Freund oder Feind?

Zur Schwierigkeit der Differenzierung in bewaffneten Auseinandersetzungen


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2010
31 Seiten, Note: Keine

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Zur Einleitung

2. Der historisch-politische Kontext

3. Das Recht

4. Die Moral

5. Die Technik

6. Die Medien und die Öffentlichkeit

7. Ein vorläufiges Resümee

8. Literatur

1. Zur Einleitung

Der vorliegende Aufsatz beschäftigt sich mit der Schwierigkeit, im Kriege und kriegsverwandten Situationen zu unterscheiden, wer Feind und wer Freund ist. Der Begriff Freund soll hierbei nicht im Sinne von verbündet gesehen werden, sondern als schlichter Gegenbegriff zum Feind. Der Feind ist einzig zu verstehen als direktes Ziel eines militärischen Angriffs mit dem Ziel, selbigen zu verwunden oder zu töten. Dazu zählen neben Personen auch feindliche Objekte, die mit dem Ziel der Zerstörung angegriffen werden. Ob dieser Angriff legal, legitim oder an gleich welchem Maßstab gemessen richtig ist, sei zunächst einmal dahin gestellt. Die Fragestellung betrachtet zunächst einmal nur, welche Faktoren die Entscheidung, wer Freund und wer Feind ist, beeinflussen.

Die Unterscheidung von Freund und Feind wird von ganz unterschiedlichen Akteuren vorgenommen und findet im Wesentlichen zwischen der supranationalen Ebene (Makroebene) und der Ebene der hier und jetzt lebenden Einzelmenschen (Mikroebene) statt (vgl. Patzelt 2007). Akteure der supranationalen Ebene (z.B. der Attische Seebund oder die Europäische Union) oder auch der internationalen Ebene (die Vereinten Nationen) können andere Akteure wie etwa andere internationale Gebilde (z.B. NATO, Warschauer Pakt, Entente, Dreibund etc.) oder auch einzelne Staaten als Feind oder, präziser, als Angreifer (z.B. Afghanistan) oder Menschenrechtsbrecher (z.B. Ruanda 1994, Irak 1990) deklarieren. Desgleichen können Staaten anderen Staaten ganz offiziell und formal den Krieg erklären oder transnationale (z.B. Al Kaida) oder substaatliche Akteuren (z.B. die ETA) als Feind identifizieren. Bisweilen kann dies auch einzelnen Personen (z.B. Saddam Hussein, Osama Bin Laden, eine zeitlang Fidel Castro) widerfahren. Umgekehrt können auch Organisationen und Institutionen wie die RAF einem Staat, hier der Bundesrepublik Deutschland, den ‚Krieg erklären’. Auch Kleingruppen und Einzelpersonen können sich wechselseitig als feindlichen Akteur wahrnehmen.

Wer nun wen und warum als Feind wahrnimmt, wird beeinflusst durch kulturspezifische Wissensbestände (z.B. ‚Nie wieder Auschwitz’ oder ‚Srebrenica’), normative Vorstellungen (z.B. ‚Westliche Demokratien sind dekadent und gottlos’) und Deutungsroutinen (z.B. ‚der Mörder als ‚Feind’ der Gesellschaft’). Für das soldatische Subjekt, das eine Einzelperson ist, ausgerüstet mit eben diesen Wissensbeständen, Normen und Deutungsroutinen, und der gleichzeitig eine zugewiesene Rolle ausfüllt, hat die Unterscheidung von Freund und Feind eine besondere Bedeutung. Es kann diese Unterscheidung im Großen, also im Bereich von Institutionen und Organisationen und darüber, nur in Ausnahmefällen beeinflussen (etwa als militärischer Berater an der Schnittstelle zu Politik); es besitzt also in gewissen Grenzen ein vorgegebenes, zeitlich begrenztes Feindbild auf dieser und den übergeordneten Ebenen. Natürlich kann der/die Soldat/in als Einzelperson eine andere Einzelperson als quasi persönlichen Feind betrachten; allerdings ist er/sie gezwungen, dieses aufzugeben, sobald höhere Ebenen dies kraft Befehl erzwingen. So ist das soldatische Subjekt im ‚Ernstfall’ gezwungen eine Zuordnung entlang von subjektiven Einschätzungen und Befehlen von hier und jetzt lebenden Einzelmenschen oder Objekten in die Kategorie Freund oder Feind vorzunehmen.

