Die Klangfarbe des Heavy Metal im Spannungsfeld zwischen Eggebrechts erkennendem Verstehen und Schönbergs Idee der Klangfarbenmelodien


Seminararbeit, 2012

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

I. Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Verstehen von Musik bei Hans Heinrich Eggebrecht
2.1 Ästhetisches Verstehen
2.2 Erkennendes Verstehen

3 Das Verstehen von Heavy Metal
3.1 Entstehung und Entwicklung
3.2 Das Phänomen der Genreabgrenzung

4 Analyse zweier Vertreter
4.1 Vorbetrachtungen
4.2 Analyse
4.2.1 Beispiel 1: Black Metal
4.2.2 Beispiel 2: Death Metal
4.3 Auswertung

5 Die Klangfarbe als musikalisches Merkmal

6 Zusammenfassung der Ergebnisse

II. Quellenverzeichnis

III.Anhang

1 Einleitung

Musik verstehen. Dassjeder Mensch das kann, möchte man wohl kaum abstreiten. Wird Musik als eine Sprache betrachtet, dann ist sie sicher die einzige, die von jedem Menschen verstanden werden kann. Da liegt die Vermutung nahe, dass anscheinend nicht besonders viel dazu gehören muss, um diese Sprache zu verstehen.

Aber was genau „versteht“ man unter diesem Verstehen? Stellt man diese Frage, wird es schon schwieriger. Gibt es verschiedene Qualitäten oder Arten des Verstehens? Kann ein Musikwissenschaftler, derja akademisch gezielt für eine Auseinandersetzung mit Musik ausgebildet wurde, eine bestimmte Stilrichtung der Popularmusik besser verstehen als jemand anderes, der sie täglich aus reiner Begeisterung konsumiert? Gibt es ein richtiges Verstehen? Oder geschieht dieser Prozess individuell und hat unterschiedliche Ergebnisse zur Folge?

Dieses zunächst so selbstverständlich erscheinende Verstehen lässt bei genauerer Überlegung doch viele Fragen entstehen. Der Musikwissenschaftler Hans Heinrich Eggebrecht hat sich in seinem Buch „Musik verstehen“ gezielt mit den Prozessen auseinandergesetzt, die beim Hörer während der Rezeption von Musik ablaufen und so zu einem Verstehen beitragen.

Ein Ziel dieser Arbeit wird es sein, diesen Erklärungsversuch des Musikverstehens darzustellen, um dadurch die aufgeworfenen Fragen zu beantworten und ein besseres Verständnis vom Verstehensbegriffherzustellen.

Ein aktuelles Beispiel aus der Popularmusik schließlich soll die Problematik verdeutlichen, die durch die Vielgestaltigkeit des Musikverstehens entstehen kann. Das Beispiel entstammt aus dem Bereich des Heavy Metal. In diesem Musikstil hat sich im Laufe der letzten zwanzig Jahre zunehmend das Phänomen einer stilistischen Abgrenzung herauskristallisiert, was zu einer riesigen Fülle unterschiedlicher Genrebezeichnungen geführt hat. Innerhalb der Szene werden für jedes Genre Parameter festgesetzt, die diese Abgrenzung rechtfertigen sollen.

Eine weitere Frage dieser Arbeit wird deshalb sein, ob eine derartige Einteilung auf unterschiedlichen musikalischen Eigenschaften beruht oder ob die Kategorisierung womöglich von ganz anderen Faktoren abhängt. Um das herauszufinden, werden Stücke zweier Stilvertreter vergleichend analysiert. Eine Analyse hat den Vorteil, dass sie durch ihre strenge Rationalität exakt die gestellte Frage beantworten kann, nämlich die der musikalischen Eigenschaften. Damit jedoch der Sinn dieser vergleichenden Analyse überhaupt deutlich werden kann, wird vorab die geschichtliche Entwicklung des Heavy Metal dargestellt.

