Im Folgenden wird sich diese Arbeit daher mit den Strukturen portugiesischer Bevölkerungspolitik in den Kolonien des „Estado da India“ beschäftigen. Dabei soll vor allem das Verhältnis der Geschlechter untereinander und in diesem Zusammenhang auch die gesellschaftliche Praxis des Zusammenlebens der unterschiedlichen Völker und Rassen betrachtet werden (hier bietet sich der Gebrauch des Terminus „Rassen“ an, da dieser auch zur damaligen Zeit von den portugiesischen Kolonialherren zur Unterscheidung zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen diente). Dazu bedarf es zunächst eines Überblicks zur Entstehungsgeschichte der portugiesischen Besitzungen im asiatischen Raum. Im weiteren Verlauf werden die Strukturen der Verwaltung und Organisation des „Estado da India“ dargestellt. Auf der Entwicklung und den Besonderheiten des Gender- Verhältnisses wird der Fokus der Betrachtung liegen. Unerlässlich in diesem Zusammenhang ist, auch mit Blick auf das streng katholisch geprägte Mutterland Portugal, eine Erörterung der kirchlichen Rolle und ihr Einfluss auf die Bevölkerungs- und Religionspolitik in Portugiesisch- Indien.
Die Darstellung der Gender- Verhältnisse im portugiesischen Kolonialreich ist in der Literatur bisher nur sehr wenig behandelt worden. Neben den Texten des englischsprachigen Autors C. R. Boxer und des Portugiesen A.H. de Oliveira Marques findet sich nur eine geringe Anzahl an Werken, die sich mit der hier zugrundeliegenden Thematik beschäftigen. Auf Grund des Umfangs der Arbeit ist eine detaillierte Unterscheidung der Gender- Verhältnisse zwischen den einzelnen portugiesischen Niederlassungen in Asien nicht möglich. Da jedoch Goa als Hauptstadt und gleichfalls größte und bedeutendste Handelsniederlassung des „Estado da India“ gilt, wird hier hauptsächlich Bezug auf die Situation in dieser Stadt genommen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Überblick
2. Der „Estado da India“ – Portugals Herrschaft im Indischen Ozean
3. Goa – Portugals Tor zum Welthandel
4. Die Dimension Gender – Geschlechterverhältnisse und Bevölkerungspolitik in Portugiesisch- Indien
4.1 Indische Frauen für portugiesische Siedler – Rassenmischung als Garant für die Festigung des Herrschaftsanspruchs
4.2 Rassendiskriminierungen im Alltag
4.3 Die Rolle der Kirche
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Strukturen der portugiesischen Bevölkerungspolitik im „Estado da India“ mit einem spezifischen Fokus auf die Geschlechterverhältnisse sowie das gesellschaftliche Zusammenleben der verschiedenen Völker und Rassen in Goa im 16. und 17. Jahrhundert.
- Historische Entwicklung des „Estado da India“ unter portugiesischer Herrschaft.
- Die gezielte Förderung von Mischehen als machtpolitisches Instrument.
- Soziale Hierarchien, Rassendiskriminierung und der Alltag in Goa.
- Der Einfluss der katholischen Kirche auf die Bevölkerungspolitik und das Geschlechterverhältnis.
Auszug aus dem Buch
4.1 Indische Frauen für portugiesische Siedler – Rassenmischung als Garant für die Festigung des Herrschaftsanspruchs
Eine Besonderheit der portugiesischen Kolonialherrschaft stellte von Anfang an die Bevölkerungspolitik in den Kolonien dar. Im Gegensatz zu den ab dem 17. Jahrhundert aufsteigenden Kolonialnationen, wie den Niederlanden, Frankreich und vor allem Großbritannien, hatte die portugiesische Herrschaft eine Dimension, die es dem Betrachter im 21. Jahrhundert oftmals schwer macht, die Hintergründe für die Ausbreitung und Festigung der politischen Macht zu verstehen. Besonders im Zusammenhang mit den Gender- Verhältnissen im „Estado da India“ sollte man es vermeiden, einen zu großen „focus on the formal empire“ zu legen, da viele Entwicklungen des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens in den Kolonien einen eher informellen Charakter trugen und nicht unbedingt den königlichen Vorgaben entsprachen. Diese Tatsache liegt wohl auch darin begründet, dass eine strenge Durchsetzung der königlichen Erlässe allein auf Grund der Entfernung des Kolonialreichs zum Mutterland nicht möglich war.
