Einleitung
„Als ich hinein trat, mehr noch aber, als ich oben auf dem Rande umher ging, schien es mir seltsam, etwas Großes und eigentlich doch nichts zu sehen. Auch will es leer nicht gesehen sein, sondern ganz voll von Menschen [...]. Denn eigentlich ist so ein Amphitheater gemacht dem Volk mit sich selbst zu imponieren, das Volk mit sich selbst zum besten zu haben. Dieses allgemeine Bedürfnis zu befriedigen, ist hier die Aufgabe des Architekten. Er bereitet einen solchen Krater durch Kunst, so einfach als nur möglich, damit dessen Zierat das Volk selbst werde. [...] Die Simplizität des Oval ist in jedem Auge auf die angenehmste Weise fühlbar, und jeder Kopf dient zum Maße, wie ungeheuer das Ganze sei.“
Johann Wolfgang Goethe beschreibt damit Ende des 18. Jahrhunderts nach seinem Besuch im römischen Amphitheater in Verona die Zusammenhänge zwischen Sport und Architektur. Treffender kann man es auch heute kaum ausdrücken.
Die maßgebliche Funktion einer Sportstätte -damals wie heute- ist, möglichst vielen Menschen eine gute Sicht auf das Wettkampfgeschehen zu gewähren.
Architektonisch eignet sich dafür idealerweise ein Bau, der um eine gemeinsame Mitte (Spielfeld) angeordnet ist und dazu symmetrisch ansteigt (Ränge/Tribünen).
Allerdings beleben erst die Besucher und der Zweck Amphitheater und Stadion, die als die Vorbilder der modernen Sportstättenarchitektur gelten.
Denn auch heute noch spricht man bei Emotions- und mitunter sogar Gewaltausbrüchen bei Sportveranstaltungen von einem sog. „Hexenkessel“ ähnlich wie Goethe von einem „Krater“.
Damit einher ging seit der Antike die Beeinflussung und bewusste Steuerung der Massen.
Gladiatorenkämpfe und Wagenrennen folgten dem Prinzip „Brot und Spiele“. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Sport vor allem durch die Ausrichtung der Olympischen Spiele 1936 politisch instrumentalisiert. Im dazu von Architekt Werner March errichteten Olympiastadion konnten die nationalen Emotionen von 150.000 Menschen aktiviert sowie politische und wirtschaftliche Stärke des Dritten Reiches demonstriert werden. Gleichzeitig wurde die militärische Wehrertüchtigung vorbereitet und die beginnende Aufrüstung verschleiert. Die engen Zusammenhänge zwischen Nationalismus, Militarismus und Sportstätte werden hier besonders deutlich.
Aber auch heute noch dienen Stadionbauten zur Verführung der Massen. Kommerz, Eventsucht und Medialisierung sind eng mit dem Bau von Sportbauten verbunden.
(...)
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Entstehung und Entwicklung des Stadionbaus
1.1 Antike
1.1.1 Kolosseum
1.2 Mittelalter und Frühe Neuzeit
1.3 Moderner Stadionbau
2. Zeitliche Einordnung des Baus Olympiastadion München
3. Architekten Behnisch und Partner
4. Konzept
4.1 Olympiapark
4.2 Olympiastadion
4.3 Olympiadach
Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Münchener Olympiastadion als wegweisendes Beispiel einer „demokratischen Architektur“ und analysiert dessen architektonische sowie konzeptionelle Einbettung in die Geschichte des Stadionbaus vor dem Hintergrund gesellschaftspolitischer Entwicklungen.
- Historische Evolution der Sportstättenarchitektur von der Antike bis zur Moderne.
- Die gesellschaftspolitische Symbolik des Olympiastadions im Kontext der 1970er Jahre.
- Die Rolle der Architektengruppe Behnisch und Partner und ihres Konzepts der „Nicht-Architektur“.
- Technische Pionierleistungen bei der Realisierung der Seilnetz-Dachkonstruktion von Frei Otto.
Auszug aus dem Buch
4.3 Olympiadach
Eine Frage blieb bei den Planungen zum Olympiastadion lange ungelöst. Man kannte zu der Zeit in der Architektur nur Einzelüberdachungen, also Tragwerke, die sich auf ein Gebäude bezogen. Die Architekten befürchteten die Kontinuität der modellierten Landschaft könnte durch eine massive Überdachung der einzelnen Arenen extrem gefährdet werden.
