Funktion und erreiche laut Matzinger sogar den Status einer Staatsdoktrin. Als Repräsentant für diverse Behauptungen dieser Art führt er das folgende Zitat an: „Shqiptarëtjanë pasardhës te ilirëve dhe shqipja është pasardhëse e ilirishtës".[1] Matzinger merkt jedoch an, dass es schon frühzeitig kritische Äußerungen über die Abstammung der Albaner von den Illyrern gab und führt somit drei Hypothesen einschlägiger Literatur an. a) Die Albaner sind Nachkommen der Illyrer. Diese Autochthoniehypothese sei die prominenteste und die prädominante Ansicht über die Herkunft der Albaner aus Albanien inklusive Kosovo. b) Die Albaner sind nicht Nachkommen der Illyrer. In dieser Admigrationshypothese wird davon ausgegangen, dass die Albaner Zuwanderer aus dem Inneren des Balkans seien. Damit bestreitet diese Hypothese die Autochthonie der Albaner. Ferner wird in älterer wie neuerer Linguistik eine Abstammung von den Thrakern vermutet. c) Die Albaner sind vielleicht Nachkommen der Illyrer. In dieser neutralen Position wird eine Abstammung von den Illyrern für möglich gehalten.

Die Vertreter der ersten beiden Thesen würden sich laut Matzinger auf unterschiedliche Argumente stützen, um ihre Hypothese zu beweisen. So hätten sich die Vertreter der Autochthoniehypothese besonders auf archäologische und sozio-kulturelle Evidenz berufen, während die Gegner dieser These dieser Beweisführung aufgrund mangelnder Beweiskräftigkeit nur eingeschränkt zustimmen können, beziehen sich diese Vertreter hauptsächlich auf die historische Sprachwissenschaft zur Klärung der albanischen Herkunft. Beide Parteien seien sich allerdings darüber einig, dass die historische Sprachwissenschaft möglicherweise entscheidend in die Debatte eingreifen könne.

Matzinger zeigt im Folgenden auf, dass zwischen dem Illyrischen der Antike und dem Albanischen der Neuzeit eine zeitliche Lücke von mindestens 1500 Jahren liegt und dass jegliches Wissen um eine illyrische Grammatik vollkommen fehlt. Dies liegt daran, dass das Wissen über das was als Illyrisch bekannt ist, lediglich aus der Onomastik gewonnen wurde. Befürworter sowie Kritiker der Autochthoniehypothese würden beide die Toponyme als auch die Hydronyme Albanien als Beweisführung anführen. Im weiteren Verlauf seiner Abhandlung untersucht Matzinger drei ausgewählte Begriffe der albanischen Topo- und Hydronyme und kommt zu dem eindeutigen Befund, dass[2] „die antiken Namen nicht mit den ältesten Lautgesetzen des Albanischen [...] vereinbar sind. Sie weisen vielmehr Lautentwicklungen auf, deren Wirken erst einer späteren Periode des Albanischen zuzuschreiben ist, nämlich der Periode nach dem Eindringen der zahlreichen lateinischen Lehnwörter. Im Rahmen einer relativen Chronologie der albanischen Sprachgeschichte lässt sich die ,Römerzeit' daher als solide Grundlage für eine Periodisierung der nur durch die Rekonstruktion zugänglichen vorliterarischen Zeitstufen der albanischen Sprache heranziehen. So ist jene Zeitstufe nach der Auflösung der indogermanischen Grundsprache[3] und vor dem massiven Eindringen der lateinischen Lehnwörter als Voruralbanisch zu benennen. In diese Phase fallen auch charakteristische Lautwandel der Sprachgeschichte, die als sprachkonstituierend, d.h. als Wandel spezifisch albanischer Prägung aufgefasst werden können. Gegen Ende dieser voruralbanischen Periode erfolgt auch die Übernahme der altgriechischen Lehnwörter. Die Tatsache, dass es sich hierbei um nur sehr wenige und um auf ganz bestimmte Kategorien beschränkte Lexeme handelt, ist ein weiteres Indiz gegen die vermeintliche Autochthonie."[4] Weiter führt Matzinger an, dass man viel mehr und insbesondere vielschichtige altgriechische Lehnwörter erwarten müsse, wenn die Protoalbaner zu jener Zeit bereits in Albanien und damit in der Nähe der an den Küsten gelegenen griechischen Kolonien ansässig gewesen wären

