Die inhaltliche Schwerpunktsetzung in Gedicht I,22 ist auf den ersten Blick untypisch für Giovanni Gioviano Pontano, der vordergründig in seinem Werk „Baiae“ detailgetreu erotische zwischenmenschliche Beziehungen schildert, die oftmals auf keiner festen Bindung beruhen. In dem vorliegenden Gedicht steht jedoch die beständige Liebe zwischen zwei Partnern im Vordergrund. Er greift die turtures als Metaphern für die ewige, innige Liebe auf und befragt diese nach einem „Rezept“ ihrer Partnerschaft. Er stellt ihrer Liebe und Treue die oftmals unbeständigen und unglücklichen Liebschaften der Menschen gegenüber. Auf den zweiten Blick enthält das Gedicht jedoch einen Appell zur Ausübung von Liebe und Leidenschaften – dies wiederum entspricht eher dem Stil Pontanos. Im weiteren Verlauf des Referats sollen diese beiden Facetten des Gedichts deutlicher werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Adressat des Gedichts I,22
3 Sprachliche und inhaltliche Analyse des Gedichts
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit Giovanni Gioviano Pontanos Gedicht I,22 aus seinem Werk „Baiae“ auseinander. Das primäre Ziel ist es, die spezifische Funktion der Turteltaube als Metapher für ewige Liebe und Treue zu analysieren und dem in Pontanos Werk sonst häufig dominierenden Bild der flüchtigen erotischen Beziehungen gegenüberzustellen.
- Die literarische Symbolik der Turteltaube als Glücks- und Liebessymbol.
- Strukturelle und sprachliche Analyse des Gedichts I,22 (Rhetorik, Imperative, Epanalepsen).
- Die intertextuelle Verbindung zu antiken Vorbildern wie Catull und Properz.
- Kontrastierung der Beständigkeit des Turteltauben-Paarbundes mit dem erotischen Lebensstil im antiken Baiae.
- Untersuchung der Forschungsfrage nach der Natur der ewigen Liebe im Kontext des Pontano-Werks.
Auszug aus dem Buch
3 Sprachliche und inhaltliche Analyse des Gedichts
Das Gedicht ist geprägt von rhetorischen Fragen (V.9f., 11-14, 17ff., 20f.), die darauf hinweisen, dass das lyrische Ich in diesem Gedicht versucht über die Natur der ewigen Liebe und Treue zu forschen, wie es bereits die Überschrift des Gedichts ankündigt. Die Dringlichkeit der Nachforschungen des lyrischen Ichs wird zum einen durch die zweimalige Verwendung des Imperativs dicite in V. 9 und V. 22 unterstrichen und zum anderen durch obsecro in V. 9, welches die Wichtigkeit der Frage für das lyrische Ich ausdrückt, wie auch durch die Epanalepsen (Doppelung – Wiederaufnahme) in den Versen 12 und 17 des Fragewortes cur. Immer wieder werden die turtures direkt angesprochen (V. 2, 7, 22), um von ihnen eine Aussage auf die gestellte Schlüsselfrage zu bekommen, die sich in den Versen 9f. finden lässt: quae vis, obsecro, dicite, est amoris tam constans male dissidensque secum?
Im Gegensatz zu der Liebe und Treue der turtures steht die Liebe der Menschen, insbesondere die der miseri amantes (V. 12 und 17), bei denen die Liebe bereits erkaltet ist (vgl. frigescunt V. 13) und toto pectore sanguis obrigescit (V. 14). Direkt im Anschluss an die Schlüsselfrage findet sich eine weitere sehr zentrale Aussage des Gedichts: si pascitur e calore et igni (V. 11). Auch formal betrachtet steht diese Kernaussage genau in der Mitte des Gedichts: Die vis amoris lebt von der Liebesglut und Leidenschaft. In der zweiten rhetorischen Frage beantwortet das lyrische Ich indirekt die Schlüsselfrage selbst, indem es konstatiert, dass die vis amoris von der gerade erwähnten Liebesglut lebt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die thematische Besonderheit des Gedichts I,22 ein, welches im Kontext von Pontanos Werk „Baiae“ eine ungewöhnliche Betonung von Beständigkeit und Treue statt flüchtiger Erotik einnimmt.
2 Adressat des Gedichts I,22: In diesem Kapitel wird die Turteltaube als zentrales Symbol und Adressat des Gedichts untersucht, wobei sowohl ihre biologischen Verhaltensweisen als auch ihre literarische Tradition als Sinnbild für eheliche Treue beleuchtet werden.
3 Sprachliche und inhaltliche Analyse des Gedichts: Dieses Kapitel widmet sich der detaillierten Untersuchung der rhetorischen Mittel und sprachlichen Strukturen, um die Suche des lyrischen Ichs nach der Natur der Liebe und die intertextuellen Bezüge zu Catull und Properz aufzuzeigen.
Schlüsselwörter
Giovanni Gioviano Pontano, Baiae, Turteltaube, Gedicht I,22, Liebe, Treue, Erotik, Symbolik, Rhetorik, Catull, Properz, Intertextualität, Renaissance-Humanismus, vis amoris, Lyrik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Gedicht I,22 aus dem Werk „Baiae“ von Giovanni Gioviano Pontano und analysiert, wie das lyrische Ich das Wesen der ewigen Liebe und Treue thematisiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind die Symbolik der Turteltaube, der Gegensatz zwischen stabiler Liebe und flüchtigen erotischen Beziehungen sowie die Aufnahme antiker literarischer Motive durch den Renaissance-Humanismus.
Welches Ziel verfolgt der Autor mit dieser Interpretation?
Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Pontano durch das Motiv der Turteltaube einen Appell für beständige Liebe formuliert, der einen Kontrast zu den sonst erotisch geprägten und unbeständigen Sujets in „Baiae“ bildet.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Gedichtinterpretation angewandt, die sprachliche Analysen (Rhetorik, Syntax) mit einer intertextuellen Untersuchung (Vergleiche mit Catull und Properz) verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Vorstellung des Adressaten (der Turteltaube) und eine vertiefende sprachliche sowie inhaltliche Analyse der zentralen Verse des Gedichts.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Renaissance-Humanismus, Intertextualität, Liebesmetaphorik, antike Vorbilder und literarische Symbolik charakterisieren.
Inwiefern beeinflusst der Handlungsort Baiae die Deutung des Gedichts?
Da Baiae als Ort des Luxus und der erotischen Freizügigkeit bekannt war, könnte die Hervorhebung der Treue der Turteltaube als ironische Parodie oder als einziges Gegenbeispiel zur Dekadenz der Menschen in diesem Ort verstanden werden.
Welche Rolle spielen die rhetorischen Fragen im Gedicht?
Die rhetorischen Fragen unterstreichen die dringliche Suche des lyrischen Ichs nach einer Definition der „ewigen Liebe“ und dienen dazu, den Leser zur Reflexion über die Natur der Leidenschaft anzuregen.
- Arbeit zitieren
- Master of Education Ann-Christin Robben (Autor:in), 2010, Untersuchung des Gedichts I,22 von Giovanni Gioviano Pontano, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195566