Ökumene in Deutschland: Wegmarken einer Annäherung


Bachelorarbeit, 2009

51 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

A. Was ist Ökumene?
I. Begriffsklärung
II. Ökumene im Frühmittelalter
III. Ökumene oder interreligiöser Dialog?
IV. Konsens- oder Differenzökumene?
V. Nationales vs. Internationales Ökumeneverständnis

B. Ökumene vordenken
I. Fern der Ökumene: Das späte 19. Jahrhundert
II. Vater der Ökumene?
III. Zeit der Rückschläge
1. Die Enzyklika „Mortalium Animos“
2. Protestantische Antiökumene
IV. Konkrete Bestrebungen nach Söderblom

C. Das Konzil und seine Folgen
I. Neue Impulse aus Rom
II. Protestantismus und Papsttum - Kern des Dissenses?
III. Öffnung nach Osten
IV. Lutherisch-anglikanische Annäherung

D. Gemeinsamkeiten entwickeln
I. Den einen Glauben bekennen
II. Auf dem Weg zur Gemeinsamen Erklärung über die Rechtfertigungslehre
1. Was ist Rechtfertigung?
2. Zusammen nach Augsburg
3. Inhalte der Gemeinsamen Erklärung
III. Gemeinsam an einem Tisch?
IV. Eine Ämterfrage
V. Grundwerte bekennen

E. Wegweisende Entwicklungsschritte
I. Internationale Ökumene
II. „Ihr sollt ein Segen sein“

F. Ökumene von unten
I. Der gemeinsame Gemeindegottesdienst
II. Konfessionsübergreifende Ehen
III. Die Rolle der Jugendarbeit
IV. Gelebte Ökumene - die Militärseelsorge
V. Perspektiven

G. Fazit

Quellenverzeichnis

I. Literaturverzeichnis

1. Allgemeine Veröffentlichungen
2. Lexika
3. Sonstige Literatur

II. Internetquellen

Vorbemerkung

Das Jahr 1964 stellte einen Wendepunkt in der Geschichte der Ökumene dar. Noch vor dem Abschluss des II. Vatikanischen Konzils, dem erstmals auch Nichtkatholi- ken als Beobachter beiwohnten, veröffentlichte Papst Paul VI. die Enzyklika Univer- sitatis Redintegrationem und begann damit zwar keinen neuen Weg, doch lenkte er die katholische Kirche auf den, der Jahrzehnte zuvor von Bischof Nathan Söderblom eingeschlagen wurde und auf dem längst weite Teile der Christenheit unterwegs wa- ren. Hier beginnt meine eigentliche Betrachtung, ohne dabei die Vorgeschichte aus den Augen zu verlieren. Es sollen die wichtigsten Wegmarken der ökumenischen Verständigung ebenso beleuchtet werden wie die verschiedenen Ebenen der öku- menischen Arbeit. Erfolge und Mängel sollen aufgezeigt werden und dabei nicht vernachlässigt werden, dass jenseits der internationalen Konferenzen auch im Klei- nen zusammengearbeitet wird und zum Teil auch die Kirche zusammenwächst. Der Titel ist gleichsam auch als Frage nach der Zukunft der Ökumene zu verstehen. Wohin, weshalb und wie die christlichen Kirchen steuern ist eine die gesamte Menschheit betreffende Frage. In einem Exkurs in die Angelegenheiten der Militär- seelsorge soll schließlich ein bundeswehrspezifischer, jedoch sehr weit fortgeschrit- tener Aspekt der Ökumene beleuchtet werden. Meine Erfahrungen mit der Gestal- tung des christlichen Glaubens als Angehöriger der Streitkräfte gaben letztendlich auch den Anstoß dazu, sich diesem Thema im Rahmen der Bachelorarbeit zu nä- hern.

Der Fokus soll hierbei auf der Situation in Deutschland liegen, dem Land der Refor- mation, mit einer gemischten christlichen Bevölkerung. Dennoch soll diese in einen internationalen Kontext eingeordnet und von verschiedenen Blickwinkeln aus be- trachtet werden.

