Gender-Politik in Portugiesisch-Indien im 16. und 17. Jahrhundert

Gender-Verhältnisse in westeuropäischen Kolonialreichen


Seminararbeit, 2010

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Überblick

2. Der „Estado da India“ – Portugals Herrschaft im Indischen Ozean

3. Goa – Portugals Tor zum Welthandel

4. Die Dimension Gender – Geschlechterverhältnisse und Bevölkerungspolitik in Portugiesisch- Indien
4.1 Indische Frauen für portugiesische Siedler – Rassenmischung als Garant für die Festigung des Herrschaftsanspruchs
4.2 Rassendiskriminierungen im Alltag
4.3 Die Rolle der Kirche

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Überblick

Der Zeitraum des späten 15. und frühen 16. Jahrhundert markierte den Beginn einer Epoche, die ohne Frage auf das engste verbunden ist mit den großen „Entdeckungsfahrten“ der damalig führenden Seefahrts- und Handelsnationen Spanien und Portugal und den in ihrem Dienst stehenden, bedeutenden Seefahrern wie Christoph Kolumbus, Vasco da Gama oder Ferdinand Magellan. Diesen beiden südeuropäischen Ländern gelang es dadurch als ersten, die für Europäer damals unbekannten Landmassen Amerikas, des südlichen Afrikas und weite Teile der asiatischen Welt zu betreten und auszukundschaften.

Die Interessen Spaniens und Portugals beim Aufbruch in die „Neue Welt“ mögen vielseitig gewesen sein, im Falle Portugals sind neben religiösen und politischen Zielen aber vor allem wirtschaftliche Interessen des Königshauses zu beachten. Der Zugang nach Indien über den Seeweg stand im Mittelpunkt des Interesses der portugiesischen Könige. Durch ihn sollte der gewinnversprechende Handel mit Gewürzen und anderen exotischen Waren gesichert und vollständig unter portugiesische Kontrolle gebracht werden.[1] Mit dem Erreichen des Indischen Ozeans durch Vasco da Gama 1498/99 wurde der Grundstein gelegt für die portugiesische Expansion auf dem asiatischen Kontinent. Das bei der Suche nach dem günstigsten Seeweg nach Indien, wenige Jahre nach der Fahrt Gamas, auch die heutige brasilianische Küste entdeckt und durch Portugiesen in Besitz genommen wurde, wird in der Literatur mitunter als „Nebenprodukt jener Suche“[2] bezeichnet. Das eigentliche Ziel der portugiesischen Expansionspolitik lag eindeutig auf der wirtschaftlichen Erschließung des asiatischen Raums und insbesondere des indischen Subkontinents. Erst mit dem schleichenden Niedergang des indischen Kolonialreichs im 17. Jahrhundert bekamen die Kolonien auf dem amerikanischen Kontinent eine größere Bedeutung.

Den Portugiesen ging es bei der Kolonisation weniger um die Inbesitznahme großer Gebiete (dies war ohnehin auf Grund der geringen Bevölkerungszahl von unter zwei Millionen Menschen nicht zu bewältigen[3] ), sondern vielmehr um die Errichtung von „Bollwerke[n] an strategischen Punkten im ganzen Indischen Ozean … um so den Handelsverkehr zu kontrollieren und die Handelsniederlassungen zu beschützen“.[4] Die Kontrolle des Indischen Ozeans durch die portugiesische Seeherrschaft, der keine andere lokale Macht im 16. Jahrhundert dauerhaft etwas entgegensetzen konnte[5], ging einher mit der Gründung von zahlreichen Handelstützpunkten entlang der gesamten Küste des Indischen Ozeans.[6] Beginnend mit der Errichtung des „Estado da India“ (Kolonialreich Portugiesisch- Indien) unter Alfonso de Albuquerque (1453-1515), dem ersten Gouverneur der neu eroberten Kolonien, setzte in den nun unter portugiesischer Herrschaft stehenden Städten und Handelniederlassungen (Goa, Damao, Diu etc.) auch eine von der Krone geförderte und unterstützte, aktive Bevölkerungspolitik ein, welche zum Ziel die Europäisierung der eigenen Kolonien hatte und zudem deren Erhalt und Schutz gegenüber lokalen Mächten sichern sollte.[7]

