Das Olympiastadion München

Zeichen einer demokratischen Architektur innerhalb der Entwicklung des Stadienbaus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Entstehung und Entwicklung des Stadionbaus
1.1 Antike
1.1.1 Kolosseum
1.2 Mittelalter und Fruhe Neuzeit
1.3 Moderner Stadionbau

2. Zeitliche Einordnung des Baus Olympiastadion Munchen

3. Architekten Behnisch und Partner

4. Konzept
4.1 Olympiapark
4.2 Olympiastadion
4.3 Olympiadach

Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

„Als ich hinein trat, mehr noch aber, als ich oben auf dem Rande umher ging, schien es mir seltsam, etwas GroBes und eigentlich doch nichts zu sehen. Auch will es leer nicht gesehen sein, sondern ganz voll von Menschen [...]. Denn eigentlich ist so ein Amphitheater gemacht dem Volk mit sich selbst zu imponieren, das Volk mit sich selbst zum besten zu haben. Dieses allgemeine Bedurfnis zu befriedigen, ist hier die Aufgabe des Architekten. Er bereitet einen solchen Krater durch Kunst, so einfach als nur moglich, damit dessen Zierat das Volk selbst werde. [...] Die Simplizitat des Oval ist in jedem Auge auf die angenehmste Weise fuhlbar, und jeder Kopf dient zum MaBe, wie ungeheuer das Ganze sei.“[1]

Johann Wolfgang Goethe beschreibt damit Ende des 18. Jahrhunderts nach seinem Besuch im romischen Amphitheater in Verona die Zusammenhange zwischen Sport und Architektur. Treffender kann man es auch heute kaum ausdrucken.

Die maBgebliche Funktion einer Sportstatte -damals wie heute- ist, moglichst vielen Menschen eine gute Sicht auf das Wettkampfgeschehen zu gewahren.

Architektonisch eignet sich dafur idealerweise ein Bau, der um eine gemeinsame Mitte (Spielfeld) angeordnet ist und dazu symmetrisch ansteigt (Range/Tribunen).

Allerdings beleben erst die Besucher und der Zweck Amphitheater und Stadion, die als die Vorbilder der modernen Sportstattenarchitektur gelten.[2]

Denn auch heute noch spricht man bei Emotions- und mitunter sogar Gewaltausbruchen bei Sportveranstaltungen von einem sog. „Hexenkessel“ ahnlich wie Goethe von einem „Krater“.

Damit einher ging seit der Antike die Beeinflussung und bewusste Steuerung der Massen. Gladiatorenkampfe und Wagenrennen folgten dem Prinzip „Brot und Spiele“. Wahrend der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Sport vor allem durch die Ausrichtung der Olympischen Spiele 1936 politisch instrumentalisiert. Im dazu von Architekt Werner March errichteten Olympiastadion konnten die nationalen Emotionen von 150.000 Menschen aktiviert sowie politische und wirtschaftliche Starke des Dritten Reiches demonstriert werden.[3] Gleichzeitig wurde die militarische Wehrertuchtigung vorbereitet und die beginnende Aufrustung verschleiert. Die engen Zusammenhange zwischen Nationalismus, Militarismus und Sportstatte werden hier besonders deutlich.[4]

Aber auch heute noch dienen Stadionbauten zur Verfuhrung der Massen. Kommerz, Eventsucht und Medialisierung sind eng mit dem Bau von Sportbauten verbunden.[5] Allerdings sind diese Phanomene genauso Spiegel der Leitbilder einer modernen Gesellschaft wie im Altertum.

„Der Sport ist nicht besser und nicht schlechter als die Gesellschaftsform, der er entstammt und fur die er einen Ausgleich darstellt. [...].“[6]

Nach dem Ende des II. Weltkriegs wurden in vielen deutschen Stadten auf den Trummern neue Sportstatten gebaut. Auch das, in der vorliegenden Hausarbeit vorgestellte, Munchener Olympiastadion ist ein sog. „Trummerstadion“.[7]

Es sollte daher und in seinem spateren baulichen Gesamtkonzept ein „demokratisches Stadion“ werden und im Zuge der Olympischen Spiele 1972 das neue politische Selbstverstandnis der weltoffenen Bundesrepublik Deutschland reprasentieren.

Worin unterscheidet sich also dieser Stadionbau so maBgeblich von den „Kratern“?

Welche architektonischen Mittel wurden hier eingesetzt, um zwar die maBgeblichen Funktionen eines Stadions zu erfullen, gleichzeitig aber die angestrebten demokratische Bauformen zu realisieren?

Wie ist es den Architekten und Planern gelungen ein Ensemble zu schaffen, das bereits bei der Betrachtung eines Fotos solch eine groBartige Leichtigkeit und Offenheit ausstrahlt?

Und vor allem, kann das mittlerweile fast 40jahrige Olympiastadion- gerade im Vergleich mit der seit 2005 bestehenden Allianz Arena- die Menschen noch in seinen Bann ziehen?

Mir erscheint es zunachst jedoch wichtig, kurz auf die Entstehung und Entwicklungen des Stadionbaus einzugehen, um auch den Stellenwert des Olympiastadion Munchen in dessen Kontext besser einordnen zu konnen.

