Musik verstehen. Dass jeder Mensch das kann, möchte man wohl kaum abstreiten. Wird Musik als eine Sprache betrachtet, dann ist sie sicher die einzige, die von jedem Menschen verstanden werden kann. Da liegt die Vermutung nahe, dass anscheinend nicht besonders viel dazu gehören muss, um diese Sprache zu verstehen.
Aber was genau „versteht“ man unter diesem Verstehen? Stellt man diese Frage, wird es schon schwieriger. Gibt es verschiedene Qualitäten oder Arten des Verstehens? Kann ein Musikwissenschaftler, der ja akademisch gezielt für eine Auseinandersetzung mit Musik ausgebildet wurde, eine bestimmte Stilrichtung der Popularmusik besser verstehen als jemand anderes, der sie täglich aus reiner Begeisterung konsumiert? Gibt es ein richtiges Verstehen? Oder geschieht dieser Prozess individuell und hat unterschiedliche Ergebnisse zur Folge?
Dieses zunächst so selbstverständlich erscheinende Verstehen lässt bei genauerer Überlegung doch viele Fragen entstehen. Der Musikwissenschaftler Hans Heinrich Eggebrecht hat sich in seinem Buch „Musik verstehen“ gezielt mit den Prozessen auseinandergesetzt, die beim Hörer während der Rezeption von Musik ablaufen und so zu einem Verstehen beitragen.
Ein Ziel dieser Arbeit wird es sein, diesen Erklärungsversuch des Musikverstehens darzustellen, um dadurch die aufgeworfenen Fragen zu beantworten und ein besseres Verständnis vom Verstehensbegriff herzustellen.
Ein aktuelles Beispiel aus der Popularmusik schließlich soll die Problematik verdeutlichen, die durch die Vielgestaltigkeit des Musikverstehens entstehen kann. Das Beispiel entstammt aus dem Bereich des Heavy Metal. In diesem Musikstil hat sich im Laufe der letzten zwanzig Jahre zunehmend das Phänomen einer stilistischen Abgrenzung herauskristallisiert, was zu einer riesigen Fülle unterschiedlicher Genrebezeichnungen geführt hat. Innerhalb der Szene werden für jedes Genre Parameter festgesetzt, die diese Abgrenzung rechtfertigen sollen.
Eine weitere Frage dieser Arbeit wird deshalb sein, ob eine derartige Einteilung auf unterschiedlichen musikalischen Eigenschaften beruht oder ob die Kategorisierung womöglich von ganz anderen Faktoren abhängt. Um das herauszufinden, werden Stücke zweier Stilvertreter vergleichend analysiert. Eine Analyse hat den Vorteil, dass sie durch ihre strenge Rationalität exakt die gestellte Frage beantworten kann, nämlich die der musikalischen Eigenschaften...
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Verstehen von Musik bei Hans Heinrich Eggebrecht
2.1 Ästhetisches Verstehen
2.2 Erkennendes Verstehen
3 Das Verstehen von Heavy Metal
3.1 Entstehung und Entwicklung
3.2 Das Phänomen der Genreabgrenzung
4 Analyse zweier Vertreter
4.1 Vorbetrachtungen
4.2 Analyse
4.2.1 Beispiel 1: Black Metal
4.2.2 Beispiel 2: Death Metal
4.3 Auswertung
5 Die Klangfarbe als musikalisches Merkmal
6 Zusammenfassung der Ergebnisse
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verständnis von Musik durch den Hörer auf Basis der Theorien von Hans Heinrich Eggebrecht und überträgt diese auf die komplexe Genrelandschaft des Heavy Metal. Ziel ist es zu ergründen, ob die ästhetische und erkennende Unterscheidung von Musik auch bei der Abgrenzung von Subgenres wie Black Metal und Death Metal Bestand hat oder ob die Klangfarbe als zusätzliches, entscheidendes Merkmal fungieren muss.