Der Einfachheit halber wurde bei der Benennung von Personengruppen die Form des generischen Maskulinums gewählt. Ist beispielsweise von Christen die Rede, so sind stets auch Christinnen gemeint.

A. Was ist Ökumene?

I. Begriffsklärung

Das Wort, um welches es im Folgenden gehen wird, ist griechischen Ursprungs und bedeutet „bewohnte Erde“, es leitet sich von οἰκέω (wohnen) οἶκος (Haus) ab. Der Begriff ist deutlich älter als die heutige ökumenische Bewegung. Nach Mt. 24,14 ist die gesamte bewohnte Welt Adressat der christlichen Heilslehre.1 Bis zum Großen Morgenländischen Schisma von 1054 wurden alle Sachverhalte als „ökumenisch“ bezeichnet, die die gesamte Christenheit betrafen, also insbesondere die Konzilsbeschlüsse. Daher rührt auch der Name Ökumenische Konzilien für die Konzilien bis einschließlich des II. Konzils von Nicäa.2 Als einer der wichtigsten dieser Beschlüsse kann das NicänoConstantinopolitanische Glaubensbekenntnis von 381 betrachtet werden, welches noch heute als ökumenisches Glaubensbekenntnis bezeichnet wird.3 Eine Renaissance erlebte der Begriff durch die seit dem frühen 20. Jahrhundert erstarkende panchristliche Bewegung, welche im Folgenden näher beschrieben wird.

II. Ökumene im Frühmittelalter

Die sieben Konzilien, die zwischen 325 und 787 stattgefunden haben, werden auch als ökumenische Konzilien bezeichnet, weil ihre Lehrentscheidungen bis heute für alle gro- ßen christlichen Konfessionen Gültigkeit besitzen, gleichwohl die katholische Kirche alle Konzilien bis einschließlich des II. Vatikanum ökumenisch nennt. Dies kann als Beleg dafür gelten, dass sich die Kirchen des ersten Jahrtausends zwar bereits im Begriff wa- ren, sich auseinanderzuentwickeln, doch bereit waren, sich stets auf einen gemeinsa- men Nenner zu einigen.4 Dies und die Tatsache, dass die Konzilsbeschlüsse zu allen

Zeiten bei allen großen Kirchen Gültigkeit hatten, sind keine Zeichen wirklicher Zusam- menarbeit und wirklichen Einigungswillens, sondern der Beweis des Festhaltens am gemeinsamen Ursprung; allgemeiner Konsens war dort nicht zu verzeichnen, schließ- lich gingen die altorientalischen Kirchen bereits seit den Konzilien von Ephesos 431 bzw. Chalcedon 451 eigene Wege.5 Auf die Konzilien sei lediglich eingegangen, weil der Name der ökumenischen Bewegung zweifelsfrei eine Anleihe bei ihnen darstellt. Dass die Geschichte der ökumenischen Konzilien zumeist eine Geschichte des Mini- malkonsenses ist, schlug sich im 2. Nicäanum nieder, dem der Papst schon gar nicht mehr beiwohnte und dem die östlichen Patriarchen nicht zugestimmt hatten. Auch wur- de es kaum publik.6 Will man heute zur Einheit zurückfinden, muss man den umgekehr- ten Weg gehen. Die römisch-katholische Kirche bezeichnet alle Konzilien bis ein- schließlich des II. Vatikanum als ökumenisch, auch wenn es hier mittlerweile Ansätze zur Differenzierung gibt.7

