Rollenzwang und Sprachkritik in Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter"

Was sagen uns "Biedermann und die Brandstifter" über die Mitschuld des Bürgers an der Katastrophe?


Hausarbeit, 2011
37 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Max Frisch als Dramatiker
1.1. Die Verantwortung des Schriftstellers als Zeitgenosse
1.2. Die Bühnenhandlung als Exempel

2. Interpretationsansätze
2.1. Das Biedermann- Stück als politische Parabel
2.2. Ein Lehrstück ohne Lehre
2.3. Kritik am Bürger und am Intellektuellen
2.4. Sprachkritik und Rollen-Spiel

3. Das Dilemma der Sprache im Drama Biedermann und die Brandstifter
3.1. Das Verhältnis von Wort und Tat
3.2. Verhinderte Kommunikation
3.3. Oberflächliche Informationsverarbeitung
3.4. Verweigerung der Wirklichkeitswahrnehmung
3.5. Kann Sprache die Wahrheit sagen?
3.6. Sprachskepsis und Gesellschaftskritik

4. Die Determiniertheit des Menschen durch seine Rolle(n)
4.1. Zum Begriff der „sozialen Rolle“
4.2. Das Rollen-Spiel der Biedermanns
4.2.1. Rollen-Konflikte
4.2.2. Das Wunschbild vom liberalen Bürger
3.2.3. Vorder- und Hinterbühne
4.3. Verhindertes Erkennen und Identitätsverlust
4.4. Über die Möglichkeiten, die Grenzen der Rolle zu durchbrechen
4.5. Institutionskritik

5. Die Katastrophe
5.1. Kritik einer Schicksals-Ideologie
5.2. Die Macht der Gewohnheit
5.3. Resignation im Nachspiel
5.4. Auswege aus der Katastrophe

6. Zeitlose Brisanz des Stückes

7. Literaturverzeichnis

8. Kommentierte Auswahlbibliographie .

1. Max Frisch als Dramatiker

Das Bedürfnis des Schriftstellers, zu schreiben, speist sich aus seinem natürlichen und unüberwindbaren Drang nach Kommunikation und der Notwendigkeit, dem Unbehagen in der Welt und dem Leiden des Menschen an der heutigen Zeit Ausdruck zu verleihen.1 Im Zentrum sämtlicher Werke Frischs steht der entfremdete, von der Gesellschaft geprägte Mensch, der zunächst sein eigenes Ich kennen lernen muss, um der Welt stand zu halten.2 Die Intention, diesen Erkenntnisprozess in Gang zu setzen und zu unterstützen, ist im gesamten Werk des Autors nachvollziehbar. Die Problematik der zwischenmenschlichen Kommunikation nimmt daher als elementarer Bestandteil des Selbstfindungs-Prozesses einen wichtigen Raum in Frischs Werk ein.

1.1. Die Verantwortung des Schriftstellers als Zeitgenosse

Dass die Katastrophe herstellbar und kein von außen verhängtes Schicksal ist, gerät nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich in den Fokus seiner Reflexionen. Die im Tagebuch 1946 - 1949 ausgedrückte Bestürzung über die zertrümmerten Städte im benachbarten Deutschland und die Zweifel angesichts der Hypothese, wie er selbst und seine Landsleute auf die politischen Ereignisse in Deutschland reagiert hätten, nötigen ihn, sich selbst in die entsprechenden Umstände zu versetzen. Als Zeitgenosse sieht er seinen „Schreib-Auftrag“ darin begründet, Nichtbeteiligter und dennoch Betroffener zu sein3.

Vor allem im Biedermann-Projekt kann man den Versuch sehen, Ursachen, Bedingungen und Mechanismen zu analysieren, um die Frage nach der Wiederholbarkeit historischer Ereignisse zu beantworten.4

1.2. Die Bühnenhandlung als Exempel

Im Tagebuch 1946 - 1949 beschreibt Frisch folgende Gedanken von der Bühne des Theaters als Rahmen:

[ ... ] wenn wir einen leeren Rahmen nehmen: und wir h ä ngen ihn versuchsweise an eine blo ß e Wand, [ ... ] : jetzt aber, zum erstenmal, bemerken wir, wie eigentlich die Wand verputzt ist. Es ist der leere Rahmen, der uns zum Sehen zwingt.5