Da es sich laut Matzinger und seinen Erkenntnissen bei den Albanern nicht um Autochthone handeln kann, geht er davon aus, dass es sich bei den Albanern um Migranten aus den innerbalkanischen Regionen handeln muss. Allerdings müsse man bei der Suche nach dem Ursprungsgebiet der Albaner zwei wichtige Umstände beachten: Zum einen waren die Völker in diesem Gebiet Wanderhirten und damit nicht an einem einzigen Ort ansässig. Zum anderen müsse man laut Matzinger bedenken, dass die Ereignisse ihren Verlauf durchweg in schriftlosen vorgeschichtlichen Perioden erfahren haben. Um eine Klärung zu finden, müsse man eine Analyse von sprachlichen Zeugnissen durchführen. Matzinger führt hierfür den Historiker Gottfried Schramm an.[5] Zwar liefert Schramm einen Hinweis, das in der Einwicklung eines antiken Ortsnamen typisch albanische Lautgesetze zu erkennen sind, allerdings habe die historische Sprachwissenschaft bislang noch nicht untersucht, ob auch andere innerbalkanische Ortsnamen dieser Interpretation zugänglich sind.

Matzinger kommt schließlich zu der Konklusion, dass die historische Sprachwissenschaft durch die Toponymie Albaniens zuverlässig festgestellt hat, dass die Albaner Zuwanderer aus dem inneren Balkan sind.[6]

Christianisierung

Bevor ich auf die Islamisierung der Albaner eingehe, möchte ich mich noch kurz mit der Christianisierung beschäftigen um eine gewisse Vollständigkeit im Ablauf dieses Geschichtsüberblicks zu gewährleisten.

Bereits in der Bibel wird erwähnt, dass der Apostel Paulus die christliche Botschaft nach Albanien brachte „So habe ich von Jerusalem an im Umkreis bis nach Illyrien die Frohbotschaft von Christus zu Ende geführt." (Römer 15:19). Bereits im Jahr 58 n.Chr. soll es in der römischen Hafenstadt Dyrrachium (heute Durrës) siebzig christliche Familien gegeben haben. Doch es dauerte bis zum 4. und 5. Jahrhundert n.Chr. bis das Christentum erkennbare Spuren hinterließ und erst im 5. Jahrhundert drang es bis ins albanische Binnenland vor.

Beim von Kaiser Konstantin I. im Jahr 325 einberufenen ökumenischen Konzil von Nikäa nahmen einige Bischöfe aus Dardanien und Macedonia Salutare teil, d.h. christliche Würdenträger aus dem heutigen Ostalbanien und Kosovo. Betreffend für die albanischen Gebiete ist, dass sich auf ihnen ab 395 die ersten Risse zwischen Ostrom und Westrom abzeichneten. So entstand im illyrischen Albanien die kulturelle und politische Grenze zwischen Katholizismus und östlicher Orthodoxie.

Durch die slawische Einwanderung und Landeinnahme ist über die dortigen Kirchenstrukturen wenig bekannt, denn bis dahin Aufgebautes wurde um 600 n.Chr. wieder zerstört.

Unter der Herrschaft von Kaiser Leo III. dem Isaurier wurde Albanien 732 dem Patriarchat von Konstantinopel unterstellt. Nach der endgültigen Kirchenspaltung im Jahr 1054 unter Papst Leo IX. stellte Albanien die kirchenpolitische und auch militärische Grenze zwischen dem italienischen Westrom und dem byzantinischen Ostrom dar. Nordalbanien blieb unter dem Einfluss Italiens, Venedigs und vor allem dem der Kreuzritter, während Mittel- und Südalbanien byzantinisch-orthodox blieb.

Islamisierung im Osmanischen Reich

Im Folgenden möchte ich mich mit der Islamisierung der Albaner im Zuge der Eroberungen durch das Osmanischen Reich befassen. Hierbei möchte ich erwähnen, dass es deutliche Unterschiede in den Quellen in der Bewertung der Islamisierung gibt. So sind es vor allem Quellen albanischer Autoren und Kirchenquellen, die die Islamisierung als falsch und aufgezwungen bewerten. Insbesondere ist hier das Werk von Kolë Kraniqi „Die Rolle der Religion in der Erhaltung der nationalen Identität und Harmonie bei den Albanern" zu erwähnen, der vorwiegend albanische Quellen für seine Arbeit verwendete. Auch wenn ich das Werk durch seine stark wertende Ausdrucksweise kritisiere, möchte ich mich dennoch darauf beziehen, um eine andere Sichtweise über die Islamisierung der Albaner zu präsentieren.I

Laut Markus Koller ist die Quellenlage von Albanern die in Istanbul zur Zeit des Osmanischen Reichs leben trotz guter Quellenlage nicht vollständig erforscht. So gebe es zwar viele Informationen über die Albaner in der Hauptstadt, die hohe osmanische Würdenträger waren, doch über die breite Masse sei nur wenig bekannt. Daher beschränkte man sich in der historischen Forschung hauptsächlich auf die Siedlungsgebiete der Albaner, d.h. die südosteuropäischen Territorien des Osmanischen Reichs.