III. Ökumene oder interreligiöser Dialog?

Maßgeblich durch Hans Küng wurde der Begriff der „Ökumene der Weltreligionen“ ge- prägt, der die Gemeinsamkeiten der drei monotheistischen Weltreligionen betont, die sich vom Stammvater Abraham ableiten und Zusammenarbeit zwischen allen drei ein- fordert. Er erweitert dabei die ekklesiozentrische Ökumene, die er als Zentrum einer Weltökumene sieht. Darin erweitert er die Erkenntnis des II. Vatikanums, dass es auch außerhalb der Kirche Wege zum Heil gibt. Seine Gedanken fanden große Beachtung.8 Dieser Ökumenebegriff stellt wiederum eine Anleihe bei der christlichen Öku- menebewegung dar und wird meist abgelehnt. Schließlich handelt es sich dabei um interreligiösen Dialog, der die Gemeinsamkeiten sucht, jedoch im Gegensatz zur christ- lichen Ökumene weder ein Zusammengehen noch eine übergeordnete institutionell reg- lementierte Zusammenarbeit anstrebt noch sich auf eine gemeinsame Schrift berufen kann. Symbole wie das erste Friedensgebet von Assisi im Jahre 1986, bei dem Vertre- ter aller Weltreligionen teilnahmen, sind zweifelsohne wichtig,9 doch liegen ihnen weltli- che Ziele zu Grunde, die auf verschiedenen spirituellen Wegen verfolgt werden können. Interreligiöser Dialog ist ein Weg der Verständigung, nicht aber der Konsensfindung in entscheidenden theologischen Fragen, der von der christlichen Ökumene abzugrenzen ist.

IV. Konsens- oder Differenzökumene?

Die Fortschritte, die das 20. Jahrhundert in der Annäherung der großen Konfessionen gebracht hat, weisen in zwei Richtungen. Die Richtung des Konsenses orientiert sich an verbindenden, beidseitig anerkannten Lehrmeinungen.10 Solche Bestrebungen sind keine Erscheinung der letzten Jahre oder der postkonziliaren Zeit. Bereits 1937 hatte die Weltkirchenkonferenz in Edinburgh festgestellt, dass die gemeinsame Basis der Christenheit die Heilige Schrift und als „Wächter und Zeugen“ die Beschlüsse des Apos- telkonzils wie des ersten Nicäanums genügten, um die Altargemeinschaft herzustel- len.11 Edinburgh blieb ohne Folgen, auch weil die Welt sich in den Folgejahren anderen Problemen zu stellen hatte. Die dort gefassten Erklärungen sind vorsichtig formuliert, relativieren sich selbst jedoch wieder, indem sie die gefassten Beschlüsse als „Grund- wahrheiten“ bezeichnen, ihnen also lediglich einen gemeinsamen Ursprung zugeste- hen.12 Damit besteht ein fließender Übergang zur Differenzökumene, die ihrerseits kei- nen Rückschritt anstrebt, jedoch keine totale Einigung anstrebt. Im ausgehenden 20. Jahrhundert wurde sie auch mit dem Begriff Ökumene im Zeichen des Kreuzes be- schrieben, die nach den Leiden des Jahrhunderts für mehr Frieden und Verständigung sorgen sollte.13 Dieser Haltung zu Grunde liegt die Grundeinstellung des gegenseitigen Respekts, also der Anerkennung als gleichwertig, jedoch kein Einigungsstreben.14 Die Frage, ob eine Ökumene des Konsenses oder der Differenz angestrebt wird, ist ele- mentar und deckt sich mit der im Titel enthaltenen Fragestellung. Eine Betonung der Unterschiede schafft keine Basis für einen konkreten Einigungsprozess, sondern bietet lediglich die Möglichkeit des Dialoges und der Zusammenarbeit. Den Akzent auf die Gemeinsamkeiten zu legen, schafft Raum für eine Zusammenführung der getrennten Wege. Zusammenfassend kann man festhalten, dass die Konsensökumene die Grund- lage einer „Wiedervereinigung“ legen würde, während Differenzökumene zu friedlicher Koexistenz führte. Als hoffnungsvoller Mittelweg bietet sich das Konzept des differen- zierten Konsens an, bei dem es um die Betonung gemeinsamer Grundwahrheiten geht, die sich jedoch konfessionsspezifisch anders interpretieren lassen. Ein Beispiel hierfür wäre die Gemeinsame Erklärungüber die Rechtfertigungslehre von 1991, die einen jahrhundertelangen Dissens zwischen lutherischer und katholischer Kirche beilegte, ohne beiden die exakt gleichen Lehrmeinungen zu oktroyieren. Auf sie wird noch näher eingegangen.