2 Das Verstehen von Musik bei Hans Heinrich Eggebrecht

2.1 Ästhetisches Verstehen

Eggebrecht unterscheidet grundsätzlich zwei Arten des musikalischen Verstehens: das ästhetische und das erkennende Verstehen. In Bezug auf das ästhetische Verstehen verwendet er eine Reihe von Begriffen, mit deren Hilfe er Zusammenhänge und Abgrenzungen herausstellt. Er spricht insbesondere vom musikalischen Sinn und vom Gehalt. Zum ästhetischen Verstehen sind generell alle Hörer fähig, nur geschieht das jeweils in verschiedenen Abstufungen und zeigt sich in unterschiedlichem Reagieren. Diese Unterschiede existieren aufgrund von ästhetischer Erfahrung, welche nichts anderes bedeutet als eine Eingewöhnung in den musikalischen Sinn. Gemeint ist also eine Hörerfahrung. Das ästhetische Verstehen wird somit auch als ein sinnliches Verstehen umschrieben und als durch die Sinne gestiftet angesehen. Daraus ergibt sich nicht etwa eine Offenbarung des ästhetischen Verstehens durch die Sinne nach außen hin. Vielmehr verbleibt dieses Sinnliche sprachlos in sich selbst verborgen. Es handelt sich um ein begriffsloses Verstehen, das also nicht sprachlich benannt wird. Dennoch soll diese Ausgangslage nicht so interpretiert werden, dass ein ästhetisches Verstehen von geringer Bedeutung wäre. Eggebrecht bezeichnet es sogar als die Basis allen Musikverstehens. [1]

Wie schon angedeutet spielt der Sinn in Eggebrechts Augen eine große Rolle. Das Ziel des Verstehens stellt für ihn den Sinn der Musik dar. Musik ist Sinnträger und muss folglich auch einen Sinn haben, um verstanden zu werden. Dafür ist aber ebenfalls ein für die Musik empfängliches Subjekt - der Hörer - unverzichtbar.

Der Sinn liegt in der Formung beschlossen, was die genauere Bezeichnung des Formsinns nach sich zieht. Gemeint ist mit der Form der gesamte musikalische Inhalt, der sich trotzdem nur auf wenige Eigenschaften wie Höhe, Dauer und Gliederung der Töne bezieht. Einen Faktor wie die Klangfarbe schließt Eggebrecht hier gleich von der Formzugehörigkeit aus, da sie nicht verstanden, sondern empfunden werde. [2] Letztlich ist noch der Gehalt zu nennen. Neben einem Formsinn trägt Musik auch immer einen Gehalt, der wiederum abhängig von ebendiesem Formsinn ist und durch ihn nach außen getragen wird. Als wichtigsten nennt Eggebrecht den emotionalen Gehalt, der sich durch einen Reiz äußert, also empfunden wird und dann ein Gefühl beim Hörer auslöst. [3]

2.2 Erkennendes Verstehen

Weniger problematisch fällt der Anteil des erkennenden Verstehens aus, da das begriffslose Dasein der Musik nur noch mit Worten beschrieben werden muss. Das Beschreiben spielt sich auf der gleichen Ebene ab wie das erkennende Verstehen selbst, nämlich auf einer sprachlichen. In dessen Mittelpunkt steht das musikanalytische Denken, Sprechen und Schreiben, wodurch das ästhetische Verstehen gefördert wird. Es tritt ein begriffliches Bewusstsein zum vorher begriffslosen reinen ästhetischen Verstehen, das zusätzlich durch äußere Informationen bereichert wird. Das ästhetische besteht also nie ohne die Begrifflichkeit des erkennenden Verstehens, welches wiederum vom ästhetischen Verstehen abgesondert noch weniger denkbar ist. „Ohne ästhetisches Verstehen gibt es kein Verstehen von Musik, aber ohne erkennendes Verstehen bleibt das ästhetische Verstehen unvollkommen.“ [4] Schnittstelle zwischen diesen beiden Verstehenshorizonten ist das ästhetische Erkennen, welches zunächst ebenfalls in begriffsloser Form erscheint. [5]

Nun wirkt es beinahe so, dass das erkennende Verstehen zwar auf ein ästhetisches Verstehen zurückgreifen muss, diesem ansonsten aber in jeder Hinsicht überlegen ist. Doch auch ein erkennendes Verstehen hat Schwachstellen, die sich vor allem durch seine begriffliche Form ergeben. Eine rationale Betrachtung nämlich kann als störend für das Empfinden von Musik betrachtet werden, das klingende Phänomen kann zwar bezeichnet, aber nicht ersetzt werden und auch der Gehalt ist fern von einer Begrifflichkeit angesiedelt. Die Musik kann also ihre Intentionen nie so aussagen, wie sie es in Bezug zu ihrem Formsinn tut. Auch zeigt sich eine Grenze im Schönsein einer Musik, da dies einen weiteren begrifflich kaum fassbaren Faktor darstellt. Folglich kann das erkennende Verstehen aufgrund der besagten Schwächen nicht immer angewendet werden. Beide Arten des Verstehens ergänzen sich gegenseitig, sind also füreinander notwendig. [6]