Vorgänge oder Ereignisse, die von den Menschen im Alltag täglich ohne Protest hingenommen werden, können im Rahmen einer Theateraufführung Empörung und Entrüstung hervorrufen und das Verhältnis der Menschen zur Wirklichkeit außerhalb des Theaters verraten.6 Die Bühne als Rahmen verleiht einer gewöhnlichen Begebenheit den Status des Exemplarischen und macht bewusst und transparent, was im alltäglichen Leben nicht ohne weiteres durchschaubar ist.7

Zwar ändert sich die Einschätzung des Autors zur tatsächlichen Einfluss- und Wirkungsmöglichkeit der Literatur und vor allem im Spätwerk überwiegt Skepsis. Jedoch stand Frischs Schreiben und Wirken stets unter dem Bewusstsein für die Verantwortung des Schriftstellers, Stellung zu Fragen der Gegenwart zu beziehen und an die Kraft der Dichtung zur Veränderung zu glauben.8

Frischs berühmtes Stück vom Bürger Biedermann, der Mitschuld an der Katastrophe trägt, indem er sich die Brandstifter ins eigene Haus lädt und ihnen am Ende gar noch die Zündhölzchen reicht, legt Strukturen des menschlichen Verhaltens angesichts drohender Gefahren offen und provoziert den Rezipienten, sich im Rahmen der kritischen Deutung des Geschehens seines eigenen Verhaltens bewusst zu werden.

2. Interpretationsansätze

Biedermann und die Brandstifter wird zu Frischs erfolgreichsten Dramen gerechnet. Die hohe „Beliebtheit“ des Stückes beruht nicht zuletzt auf der Vieldeutigkeit seiner zentralen Aussagen.

2.1. Das Biedermann- Stück als politische Parabel

Ausgehend von der Genese des Stückes9, liest man es als literarische Verarbeitung der Machtübernahme in der Tschechoslowakei durch die Kommunisten und als kritische Darstellung der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland.10 Selbstverständlich lassen sich die im Stück thematisierten Verhaltensweisen auf politische Verhältnisse übertragen. Dennoch verkennen Lesarten solcher Art, dass die Brandstifter keinerlei politische Motivation haben, denn [ Die ] machen es aus purer Lust. “ 11 Eine Unterstellung, das Stück sei auf konkrete politische Ereignisse zurückzuführen, ist also ausgeschlossen. Das Stück bringt keinen historischen Einzelfall auf die Bühne, sondern liest sich eher als eine unmittelbare Reaktion auf den weit verbreiteten Dünkel, „ Das w ä re bei uns halt nicht m ö glich. “ 12

2.2. Ein Lehrstück ohne Lehre?

Der Untertitel Ein Lehrst ü ck ohne Lehre bietet einen weiteren Interpretationsansatz, im Rahmen dessen vor allem die Wirkung von Brecht auf das Schaffen Frischs in die Betrachtungen einbezogen wird.13 Wichtig für die weiteren Ausführungen scheint mir an dieser Stelle die Bemerkung Petersens, dass die Aussage, in der Welt ändere sich nichts, eine Identifikation des Publikums mit der Bühnenhandlung ausschließt. Indem der Chor am Ende des Stückes vermerkt „ Sinnlos ist viel, und nichts/ Sinnloser als diese Geschichte:/ Die n ä mlich, einmal entfacht,/ T ö tete viele, ach, aber nicht alle/ Und ä nderte gar nichts “ 14 macht er dem Rezipienten explizit den Vorwurf der Lernunfähigkeit, so dass dieser sich distanzieren muss, wenn er sich nicht selbst zu den Unbelehrbaren gezählt sehen will - Lernfähigkeit soll quasi provoziert werden.15 Die Forschung wirft Frisch häufig vor, seine Figuren in ihren Konflikten zu zeigen ohne hinreichend darzustellen, welche Mechanismen diese Konflikte heraufbeschworen haben.16 So sei das Publikum ohne konkrete Handlungsanweisungen mit der Feststellung der Sinnlosigkeit und Unveränderbarkeit menschlichen Handelns sich selbst überlassen.17 Solche Anmerkungen erscheinen geradezu absurd angesichts des Untertitels „ Ein Lehrst ü ck ohne Lehre. “ Frisch will im Gegensatz zu Brecht nicht belehren. Er zweifelt gar an der Belehrbarkeit des Menschen. Dennoch schließt er nicht aus, dass der Mensch aktiviert werden kann, über sich selbst und sein Verhalten nachzusinnen. Desweiteren sind oben genannte Vorwürfe m. E. mit Blick auf die Aussagen des Stückes nicht begründet, denn es sind, wie im Folgenden versucht wird zu zeigen, einige Angebote vorhanden, die Auswege aus dem schier unüberwindlichen Kreislauf menschlichen Fehlverhaltens andeuten und es werden durchaus bei einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem Stück Ursachen des Verhängnisses klar ersichtlich.