1. Entstehung und Entwicklung des Stadienbaus

1.1 Antike

Der Begriff „Stadion“ stammt ursprunglich aus dem Altgriechischen und bezeichnet ein antikes griechisches LangenmaB mit einer Strecke von 600 FuB (ca. 165-196 m).[8] Der Lauf uber die Strecke eines „Stadions“ in einer zu messenden Zeit war in der Antike nach einer Uberlieferung aus Olympia von 776 v. Chr. bereits ein beliebter Wettkampf.[9] Die Bezeichnung des LangenmaBes hat sich spater auf die Wettkampfstatte ubertragen.[10]

Das wohl alteste erhaltene Stadion ist das Stadion von Olympia in Griechenland. Auch aus anderen antiken Stadten sind Stadien bekannt oder erhalten geblieben. Beispielsweise in Delphi, Athen, Epidauros, Isthmia, Nemea oder Messene.[11]

Zu den bedeutendste Vorgangern des modernen Stadionbaus zahlen aber zweifelsohne die Amphitheater. Das wichtigste und interessanteste Beispiel ist das Kolosseum (Flavisches Amphitheater) in Rom.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Stadion von Olympia, Griechenland

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 Stadion von Messene, Griechenland

1.1.1 Colosseum

Dieses flavische Amphitheater wurde etwa 70-80 n.Chr. gebaut.[12]

Das elliptische Colosseum bestand ursprunglich aus drei Rundbogengeschossen und einem massiven vierten Geschoss. Die Pfeiler der der unteren drei AuBenarkaden waren in dorischer, ionischer und korinthischer Saulenordnung gegliedert.[13] Es verfugte uber ein perfekt durchdachtes Ein- und Auslassystem (vomere „erbrechen“), das noch heute als vorbildlich gilt, da es ein sehr rasches Fullen und Raumen der Arena ermoglichte (weniger als 15 Minuten).[14] Auch ein riesiges schattenspendendes Sonnensegel, ahnlich den heutigen wandelbaren Dachern, konnte bei Bedarf aufgezogen werden.

Nach Schatzungen besaB das Colosseum ein Fassungsvermogen von ca. 50.000

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3 Colosseum, Rom

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4 Colosseum, Innenansicht

1.2 Mittelalter und Fruhe Neuzeit

„Mit der Volkerwanderungszeit gingen die Antike und damit auch die antike Leibungsubungskultur zu Ende.“[15]

Das Errichten von Wehranlagen und Sakralbauten ruckte nun in den Vordergrund.

Die ritterlichen Kunste Schwimmen, Reiten, Pfeil und Bogen, Fechten, die Jagd, Schach und Verskunst erforderten keinen Sportstattenbau.[16]

Im 16. Jahrhundert waren vor allem die sog. Ballhauser in Europa weit verbreitet, in denen das „jeu de paume“, eine Fruhform des heutigen Tennisspiels, gespielt wurde.

Ballhauser wurden ein fester Bestandteil in Schlossern, aber auch in deutschen Universitatsstadten wie Ingolstadt.[17]

Erst mit Beginn des 18. Jahrhunderts wurden beispielsweise in Spanien wieder dauerhafte Arenen errichtet (Stierkampf).[18] Das „Deutsche Turnen“, begrundet durch Friedrich Ludwig Jahn brachte eher Turnhallen und Ubungsplatze hervor als nennenswerte Stadien.[19]

Erst mit der Wiederbelebung der Olympischen Spiele in der Neuzeit 1896 durch Pierre de Coubertin wurde der Bau von Sportstatten erneut weltweit aufgenommen.[20]

Aber erst seit den Olympischen Spielen 1932 in Los Angeles erhielten Stadien ihre noch heute ubliche Form eines GroBspielfeld mit einer umlaufenden Leichtathletikbahn.[21]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5 Olympiastadion Los Angeles, 1932

1.3 Moderner Stadionbau

Moderne (Olympia-)stadien dienen heute nicht nur dem Spitzensport. Auch andere GroBveranstaltungen wie Konzerte und sogar Messen finden darin statt.

Trotzdem ist das Stadion neben den vielfaltigen anderen Sportstatten der wichtigste Austragungsort der Wettkampfe insbesondere bei Olympischen Spielen geblieben.[22] Ein Stadion muss allerdings nun multifunktional und wandelbar sein (Arena auf Schalke/ Veltinsarena).[23]

Bereits beim Beginn der Planungen werden sogar solche architektonischen und funktionalen Elemente mit eingeschlossen, die nicht unmittelbar mit Sport in Verbindung stehen. So beispielsweise die Anbindung an Hotels, Multiplex-Kinos und Einkaufszentren.[24]

Dieses Bauwerk steht im Fokus der Medien und ist deshalb stadtebaulich wie architektonisch von besonderer Bedeutung.[25] Nicht selten wird es gleichzeitig zum neuen Wahrzeichen der Stadt. Wie beispielsweise in Peking.