V. Nationales vs. Internationales Ökumeneverständnis

In Deutschland wird der Begriff „Ökumene“ landläufig gleichgesetzt mit der Verständi- gung bzw. Kooperation und Annäherung der evangelisch-lutherischen und der römisch- katholischen Kirche. Dafür stehen ökumenische Gottesdienste, Feste und vieles mehr.

Weltweit wird die Ökumene eher allgemeinchristlich oder auch teilinterkonfessionell be- trachtet. Sie stützt sich auf internationale Konferenzen und verfolgt eine konsensorien- tierte Einigungspolitik, die häufig an nationalen Egoismen zu scheitern droht und mitun- ter ins Gegenteil umschlagen können, etwa als sich beim Versuch, alle nordamerikani- schen protestantischen Kirchen zu einen, neue bildeten.15 Doch gibt es in Nordamerika immer wieder Fusionsbemühungen zwischen protestantischen Kirchen ähnlicher Rich- tung wie auch Bemühungen um bloßen Dialog zwischen ihnen, eine allumfassende christliche Ökumene ist bisher jedoch nicht zu Stande gekommen, nicht zuletzt weil sich die katholischen Bistümer Nordamerikas, die weltweit zu den personalstärksten gehören, bis heute wenig an solchen Verhandlungen beteiligen.16

Gleichwohl gibt es auch aus Deutschland heraus Kontakte der großen Kirchen zu Kir- chen und Konfessionen im Ausland, so etwa die Beziehungen des Rates der EKD (Evangelische Kirche Deutschlands; ursprünglich auch der Konferenz der Evangeli- schen Kirchenleitungen der DDR) zur Kirche von England seit 1983, als der 500. Ge- burtstag Martin Luthers gefeiert wurde17 und die seit 1991 in der gemeinsamen Meisse- ner Erklärung durch die Abendmahlsgemein-schaft verbunden sind.18 Die Katholische Kirche fühlt sich indes der orthodoxen Kirche sehr eng verbunden, die seit dem Treffen Papst Pauls VI. mit Patriarch Athenagoras I. 1967 gerne auch als Schwesterkirche be- zeichnet wird.19 In Deutschland kooperiert sie eng mit den orthodoxen Kirchen, hierbei handelt es sich auch um eine Folge der Migration aus der ehemaligen Sowjetunion und dem ehemaligen Jugoslawien.

B. Ökumene vordenken

I. Fern der Ökumene: Das späte 19. Jahrhundert

Letztmalig kam es 1870 zu einer Kirchenspaltung, wenngleich diese weniger bleibende Wirkungen mit sich brachte als die Reformation oder das Schisma von 1054. Im An- schluss an das I. Vatikanische Konzil hatten sich die sog. Altkatholiken von Rom ge- trennt, weil sie die Dogmen der Infallibilität und des päpstlichen Jurisdiktionsprimates nicht anerkennen wollten.20 Damit war zumindest für Deutschland und Europa die letzte Spaltung eingetreten. Die Folgejahre waren geprägt von konfessioneller Abgrenzung. Besonders in Deutschland, und hier gerade in Preußen verschärfte der Kulturkampf die Spaltung im Glauben. Der Kanzelparagraf, das Schulaufsichtsgesetz und das Verbot des Jesuitenordens 1873 einten die deutschen Katholiken im Innern. Erst die „Milde- rungsgesetze“ der 1880er Jahre führten schrittweise zu mehr Gleichberechtigung und ebneten so den Weg zu mehr Dialogbereitschaft.21

II. Vater der Ökumene?

Einen der größten Schritte auf dem Weg zur praktischen Ökumene tat der Schwede Nathan Söderblom. Seit 1914 Erzbischof von Schweden, berief er 1925 die Weltkonfe- renz für Praktisches Christentum in sein Heimatland. Dies geschah unter dem Eindruck der Schrecken des I. Weltkrieges. Vom neutralen Standpunkt aus hatte er die deutsche Besetzung Belgiens ebenso verurteilt wie die Besetzung des Ruhrgebietes durch die Franzosen. Bereits 1919 hatte er das Konzept eines Ökumenischen Kirchenrates ent- worfen, der dauerhaft die Einheit vorantreiben sollte.22 Auch vor Söderblom hatte es Ansätze einer internationalen Ökumene gegeben. Schon 1910 fand im schottischen