Seit Beginn der Kolonialisierung hatten sich Staat und Kirche mit dem Verhältnis von Europäern und Nichteuropäern zu beschäftigen. Die Frage der Rassenmischung stand dabei im Mittelpunkt der Überlegungen. Eine Politik der Förderung von Mischehen schien ein probates Mittel zur Festigung der Macht zu sein. Die ethnischen Beziehungen zwischen Portugiesen und Indern sollten sich dabei ausschließlich am Kriterium der Religion orientieren. Die Annahme des christlichen Glaubens war seitens des Staates einzige Vorraussetzung für die Erlangung der portugiesischen Staatsbürgerschaft. Die Realität in Goa und dem gesamten „Estado da India“ war dagegen eine andere.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Überblick: Dieses Kapitel erläutert die historischen Hintergründe der portugiesischen Entdeckungsfahrten und definiert das Ziel der Arbeit, die Bevölkerungspolitik im asiatischen Raum zu untersuchen.
2. Der „Estado da India“ – Portugals Herrschaft im Indischen Ozean: Hier wird der Aufbau des portugiesischen Handelsstützpunktsystems und dessen relative Stabilität durch den Verzicht auf große territoriale Eroberungen analysiert.
3. Goa – Portugals Tor zum Welthandel: Das Kapitel beschreibt Goa als kulturelles und administratives Zentrum des portugiesischen Weltreichs und als Schmelztiegel der Kulturen.
4. Die Dimension Gender – Geschlechterverhältnisse und Bevölkerungspolitik in Portugiesisch- Indien: Der Hauptteil beleuchtet die gezielte Bevölkerungspolitik, die Rolle der Mischehen und die sozialen sowie kirchlichen Hierarchien.
5. Fazit: Das Kapitel fasst zusammen, dass die portugiesische Politik durch eine liberale Haltung gegenüber der Rassenmischung bei gleichzeitiger alltäglicher Diskriminierung geprägt war.
Schlüsselwörter
Goa, Estado da India, Portugal, Kolonialgeschichte, Bevölkerungspolitik, Genderforschung, Rassenmischung, Rassendiskriminierung, Katholische Kirche, 16. Jahrhundert, 17. Jahrhundert, Kolonialherrschaft, Indischer Ozean, Missionierung, Mischlingsschicht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die portugiesische Kolonialpolitik im „Estado da India“ mit einem besonderen Fokus auf Geschlechterverhältnisse und das Zusammenleben unterschiedlicher Ethnien in Goa.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt die Gründung von Handelsstützpunkten, staatliche Bevölkerungspolitik durch Mischehen, Rassendiskriminierung im Alltag und den Einfluss der katholischen Kirche.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die gesellschaftlichen Strukturen in Portugiesisch-Indien zu verstehen und aufzuzeigen, wie Bevölkerungspolitik zur Festigung des portugiesischen Herrschaftsanspruchs eingesetzt wurde.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Der Autor nutzt einen historischen und gender-theoretischen Ansatz, um soziale Entwicklungen im Kontext der frühneuzeitlichen Kolonialgeschichte zu analysieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Untersuchung der Siedlungspolitik in Goa, den Auswirkungen von interkulturellen Heiraten sowie der Rolle kirchlicher Institutionen bei der sozialen Stratifizierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die wichtigsten Begriffe sind Goa, Rassenmischung, Gender-Verhältnisse, Kolonialgeschichte und Bevölkerungspolitik.
Warum war die Mischehe ein Instrument der portugiesischen Krone?
Die Krone förderte Mischehen, um eine loyal zur Krone stehende Mischlingsschicht zu schaffen und so die europäische Präsenz in den Kolonien dauerhaft zu festigen.
Welche Rolle spielte die Inquisition in Goa?
Die ab 1560 tätige Inquisition sollte gewaltsam verhindern, dass zum Christentum bekehrte Hindus oder Buddhisten zu ihrem alten Glauben zurückkehrten, was die Diskriminierung nicht-christlicher Gruppen verschärfte.
- Arbeit zitieren
- Dirk Sippmann (Autor:in), 2010, Gender-Politik in Portugiesisch-Indien im 16. und 17. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195312