Die mobile Architektur ist zwar schon seit der Frühgeschichte bekannt (Zelte Eingeborenenstämme/Nomaden, Heer der Römer u.a.) und auch das bereits erwähnte Sonnensegel des Colosseums kann dahingehend als technische Meisterleistung gelten, doch die Leichtbauweise konnte sich gegenüber des massiven Bauens bis in die Neuzeit nicht richtig durchsetzen.
Die rettende Idee: Die kühne Architektur des jungen Kollegen Frei Otto. 1957 hatte er in Berlin die Entwicklungstätte für den Leichtbau gegründet und gilt seitdem als Vorreiter auf diesem Gebiet. Otto konzipierte bereits den deutschen Pavillon zur Weltausstellung in Montreal 1967. Seine Hänge- und Zeltdach-Konstruktionen basierend auf biologischen und pneumatischen Prinzipien zählen zu den führenden Beispielen einer biomorphen Architektur. Sein Erfahrungsreichtum im Leichtbau, bei Seilnetzen und anderen zugbeanspruchten Konstruktionen macht ihn heute zu einem der bedeutensten Architekten und Architekturtheoretikers des 20. Jahrhunderts.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Verbindung zwischen Sportstätten und Massenbeeinflussung und stellt das Münchener Olympiastadion als Gegenentwurf zu monumentaler Architektur dar.
1. Entstehung und Entwicklung des Stadionbaus: Dieses Kapitel zeichnet die Entwicklung von antiken Stadien und Amphitheatern über das Mittelalter bis hin zum modernen, multifunktionalen Stadionbau nach.
2. Zeitliche Einordnung des Baus Olympiastadion München: Hier wird der Bau im Kontext der gesellschaftlichen Aufbruchsstimmung und der politischen Spannungen der Bundesrepublik Deutschland um 1972 verortet.
3. Architekten Behnisch und Partner: Dieses Kapitel stellt die Architektengruppe vor, deren „demokratische Architektur“ auf Transparenz, Offenheit und einem entspannten Dialog mit dem Nutzer setzt.
4. Konzept: Dieser Teil analysiert das städtebauliche Modellierungskonzept, das Erdstadien-Prinzip und die technische Revolution der Zeltdachkonstruktion von Frei Otto.
Fazit und Ausblick: Das Fazit würdigt das Olympiastadion als Gesamtkunstwerk und hinterfragt seine Rolle angesichts der heutigen Kommerzialisierung durch moderne Arenen wie die Allianz Arena.
Schlüsselwörter
Olympiastadion München, Demokratische Architektur, Behnisch und Partner, Frei Otto, Zeltdach, Sportstättenarchitektur, Erdstadion, 1972, Olympische Spiele, Stadtentwicklung, Leichtbau, Gesamtkunstwerk, Baudenkmal, Sport und Gesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Münchener Olympiastadion als architektonisches und gesellschaftspolitisches Symbol, das als „demokratischer“ Gegenentwurf zu monumentalen Sportbauten konzipiert wurde.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Neben der Architekturgeschichte der Sportstätten stehen das städtebauliche Konzept des Olympiaparks, die politische Bedeutung der Spiele von 1972 sowie die Pionierarbeit im Bereich des Leichtbaus im Fokus.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu untersuchen, mit welchen architektonischen Mitteln Leichtigkeit und Offenheit erzielt wurden und wie sich das Stadion in den Kontext der Stadionentwicklung einordnen lässt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine fachhistorische Analyse, die auf der Auswertung architekturgeschichtlicher Quellen, Dokumentationen und zeitgenössischer Berichterstattung basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Einordnung, die Vorstellung der Architekten, das städtebauliche Konzept sowie eine detaillierte technische Betrachtung des Dachbaus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Olympiastadion, demokratische Architektur, Zeltdachkonstruktion, Behnisch und Partner sowie Leichtbau maßgeblich bestimmt.
Welche Rolle spielt die Dachkonstruktion für das Gesamtbild des Stadions?
Das Zeltdach verleiht dem Stadion seine charakteristische Leichtigkeit und Transparenz, wodurch eine Verbindung zwischen Innenraum und umgebender Landschaft geschaffen wird, die ein monolithisches Bauwerk vermeidet.
Wie unterscheidet sich das Konzept von Behnisch und Partner von dem 1936 erbauten Olympiastadion in Berlin?
Während der Berliner Bau durch Monumentalität, Symmetrie und axiale Wegeführung militärische Stärke demonstrierte, setzte Behnisch auf fließende Formen, Offenheit und den „menschlichen Maßstab“.
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- Sarah Kästner (Autor:in), 2009, Das Olympiastadion München, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195610