Edinburgh die erste Weltmissionskonferenz statt, die Delegierte aus aller Welt miteinander ein Konzept für die Evangelisierung der Welt suchen ließ. Da weder katholische noch orthodoxe Teilnehmer angereist waren und sich der Teilnehmerkreis hauptsächlich auf Westeuropa und Nordamerika beschränkte, kann man hier jedoch noch nicht von einer wahrhaften Weltökumene sprechen.23

Söderblom verfolgte andere Interessen. Sein Wirken stellte er unter das Schlagwort der Evangelischen Katholizität, dem zu Folge alle Christen Mitglieder der einen Kirche sind, der katholischen ihrer Wortbedeutung nach, entweder orthodox-, römisch-, oder evan- gelisch-katholisch. Er steht für die Konsensökumene und betonte das Einende, ohne Einförmigkeit zu fordern, und verweist auf den Geist des 1600 Jahre zurückliegenden Konzils von Nicäa und dessen allen Christen gemeinsames Glaubensbekenntnis.24

Zur Konferenz reisten übrigens zwar Vertreter der Orthodoxie an, jedoch keiner aus Rom. Die Kirche Pius XI. war noch nicht reif für die Ökumene. Söderblom wetterte:

„Versteht man unter einer Sekte eine religi öse Gemeinschaft, deren Pro- gramm den Grundsatz enthält, sich von derübrigen Christenheit abzugren- zen, so gibt es keinen Teil der Kirche, auf den diese Definition besser pass- te als Rom.“ 25

1989 reiste Johannes Paul II. nachträglich nach Stockholm.

III. Zeit der Rückschläge

1. Die Enzyklika „Mortalium Animos“

Die Impulse, die aus Schweden kamen, erreichten trotz der Nichtteilnahme Rom. Pius XI., der durch die Schaffung des Vatikanstaates und seine Kritik am Nationalsozialismus durch die Enzyklika „Mit brennender Sorge“ positiv im Gedächtnis der Öffentlichkeit erhalten geblieben ist26, befürwortete zwar auch den kirchlichen Einigungsprozess, jedoch unter römischer Ägide. Die im Januar 1928 erschienene Enzyklika Mortalium Ani mos, kann als direkte Antwort auf die Konferenz von Stockholm verstanden werden. Als Plädoyer für die „Rückkehr zur wahren Kirche“ heißt es dort:

„Daraus geht hervor, ehrwürdige Brüder, aus welchen Gründen der Aposto lische Stuhl niemals die Teilnahme der Seinigen an den Konferenzen der Nichtkatholiken zugelassen hat. Es gibt nämlich keinen anderen Weg, die Vereinigung aller Christen herbeizuführen, als den, die Rückkehr aller ge trennten Brüder zur einen wahren Kirche Christi zu führen.“ 27

Zwei konkrete Kernprobleme, die aus Sicht des Papstes einem aufeinander Zugehen im Wege stünden, nennt die Enzyklika weiterhin:

1. Nichtanerkennung des päpstlichen Jurisdiktionsprimates, d.h. Erhebung des An- spruches gleichberechtigter Partnerschaft28,
2. Nichtanerkennung der Eucharistie als Sakrament durch die Nichtkatholiken, Feier des Abendmahls als bloße Erinnerung.29

