1. Einleitung – Aufgabenstellungen und Leitfragen
“Seit Jahrhunderten haben die Türken sich ständig in die gleiche Richtung bewegt. Wir sind immer von Osten nach Westen gegangen.“
Derart äußert sich Mustafa Kemal Atatürk, der Staatsgründer der modernen Türkei 1924 zur Geschichte des türkischen Volkes und spielt damit zum einen auf die historische Wanderung der Turkvölker seit dem 11. Jahrhundert von Zentralasien nach Kleinasien in Richtung Westen, zum anderen auf die Modernisierungsprozesse von aufgeklärten Sultanen im 19. Jahrhundert und den Jungtürken Anfang des 20. Jahrhunderts, die das Osmanische Reich in Politik, Kultur, Ökonomie und Wissenschaft näher an europäische Strukturen heranführten, an.
Symptomatisch für die Politik des selbsternannten „Vaters der Türken“ ist diese Betonung der Westannäherung bei der Definition der nationalen Identität seines Volkes deshalb, weil die Regierungszeit des ersten Präsidenten der neugegründeten Republik von 1923 bis 1938 von einer radikalen Abkehr von islamischen und osmanischen Traditionen und einer konsequenten, kulturellen und politischen Orientierung an der europäischen Zivilisation gekennzeichnet ist. Die zahlreichen Reformen Atatürks – wie etwa die Einführung des lateinischen Alphabets, die Übernahme europäischer Maßeinheiten, die Veränderungen im Rechtswesen durch die Adaption des Schweizer Zivilgesetzbuches und die Abschaffung des Kalifats – liefern eindrucksvolle Zeugnisse dieser entschiedenen Verwestlichung, die aus der Türkei einen modernen Staat machen sollte.
In dieser Proseminararbeit werden im Folgenden allerdings weniger die innenpolitischen und kulturellen Veränderungen der Türkei in der Ära Atatürk im Zentrum der Darstellung stehen.
Vielmehr soll – in Anbetracht der These, dass „a westernized nation is one that was born and wants to live in harmony with Western nations with whom it shares structural and molecular simliarities“ – untersucht werden, welche Rolle die Annäherung an die Westmächte in Bezug auf die Außenpolitik der neugegründeten Republik in den Jahren 1923 bis 1938 spielt. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt dabei auf dem Wandel der außenpolitischen Beziehungen der Türkei zu England und Frankreich in den dreißiger Jahren und der Frage, ob diese Veränderung bereits als außenpolitische Westorientierung der Türkei bezeichnet werden kann, die in Kontinuität zu der nach 1945 auftretenden, entschiedenen Anbindung an den Westen steht.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG – AUFGABENSTELLUNGEN UND LEITFRAGEN
2. ‚FRIEDE IM LAND, FRIEDE AUF DER WELT’: DIE TÜRKISCHE AUßENPOLITIK IN DER ÄRA ATATÜRK
2.1. DIE AUßENPOLITISCHE AUSGANGSSITUATION 1923 UND DIE GRUNDPRINZIPIEN DER TÜRKISCHEN AUßENPOLITIK UNTER MUSTAFA KEMAL
2.2 ÜBERBLICK ÜBER DIE AUßENPOLITISCHEN BEZIEHUNGEN DER TÜRKEI 1923-38 – SCHWERPUNKTE UND PERIODISIERUNGSMÖGLICHKEITEN
3. ANALYSE DER AUßENPOLITISCHEN BEZIEHUNGEN ZWISCHEN DER TÜRKEI UND DEN WESTMÄCHTEN
3.1 DIE ENTWICKLUNG DER AUßENPOLITISCHEN BEZIEHUNGEN ZWISCHEN DER TÜRKEI UND FRANKREICH UND DER TÜRKEI UND GROßBRITANNIEN IN DEN ZWANZIGER JAHREN
3.2 DIE ENTWICKLUNG DER AUßENPOLITISCHEN BEZIEHUNGEN ZWISCHEN DER TÜRKEI UND FRANKREICH UND DER TÜRKEI UND GROßBRITANNIEN IN DEN DREIßIGER JAHREN
4. ANMERKUNGEN ZUR FRAGE DER AUßENPOLITISCHEN WESTORIENTIERUNG DER TÜRKEI IN DER ÄRA ATATÜRK
5. AUSBLICK
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die Rolle der außenpolitischen Annäherung der jungen türkischen Republik an die Westmächte in der Zeit von 1923 bis 1938 und analysiert, ob diese Entwicklung bereits als frühe Form der Westorientierung verstanden werden kann.
- Außenpolitische Grundprinzipien unter Mustafa Kemal Atatürk
- Wandel der diplomatischen Beziehungen zu Großbritannien und Frankreich
- Einfluss der internationalen Lage (insb. faschistisches Italien) auf die türkische Politik
- Die Bedeutung des Mosul-Streits und der Konferenz von Montreux
- Kritische Reflexion der "Westorientierung" vor 1945
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Entwicklung der außenpolitischen Beziehungen zwischen der Türkei und Frankreich und der Türkei und Großbritannien in den zwanziger Jahren
„These inefficient, impecunious and rabidly avaricious Oriential countries are an awful nuisance. The despots of Turkey and Persia imagine, they are Westernized and can display their authority and power by being cheeky, truculent and offensive to the British Government.”