Genau diese Unterscheidung ist das Problem des vorliegenden Aufsatzes. Sie ist für jeden Beteiligten folgenreich, da das soldatische Subjekt – anders als der normale Bürger – Teil jenes Subsystems der Gesellschaft ist, welches als Mittel zur Erfüllung seiner Funktion organisierte, präventive Gewalt von besonderer Quantität und Qualität einsetzen darf. Es befindet in gewissen Grenzen darüber, gegen wen oder was sich diese Gewalt konkret richtet; diese Entscheidung hängt damit von Größen ab, die nur zu einem kleinen Teil von ihm verändert werden können, ihm zum Großteil entzogen sind. Wohl aber hängt entscheidend von ihm ab, wieweit seine militärische Kompetenz ausgeprägt ist (Daase 1999: 231-233), ob es körperlich wie psychisch belastbar ist (Jones 2006), wie es um seine Motivation und sein Urteilsvermögen bestellt ist und ob es unter extremem Stress handlungsfähig bleibt (Overy 2000: 376).

Nur wenig kann das soldatische Subjekt beeinflussen, was aus anderen Bereichen in die Entscheidung über Freund und Feind einfließt. Hier wären mehrere Einflussdimensionen zu nennen: Der historisch-politische Kontext spielt eine maßgebliche Rolle, wenn es darum geht zu entscheiden, wer warum als Feind zu bekämpfen ist. Ähnliches gilt für Recht und Moral, zwei Einflussdimensionen, die Begründungen für die Unterscheidung von Freund und Feind liefern. Die Dimension Technik wiederum ist von Bedeutung, weil in ihr praktisch-operative Hilfsmittel zur Erkennung und auch zur Bekämpfung eines Feindes zu finden sind. Schließlich spielen noch die Einflussdimensionen Medien und Öffentlichkeit eine Rolle, weil sie individuelle und kollektive Sichtweisen befördern und helfen, den Feind oder den Freund sozial zu konstruieren.

2. Der historisch-politische Kontext

Das Wesen des Krieges ist, dass Gewalt zu einem bestimmten übergeordneten Zweck gegen einen Dritten gerichtet wird. Dieser Zweck ist ein politischer, nämlich die Erfüllung des eigenen Willens gegen das Widerstreben des Gegners. Zur Erreichung dieses Willens ist in bestimmten Fällen, die wir als Krieg oder gewaltsamen Konflikt von der bloßen Konkurrenz abgrenzen, ein untergeordneter Zweck, nämlich die Niederwerfung des Gegners oder zumindest seine deutliche Schwächung vonnöten. Das Mittel dazu ist mehr oder weniger organisierte Gewalt, die sich gegen den Gegner und seine Wehrhaftigkeit richtet (Gantzel 2002a: 25f). Und genau diese Richtung der Gewalt ist nichts Anderes als eine Frage der Differenzierung von Freund und Feind. Üben beide Seiten Gewalt aus und setzen sich dem Risiko aus, selbst Gewalt zu erfahren, sprechen wir von Krieg (Creveld 2004: 237f.).

In den Kriegen vor dem 17. Jahrhundert dominierte noch die Praxis der nachhaltigen Schädigung des Feindes mit dem Ziel, ihn zur Erfüllung von Forderungen zu zwingen. Diese Praxis, zu der bspw. auch Plündern und Brandschatzen sowie das Töten von Bauern gehörte, sollte den Gegner zermürben und schließlich zum Einlenken bewegen (Ermattungsstrategie). Die Durchsetzung des Nationalstaates begünstigte hingegen die Tendenz zur militärischen Entscheidung, die möglichst territorial und zeitlich begrenzt in einer Schlacht erzielt werden sollte. Dafür musste der bewaffnete Arm des Gegners, der seit Erfindung des Schießpulvers immer mehr in der Lage war, auch längere Gefechte durchzustehen, mit möglichst geringen eigenen Verlusten zerschlagen werden (Vernichtungsstrategie).