Wahre Glaubenseinheit könne demnach nicht als eine Kirche mit vielen Gliedern erzielt werden, sondern nur durch eine Lehre und eine Leitung. Die Enzyklika nennt die Befür- worter der Ökumene ferner „irrende Schäflein außerhalb des einen Schafstalls Christi“30 und ruft diese zur Heimkehr auf. Da die derartige Absicht einer Massenkonversion be- reits damals völlig unrealistisch war, muss man insbesondere Pius XI. unterstellen, kei- ne wahrhaftigen ökumenischen Absichten verfolgt zu haben außer der Wiederherstel- lung des vorreformatorischen Status quo.31 „Mortalium Animos“ stellt insgesamt eine Verdrehung des Anliegens der Anhänger der Ökumene in einen Rückkehraufruf dar und ebnete den Weg für die noch Jahrzehnte andauernde Abstinenz des institutionalisierten Katholizismus bei ökumenischen Versammlungen, ein Grund warum echte, katholische Ökumene dem Wortsinne nach sich erst spät zu entwickeln begann. Zumindest für die Zeit des Pontifikates Pius‘ XI. bedeutete dies eine eindeutige Absage Roms an jegliche institutionelle Mitwirkung.

2. Protestantische Antiökumene

Anfang des 20. Jahrhunderts bestanden in der Welt drei Zentren des lutherischen Christentums: Deutschland, dessen protestantische Theologen zumindest vor dem I. Weltkrieg hier die Leitrolle einnahmen, Skandinavien und Nordamerika. Nach dem für die USA siegreichen Krieg griff das konservative, antiökumenische National Lutheran Council den Europäern finanziell unter die Arme; so konnten sie ihren Einfluss geltend machen. 1923 wurde der 1. Lutherische Weltkonvent in Eisenach einberufen, auf dem jedoch die konservativen Amerikaner als Wortführer auftraten. Als wichtiges Steue- rungsmedium diente ihnen die Auswahl der persönlich eingeladenen Delegierten. Erz- bischof Söderblom beispielsweise war nicht dabei.32 Das Druckmittel der Finanzhilfen einsetzend warnte der Präsident der Vereinigten Lutherischen Kirchen Amerikas, F.H. Knubel, davor, die dogmatischen Grundlagen des Glaubens durch interkonfessio- nelle Kooperation zu verwischen, und der Leiter der amerikanisch-lutherischen Europa-

arbeit, Morehead, setzte schließlich durch, Hilfsgelder allein nach konfessionalistischen Aspekten zu verteilen.33

1936 verabschiedete das Exekutivkomitee des Weltkonventes, sein höchstes Gremium, eine Erklärung, die unter anderem den „ökumenischen Charakter des Luthertums“ fest- stellt. Darin wird einerseits festgehalten, dass Christen jedweder Provenienz anzuer- kennen sind, andererseits jedoch auch verfügt, dass die lutherischen Kirchen in keinem Falle an ökumenische Beschlüsse strikt gebunden sind.34 Dadurch wird deutlich, dass die lutherischen Kirchen des frühen 20. Jahrhunderts zwar auch nicht durchweg zum Dialog bereit waren, jedoch durch die nicht bzw. kaum (in Gestalt des Weltkonventes) vorhandene Zentralgewalt einer größeren Dynamik unterlagen als Rom, das immer auch an den einen Papst gebunden ist.

IV. Konkrete Bestrebungen nach Söderblom

Nathan Söderblom hat die Verwirklichung des von ihm initiierten Kirchenrates nicht mehr erlebt. Er starb 1931, ein Jahr nachdem ihm der Friedensnobelpreis verliehen worden war. 1937 fand eine weitere Konferenz für praktisches Christentum im Sinne Söderbloms in Oxford statt, im selben Jahr fand sich die Weltkirchenkonferenz in Edin- burgh zusammen und formulierte als Ziel die Einheit der Kirche als eine Art Konfödera- tion, die die Abendmahlsgemeinschaft und die Gleichheit der kirchlichen Ämter festge- legt hat.35 Durch den Krieg geriet dieses Ereignis in den Hintergrund, obwohl sich be- reits 1938 beide Richtungen bei einer gemeinsamen Versammlung in Utrecht zusam- menschlossen und eine gemeinsame Verfassung ausgearbeitet hatten.36