Dass das Stück zweifelsohne didaktischen Charakter hat, belegt nicht zuletzt die Tatsache, dass es nach wie vor neben Andorra im Deutschunterricht gelesen wird.18

2.3. Kritik am Bürger und am Intellektuellen

Relativ einmütig sehen die Autoren in Frischs Stücken eine substantielle Kritik am Bürgertum widergespiegelt. Weise sieht im Werk Max Frischs eine Dichtung gegen den Bürger als Wesen, der seine Existenz nur über materiellen Besitz definiert und von der ihn umgebenden Ordnung bis zu einem Maße determiniert wird, das eigenständiges Denken und Handeln nicht mehr zulässt. Frei von jeglichem Urteilsvermögen und sittlichem Wertemaßstab verharrt er selbst im Angesicht der Bedrohung in ohnmächtiger Untätigkeit.19 Allerdings sollte eine solche Kritik nicht als Kritik am System des Liberalismus per se missverstanden werden. Angeklagt wird stattdessen der bürgerliche Typ des Mitläufers, der sich ungeachtet aller moralischen Prinzipien verbrüdert und anbiedert, um offenen Feindschaften zu entgehen.20 Dementsprechend urteilt der Chor: „ Schwer hat es, wahrlich, der B ü rger!/ Der n ä mlich, hart im Gesch ä ft,/ Sonst aber Seele von Mensch, Gerne bereit ist,/ Gutes zu tun./ Wo es ihm passt. “ 21

Allerdings wird auch der Intellektuelle von keiner Schuld frei gesprochen. Im Stück kann der Dr. phil. angesichts der offensichtlich drohenden Katastrophe nur hervorbringen: „ Ich distanziere mich - “ 22 Dieser Ausspruch ist ein Eingeständnis der Wirkungslosigkeit des Intellekts gegen die selbstzerstörerischen Kräfte der Gleichgültigkeit bzw. Ohnmacht, welche die Gesellschaft so anfällig für ihre Zersetzung macht.23 Der Chor äußert sich zudem kritisch über die wirkungslose Weitsicht des Intellektuellen: „ Hoffend auch er ... bieder-unbieder!/ Putzend die Brille, um Weitsicht zu haben,/ Sieht er die F ä sser voll Brennstoff/ Nicht Brennstoff - / Er n ä mlich sieht die Idee!/ Bis es brennt. “

Der Chor ist die einzige Instanz im Stück, die wirklich über das Geschehen reflektiert, Dinge voraussagt und Warnungen aussendet. Er kommentiert, deutet und kritisiert das Geschehen und die Handlungen der Figuren. In dieser Hinsicht verkörpert er die bürgerliche Vernunft.24 Allerdings wird die Machtlosigkeit der Vernunft deutlich demonstriert. Trotz allen Wissens um die drohenden Gefahren, gelingt es dem Chor nicht, die Katastrophe abzuwenden.

2.4. Sprachkritik und Rollen-Spiel

Neben der politischen Lesart, der Analyse der Lehrhaftigkeit des Stückes und der Interpretation einer generellen Gesellschaftskritik beschäftigten sich außerdem zahlreiche Autoren mit der gestörten Kommunikation der Figuren. Bänziger sieht das Biedermann -Stück als „Modell einer modernen Beziehungslosigkeit,“25 und Breier spricht von mechanischen zwischenmenschlichen Beziehungen, die durch die Gewohnheit der Alltäglichkeit leblos geworden sind und als Wurzel gesellschaftlichen Versagens gelten können.26

In der Annahme, dass die Katastrophe durch zwischenmenschliche Beziehungen verursacht bzw. verhindert werden kann, wird die verbale Kommunikation der Figuren und ihre Interaktion im „Rollen-Spiel“ nun eingehender untersucht.

