Mit den Schlagworten erinnern und Denkmal wird die zweite Thematik und zugleich ein Problembereich der Arbeit angesprochen. Neben dem Aspekt der Verfolgung von Homosexuellen ist das mittlerweile bei Historikern weitverbreitete Konzept der Erinnerungs- oder Gedenkkultur ein Schwerpunkt der folgenden Erörterung. Problematisch möchte ich diesen Aspekt deshalb nennen, da die Differenzierung einzelner theoretischer Konstrukte und Typologien sehr weit fortgeschritten ist. Die Dimension der Kategorie Erinnerung in den
Geisteswissenschaften ist heutzutage für den einzelnen Forscher fast nicht mehr überschaubar. Unter Historikern auf der ganzen Welt hat sich in den vergangenen Jahren vor allem die Gedächtnisproblematik zum Kernthema verschiedenster wissenschaftlicher Diskurse entwickelt. Es gibt Stimmen, die behaupten, dass mit dem Gedächtnis als Kategorie der Geschichtswissenschaften ein Sammelbegriff geschaffen wurde, hinter dem sich „eine unzumutbare
Homogenisierung höchst verschiedener Gegenstände“ verberge. Andere
Autoren sind sogar der Ansicht, das Gedächtnis verdränge langfristig die Geschichtsschreibung. Im Bewusstsein, dass dieser Teilbereich der
geisteswissenschaftlichen Forschung nicht unumstritten ist, habe ich mich dazu entschieden, den Gedächtnis-Begriff als zweiten thematischen Schwerpunkt in meine Arbeit aufzunehmen. Auf den Terminus Gedächtnis, dessen Ausprägungen und theoretischen Typologien, wird im weiteren Verlauf näher eingegangen. An dieser Stelle soll eine grobe Begriffsbestimmung genügen: Generell wird
„Erinnern als ein Prozess, Erinnerungen als dessen Ergebnis und Gedächtnis als eine Fähigkeit oder veränderliche Struktur“ konzipiert. Das Gedächtnis ist dabei unbeobachtbar, Hypothesen über seine Beschaffenheit und Funktionsweisen lassen sich nur durch Beobachtung von Erinnerungsakten ableiten.
Analog zur Verfolgungsgeschichte wird auch hier möglichst nur auf
geschichtswissenschaftliche Perspektiven verwiesen. Auf eine genauere
Betrachtung der Rolle von Medien bei der Gedächtnis-Erzeugung wird
beispielsweise verzichtet. Der begrenzte Umfang dieser Masterarbeit lässt eine zu breit angelegte Konzeption nicht zu. Daher kann ich auch keine umfassende Darstellung aller gedächtnistheoretischen Überlegungen leisten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung und Motive der Arbeit
1.1 Eingrenzung des Themenbereichs
1.2 Fragestellung und zeitliche Dimension
1.3 Methodische Zugänge
1.4 Literatur- und Quellenlage
1.5 Relevanz und Vorgehen
2 Zeitenwenden – Geschichte der Homosexualität in München
2.1 Anfänge staatlicher Regulierung
2.2 Der § 175 im Wandel der Zeit
2.2.1 Weibliche Homosexualität
2.2.2 Verurteilungen nach § 175
2.3 Keine „Libertas Bavariae“ für „warme Brüder“
2.3.1 Emanzipation rückwärts
2.3.2 Homosexualität im Nationalsozialismus
2.3.3 Ein Schrecken ohne Ende
3 „Du sollst dich erinnern!“
3.1 Das Gedächtnis als geschichtswissenschaftliche Disziplin
3.2 Gedächtnisverankerung
4 Der lange Weg zum Gedenken
4.1 (K)eine Solidargemeinschaft – (k)ein Gedenken
4.2 Vier Jahrzehnte homosexueller Emanzipation
4.2.1 HAM/HAG und VSG – Erste Solidargemeinschaften
4.2.2 Der Rosa Winkel ins kollektive Gedächtnis!
4.2.3 Rosa Liste
4.2.4 Das Mahnmal am Oberanger
5 Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den historischen Prozess, durch den die Erinnerung an die homosexuellen Opfer staatlicher Verfolgung in München in das kollektive und kulturelle Gedächtnis der Bevölkerung integriert wurde. Dabei wird analysiert, welche sozialen und politischen Voraussetzungen – insbesondere die Institutionalisierung homosexueller Gruppen – notwendig waren, um dieses Gedenken von der gesellschaftlichen Isolation in das öffentliche Bewusstsein zu überführen.
- Staatliche Repression gegen Homosexuelle in München (1871–1969)
- Entwicklung des § 175 StGB und seine Auswirkungen
- Gedächtnistheoretische Konzepte nach Aleida Assmann
- Institutionalisierung der Münchner Homosexuellenbewegung
- Gedenkformen und Erinnerungskultur im Münchner Stadtbild
Auszug aus dem Buch
2.3 Keine „Libertas Bavariae“ für „warme Brüder“
Stadtgeschichte, Lokalgeschichte oder Heimatgeschichte – eine historische Betrachtung der Entwicklungen und Ereignisse auf kommunaler oder regionaler Ebene ist immer auch verbunden mit der geschichtswissenschaftlichen Betrachtung des Menschen in seiner alltäglichen Lebenswelt. Das Mit- und Nebeneinander höchst unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen prägten seit jeher das Zusammenleben im städtischen Umfeld. Besonders interessant ist es, mehr über den sozialen Stand einer Gruppe innerhalb der gesellschaftlichen Hierarchie, über Konformität oder Non-Konformität einer solchen und die Entwicklung des Dialogs zwischen Gruppe und Außenstehenden zu erfahren.