Erst 1948, nachdem der Krieg den Teilnehmern die Notwendigkeit eines einigenden Bandes zwischen den Christen erneut vor Augen geführt hatte, konnte Söderbloms Pro- jekt verwirklicht werden, als sich in Amsterdam die erste Vollversammlung des Ökume- nischen Rates der Kirchen (im Folgenden ÖRK genannt) konstituierte.37 Schwerpunkte waren zunächst grundlegende Fragen der Zusammenarbeit wie auch die Ausrichtung des Christentums nach dem Krieg. Dabei ging es konkret um das Wesen des Christen- tums auf der Basis der Trinität, ein Schuldeingeständnis, dass kirchliche Trennungen auch mit der Trennung nach Nationen, sozialen Klassen oder Hautfarben zu tun hat38 und die Betonung der Einheit vor dem Hintergrund der „internationalen Unordnung“, d. h. der sich abzeichnenden Blockkonfrontation.39 Die tiefsten Unterschiede liegen der Konferenz nach im Selbstverständnis als „katholisch“, „evangelisch“ oder „orthodox“, was bereits Söderblom festgestellt hatte, und einer starken Klerikalisierung zu unguns- ten der wahren Botschaft.40 Weder an der Weltkirchenkonferenz von Edinburgh, noch an der ersten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirche hatten Vertreter Roms teilgenommen und tun dies bis heute nicht als Delegierte, sondern lediglich in einer gemeinsamen Arbeitsgruppe am Rande der Vollversammlungen. Doch nicht nur katholische Stellen taten sich zu dieser Zeit noch schwer. Auch das Moskauer Patriar- chat hatte seinen Klerikern die Teilnahme an der Versammlung untersagt. Inzwischen hat sich dort aber ein Gesinnungswandel hin zu mehr Kooperationsbereitschaft vollzo- gen.41 Der ÖRK existiert weiterhin und hat seit 1948 insgesamt neun Vollversammlun- gen veranstaltet, zuletzt 2006 in Porto Alegre/Brasilien.

[...]


1 Vgl.: Lüning, Peter: Ökumene an der Schwelle zum dritten Jahrtausend, Regensburg 2000, S. 9.

2 Vgl.: Lehmann, Karl/: Glaubensbekenntnis und Kirchengemeinschaft, Freiburg i.Br. 1982, S. 56.

3 Vgl.: Ebd., S. 49.

4 Vgl.: Sieben, Hermann Josef: Lexikonartikel Konzil, in: Thönissen, Wolfgang et al.: Lexikon der Ökumene und

Konfessionskunde, Freiburg i. Br. 2007, S. 721 ff.

5 Vgl.: Neddungat, George: Lexikonartikel Orientalisch-Orthodoxe Kirchen, in: Thönissen, Wolfgang et al.: Lexikon der Ökumene und Konfessionskunde, a.a.O. 2007, S. 995 f.

6 Vgl.: Lehmann, Karl/Pannenberg, Wolfhart: Glaubensbekenntnis und Kirchengemeinschaft, a.a.O. 1982, S. 56.

7 Vgl.: Sieben, Hermann Josef: Lexikonartikel Ökumenische Konzilien, in: LThK, Band 7, Freiburg i. Br. 1998,

S. 1029 ff.

8 Vgl.: Wohlleben, Ekkehard: Die Kirchen und die Religionen, Göttingen 2004, S. 126 ff.

9 Vgl.: Dreier, Hartmut: „Vom Nebeneinander zum Miteinander - das Zusammenleben mit muslimischen Nachbarn praktisch“, in: http://www.i-basis.de/dp/ansicht/kunden/erzbistum-gemeinden/dekanat-emschertal/me- dien/ anhaenge/ k58_m19696.pdf. Stand: 15.07.2009

10 Vgl.: Körtner, Ulrich: Wohin steuert die Ökumene? Göttingen 2005, S. 14.

11 Vgl.: Sartory, Thomas: Die ökumenische Bewegung und die Einheit der Kirche, Meitingen 1955, S. 32 ff.

12 Vgl.: Körtner, Ulrich: Wohin steuert die Ökumene? a.a.O. 2005 S. 15.

13 Vgl.: Ebd., S. 36.

14 Vgl.: Ebd., S. 38.

15 Vgl.: Wendebourg, Dorothea: Lexikonartikel „Ökumenische Bewegung“, in: Religion in Geschichte und Gegen- wart, Band 6, Tübingen 2003, S. 519.