3. Das Dilemma der Sprache im Drama Biedermann und die Brandstifter

Mit Blick auf die Hauptfiguren lässt sich feststellen, dass deren Spiel relativ handlungsarm ist. Eigentlicher Träger des dramatischen Gehalts ist die verbale Kommunikation der Figuren.27 Geht man von Sprache als Mittel zur zwischenmenschlichen Verständigung aus, so erkennt man im Biedermann -Stück zweifelsfrei ein Modell gestörter Kommunikation.

3.1. Das Verhältnis von Wort und Tat

Ein Großteil der Komik (und Tragik) des Stückes Biedermann und die Brandstifter beruht auf der missverständlichen Kommunikation zwischen den Figuren. Deren scheinbar willkürliches Aneinandervorbeireden, wie zu beobachten bei Biedermann und dem ersten Brandstifter Schmitz, verursacht komische Effekte und bleibt zunächst noch harmlos amüsant:

SCHMITZ: Wer h ä tte das gedacht, ja, wer h ä tte gedacht, dass es das noch gibt! Heutzutage. BIEDERMANN: Senf?

SCHMITZ: Menschlichkeit. (er schraubt die Tube zu). 28

Missverständnisse solcher Art entstehen, weil die Figuren auf unterschiedlichen Sprachebenen agieren. Die Sprache der Biedermanns unterscheidet sich von der Sprache der Brandstifter in ihrer Ausdrucksfunktion. Die Biedermanns sprechen nicht aus, was sie eigentlich meinen, sondern benutzen formelhafte Phrasen quasi als Maske, hinter der sie die wahren Absichten und Meinungen verbergen.

Die Angst und Unfähigkeit, auszusprechen, was gemeint ist, machen Babette und Gottlieb Biedermann zu unfreien Sprechern und begrenzen den Spielraum ihres Sprachhandelns.29 Sie können sprachlich nur innerhalb eines sehr engen Rahmens aus starren Redemustern und sinnentleerten Floskeln agieren und sind deshalb äußerst anfällig für die zunächst nur verbalen „Angriffe“ der Brandstifter. Diese nämlich gebrauchen die Sprache völlig frei. Sie sind aufgrund dieser Flexibilität in der Lage, die formelhafte, unselbständige Sprache der Biedermanns zu durchschauen und Gesprächssituationen für ihre Zwecke zu manipulieren. Der Missbrauch der Sprache auf beiden Seiten ermöglicht überhaupt erst den Beginn des katastrophalen Verlaufs der Dinge, wie aus der ersten Begegnung Biedermanns mit dem Brandstifter Schmitz ersichtlich wird. Das Hausmädchen Anna meldet, dass der Hausierer vor der Tür sich durch nichts von seinem Wunsch abbringen ließe, Herrn Biedermann zu sprechen. Biedermann, durch die Zeitungslektüre unterrichtet über die bereits mehrfach angewandte Methode der Brandstifter, sich als Hausierer bei ihren „Opfern“ im Haus einzunisten, reagiert zunächst ungehalten und entschlossen, modifiziert jedoch sein Sprechen und Handeln im Verlauf der Konversation:

BIEDERMANN: Sagen Sie ihm, ich werde ihn eigenh ä ndig vor die T ü r werfen, wenn er nicht sofort verschwindet. [ ... ] Er soll im Flur drau ß en warten. Ich komme sofort. Wenn er irgendetwas verkauft, [ ... ] ich bin kein Unmensch, Anna, das wissen sie ganz genau! - aber es kommt mir keiner ins Haus. Das habe ich Ihnen schon hundertmal gesagt! [ ... ]

SCHMITZ: Guten Abend. [ ... ]

BIEDERMANN: Sagen Sie mal - SCHMITZ: Guten Abend!

BIEDERMANN: [ ... ] ich mu ß schon sagen ... ohne zu klopfen ... SCHMITZ; Mein Name ist Schmitz.

BIEDERMANN: Ohne zu klopfen. [ ... ] SCHMITZ: Schmitz Josef. [ ... ]

BIEDERMANN: Und was w ü nsche Sie? [ ... ]

SCHMITZ: [ ... ] Bin nur gekommen, weil`s drau ß en so regnet. [ ... ] Hoffentlich st ö r ich nicht. - BIEDERMANN: Rauchen Sie? 30

Anhand dieser Szene lässt sich sehr gut nachvollziehen, wie die offensichtliche Diskrepanz von Wort und Tat Biedermann zum Verhängnis wird. Auf seine Drohung, den Hausierer eigenhändig vor die Tür zu setzen, folgt sein Zugeständnis, ihn im Flur zu empfangen. Dem Brandstifter wird Einlass ins Haus gewährt und ab diesem Moment ist es für Biedermann auch nicht mehr möglich, ihn loszuwerden. Das Eindringen des Brandstifters in sein Haus unterstützt Biedermann mit seinem Sprachhandeln. Um seine Fassungslosigkeit zu überspielen, greift er auf Floskeln zurück anstatt Schmitz mit seinen wahren Absichten, die er noch kurz zuvor geäußert hatte, zu konfrontieren. Schmitz durchschaut die Struktur der Konversation und begibt sich bewusst auf die Sprachebene Biedermanns, um seine wahre Intention zu tarnen.31 Er bedient sich formaler Höflichkeit, um Biedermann gegenüber den unerhörten Umstand, dass er sich nun tatsächlich bereits Zutritt zu Biedermanns Haus verschafft hat, zu „entschärfen.“32 Biedermann jedoch wird in dem Maße mitschuldig, wie er die Verharmlosung der brisanten Situation bereitwillig annimmt. Die von Schmitz benutzte Phrase böte ihm die Möglichkeit, zu sagen, dass ihn in der Tat störe, einen Fremden im Haus zu haben. Stattdessen fällt er prompt auf Schmitz` Kalkulation herein und erwidert dessen scheinheiligen Anstand mit dem Angebot einer Zigarre. Beide missbrauchen die Sprache, indem sie Phrasen verwenden, die nicht aussagen, was eigentlich gemeint ist. Schmitz jedoch verschafft sich dadurch einen Vorteil und ist seinem Ziel, das Haus der Biedermanns in Brand zu setzen, ein wesentliches Stück näher gekommen, während sich Biedermann die Möglichkeit, sich vor den Brandstiftern zu retten, quasi mit den ersten Worten der oberflächlichen, konventionellen Freundlichkeit endgültig versagt.

Die Struktur der unterschiedlichen Sprachebenen zieht sich konsequent durch das ganze Stück, mit dem Unterschied, dass die Brandstifter zunehmend die Maske der harmlosen Obdachlosen fallen lassen und explizit über ihre Absichten Auskunft geben: „ EISENRING: Das machen wir meistens so. Wir holen die Feuerwehr in ein billiges Au ß enviertel, und sp ä ter, wenn`s wirklich losgeht, ist ihnen der R ü ckweg versperrt. “ 33 Biedermann antwortet auf solche Enthüllungen bis zum Schluss mit unverfänglichen Phrasen: „ Spa ß beiseite! - [ ... ] Nein meine Herren, Spa ß beiseite - [ ... ] Schlu ß mit diesem Unsinn! [ ... ] . “ 34

Er gibt bis zum Ende die vage Hoffnung nicht auf, durch einen gesellschaftlichen Umgangston lasse sich auch die ernsthafte Situation abmildern. Dieses Konzept geht nicht auf, weil die Brandstifter nicht auf derselben Sprachebene agieren und das konventionalisierte Spiel unverfänglicher Höflichkeit nicht mitspielen.