Diese Entwicklung hin zum Staat als dominierendem Akteur im Kriegsgeschehen geht einher mit einer klaren Unterscheidung von Krieg und Frieden, mit der politischen Festlegung von Freund und Feind und – für unsere Frage entscheidend – mit der Unterscheidung von Kombattant und Nichtkombattant. Letzteres ist mehr als nur eine normative Komponente, denn es birgt auch eine funktionale Komponente: Eine Kombattant und Nichtkombattant nicht unterscheidende Bekämpfung des Gegners bedeutet häufig eine künstliche Verlängerung des Krieges (Daase 1999: 96f.) und schwächt die eigenen Ressourcen und Truppen, die bei solcher Kampfpraxis zu einer disziplinlosen, unkontrollierbaren Masse, zu einem Mob mutieren (Kirkpatrick 1995: 100f.; Creveld 2004: 143).

Auch auf Ebene der einzelnen Soldaten ist die korrekte Identifizierung, die bewusste Unterscheidung und Konzentration auf den Feind in symmetrischen Konflikten zunehmend präziser geworden. So drängten Disziplinierungsmaßnahmen und Training innerhalb der Armee ebenso auf eine korrekte Bekämpfung des Feindes wie das wachsende Bewusstsein des Einzelnen, im Falle einer Gefangennahme oder gar einer Niederlage im Krieg möglicherweise zur Verantwortung gezogen zu werden. Nicht zuletzt die ganz praktische Überlegung, dass letztlich jeder Schuss auf einen Unschuldigen den bewaffneten Arm des Feindes intakt lässt, der folglich ungehinderter und länger agieren kann. Durch räumliche und zeitliche Eingrenzung bzw. Verdichtung der Kampfhandlungen im Zuge des 19. Jahrhunderts waren zudem immer seltener Zivilisten überhaupt zugegen, wenn Armeen aufeinander prallten. Die Unterscheidung von Freund und Feind entfiel beinahe. Jede Person innerhalb eines bestimmten Gebietes, z.B. im ‚erstarrten‘ Ersten Weltkrieg sogar in einer bestimmten Richtung, war automatisch Feind.

Blicken wir auf die Entwicklung asymmetrischer Konflikte, also auf Konflikte, in denen ein Akteur eine klare militärische Dominanz gegenüber einem zweiten Akteur besitzt (angefangen bei den ‚klassischen‘ Partisanenkriegen). In einer solchen Konstellation wäre auf den ersten Blick anzunehmen, dass der Unterlegene jeglichem Risiko ausweicht, indem er der militärischen Gewalt des Gegners zu entgehen und seine eigene gegen ‚weiche‘ oder nichtmilitärische Ziele des Gegners zu richten versucht. So richtet sich seine Gewalt vornehmlich gegen nicht- oder teilmilitärische und unbewaffnete Ziele, und er wendet unkonventionelle Mittel und Methoden an. Er ist gezwungen, die entscheidenden Größen, die der Überlegene bei der Erfüllung seiner Ziele klein halten will, nämlich Zeit und Kosten, zu maximieren (Laqueur 1998: 378f.).[1] Dabei trägt er bei allen Aktionen ein Risiko, vielleicht sogar ein größeres als der reguläre Soldat, da er neben dem Leben stets riskiert, außerhalb von „Recht, Gesetz und Ehre gestellt zu werden.“ (Schmitt 2002: 35). Er bekämpft zunächst Ziele, die er mit vertretbarem Risiko ausschalten kann und die den Besatzer, gleich welche Gegenstrategie er wählt, zunehmend Zeit und Opfer kosten werden (Laqueur 1998: 379-381). Schwindet solche Asymmetrie, würde der vormals Unterlegene zunehmend zu regulären Kampfweisen wechseln und vielleicht sogar die direkte, militärische Konfrontation mit dem Gegner suchen, da auch er ab diesem Zeitpunkt ein Interesse an einer schnellen, siegreichen Beendigung des Konfliktes hegt.