3 Das Verstehen von Heavy Meta!

3.1 Entstehung und Entwicklung

Der Ursprung des Heavy Metal kann schon im Rock and Roll der 1950er Jahre gefunden werden, denn aus ihm ist zunächst der weite Komplex der Rock-Musik hervorgegangen, zu der auch der Hard Rock zählt. Metaphorisch betrachtet steht diese Musik für einen harten Felsen, was sich auch in musikalischen Eigenschaften widerspiegelt. Geradliniges Schlagzeugspiel, verzerrte E-Gitarren, ein schlichter begleitender Bass und ein ausdrucksvoller Gesang in einem mäßigen Tempo kennzeichnen den Hard Rock, der nur wenige Jahre vor dem Heavy Metal entstanden ist. Jener wiederum symbolisiert das noch härtere schwere Metall. Für die Entstehung des Heavy Metal spielte Anfang der 1970er Jahre angeblich die zuvor gescheiterte Jugendrevolution in den USA eine entscheidende Rolle. Jedoch steht diese Annahme scheinbar im Widerspruch zu dem Fakt, dass die ersten als Heavy Metal bezeichneten Bands in Großbritannien beheimatet waren. [7]

Genau wie schon im Hard Rock gehen die Songstrukturen und Gitarrenriffs des Heavy Metal auf die Blues-Rock-Tradition zurück. Nur wurden die „richtigen“ ausgefüllten Akkorde zugunsten schlichter Powerchords (bestehend aus Grundton, Quinte und evtl. Oktave) weitgehend abgeschafft, das Tempo angezogen und das Schlagzeugspiel wesentlich differenzierter gestaltet. Die Psychedelic-Bewegung, die insbesondere durch Jimi Hendrix geprägt wurde, gilt als zusätzlicher Einflussfaktor auf die frühe Form des Heavy Metal und ist noch auf dem Debutalbum „Rocka Rolla“ der britischen Band Judas Priest zu hören. [8]

Als sich Heavy Metal als selbstständiger Stil herauskristallisiert hatte, wuchs die Zahl der Fans und gleichzeitig auch der aktiven Bands. Die Datenbank „Encyclopaedia Metallum“ verzeichnet eine sehr große Zahl an Heavy Metal-Bands. Eine umfangreiche Suchfunktion ermöglicht die Veranschaulichung der Stilentwicklung. Sucht man nach Bands, die bis einschließlich 1975 gegründet wurden, erhält man 64 Einträge, von 1976 bis 1980 sind es schon 553 Einträge. [9]

Dieser exponentielle Anstieg zog eine Erweiterung des stilistischen Feldes nach sich, da sich in der Musik immer ein besonders ausgeprägtes Streben nach Neuerungen zeigt. Bands wie Metallica und Exodus prägten etwa im Jahr 1983 die Bezeichnung Thrash Metal, der im Gegensatz zum Heavy Metal seine Wurzeln in den USA hatte. [10] Dadurch war hinsichtlich der Geschwindigkeit ein Extrempunkt erreicht, der wenige Jahre später in anderen Merkmalen folgte. Behandelte Thrash Metal noch ernste Themen des täglichen Lebens oder der Weltpolitik, so sonderten sich Richtungen wie Black Metal oder Death Metal davon ab, indem zugehörige Bands mit Inhalten wie Satanismus oder Tod den Ausdruck von Chaos weiter zuspitzten. [11]

3.2 Das Phänomen der Genreabgrenzung

Die musikalische Abgrenzung zwischen Death Metal und Black Metal spielte anfangs nur eine untergeordnete Rolle für das Entstehen dieser Stile. Entscheidender waren Änderungen der persönlichen Einstellungen der Anhänger sowie betroffener Bands. Der Begriff „Underground“ bekam und bekommt vor allem während der Etablierung neuer Subgenres einen besonderen Stellenwert und ist u.a. darauf zurückzuführen, dass sich die Entwicklung des Heavy Metal hauptsächlich in Jugendkulturen abspielt. [12] Innerhalb der Szene wirkt der Undergroundbereich als eine Art freiheitsstiftender Raum, [13] in dem Authentizität das wichtigste Kriterium für die Zugehörigkeit bildet. [14] Authentizität ist besonders in der Black Metal-Szene von größerer Bedeutung, da gerade hier von Szenemitgliedern großer Wert darauf gelegt wird, dass sich die partizipierenden Bands ausschließlich im musikalisch definierten Untergrund aufhalten. Erlangen sie größeren Ruhm, möglicherweise sogar über die Metalszene hinaus, oder entwickeln sich Elemente ihrer Musik weiter, werden sie von vielen Anhängern häufig von der Zugehörigkeit zum Black Metal ausgeschlossen. Die Band Dimmu Borgir zum Beispiel verwendete zunächst noch Liedtexte in norwegischer Sprache, bis sie ab 1997 ins englische wechselten. Diese an sich unerhebliche Veränderung (der Liedtext ist dem Klang der Stimme untergeordnet [15] ) wirkt sich so stark auf die Identität der Band aus, dass sich entsprechende Reaktionen selbst auf öffentlichen Informationsplattformen wie Wikipedia zeigen. Unter dem Punkt „Genre“ finden sich deshalb die Informationen „Black Metal bis 1996, Dark Metal ab 1997“. [16]