Das eigentliche Verhängnis besteht darin, dass die Brandstifter die Biedermann` sche Sprache absolut durchschauen. Das gibt ihnen die Möglichkeit, in den Dialogen die uneingeschränkte Kontrolle auszuüben und sie quasi mit ihren eigenen Waffen zu schlagen.35 Schmitz setzt gesellschaftlich anerkannte Floskeln bewusst ein, um Ziele zu erreichen, die absolut inakzeptabel, ja sogar der Gesellschaft feindlich erscheinen müssen.36 Weil sich Biedermann sprachlich auf einer Ebene bewegt, auf der den Worten keine Taten folgen, kann er gegen die zielgerichteten Pläne der Brandstifter nichts ausrichten

3.2. Verhinderte Kommunikation

Zum einen wird die Kommunikation dadurch gestört, dass die Figuren auf unterschiedlichen Sprachebenen agieren. Die Brandstifter durchschauen das Sprachhandeln der Biedermanns und passen sich an, um deren Selbsttäuschung zu unterstützen, bleiben sich aber treu, indem sie konsequent ihre geäußerten Absichten verwirklichen.

Ebenfalls hindert der Fokus auf die Form anstatt auf den Inhalt37 die Biedermanns daran, ihre Absichten zu kommunizieren bzw. die Vorhaben der Brandstifter zu durchschauen. Beispielsweise ist Babette fest entschlossen, Schmitz noch ein Frühstück zu geben und ihn dann fortzuschicken, allerdings [ in ] aller Freundlichkeit [ ... ] ohne ihn zu kr ä nken. “ 38 Da sie die Art und Weise betont, den Entschluss auszuführen anstatt ihren Entschluss selbst, kann sie ihr Vorhaben nicht realisieren, weil Schmitz ihre Anspielungen einfach ignoriert:

BABETTE: Ihr Fr ü hst ü ck ist bereit.

SCHMITZ: Madame! Das kann ich nicht annehmen!

BABETTE: Sie m ü ssen t ü chtig essen, Sepp. Sie haben sicherlich einen langen Weg vor sich.

SCHMITZ: Wieso? [ ... ] Sie sehen, Madame, ich f ü hl mich schon wie zu Haus ... 39

Wenn sich nun Schmitz weigert, die Regeln der Höflichkeit zu beachten und sich dementsprechend zu verhalten, bestünde für Babette die einzige Möglichkeit, die Situation für sich zu entscheiden, im direkten Ausdruck ihrer Absichten. Sie versucht es mehrmals, doch ist sie letztendlich dazu nicht einmal in der Lage, als sich ihr die Möglichkeit bietet, ihre wahren Absichten zuzugeben:

BABETTE: Herr Schmitz - SCHMITZ: Ja?

BABETTE: Wenn ich offen sprechen darf: - [ ... ] SCHMITZ: Was bek ü mmert sie?

BABETTE: Hier ist K ä se. [ ... ]

Rundheraus, Herr Schmitz - [ ... ] SCHMITZ: Sie m ö chten mich los sein?

BABETTE: Nein, Herr Schmitz, nein! so w ü rd ich es nicht sagen - ?

SCHMITZ: Wie w ü rden sie`s denn sagen? [ ... ] Madame halten mich also f ü r einen Brandstifter - BABETTE: Missverstehen Sie mich nicht! [ ... ] 40

3.3. Oberflächliche Informationsverarbeitung

Marianne Biedermann trägt einen weiteren interessanten Aspekt zur Diskussion bei, indem sie auf die Problematik des gesellschaftlichen Umgangs mit Informationen eingeht.41 Sie thematisiert einerseits den Umstand, dass medial vermittelte Informationen unreflektiert als Wahrheiten übernommen werden und die Vermittlungsorgane zunehmend die eigene Erfahrung ersetzen. Sie zitiert Walter Benjamin, der auf die vermehrten Orientierungsmöglichkeiten moderner „Informationsgesellschaften“ hinwies und die veränderte Erfahrungsstruktur dafür verantwortlich machte, dass zwar unablässig Informationen angenommen werden, diese aber nicht im Sinne einer wirklichen Erfahrung verarbeitet und gedeutet werden.42 Gottlieb Biedermann weiß definitiv aus der Zeitung, wie die Brandstifter für gewöhnlich vorgehen, um sich in Häuser der Bürger einzuschleusen. Und trotzdem reichen diese Inforationen nicht aus, um ihn zum entschiedenen Widerstand gegen die Brandstifter anzuregen. Dieser Mangel an Reflexionsfähigkeit drückt sich in folgendem Dialog zwischen Chor und Biedermann anschaulich aus:

„ CHORF Ü HRER: Da ß du sie duldest, die F ä sser voll Brennstoff,/ Biedermann Gottlieb, wie hast du`s gedeutet?