Dominiert werden diese Bauaufgaben von den renommiertesten Architekten. Die deutsche Architektengruppe Gerkan, Marg und Partner gelten als Weltmeister des Stadionbaus und zeichnen sich zuletzt fur den Bau der WM-FuBballstadien in Sudafrika verantwortlich.

Aber auch Herzog & de Meuron (Nationalstadion Peking) sowie Norman Foster (Wembley Stadium) und Zaha Hadid (Aquatic Centre, London 2012) zahlen mit ihren spektakularen Beispielen dazu.

Dementsprechend steigen auch Eintrittspreise in teils schwindelerregende Hohen. Eine,m.E., nachdenklich stimmende Entwicklung, wenn man bedenkt, das das Kolosseum fur jeden Burger frei zuganglich war.

Zudem kann man darin den integrativen Bestandteil, den Sport und Kultur in der heutigen Industriegesellschaft ausmachen[26], gefahrdet sehen, wenn nur noch eine wohlhabendere Schicht sich den Stadionbesuch leisten kann.

Auch deshalb ist das eintrittsfreie Olympiagelande in Munchen bis heute beispielhaft fur seine multikulturelle und tolerante Atmosphare, die nicht nur auf den alljahrlichen Tollwood-Festivals[27] spurbar ist.

Bei Baubeginn des Munchner Olympiastadion stehen diese Entwicklungen noch ganz am Anfang. Doch auch fast 40 Jahre danach bildet es einen Gegenpol einer Sport- und Freizeitarchitektur, die nicht mit Kommerz oder hohen Renditeerwartungen verknupft ist.

[...]


[1] Vgl. Winfried Nerdinger: „Zur Einfuhrung: Sportbauten-»gemacht, dem Volk mit sich selbst zu imponieren«“, in: Kat.: Architektur+Sport. Vom antiken Stadion zur modernen Arena. Architekturmuseum der TU Munchen in der Pinakothek der Moderne, 31.5.-3.9.2006 (Hg.: Winfried Nerdinger, Regina Prinz, Hilde Strobl), Wolfratshausen: Edition Minerva 2006, S. 7.

[2] Vgl. ebd.

[3] Vgl. ebd., S.8.

[4] Vgl. ebd.

[5] Vgl. ebd.

[6] Vgl. ebd., S.8.

[7] Vgl. ebd. S.8.

[8] Vgl. Raimund Wunsche: „Sport in der Antike“, in: Kat.: Architektur+Sport, S. 20.

[9] Vgl. ebd.

[10] Vgl. ebd.

[11] Vgl. ebd.

[12] Vgl. Wilfried Koch, Baustilkunde, 27., grundlegend bearbeitete Auflage, Guthersloh/Munchen: 2006, S. 36.

[13] Vgl. ebd.

[14] Vgl. Sven Keller, M.A.(verantw.), Rom Antiqua: Amphitheatrum Flavium- das Colosseum, http://www.roma- antiqua.de/antikes rom/kolosseum/kolosseum (Stand: 16.2.10).

[15] Arnd Kruger: „Sport im Mittelalter und in der Fruhen Neuzeit“, in: Kat.: Architektur+Sport, S. 45.

[16] Vgl. ebd.

[17] Vgl. ebd., S. 54.

[18] Vgl. ebd.. S. 45.

[19] Vgl. Michael Kruger: „Sport und Nation“, in: Kat.: Architektur+Sport, S. 58.

[20] Vgl. Thomas Schmidt: „Architektur fur die Olympischen Spiele der Neuzeit“, in: Kat.: Architektur+Sport,

S. 81.

[21] Vgl. ebd.

[22] Vgl. Thomas Schmidt: „Architektur fur die Olympischen Spiele der Neuzeit“, in: Kat.: Architektur+Sport,

S. 81.

[23] Vgl. Regina Prinz/Hilde Strobl: „Sportarchitektur-Kultarchitektur“, in: Kat.: Architektur+Sport, S. 127.

[24] Vgl. Christian Brensing: „Neuere Tendenzen im internationalen Sportstattenbau“, ebd., S. 213

[25] Vgl. Thomas Schmidt: „Architektur fur die Olympischen Spiele der Neuzeit“, in: Kat.: Architektur+Sport,

S. 81.

[26] Vgl. Regina Prinz/Hilde Strobl: „Sportarchitektur-Kultarchitektur“, in: Kat.: Architektur+Sport, S. 119.

[27] Vgl. Rita Rottenwallner (verantw.), Tolwood Gesellschaft fur Kulturveranstaltungen und Umweltaktivitaten http://www.tollwood.de/ (Stand: 16.2.10)

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Das Olympiastadion München
Untertitel
Zeichen einer demokratischen Architektur innerhalb der Entwicklung des Stadienbaus
Hochschule
AMD Akademie Mode & Design GmbH  (Raumkonzept und Design)
Veranstaltung
Architektur-und Designgeschichte
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
23
Katalognummer
V195610
ISBN (eBook)
9783656218982
ISBN (Buch)
9783656219545
Dateigröße
2396 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stadion, Olympiastadion, Frei Otto
Arbeit zitieren
Sarah Kästner (Autor), 2009, Das Olympiastadion München, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195610

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