An diesen, zugegebenermaßen nur bedingt repräsentativen Worten, die Lord Wigram, der Privatsekretär des Königs am 31. 1. 1933 an Percy Loraine, den britischen Botschafter in Ankara, schreibt, wird deutlich, dass die diplomatischen Beziehungen zwischen der Türkei und Großbritannien nach 1918 nicht unbedingt spannungsfrei verlaufen. Insbesondere die imperialistische Politik Großbritanniens aber auch Frankreichs gegenüber der Türkei, deren territoriale Ambitionen beispielhaft in dem zwischen dem Sultan und den Alliierten abgeschlossenen Friedensvertrag von Sèvres von 1920 erkennbar werden, in welchem das den Türken verbliebene Land an die Engländer, Franzosen, Kurden und Armenier aufgeteilt wird, hat für eine Entfremdung der Türkei von den Westmächten gesorgt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG – AUFGABENSTELLUNGEN UND LEITFRAGEN: Die Einleitung skizziert den historischen Kontext der türkischen Staatsgründung und definiert die Fragestellung nach der außenpolitischen Westorientierung der Ära Atatürk.
2. ‚FRIEDE IM LAND, FRIEDE AUF DER WELT’: DIE TÜRKISCHE AUßENPOLITIK IN DER ÄRA ATATÜRK: Dieses Kapitel erläutert die kemalistischen Außenpolitikmaximen, die auf Neutralität, Souveränität und friedlicher Konfliktlösung basierten, und gibt einen Überblick über die bilateralen Beziehungen.
3. ANALYSE DER AUßENPOLITISCHEN BEZIEHUNGEN ZWISCHEN DER TÜRKEI UND DEN WESTMÄCHTEN: Der Hauptteil analysiert die spannungsreiche Diplomatie der 1920er Jahre sowie die zunehmende sicherheitspolitische Annäherung an die Westmächte in den 1930er Jahren aufgrund veränderter globaler Machtverhältnisse.
4. ANMERKUNGEN ZUR FRAGE DER AUßENPOLITISCHEN WESTORIENTIERUNG DER TÜRKEI IN DER ÄRA ATATÜRK: Das Kapitel hinterfragt die These einer einseitigen Westorientierung und verweist auf die fortbestehende, strategisch wichtige Beziehung zur Sowjetunion.
5. AUSBLICK: Der Ausblick zeigt die Kontinuität der blockfreien Politik über den Tod Atatürks hinaus bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs auf und leitet zur definitiven westlichen Anbindung nach 1945 über.
Schlüsselwörter
Mustafa Kemal Atatürk, türkische Außenpolitik, Ära Atatürk, Westmächte, Zwischenkriegszeit, Völkerbund, Montreux-Konvention, Mosul-Streit, Westorientierung, Sowjetunion, bilaterale Beziehungen, Diplomatie, Neutralität, Souveränität, Machtpolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die außenpolitischen Bestrebungen der Türkei unter Mustafa Kemal Atatürk in den Jahren 1923 bis 1938 gegenüber den europäischen Großmächten.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Entwicklung diplomatischer Beziehungen zu Großbritannien und Frankreich, die Bedeutung regionaler Bündnisse sowie das Verhältnis zur Sowjetunion.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist zu prüfen, ob die in den 1930er Jahren zunehmende Annäherung an den Westen bereits als eine eindeutige "Westorientierung" zu bezeichnen ist.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine historische Proseminararbeit, die auf einer umfassenden Auswertung von Fachliteratur und Quellen basiert.
Was ist der inhaltliche Schwerpunkt im Hauptteil?
Der Fokus liegt auf dem Wandel der Beziehungen zu den Westmächten in den 1930er Jahren, beeinflusst durch externe Faktoren wie das Erstarken des faschistischen Italiens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Wichtige Begriffe sind Atatürk, türkische Außenpolitik, Westmächte, Souveränität und internationale Sicherheit.
Welche Rolle spielte der Mosul-Streit für die Beziehungen zu Großbritannien?
Der Konflikt um Mosul war in den 1920er Jahren ein zentrales Hindernis für das Vertrauen zwischen Ankara und London und belastete die bilateralen Beziehungen erheblich.
Wie bewertet die Autorin die Rolle der Sowjetunion?
Die Sowjetunion bleibt für die Türkei auch in den 1930er Jahren ein zentraler Bezugspunkt, was gegen die These einer einseitigen einseitigen Westorientierung in diesem Zeitraum spricht.
Was führte zur "politischen Aufwertung" der Türkei Mitte der 1930er Jahre?
Vor allem die Montreux-Konferenz von 1936, durch die die Türkei ihre volle Souveränität über die Meerengen zurückerlangte, stärkte ihre Position im Spiel der Großmächte.
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- Carola Katharina Bauer (Author), 2008, Die außenpolitischen Beziehungen zu den Weststaaten in der Ära Atatürk 1923-38 , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195242