16 Vgl.: Wrege, Wolf-Reinhard: Lexikonartikel „Ökumenische Bewegung“, in: Ebd., Tübingen 2003, S. 533.

17 Vgl.: Dalferth, Ingolf U.: Auf dem Weg der Ökumene, Leipzig 2002, S. 55.

18 Vgl.: Ebd., S. 111.

19 Vgl.: Koslowski, Jutta: Die Einheit der Kirche in der ökumenischen Diskussion, Berlin 2007, S. 287.

20 Vgl.: Wolf, Hubert: Konzilsfolgen in Deutschland, in: Ökumenische Kirchengeschichte Band 3, Darmstadt 2007,

S. 156 f.

21 Vgl.: Ebd., S. 158.

22 Vgl.: Brandt, Hermann: Nathan Söderblom, in: Möller, Christoph et al. (Hrsg.): Wegbereiter der Ökumene im

20. Jahrhundert, Göttingen 2005, S. 25.

23 Vgl.: Walls, Andrew F.: Lexikonartikel Konferenz von Edinburgh, in: Religion in Geschichte und Gegenwart, Band 8, a.a.O. 2003, S. 1058 f.

24 Vgl.: Ebd., S. 24 ff.

25 Vgl.: Ebd., S. 27.

26 Vgl.: Fischer-Wollpert, Rudolf: Lexikon der Päpste, Regensburg 1988, S. 138.

27 Vgl.: Papst Pius XI.: Enzyklika „Moralium Animos“, Rom 1928, Kap. 4.1.

28 Vgl.: Ebd., Kap. 3.1.2.

29 Vgl.: Ebd., Kap. 3.2.2.2.

30 Vgl.: Ebd., Kap. 3.1.2.

31 Vgl.: Fries, Heinrich/Rahner, Karl: Einigung der Kirchen - reale Möglichkeit, Freiburg i.Br. 1983, S. 54.

32 Vgl.: Duchrow, Ulrich: Konflikt um die Ökumene, München 1980, S. 152.

33 Vgl.: Ebd., S. 153.

34 Vgl.: Ebd., S. 154 f.

35 Vgl.: Sartory, Thomas: Die ökumenische Bewegung und die Einheit der Kirche, a.a.O. 1955, S. 32 f.

36 Vgl.: Visser’t Hooft, Willem Adolf: Die Allgemeine Ökumenische Entwicklung seit 1948, in: Fey, Harold E. (Hrsg.): Geschichte der ökumenischen Bewegung seit 1948, Göttingen 1974, S. 14.

37 Vgl.: Althaus, Hans-Ludwig (Hrsg.): Ökumenische Dokumente, Göttingen 1962, S. 70.

38 Vgl.: Ebd., S. 78.

39 Vgl.: Sartory, Thomas: Die ökumenische Bewegung und die Einheit der Kirche, a.a.O. 1955, S. 43.

40 Vgl.: Die Kirche in Gottes Heilsplan. Bericht der ersten Sektion der Vollversammlung des ökumenischen Rates der Kirchen, in: Althaus, Hans-Ludwig (Hrsg.): Ökumenische Dokumente, a.a.O. 1962, S. 73.

41 Vgl.: Ebd., S. 160.

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Ökumene in Deutschland: Wegmarken einer Annäherung
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
51
Katalognummer
V195239
ISBN (eBook)
9783656210412
ISBN (Buch)
9783656210948
Dateigröße
864 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ökumene, Rechtfertigungslehre, Konzil
Arbeit zitieren
M.A. Christoph Pazdzior (Autor), 2009, Ökumene in Deutschland: Wegmarken einer Annäherung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195239

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Ökumene in Deutschland: Wegmarken einer Annäherung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden