EINLEITUNG
„Das Buch war besser als der Film!“
Diesen Satz hört man überall, wo Kinobesucher den Aufführungssaal verlassen. Auch in Filmkritiken schneiden Literaturverfilmungen meist eher schlecht ab. Jüngste Beispiele sind die Verfilmungen „The Da Vinci Code“ und „Das Parfum“ . Woher kommt diese allgemeine „Überbewertung“ der Literatur gegenüber dem Film?
Ein Grund ist zunächst in der Beurteilung der beiden Medien an sich zu suchen. So stand die Literatur als ältere und seit jeher anerkannte Kunst lange Zeit hierarchisch über dem jüngeren Medium Film. Daraus resultiert, dass auch heute noch Kinder in der Schule bereits in jungen Jahren lernen, mit Literatur umzugehen, sie zu lesen und zu interpretieren. Filme hingegen werden im Allgemeinen eher selten behandelt, wodurch vergessen wird, dass es auch gelernt sein will, einen Film „zu lesen“. „Wir wissen sehr wohl – und das ist hier die Ironie –, daß wir lernen müssen zu lesen, bevor wir versuchen können, Literatur zu genießen oder zu verstehen; aber wir neigen dazu zu glauben, daß jeder einen Film lesen kann.“
Schließlich ist es mittlerweile eine Konstante unserer Zeit geworden, dass mediale Grenzen stets überschritten werden. Vor diesem Hintergrund hat sich auch das Bild des Literaturschaffenden geändert: Neben die ausschließliche Buchproduktion sind zahlreiche multimediale Ausprägungen getreten. So schreibt ein zeitgenössischer Autor nicht nur aus finanziellen Gründen auch für das audiovisuelle Medium.
Schon immer waren literarische Texte beliebte Stofflieferanten für Verfilmungen. Unter solchen Texten werden vornehmlich Romane oder Novellen als Grundlage einer Adaption gewählt, da im Gegensatz zum Drama beispielsweise der Roman mit seinen narrativen Strukturen dem Film am nächsten steht: Beide Medien erzählen aus der Perspektive eines Erzählers eine längere Geschichte mit einer Vielzahl an Details.
In ihren Anfängen entsprach die Filmkunst jedoch eher einer nicht-literarischen Populärkunst
der Variétés, der Music-Halls, des Vaudeville-Theaters und des Jahrmarktes. Erst ab ca.1908 begann sich die Filmsprache immer mehr an der Tradition literarischer Erzählformen zu orientieren. Hierbei überwandt der Film zunächst das an bühnensprachlichen Normen angelehnte „film d’art“ und wandte sich zunehmend Stoffen und Strukturen zu, die der zeitgenössischen Erzählkunst bekannt waren.
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Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
I. LITERATURVERFILMUNG IN DER THEORIE
I.1. LITERATURVERFILMUNG IM KONTEXT DER INTERMEDIALITÄT
I.1.1. Intermedialität – Entwicklung und Begriffsklärung
I.1.2. Gegenstand der intermedialen Forschung
I.2. LITERATURVERFILMUNG – EIN ADAPTIONSPROZESS
I.2.1. Zum Begriff der „Literaturverfilmung“
I.2.2. Bewertungskriterien einer Adaptionsanalyse
I.2.3. Möglichkeiten der Adaptionsanalyse
I.3. LITERATURVERFILMUNG – ZWISCHEN LITERATUR- UND FILMWISSENSCHAFT
I.4. DIE SEMIOTIK ALS ANALYSEMETHODE VON LITERATURVERFILMUNGEN
I.4.1. Die Semiotik – eine kurze Begriffsklärung
1.4.2. Sprachliches vs. filmisches Zeichen
I.4.3. Literarische vs. filmische Syntax
I.4.4. Exkurs: Musik als filmisches Zeichen
I.4.5. Die Analyse einer Literaturverfilmung – ein Transformationsprozess
II HINTERGRÜNDE DER VERFILMUNG
II.1. DIE BUCHAUTORIN ZUM FILM
II.2. DER REGISSEUR ZUM FILM
II.3. L’AMANT IN DER FILMKRITIK
III ADAPTIONSANALYSE
III.1. ZUM PROBLEM DER SEGMENTIERUNG DES GESCHEHENS
III.2. ZEIT ALS ASPEKT DER ERZÄHLFORM
III.2.1. „Ordre“
III.2.2. „Durée“
III.2.3. „Fréquence“
III.3. ERZÄHLPERSPEKTIVE
III.4. DIE GREIFBARSTEN NARRATIVEN EINHEITEN: RAUM UND FIGUR
III.4.1. Der Raum
III.4.1.1. Natur vs. umbauter Raum
III.4.1.2. Privater vs. Öffentlicher Raum
III.4.2. Die Figuren
III.4.2.1 Die Kleine
III.4.2.2. Der Liebhaber
III.4.2.3. Die Mutter
III.4.2.4. Der ältere Bruder
III.4.2.5. Der kleine Bruder
III.4.2.6 „Une famille en pierre“
III.4.2.7. Die Nebenfiguren: „La dame“ und Hélène Lagonelle
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht am Beispiel von Jean-Jacques Annauds Verfilmung von Marguerite Duras' „L’Amant“, wie literarische Vorlagen in das audiovisuelle Medium transformiert werden. Dabei stehen die intermediale Forschung, die Adaptionsanalyse sowie die Rolle der Semiotik im Fokus, um aufzuzeigen, wie spezifische narrative Einheiten wie Zeit, Raum und Figur zwischen Buch und Film übersetzt werden.
- Intermedialität und theoretische Grundlagen der Literaturverfilmung
- Die Semiotik als Analysemethode für Filmadaptionen
- Transformation der narrativen Struktur: Zeit, Raum und Figurencharakterisierung
- Vergleich zwischen literarischer Vorlage und filmischer Inszenierung
- Auseinandersetzung mit der Filmkritik und der Diskrepanz zwischen Literatur und Film
Auszug aus dem Buch
I.4.1. Die Semiotik – eine kurze Begriffsklärung
Die Semiotik ist so zusagen „der letzte Stand der Filmtheorie“, die James Monaco als die „bislang komplexeste, subtilste und ausgefeilteste“ bezeichnet.54
Die Semiotik ist ganz sicher keine Wissenschaft im Sinne von Physik oder Biologie. Aber sie ist ein logisches System, häufig fähig, Dinge zu durchleuchten, und sie hilft zu beschreiben, wie der Film das macht, was er macht. Film ist schwer zu erklären, weil er leicht zu verstehen ist. Film-Semiotik ist leicht zu erklären, weil sie schwer zu verstehen ist. Irgendwo dazwischen liegt der Genius des Films.55
Neben der Psychologie und der Soziologie ist die Semiotik die dritte Disziplin, die sich systematisch mit dem Kino beschäftigt.56 Sie lässt sich kurz als die Wissenschaft von Zeichenprozessen definieren. Demgemäß untersucht diese Disziplin sämtliche Arten solcher Prozesse. Damit vereinigt die Semiotik die wissenschaftliche Erforschung aller verbalen und nicht-verbalen Kommunikationssysteme in sich und befaßt sich mit der Formulierung von Nachrichten durch Quellen, der Übermittlung dieser Nachrichten über Kanäle, der Dekodierung und Interpretation dieser Nachrichten durch Empfänger und der Signifikation.57
Zusammenfassung der Kapitel
I. LITERATURVERFILMUNG IN DER THEORIE: Dieses Kapitel verortet die Literaturverfilmung im Kontext der Intermedialität und etabliert die Semiotik als zentrales methodisches Instrument für die Analyse von Adaptionsprozessen.
II HINTERGRÜNDE DER VERFILMUNG: Hier werden die Entstehungsgeschichte, die Positionen von Autorin Marguerite Duras und Regisseur Jean-Jacques Annaud sowie die Rezeption des Films in der Filmkritik beleuchtet.
III ADAPTIONSANALYSE: Der Hauptteil bietet eine detaillierte Untersuchung der narrativen Strukturen, insbesondere hinsichtlich der Zeitgestaltung, der Raumdarstellung und der Figurencharakterisierung im Vergleich zwischen Roman und Film.
Schlüsselwörter
Literaturverfilmung, Intermedialität, Adaption, Semiotik, Marguerite Duras, Jean-Jacques Annaud, Narrativik, Filmtheorie, Transformationsprozess, Raum, Zeit, Figuren, Montage, Erzählperspektive, Filmanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit einem intermedialen Vergleich zwischen dem Roman „L’Amant“ von Marguerite Duras und der gleichnamigen Verfilmung von Jean-Jacques Annaud.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die theoretischen Grundlagen von Literaturverfilmungen, die Anwendung semiotischer Analysemethoden und die spezifische Untersuchung narrativer Strukturen (Raum, Zeit, Figur) im Transformationsprozess.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Mittel zu identifizieren, mit denen der Regisseur literarische Vorgaben in filmische Bilder übersetzt, und zu prüfen, inwieweit die Adaption als Analogiebildung zur Vorlage gelingt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen methodischen Pluralismus, insbesondere die Semiotik, sowie narratologische Konzepte von Gérard Genette, um die Transformation von einem Zeichensystem in ein anderes zu untersuchen.
Welche inhaltlichen Aspekte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Gliederung des Geschehens, die Zeitgestaltung („Ordre“, „Durée“, „Fréquence“), die Erzählperspektive sowie die räumliche und figürliche Konstitution des filmischen Weltmodells.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Analyse?
Schlüsselbegriffe sind Adaptionsanalyse, Filmsemiotik, intermediale Transformation, erzählte Zeit, „Was-Spannung“ versus „Wie-Spannung“ und die „écriture filmique“.
Welche spezifische Diskrepanz zeigt sich in der Rezeption von „L’Amant“?
Es zeigt sich eine auffällige Diskrepanz zwischen der oft negativen Beurteilung durch professionelle Filmkritiker und der überwiegend positiven Resonanz des Publikums, insbesondere im Internet.
Warum wird der „unsichtbare Schnitt“ im Zusammenhang mit dem Regisseur erwähnt?
Der Regisseur nutzt den „unsichtbaren Schnitt“ sowie die Off-Erzählerin, um eine flüssige Erzählform zu schaffen, die dem „écriture courante“-Stil der Buchautorin nahekommen soll.
- Quote paper
- Claudia Fischer (Author), 2007, L'amant - ein intermedialer Vergleich zwischen Buch und Film, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195600