Das Lachen in Gottfried Kellers „Das verlorne Lachen“ als Synonym für den Zustand der Ehe von Jukundus und Justine


Essay, 2011

6 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Essay

Das Lachen und die Liebe: Gottfried Keller „das verlorne Lachen“

„Das verlorne Lachen“, die letzte Novelle von Gottfried Kellers Novellenzyklus „die Leute von Seldwyla“, die, wie der gesamte Zyklus, dem poetischen Realismus zugeordnet wird, erzählt die Liebesgeschichte von Jukundus Meyenthal und Justine Glor, die beide über ein außergewöhnliches Lachen verfügen. Klar und einfach gehalten, umschließt die Geschichte den Kern der Novelle (Kritik an Religion und Politik) mit dem Mittel des Humors, durch den die Realität verklärt werden soll.

Jukundus, ein ärmlicher Fahnenträger des Seldwyler Sängervereins und Justine, Tochter einer reichen Familie von Seidenfabrikanten treffen auf einem Fest zum ersten Mal aufeinander und verlieben sich. Durch Zutun von Jukundus Mutter kommt es schließlich trotz der gesellschaftlichen Differenzen zu einer Hochzeit.

Jukundus, der erst daheim in Seldwyla als Holzhändler und später auch im Betrieb der Schwiegereltern aufgrund seiner Gutgläubigkeit als Geschäftsmann versagt, verliert den Respekt seiner jungen Ehefrau, die sich in ihrer Enttäuschung mehr und mehr der Religion zuwendet. Nach einem Streit und einer schlimmen Beleidigung von Seiten Justines trennt sich das Paar. Zusammen mit der Trennung verschwindet auch das Lachen aus ihren Gesichtern.

Jukundus zieht es in die Stadt, wo er endlich einen passenden Beruf findet und sich einer revolutionären Bürgerbewegung anschließt während Justine sich weiter in die Religion flüchtet. Außerdem verliert die Familie Glor durch die schlechte Wirtschaftslage ihr gesamtes Vermögen und Justine erkennt schließlich, dass auch die Religion ihr das verlorene Lachen nicht zurückgeben kann.

Als Justine sich aufmacht ihr Glück anderweitig zu finden und Jukundus auf Geheiß der Seldwyler Bürger ein altes Klatschweib aufsucht, treffen sich die Eheleute endlich wieder. Die beiden versöhnen sich und das Lachen kehrt in ihre Gesichter zurück.

Im Folgenden soll nun gezeigt werden, wie das Lachen die Beziehung von Jukundus und Justine und ihre gegenseitige Liebe zum Ausdruck bringt.

Zuallererst fällt bei der Lektüre der übermäßige Gebrauch von Wörtern wie lachen und lächeln ins Auge, der auf ihre zentrale Bedeutung schließen lässt.

Am Beginn der Novelle wird Jukundus als jemand, dessen „eigentümlich angenehmes Lachen, wenn es sich zeigte, jeden für ihn gewann,“[1] vorgestellt. Der junge Mann definiert sich dem Leser gegenüber durch sein Lachen. Es ist das Erste was auffällt wenn man Jukundus sieht und es ist ein besonderes Lachen. Eigentümlich, ein Lachen, das sonst niemand hat. Doch dann trifft Jukundus auf dem Sängerfest auf Justine, die ihm einen Kranz überreichen soll. Auf ihrem Gesicht

„strahlte wie ein Widerschein das gleiche schöne Lachen, wie es ihm eigen, und es zeigte sich, daß beide Wesen aus der gleichen Heimat stammten, aus welcher die mit diesem Lachen Begabten kommen.“[2]

Jukundus erkennt in Justines Gesicht genau das gleiche eigentümliche Lachen, das ihn selbst ausmacht. Auch Justine sieht sich selbst in ihrem Gegenüber. Beide erscheinen wie Seelenverwandte,[3] vereint in ihrem Lachen. Es ist Liebe auf den ersten Blick, wobei das Lachen als Symbol für ihre Liebe steht. Von diesem Moment an, ist das Glück und das Lachen der beiden jungen Leute miteinander verbunden, was schließlich durch die Hochzeit noch verstärkt wird und sich auch in ihren sehr ähnlich klingenden Namen niederschlägt.[4]

Die Ehe bekommt einen kleinen Riss, als Jukundus in Seldwyla als Holzhändler versagt. Zum ersten Mal kommt das Lachen auch in anderem Zusammenhang vor, Jukundus lächelt wehmütig,[5] anstatt fröhlich zu Lachen. Justine, die ihren Mann vor allem durch seine beruflichen Erfolge definiert,[6] ist von seinem Versagen enttäuscht und sieht „sein frohes Lächeln, das zu dem ihrigen wie ein Zwillingsgeschwister war, fast seltener werden.“[7] Mit zunehmenden Spannungen in der Ehe und der Liebe zwischen Jukundus und Justine wird auch das Lachen weniger.