Die hier betrachtete Minderheit der homosexuellen Männer als Gruppe, mit dem speziellen Merkmal der „sozialen Randgruppe“, ist insofern ein spannendes und zugleich sehr spezielles Forschungsthema, da diese im Vergleich zu anderen Teilen der Gesellschaft während des Betrachtungszeitraums immer unter staatlicher Repression standen und sich ständig der Bedrohung durch Strafverfolgung ausgesetzt sahen. Dies führt zum einen dazu, dass es nahezu keine institutionellen Organisationen (Vereine, Verbände, Zusammenschlüsse etc.) gab und dementsprechend auch kaum Überlieferungen in Form von Registern oder Chroniken vorhanden sind, zum anderen ist es gerade die jahrzehntelange Strafverfolgung, aus deren Akten wichtige Informationen hervorgehen (Kriminalpolizei, Sittenpolizei und Polizeiberichte in der Tagespresse), mit denen heute eine Geschichte der homosexuellen Männer rekonstruiert werden kann. Bewusst muss dabei von Rekonstruktion gesprochen werden, da wir heute die Minderheit als gesellschaftliche Randgruppe beschreiben. Es darf bezweifelt werden, dass es bis in die 1970er Jahre so etwas wie ein Zusammengehörigkeitsgefühl, Solidarität unter den homosexuellen Männern oder das Bewusstsein für das einende Schicksal gegeben hat. Es ist daher nicht verwunderlich, dass auch die Historie der homosexuellen Männer Münchens oft anhand von Einzelschicksalen beschrieben wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung und Motive der Arbeit: Einführung in das Forschungsfeld und die methodische Herangehensweise an die Geschichte der Verfolgung sowie an die Gedächtnisproblematik.
2 Zeitenwenden – Geschichte der Homosexualität in München: Analyse der rechtlichen und sozialen Repression von 1871 bis 1969, mit Schwerpunkt auf der NS-Zeit und der Situation nach 1945.
3 „Du sollst dich erinnern!“: Theoretische Auseinandersetzung mit den geschichtswissenschaftlichen Konzepten von kollektivem und kulturellem Gedächtnis.
4 Der lange Weg zum Gedenken: Untersuchung der Emanzipationsbewegung ab 1969 und der Institutionalisierung, die zur Etablierung eines öffentlichen Gedenkens führte.
5 Resümee: Fazit der historischen Rekonstruktion und Ausblick auf die Bedeutung der Gedenkkultur für zukünftige Generationen.
Schlüsselwörter
Homosexualität, München, § 175, Nationalsozialismus, Verfolgung, Gedächtnis, Erinnerungskultur, Solidargemeinschaft, Emanzipation, Rosa Winkel, KZ Dachau, Mahnmal, Stadtgeschichte, Identität, Diskriminierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Aufarbeitung der Geschichte staatlicher Verfolgung homosexueller Männer in München und der Frage, wie diese Verfolgung in das kollektive Gedächtnis der heutigen Stadtgesellschaft übergegangen ist.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die strafrechtliche Verfolgung aufgrund des § 175, die Lebensbedingungen unter der NS-Diktatur sowie die Entwicklung der homosexuellen Emanzipationsbewegung ab 1969 in München.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Hauptziel ist zu klären, wie sich der Prozess des Erinnerns entwickelte und welche Voraussetzungen erfüllt sein mussten, damit die Verfolgung dieser Minderheit Eingang in das kollektive und kulturelle Gedächtnis fand.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autor wendet die theoretische Typologie der Gedächtnisverankerung von Aleida Assmann an, um historische Ereignisse im Kontext der soziologischen und geschichtswissenschaftlichen Forschung zu deuten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die rechtliche Situation vom Kaiserreich bis in die späte Bundesrepublik, die theoretischen Grundlagen des Gedächtnisses und die Institutionalisierung homosexueller Vereine wie der HAG und des VSG.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Homosexualität, § 175, Erinnerungskultur, Solidargemeinschaft, KZ Dachau und Emanzipation.
Welche Rolle spielte die Polizei in München bei der Verfolgung?
Die Münchner Polizei war bereits früh und sehr systematisch an der Überwachung und Verfolgung beteiligt und passte sich auch unter der NS-Herrschaft mit besonderem Eifer den vorgegebenen Ideologien an.
Warum blieb nach 1945 das Gedenken an homosexuelle Opfer aus?
Der Fortbestand des § 175 und ein weit verbreitetes gesellschaftliches Schweigen („kommunikatives Beschweigen“) sowie der Ausschluss von Entschädigungsleistungen verhinderten lange Zeit die Bildung einer politischen Erinnerungsgemeinschaft.
Wie trug die Rosa Liste zur Erinnerungskultur bei?
Durch den Einzug in den Stadtrat schuf die Rosa Liste eine institutionelle Basis, die es ermöglichte, politische Entscheidungen über Gedenkstätten und Mahnmale in München aktiv mitzugestalten.
Warum wird die AIDS-Thematik in der Arbeit ausgespart?
Obwohl die AIDS-Krise eine enorme Bedeutung für die Szene hatte, wurde sie aufgrund des begrenzten Umfangs der Masterarbeit bewusst ausgeklammert, da sie eine eigenständige Forschungsarbeit erfordern würde.
- Quote paper
- Dirk Sippmann (Author), 2011, Homosexuelle Opfer von staatlicher Verfolgung: Eine Analyse der Entstehung eines kollektiven Gedächtnisses, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195319