Im Folgenden wird sich diese Arbeit daher mit den Strukturen portugiesischer Bevölkerungspolitik in den Kolonien des „Estado da India“ beschäftigen. Dabei soll vor allem das Verhältnis der Geschlechter untereinander und in diesem Zusammenhang auch die gesellschaftliche Praxis des Zusammenlebens der unterschiedlichen Völker und Rassen betrachtet werden (hier bietet sich der Gebrauch des Terminus „Rassen“ an, da dieser auch zur damaligen Zeit von den portugiesischen Kolonialherren zur Unterscheidung zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen diente). Dazu bedarf es zunächst eines Überblicks zur Entstehungsgeschichte der portugiesischen Besitzungen im asiatischen Raum. Im weiteren Verlauf werden die Strukturen der Verwaltung und Organisation des „Estado da India“ dargestellt. Auf der Entwicklung und den Besonderheiten des Gender- Verhältnisses wird der Fokus der Betrachtung liegen. Unerlässlich in diesem Zusammenhang ist, auch mit Blick auf das streng katholisch geprägte Mutterland Portugal, eine Erörterung der kirchlichen Rolle und ihr Einfluss auf die Bevölkerungs- und Religionspolitik in Portugiesisch- Indien.

Die Darstellung der Gender- Verhältnisse im portugiesischen Kolonialreich ist in der Literatur bisher nur sehr wenig behandelt worden. Neben den Texten des englischsprachigen Autors C. R. Boxer und des Portugiesen A.H. de Oliveira Marques findet sich nur eine geringe Anzahl an Werken, die sich mit der hier zugrundeliegenden Thematik beschäftigen. Auf Grund des Umfangs der Arbeit ist eine detaillierte Unterscheidung der Gender- Verhältnisse zwischen den einzelnen portugiesischen Niederlassungen in Asien nicht möglich. Da jedoch Goa als Hauptstadt und gleichfalls größte und bedeutendste Handelsniederlassung des „Estado da India“ gilt, wird hier hauptsächlich Bezug auf die Situation in dieser Stadt genommen.[8]

2. Der „Estado da India“ – Portugals Herrschaft im Indischen Ozean

Portugals Drang auf die Weltmeere zur Erforschung neuer Handelrouten und bisher unbekannter Gebiete außerhalb Europas begann bereits im frühen 15. Jahrhundert. Nachdem mit der Eroberung Nordafrikas und dem Vordringen portugiesischer Seefahrer an die Küste des Golfes von Guinea ein Netz von Handelsniederlassungen an den Küsten des Atlantischen Ozeans entstanden war, fokussierte man sich fortan zunehmend auf die Entdeckung des Seewegs nach Indien. Vasco da Gama gelang schließlich 1499 die Umfahrung der Südspitze Afrikas. Er legte somit den Grundstein für die sogenannte „Carreira da India“, den regelmäßigen Schiffsverkehr in den Indischen Ozean.[9] Getrieben von dem Anreiz, das Geschäft mit teueren asiatischen Gewürzen unter das eigene Monopol zu stellen, setzen die Portugiesen in den nächsten Jahren alle Kraft in die Sicherung der Schifffahrtswege und den Aufbau eines Netzes von Handelskontoren an strategischen Schlüsselpositionen. Große Verdienste bei der Festigung der portugiesischen Herrschaft erwarb sich vor allem der 1509 ins Amt des königlichen Gouverneurs berufene Alfonso de Albuquerque. In seinem taktischen Kalkül und militärischem Geschick lag die dauerhafte und bis weit ins 16. Jahrhundert hineinreichende Vormachtstellung der Portugiesen im Indischen Ozean begründet. Albuquerque gelang es die politischen Spannungen in Indien zu nutzen, um verschiedene lokale Herrscher zu Vasallen zu machen und unter militärischem Druck die Gründung neuer Niederlassungen voranzubringen und bestehende Handelsstützpunkte zu Festungen auszubauen.[10] Herausragendes Zeichen dieser gelungenen Kriegsstrategie ist 1510 die Einnahme des günstig gelegenen Hafens Goa an der Westküste des indischen Subkontinents.