Für den Überlegenen ist die Frage der Unterscheidung von Freund und Feind zweischneidig zu betrachten. So kämpft er gegen einen ‚unsichtbaren‘ Feind, der bewusst die Norm oder das Interesse an einer richtigen Unterscheidung und Bekämpfung unterläuft. Er weiß aber zugleich, dass härteres, undifferenziertes Vorgehen unweigerlich den Widerstandswillen der Bevölkerung stärkt, was wiederum dem eigentlichen Feind zunehmend nützt. Versucht der Überlegene aber, möglichst keine Kollektivmaßnahmen anzuwenden, auf strengste Differenzierung und ausschließliche Bekämpfung feindlicher Akteure zu drängen, riskiert er zwangsläufig eigene Verluste, eine lange Dauer und abnehmende Unterstützung in der Heimat (Creveld 2004: 147). Längere Dauer und höhere Kosten können in Abwägung zum politischen Ziel schrittweise das Übergewicht gewinnen und letztlich sogar zum Rückzug führen.

In heutigen asymmetrischen Konflikten ist auf Seiten des Überlegenen eine Tendenz zu verzeichnen, die ‚normale‘ Bevölkerung zu verschonen, gar zu schützen und lediglich die ‚restlichen‘ Feinde auszuschalten. Kurz, überlegene Akteure versuchen, Differenzierung zu gewährleisten (Müller 2009: 355f.). Eine völlig gegenläufige Tendenz lässt sich allerdings in heutigen Konflikten auf Seiten der unterlegenen Konfliktparteien feststellen. Als Interventionsmächte treten vornehmlich demokratische Staaten auf, die – unabhängig von den tatsächlichen Zielen – mit moralischen Zielen wie der Abwendung von Unrecht, Unterdrückung und Menschenrechtsverstößen und dem Schutz Unschuldiger etc. angetreten sind, fremde Länder zu befrieden, zu stabilisieren und vielleicht sogar zu demokratisieren. In solchen Konstellationen verfügt der unterlegene Akteur über erhebliche Möglichkeiten, die Kosten des Gegners in die Höhe zu treiben. Denn dieser zählt nicht nur die eigenen militärischen Verluste, sondern auch zivile Verluste zu seinen Kosten. Ist er nicht fähig oder nicht willens, die Zivilbevölkerung ausreichend zu schützen, verliert seine Mission immer mehr an Sinn und Legitimation (Stupka 2004: 55). Weder die lokale Bevölkerung noch die eigene Gesellschaft tolerieren langfristig größere Opfer. Erstere wenden sich den Aufständischen zu, letztere lassen es an Unterstützung fehlen. Genau aus diesem Grunde ist es für den Unterlegenen oftmals durchaus rational, eben nicht allzu genau zu differenzieren, wer letztlich von seinen Waffen getroffen wird.

Damit tritt das Problem der westlichen Demokratien als Kriegsakteure deutlich zutage. Da diese politischen Systeme in heutigen Konfliktkonstellationen meist den Part des Überlegenen einnehmen, und zwar in moralischer wie materieller Hinsicht, haben sie ein wachsendes Interesse an einer möglichst genauen Differenzierung zwischen Freund und Feind. Auf der anderen Seite sabotiert ihr Gegenpart dieses Interesse und mindert, kraft seiner Kampfweise, gezielt die Möglichkeiten, tatsächlich zu differenzieren. Beide Akteure verfolgen politische, gelegentlich ökonomische Ziele und wählen dafür den Weg, der aus ihrer Sicht am wahrscheinlichsten Erfolg verspricht. Insofern handeln beide Akteure rational, wenn sie versuchen, eine wirksame, überhaupt keine oder gar gegenläufige Unterscheidung von Freund und Feind zu treffen.

[...]


[1] Gerade liberale demokratische Verfassungsstaaten müssen demnach ihre Kriege tatsächlich mit vertretbaren Kosten in absehbarer Zeit gewinnen (Stupka 2004: 50).

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Freund oder Feind?
Untertitel
Zur Schwierigkeit der Differenzierung in bewaffneten Auseinandersetzungen
Veranstaltung
Streitkräfte in einer postheroischen Gesellschaft
Note
Keine
Autor
Jahr
2010
Seiten
31
Katalognummer
V195502
ISBN (eBook)
9783656213345
ISBN (Buch)
9783656213628
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Freund Feind Krieg Konflikt, Kampf, Militär, Sicherheitspolitik
Arbeit zitieren
Martin J. Gräßler (Autor), 2010, Freund oder Feind?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195502

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