Doch die Eheleute ziehen zu Justines Eltern und es scheint alles wieder in geregelten Bahnen zu verlaufen. Das „glückselige[..] Lachen“[8] ist in glückliche Stunden im Hause von Justines Großeltern wieder auf ihren Gesichtern zu sehen. Doch es zeigt sich, dass das Lachen im Zusammengang mit der Vergangenheit steht. Die Großmutter kleidet ihre Enkelin in „verjährten Granatschmuck sowie Sonntagshäubchen und seidene Jacken […], die sie vor sechzig Jahren in blühender Jugend getragen“[9] hatte. Das Lachen gehört bald der Vergangenheit an. Justine und Jukundus zerstreiten sich und

„von diesem Augenblicke an war aus dem Gesichte der beiden Ehegatten jenes anmutige und glückliche Lachen verschwunden, so vollständig, als ob es niemals darin gewohnt hätte.[10]

Das Lachen, dass ihre Verbundenheit, ihre Ehe und ihre gegenseitige Achtung wiedergespiegelt hatte ist verschwunden. Keiner von beiden kann ohne sein Ebenbild die Emotion zeigen, die sie einst zusammenbrachte.

Selbst als Justine versucht zu lächeln bleibt ihr Gesicht „starr und unbeweglich wie Marmor; und der Mund blieb von nun an verschlossen, vom Morgen bis zum Abend und einen Tag wie dem anderen.“[11] Sie schafft es nicht einmal mehr „schmerzlich zu lächeln“.[12]

Auch Jukundus ergeht es nicht anders. „Seine Tage [fließen] ernst und still dahin, und nicht die kleinste Freude erhellte seine Augen. Mit Justine lebte er ohne jede Verbindung[…].“[13] Ohne seine Ehefrau ist Jukundus nicht fähig zu Lachen, ohne Kontakt zu ihr ist es ihm unmöglich diese Emotion zu empfinden.

Das Lachen taucht jetzt nur noch in einer negativ besetzten Form auf. Anstatt dem glücklichen Lachen von Jukundus und Justine werden nun die Seldwyler gezeigt, für die es „nichts Lustigeres [gibt] als das Auslachen und Heruntermachen so vieler betrübter langer Gesichter.“[14] Im Gegenteil dazu geht Jukundus „im tiefsten Ernste vor der lachenden und stets zechenden Zunft der Seldwyler her, traurig und bekümmert“[15] Nichts kann ihn zum Lachen bringen, da sein Lachen unwiderruflich mit Justine und ihrer Ehe verknüpft ist.

[...]


[1] Keller, Gottfried: Das verlorne Lachen, Stuttgart 2004, S. 4.

[2] Ebd. S. 7.

[3] Blum, Rebecca: Liebe in Gottfried Kellers "Seldwyla"-Novellen, Norderstedt 2005, S. 43.

[4] Ebd.

[5] Keller: Das verlorne Lachen, S. 31.

[6] Blum: Liebe, S. 46.

[7] Keller: Das verlorne Lachen, S. 25.

[8] Ebd. S. 33.

[9] Ebd. S. 33.

[10] Ebd. S. 54.

[11] Ebd. S. 54.

[12] Ebd.

[13] Ebd. S. 55.

[14] Ebd. S. 60.

[15] Ebd. S. 61.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Das Lachen in Gottfried Kellers „Das verlorne Lachen“ als Synonym für den Zustand der Ehe von Jukundus und Justine
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
6
Katalognummer
V195555
ISBN (eBook)
9783668202641
Dateigröße
600 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lachen, gottfried, kellers, synonym, zustand, jukundus, justine
Arbeit zitieren
Ramona Schilling (Autor), 2011, Das Lachen in Gottfried Kellers „Das verlorne Lachen“ als Synonym für den Zustand der Ehe von Jukundus und Justine, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195555

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