BIEDERMANN: Gedeutet?

CHORF Ü HRER: Wissend auch du, wie brennbar die Welt ist,/ Biedermann Gottlieb, was hast du gedacht?

BIEDERMANN: Gedacht? “ 43

[...]


1 Vgl. Schnetzler-Suter 1974, S. 13.

2 Vgl. Schnetzler-Suter 1974, S. 14.

3 Vgl. Schuchmann 1979, S. 17 f.

4 Vgl. Schmitz 1996, S. 45.

5 Frisch 1988, S.56.

6 Vgl. Max Frisch: Öffentlichkeit als Partner. Frankfurt a. Main 1970. S. 71. Zit. nach Schnetzler-Suter 1974, S. 20.

7 Vgl. Petersen 1979, S. 29 ff.

8 Vgl. Schuchmann 1979, S. 89 und Weise 1975, S. 166.

9 Die erste Prosaskizze Burleske , aus der dann 1953 die Hörspielfassung und 1957/1958 das Bühnenstück hervorgingen, fand sich in den Tagebüchern 1946 - 1949 unmittelbar nach einer Bemerkung zum kommunistischen Umsturz in der Tschechoslowakei 1948. Vgl. Frisch 1988, S. 213 ff.

10 Vgl. Schmitz 1996, S. 45 ff.

11 Frisch 1966, S.197.

12 Frisch 1988, S. 213

13 Vgl. Jurgensen 1968, S. 73 ff.

14 Frisch 1966, S. 197.

15 Vgl. Petersen 1979, S. 40 f.

16 Vgl. Schuchmann 1979, S. 216.

17 Vgl. Petersen 1979, S. 40.

18 Vgl. Müller-Roselius 2008, S. 85.

19 Vgl. Weise 1975, S. 61.

20 Vgl. Bänziger 1975, S. 60.

21 Frisch 1966, S. 171

22 Frisch 1966, S. 196.

23 Vgl. Jurgensen 1968, S. 79.

24 Vgl. Schmitz 1996, S. 60.

25 Bänziger 1975, S. 72.

26 Vgl. Breier 1992, S.70.

27 Vgl. Bauer Pickar 1979, S. 167.

28 Frisch 1966, S. 150.

29 Vgl. Bauer Pickar 1979, S. 171.

30 Frisch 1966, S. 143 f.

31 Vgl. Stromšík 1979, S. 285.

32 Aus dieser Tatsache lässt sich m. E. eindeutig Widerspruch zur Auffassung, die Brandstifter sprächen stets die „blanke und nackte Wahrheit“ und ihr Sprechen sei identisch mit ihrem Wollen und Tun ableiten. Vgl. hierzu Yu 1983, S. 133.

33 Frisch 1966, S. 193.

34 Ebd.

35 Vgl. Bauer Pickar 1979, S. 171.

36 Vgl. ebd.

37 vgl. Bauer Pickar 1979, S. 172.

38 Frisch 1966, S. 154.

39 Frisch 1966, S. 155.

40 Frisch 1966, S. 156.

41 Vgl. Biedermann 1991, S. 13 ff.

42 Vgl. Biedermann 1991, S. 14 ff.

43 Frisch 1966. S. 169.

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Rollenzwang und Sprachkritik in Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter"
Untertitel
Was sagen uns "Biedermann und die Brandstifter" über die Mitschuld des Bürgers an der Katastrophe?
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Seminar: Gegenwartsliteratur in vier deutschsprachigen Staaten
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
37
Katalognummer
V195541
ISBN (eBook)
9783656214922
ISBN (Buch)
9783656216032
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Max Frisch, Biedermann und die Brandstifter, Sprachskepsis, Sprachkritik, katastrophe, Rolle, Mitschuld, Bürger
Arbeit zitieren
Thérèse Remus (Autor), 2011, Rollenzwang und Sprachkritik in Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195541

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