Wie schon oben beschrieben, begünstigen persönliche Einstellungen eher eine neue Genrebezeichnung als es die musikalischen Merkmale tun. Eine dabei vernachlässigte Problematik findet sich in den Ausdrücken Stil und Genre, die bis hierher analog verwendet wurden. Als bedeutende Vereinfachung des ab 1950 in den Vordergrund gerückten Begriffs Werkstil [17] bezieht sich der allgemeine Ausdruck Stil ausschließlich auf das Musikalische, während das Genre auch außermusikalische Elemente enthält. [18] Die Betonung liegt hier auf dem Wort „auch“, was die Frage aufwirft, in welchem Umfang weiterhin die musikalischen Merkmale für eine Genreabgrenzung notwendig sind. Zweifelsfrei betitelt „Heavy Metal“ einen selbstständigen musikalischen Stil, aber ob es sich bei den unterschiedlichen Subgenres ebenfalls um Stile handelt, ist fraglich. Fest steht, dass ein Genre nicht ohne Grund entsteht, sondern immer sozial bedingt ist und sich in einem bereits vorhandenen musikalischen Zusammenhang ausbildet. [19] Das bloße Vorhandensein bestimmter sozialer Bedingungen und persönlicher Einstellungen im musikalischen Gefüge des Heavy Metal genügt anscheinend, um dem Death Metal und dem Black Metal den Status zweier eigenständiger Genres zuzusprechen. Ob diese beiden Genres auch unberücksichtigt davon und anhand rein musikalischer Eigenschaften voneinander abgegrenzt werden können, soll im nachfolgenden Kapitel in Form eines musikanalytischen Vergleichs untersucht werden. Mit Blick auf die Verstehensebenen von Eggebrecht kann und soll bereits jetzt betont werden, dass gerade die sprachliche Äußerung das Wesen der musikalischen Analyse ausmacht. Deshalb kann sie sich nicht auf der ästhetischen, sondern nur auf der erkennenden Ebene des Verstehens aufhalten.

[...]


[1] Vgl. Eggebrecht (1995), S. 21 ff.

[2] Vgl. Eggebrecht (1995), S. 26 ff.

[3] Vgl.ebd., S.72f.

[4] Ebd., S. 120.

[5] Vgl.ebd., S. 117 ff.

[6] Vgl. Eggebrecht (1995), S. 120 ff.

[7] Vgl. Weinstein (2000), S. 11 ff.

[8] Vgl. ebd., S. 17.

[9] Vgl. Encyclopaedia Metallum [Stand: 05.02.2012].

[10] Vgl. Weinstein (2000), S. 48.

[11] Vgl. ebd., S. 41.

[12] Vgl. ebd., S. 48 f.

[13] Vgl. Kahn-Harris (2007), S. 14.

[14] Vgl. Weinstein (2000), S. 46.

[15] Vgl. Weinstein (2000), S. 26.

[16] Vgl. Wikipedia [Stand: 05.02.2012].

[17] Vgl. Seidel (1998), Sp. 1756 f.

[18] Vgl. Elflein (2010), S. 32.

[19] Vgl. ebd., S. 34.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Klangfarbe des Heavy Metal im Spannungsfeld zwischen Eggebrechts erkennendem Verstehen und Schönbergs Idee der Klangfarbenmelodien
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Musikwissenschaft)
Veranstaltung
Historische Musikwissenschaft 1
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
22
Katalognummer
V195322
ISBN (eBook)
9783656211662
ISBN (Buch)
9783656213550
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
klangfarbe, heavy, metal, spannungsfeld, eggebrechts, verstehen, schönbergs, idee, klangfarbenmelodien
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Steffen Peise (Autor), 2012, Die Klangfarbe des Heavy Metal im Spannungsfeld zwischen Eggebrechts erkennendem Verstehen und Schönbergs Idee der Klangfarbenmelodien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195322

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