Koller führt an, dass sich die Mehrheit der albanischen Historiker am selben Schema der Geschichtsschreibung orientiert. Er erläutert dies am Beispiel von Selami Pulaha, der sein Geschichtsbild in der Sammlung osmanischer Quellen mit dem bezeichnenden Titel „Widerstand des albanischen Volkes gegen die osmanische Herrschaft" vorstellt.[7] „Wie der Autor selbst ausführt, sollen die ausgewählten osmanischen Dokumente die unterschiedlichen Formen des albanischen - im Sinne einen nationalen - Widerstandes gegen eine ,Besatzungsmacht' belegen, die durch soziale Ungerechtigkeiten und wirtschaftliche Ausbeutung die lokale Bevölkerung unterjocht habe."[8] Den „Widerstandskampf" der Albaner gliedert Pulaha in drei Phasen: Die erste Phase, vom 15. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts, war zu einer Zeit, als die osmanische Herrschaft noch schwach ausgeprägt war. Im Folgenden 16. Jahrhundert bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts konnten die Osmanen ihre Strukturen vor allem durch die Etablierung des Timarsystems stärken.[9] „Gemäß der nationalen Historiographie verstärkten sich in diesem Zeitraum die von Dorfvorstehern und lokalen Notablen, deren Interessen übereingestimmt hätten, geführten Aufstände"[10] Auf diese Aufstände hätten die Osmanen laut Pulaha mit der Errichtung neuer Festungen und der Steuerbefreiung bestimmter Bevölkerungsgruppen reagiert. Die letzte und dritte Phase sei laut Pulaha am Ende des 17. bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts. In dieser Phase habe sich der bewaffnete Widerstand erheblich intensiviert. Weiter führt Koller an, dass Pulaha die Ursache der Zunahme der Aufstände in der Erosion des TImarsystem und der damit verbundenen Entstehung von als çiftlik bezeichneten Landgütern.[11] „Auf diesen hätten die Bauern das Recht verloren, eigenen Boden zu bewirtschaften und sie seien von den çiftlik-Besitzern ausgebeutet worden. In dieser Phase hätten sich zwei Schichten herausgebildet: die Inhaber größerer Lehen und Landgüter, die Steuern eintrieben und die Staatsverwaltung repräsentierten, sowie die Inhaber kleinerer Timare, die diese bereits verloren hatten oder zu verlieren drohten"[12] Letztere hätten sich laut Pulaha am Widerstand aktiv beteiligt, der sich im gesamten albanischen Regionen ausgebreitet habe.

[...]


[1] Z.Dt. „Die Albaner sind Nachkommen der Illyrer und das Albanische ist Nachkomme des Illyrischen", (Matzinger, 2009, S. 14)

[2] Vgl. (Matzinger, 2009, S. 13ff)

[3] „Die noch einheitliche indogermanische Grundsprache kann für das 4. Jahrtausend v.Chr. angenommen werden. Die erstbezeugte indogermanische Einzelsprache ist das Hethitische, dessen Nebenüberlieferung bereits im 19. Jahrhundert v.Chr. einsetzt. Das Griechische wiederum ist in Form des Mykenischen ab 1200 v. Chr. Bezeugt. Für das erste Jahrtausend v.Chr. kann daher schon mit einer Sprachform gerechnet werden, die Charakteristika aufweist, die somit als spezifisch albanisch klassifiziert werden können, [...] als Voruralbanisch." (Matzinger, 2009, S. 27f) (Fußnote 72)

[4] (Matzinger, 2009, S. 27f)

[5] Vgl. (Matzinger, 2009, S. 27ff)

[6] (Matzinger, 2009, S. 36)

[7] Vgl. (Koller, 2009, S. 81f)

[8] (Koller, 2009, S. 81)

[9] Vgl. (Koller, 2009, S. 81)

[10] (Koller, 2009, S. 81)

[11] Vgl. (Koller, 2009, S. 82)

[12] (Koller, 2009, S. 82)

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Der Islam in Albanien
Untertitel
Eine Untersuchung über die geschichtlichen Gründe des heutigen Religions- und Nationalverständnisses der Albaner
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Institut für Religionswissenschaft)
Veranstaltung
Islam und Muslime in Europa
Autor
Jahr
2011
Seiten
24
Katalognummer
V195201
ISBN (eBook)
9783656210528
ISBN (Buch)
9783656213536
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Islam, Albanien, Europa, Nationalverständniss, Albaner, Bektaschi, Bektashi, Balkanislam, Euroislam
Arbeit zitieren
Ann Cathrin Riedel (Autor), 2011, Der Islam in Albanien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195201

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