Die völlige Kontrolle der Küstengebiete und strategischen wichtigen Stützpunkte des Indischen Ozeans blieb den Portugiesen, auf Grund des missglückten Versuchs der Einnahme von Aden im heutigen Jemen zwar verwehrt, der „Estado da India“ erwies sich dennoch als durchaus dauerhaft und stabil.[11] Der Grund für diese relative Stabilität des Systems aus Handelniederlassungen und Festungen liegt wohl vor allem in dem Verzicht der Portugiesen auf die Eroberung großer Gebiete begründet. Man beschränkte sich auf die Kontrolle der Häfen und Küstenstädte und respektierte „die örtlichen Autoritäten und die Landestraditionen …, selbst wenn die militärische Anwesenheit eine Einflussnahme auf beide ausübte.“[12] Goa, die Hauptstadt des „Estado da India“, konnte sich unter diesen Umständen, wie auch andere portugiesische Niederlassungen, rasch zu einem prosperierenden Handelszentrum europäischer Prägung entwickeln. Männliche Siedler aus Europa wurden per Schiff nach Goa gebracht und sollten dort individuell ihrer erlernten Tätigkeit nachgehen. Nur im Kriegsfall oder bei besonderen Anlässen wurden diese Männer wieder in den Dienst des Staates genommen.[13] Auf Grund der großen Bedeutung für den weltweiten Warenhandel und der hohen Anziehungskraft Goas auf junge, portugiesische Siedler, bedingt durch die Hoffnung auf ein neues Leben in Reichtum und Ehre, sprach man recht bald schon vom „Goldenen Goa“.[14]

[...]


[1] Vgl.: A.H. de Oliveira Marques: Geschichte Portugals und des portugiesischen Weltreichs. Stuttgart 2001, S. 149

[2] Dietmar Rothermund: Die Portugiesen in Indien: Aufstieg und Niedergang der portugiesischen Herrschaft im Estado da India“. In: Roderich Ptak (Hrsg.) : Portugals Wirken in Übersee: Atlantik, Afrika, Asien. Bammental / Heidelberg 1985, S. 155

[3] Vgl.: C.R. Boxer: The Portuguese Seaborne Empire. 1415-1825, London 1969, S. 52

[4] de Oliveira Marques: Geschichte Portugals, S. 163

[5] Vgl.: Richard Konetzke: Das Portugiesische Kolonialreich in Asien und Amerika. In: Franz Valjavec (Hrsg.): Historia Mundi, ein Handbuch der Weltgeschichte in 10 Bänden, Bd. 8, München 1959, S. 374

[6] Gute kartographische Übersichten zu den portugiesischen Besitzungen findet sich in: C.R. Boxer: Portuguese Society in the Tropics. The Municipal Councils of Goa, Macao, Bahia, and Luanda, 1510-1800, Madison and Milwaukee 1965, S. 32-33 de Oliveira Marques: Geschichte Portugals, S. 150

[7] Vgl.: de Oliveira Marques: Geschichte Portugals, S. 163

[8] Von allen indischen Besitzungen deutlich zu unterscheiden ist die ebenfalls zum „Estado da India“ gehörende, an der chinesischen Küste gelegene Stadt Macao, siehe dazu: Roderich Ptak: Wirtschaftlicher und demographischer Wandel in Macao. Stadien einer Entwicklung . In: Horst Gründer, Peter Johanek (Hrsg.): Kolonialstädte – Europäische Enklaven oder Schmelztiegel der Kulturen?, Münster 2001, S. 73-94

[9] Vgl.: Rothermund: Estado da India, S. 156

[10] Vgl.: de Oliveira Marques: Geschichte Portugals, S. 150-153

[11] Vgl.: Rothermund: Estado da India, S. 162

[12] de Oliveira Marques: Geschichte Portugals, S. 164

[13] Ronald Daus: Die Erfindung des Kolonialismus, Wuppertal 1983, S. 56

[14] Vgl.: Boxer: The Portuguese Seaborne Empire, S. 52

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Gender-Politik in Portugiesisch-Indien im 16. und 17. Jahrhundert
Untertitel
Gender-Verhältnisse in westeuropäischen Kolonialreichen
Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V195312
ISBN (eBook)
9783656211693
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gender-politik, portugiesisch-indien, jahrhundert, gender-verhältnisse, kolonialreichen
Arbeit zitieren
Dirk Sippmann (Autor), 2010, Gender-Politik in Portugiesisch-Indien im 16. und 17. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195312

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Gender-Politik in Portugiesisch-Indien im 16. und 17. Jahrhundert



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden