Worüber können wir sprechen? Über Sachverhalte und nichts außerdem, sagt Wittgenstein. Und worüber können wir nicht sprechen? Diese Frage ist unsinnig, antwortet uns derselbe, denn: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ (TLP 7)
Nachdem er die Antwort auf die erste Frage so exakt wie möglich ausformuliert hatte und darin alle Probleme der Philosophie gelöst sah, zog sich dieser Denker als Philosoph beinahe zehn Jahre zurück. Doch Philosophie ist selbsterhaltend, und dies nicht nur dadurch, dass andere Philosophen die (in diesem Fall von Wittgenstein) aufgestellten Grenzen des Denkens schlichtweg ignorieren, sondern zu einer gänzlich neuen Form des Denkens und Sprechens gelangen. Ein derartiges Phänomen findet sich in der Spätphilosophie Martin Heideggers.
Wittgenstein und Heidegger sind – gemessen an der Fülle an Sekundärliteratur zu ihren Schriften – die einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Dies ist nicht nur darauf zurückzuführen, dass sie jeweils zwei (zwar aufeinander aufbauende und doch grundlegend verschiedene) philosophische Betrachtungsweisen ins Denkleben gerufen haben, sondern überdies dadurch die denkerische Anhängerschaft in zwei Lager aufgespalten haben, die nur begrenzt miteinander kommunizieren.
Das Ziel meiner Arbeit ist es aufzuzeigen, dass zwischen den Philosophien dieser beiden Denker zwar keine direkte Übersetzung, jedoch eine bestimmte Kooperation möglich ist. Konkret: Es soll gezeigt werden, dass Wittgensteins Grenzziehung des Denkens durch den Tractatus nicht nur eine (notwendige) Stütze für die reine Entfaltung der Sprachphilosophie im Spätwerk Heideggers darstellt, sondern dass diese zudem als Ausformulierung des oben erwähnten Schlusssatzes des Tractatus gelesen werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Rekonstruktion
2.1 Die Grenzen des sinnvollen Sprechens. Wittgensteins Position
2.1.1 Die Abbildtheorie
2.1.2 Wahrheit
2.1.3 Sagen und Zeigen
2.1.4 Konklusionen
2.2 Die in der Sprache geborgene Wahrheit. Heideggers Position
2.2.1 Das Wesen der Wahrheit
2.2.2 Die Sprache
2.2.3 Eine Erfahrung mit der Sprache machen
2.2.4 Sein und Seyn
2.2.5 Das Ereignis der Sprache
3 Diskussion
3.1 Leitfrage und Grundfrage
3.2 Hermetisch und hermeneutisch
4 Schlusswort: Die sprachliche Verortung der Philosophie
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen der Sprachphilosophie des frühen Ludwig Wittgenstein und der Spätphilosophie Martin Heideggers, um aufzuzeigen, wie Wittgensteins Grenzziehung des sinnvollen Sprechens als notwendige Vorbereitung für Heideggers neues Denken über Sprache und Wahrheit fungieren kann.
- Analyse von Wittgensteins Abbildtheorie und der logischen Struktur der Sprache im Tractatus.
- Rekonstruktion von Heideggers Wahrheitskonzept und der Bedeutung des "Ereignisses der Sprache".
- Unterscheidung und Verschränkung von Leitfrage und Grundfrage bei Heidegger.
- Die hermetische Funktion von Wittgensteins Sprachkritik für Heideggers hermeneutischen Ansatz.
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Die Abbildtheorie
Die Grundannahme der Abbildtheorie der Sprache ist, dass die Sprache ein Abbild der Wirklichkeit ist. In der transzendentalen Abbildtheorie Wittgensteins wird diese Grundannahme durch folgende Erweiterungen und Eingrenzungen spezifiziert: 1. Denken und Sprechen gehen insofern miteinander einher, dass sie beide eine logische Grundstruktur haben. Da wir also nur logisch denken können, sollten wir dementsprechend auch logisch sprechen. 2. Da wir nur logisch denken und sinnvoll sprechen können, kann die Verbindung zwischen der Wirklichkeit und unseren Aussagen darüber ebenfalls nur eine logische Form und Richtlinie besitzen. 3. Weil die Logik somit der Ermöglichungsgrund für (sinnvolle) Aussagen über die Wirklichkeit und darüber hinaus a priori gegeben ist, ist es möglich, sich ausschließlich auf die Sprache (an sich) und ihre logische Struktur zu besinnen (linguistic turn) und dabei empirische Aussagen außen vor zu lassen – denn ist es die Aufgabe der transzendentalen Sprachphilosophie, anhand von logischen Sätzen das Fundament von empirischen Aussagen zu klären, damit diese richtig und sinnvoll getätigt werden können und nicht zu willkürlichen, metaphysischen Scheinwahrheiten verkommen.