- Musikästhetik und Verstehensbegriffe nach Hans Heinrich Eggebrecht
- Historische Entwicklung und Genese des Heavy Metal
- Strukturanalyse und Vergleich von Black Metal und Death Metal
- Klangfarbe als unterscheidendes Kriterium in der populären Musik
- Rezeption von Arnold Schönbergs Klangfarbenmelodie im modernen Kontext
Auszug aus dem Buch
2.1 Ästhetisches Verstehen
Eggebrecht unterscheidet grundsätzlich zwei Arten des musikalischen Verstehens: das ästhetische und das erkennende Verstehen. In Bezug auf das ästhetische Verstehen verwendet er eine Reihe von Begriffen, mit deren Hilfe er Zusammenhänge und Abgrenzungen herausstellt. Er spricht insbesondere vom musikalischen Sinn und vom Gehalt. Zum ästhetischen Verstehen sind generell alle Hörer fähig, nur geschieht das jeweils in verschiedenen Abstufungen und zeigt sich in unterschiedlichem Reagieren. Diese Unterschiede existieren aufgrund von ästhetischer Erfahrung, welche nichts anderes bedeutet als eine Eingewöhnung in den musikalischen Sinn. Gemeint ist also eine Hörerfahrung. Das ästhetische Verstehen wird somit auch als sinnliches Verstehen umschrieben und als durch die Sinne gestiftet angesehen. Daraus ergibt sich nicht etwa eine Offenbarung des ästhetischen Verstehens durch die Sinne nach außen hin. Vielmehr verbleibt dieses Sinnliche sprachlos in sich selbst verborgen. Es handelt sich um ein begriffsloses Verstehen, das also nicht sprachlich benannt wird. Dennoch soll diese Ausgangslage nicht so interpretiert werden, dass ein ästhetisches Verstehen von geringer Bedeutung wäre. Eggebrecht bezeichnet es sogar als die Basis allen Musikverstehens.
Wie schon angedeutet spielt der Sinn in Eggebrechts Augen eine große Rolle. Das Ziel des Verstehens stellt für ihn den Sinn der Musik dar. Musik ist Sinnträger und muss folglich auch einen Sinn haben, um verstanden zu werden. Dafür ist aber ebenfalls ein für die Musik empfängliches Subjekt - der Hörer - unverzichtbar.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des Musikverstehens ein und stellt die Forschungsfrage anhand des Beispiels der Heavy-Metal-Genreabgrenzung.
2 Das Verstehen von Musik bei Hans Heinrich Eggebrecht: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen des ästhetischen und erkennenden Verstehens nach Eggebrecht.
3 Das Verstehen von Heavy Metal: Hier werden die historische Entstehung des Heavy Metal und die soziologische Dynamik der Genreabgrenzung innerhalb der Szene betrachtet.
4 Analyse zweier Vertreter: In diesem Hauptteil wird anhand von zwei konkreten Musikbeispielen (Black Metal und Death Metal) eine vergleichende Analyse durchgeführt.
5 Die Klangfarbe als musikalisches Merkmal: Das Kapitel diskutiert die Relevanz der Klangfarbe als maßgebliches, oft unterschätztes Unterscheidungsmerkmal und verknüpft dies mit Schönbergs Ideen.
6 Zusammenfassung der Ergebnisse: Die abschließenden Ergebnisse zeigen auf, dass die Klangfarbe für die Genreabgrenzung im Heavy Metal essenziell ist und Eggebrechts Modell ergänzt.
Schlüsselwörter
Musikverstehen, Hans Heinrich Eggebrecht, Heavy Metal, Musikästhetik, Ästhetisches Verstehen, Erkennendes Verstehen, Klangfarbe, Genreabgrenzung, Black Metal, Death Metal, Arnold Schönberg, Klangfarbenmelodie, Musiktheorie, Populäre Musik, Analyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Musik vom Hörer verstanden wird und wie sich dieses Verständnis auf die Differenzierung verschiedener Subgenres im Heavy Metal anwenden lässt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Musikästhetik nach Hans Heinrich Eggebrecht, die historische Entwicklung des Heavy Metal und die Analyse der Rolle der Klangfarbe bei der Unterscheidung von Musikstilen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, den Verstehensbegriff von Eggebrecht zu hinterfragen und zu erweitern, um zu erklären, warum Hörer komplexe Genreunterscheidungen vornehmen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Fundierung durch Eggebrecht, ergänzt um eine musikwissenschaftliche vergleichende Strukturanalyse zweier ausgewählter Musikbeispiele.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Analyse der Genres Black Metal und Death Metal, wobei Form, Harmonie und vor allem die klanglichen Charakteristika der Stücke untersucht werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Musikverstehen, Klangfarbe, Genreabgrenzung, Musikästhetik und Heavy Metal charakterisiert.
Warum ist die Klangfarbe für die Analyse so wichtig?
Die Arbeit zeigt, dass herkömmliche Kriterien wie Harmonie oder Form bei extremen Musikstilen oft nicht ausreichen, um die bewusste Genre-Differenzierung der Hörer zu erklären, weshalb die Klangfarbe als zentrales Merkmal identifiziert wird.
In welchem Zusammenhang steht Arnold Schönberg in der Arbeit?
Schönbergs Konzept der Klangfarbenmelodie dient als theoretischer Anknüpfungspunkt, um die Bedeutung der Klangfarbe innerhalb moderner musikalischer Zusammenhänge und für das Hörerlebnis zu diskutieren.
- Arbeit zitieren
- Bachelor of Arts Steffen Peise (Autor:in), 2012, Die Klangfarbe des Heavy Metal im Spannungsfeld zwischen Eggebrechts erkennendem Verstehen und Schönbergs Idee der Klangfarbenmelodien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195322