Wittgensteins Abbildtheorie im Tractatus hat drei miteinander verbundene Ebenen: Wirklichkeit, Sprache und Logik.
Die Wirklichkeit ist die Gesamtheit der bestehenden und nicht-bestehenden Sachverhalte. Sachverhalte sind Verbindungen von Gegenständen, von Dingen. Die Verbindung (untereinander) ist die Möglichkeit der Dinge, ihre immanente Form. Ein Gegenstand an sich ist fest; seine Konfiguration inmitten anderer Gegenstände hingegen, d. h. der Sachverhalt, innerhalb dessen er vorkommt, ist wechselnd. Jedoch bleibt der Gegenstand an sich eine reine Hypothese, da er nur in seiner Verbindung gedacht werden kann. Ebenso bleiben Sachverhalte im Tractatus aufgrund ihrer nicht-sprachlichen Beschaffenheit ein reiner Referenzpunkt und werden auf die eben beschriebene Weise strukturell verortet. Die Welt hingegen „ist alles, was der Fall ist.“ (TLP 1) Sie ist die Gesamtheit der Tatsachen, d. h. der tatsächlich bestehenden (nicht nur möglichen) Sachverhalte.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Fragestellung ein, wie Wittgensteins und Heideggers Philosophien trotz ihrer Unterschiede durch eine spezifische Kooperation verbunden werden können.
2 Rekonstruktion: Dieser Teil widmet sich der detaillierten Untersuchung von Wittgensteins Abbildtheorie und deren Grenzen sowie Heideggers Weg vom Seienden hin zum Seyn und dem Ereignis der Sprache.
3 Diskussion: Hier werden die beiden Denker zusammengeführt, indem Heideggers Unterscheidung von Leit- und Grundfrage als konzeptioneller Rahmen genutzt wird, um Wittgensteins Sprachkritik in einen produktiven Dialog mit der Spätphilosophie zu bringen.
4 Schlusswort: Die sprachliche Verortung der Philosophie: Das Fazit fasst zusammen, wie die Philosophie durch die Verbindung beider Ansätze in der Sprache einen neuen Ort als fragendes, entbergendes Denken findet.
Schlüsselwörter
Sprachphilosophie, Wittgenstein, Heidegger, Tractatus, Wahrheit, Sein, Seyn, Ereignis der Sprache, Abbildtheorie, Logik, Leitfrage, Grundfrage, Hermeneutik, Metaphysik, linguistic turn
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie Wittgensteins Philosophie als eine Art "Vorarbeit" oder "Reinigung" gelesen werden kann, die für Heideggers späteres Denken über das Sein und die Sprache den Weg bereitet.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder sind die Grenzen der Sprache, das Verhältnis von Denken und Sein, der Unterschied zwischen Satzwahrheit und Unverborgenheit sowie die Transformation philosophischer Methoden.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass eine "Kooperation" zwischen den Philosophien beider Denker möglich ist, statt sie nur als unvereinbare Positionen zu betrachten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philosophische Rekonstruktion und komparative Analyse der Primärtexte von Wittgenstein und Heidegger.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden Wittgensteins Abbildtheorie, Heideggers Konzept der Wahrheit als Unverborgenheit, der Übergang vom Sein zum Seyn und die Bedeutung des Ereignisses der Sprache analysiert.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere: linguistic turn, hermetisch, hermeneutisch, Sage, Inständlichkeit und die Unterscheidung zwischen Leit- und Grundfrage.
Was bedeutet bei Heidegger der Übergang von der "Seinsfrage" zur "Seynsfrage"?
Es bezeichnet die begriffliche und inhaltliche Wandlung seines Denkens von einer analytischen Untersuchung der Existenz hin zu einem "vom Sein her" gedachten, antwortlosen Fragen, das den Bereich des rein Begrifflich-Logischen hinter sich lässt.
Inwiefern ist Wittgensteins Tractatus laut der Arbeit "hermetisch"?
Wittgensteins Philosophie wird als hermetisch bezeichnet, weil sie das sinnvolle Sprechen von innen heraus gegen metaphysischen Unsinn abriegelt und somit eine notwendige Abgrenzung schafft.
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- Tassilo Weber (Author), 2011, Das Unaussprechliche und sein Geheimnis, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195364