Aus der Einleitung
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Der Gesundheitsfonds als zentraler Bestandteil der jüngsten Gesundheitsreform (GKV-WSG) trat zum 1. Januar 2009 in Kraft. Ziel des Gesetzgebers war es u.a., durch das Gesetz Qualitäts- und Effizienzsteigerungen durch eine Intensivierung des Wettbewerbs der Kassenseite durch größere Vertragsfreiheit mit den Leistungserbringern zu erreichen. Damit verbunden waren die Organisationsreform der Krankenkassen, die kassenartenübergreifende Fusionen möglich macht, ebenso wie die neuen Gestaltungsmöglichkeiten im Rahmen der Einführung des Gesundheitsfonds. Mit dem Gesundheitsfonds wurde der Beitragswettbewerb durch einen Einheitsbetrag faktisch abgeschafft. Damit einhergehend wurde der bestehende Risikostruktur- ausgleich (RSA) um eine Morbiditätskomponente erweitert.
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Ziel der Arbeit ist es die Auswirkungen von Gesundheitsfonds inkl. morbiditätsorientiertem Risikostrukturausgleich auf den Wettbewerb der Krankenkassen zu untersuchen, um daraus Vorschläge für die strategische Positionierung der BKK im Versorgungsmarkt abzuleiten, die das Fortbestehen kleinerer Krankenkassen bzw. der BKK rechtfertigen.
Dazu werden in einem ersten Schritt – Kapitel 2 – die Besonderheiten des Gesundheitsmarktes herausgearbeitet, die für die weitere Untersuchung notwendig sind. Der dreiseitige GKV-Markt – Versicherte/Patienten, Leistungserbringer und Krankenkassen – weist Steuerungsprinzipien auf, deren Ausrichtung durch das GKV-WSG abgeschwächt oder verändert wurden.
Zentrale Punkte des GKV-WSG sind der Wandel in der Finanzierung – der Gesundheitsfonds – Kapitel 3 – und die Morbiditätsorientierung des Risikostrukturausgleichs – Kapitel 4 –, die zu einer Verlagerung des Wettbewerbs der Krankenkassen vom Versicherungs- zum Versorgungsmarkt führen.
Die Handlungsfelder der Krankenkassen im Versorgungsmanagement durch interne Steuerung sowie die Möglichkeiten des selektiven Kontrahierens werden in Kapitel 5 diskutiert und Erfolgsfaktoren für die Umsetzung von Versorgungsprogrammen abgeleitet.
Die Besonderheiten der Betriebskrankenkassen stehen im Fokus des Kapitel 6. Sie werden gegenüber den anderen Kassenarten dargestellt und ihre Wettbewerbs- und Konkurrenzsituation, insbesondere im Versorgungsmarkt analysiert und daraus eine Strategiekonzeption für Betriebskrankenkassen im Bereich des Versorgungsmarktes abgeleitet.
Kapitel 7 schließt die Untersuchung mit einem Fazit zum Versorgungsmarkt und zur Situation der Betriebskrankenkassen ab.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Ausgangssituation
1.2 Problemstellung
1.3 Zielsetzung und Gang der Untersuchung
2 Der Markt in der Gesetzlichen Krankenversicherung
2.1 Tripolarer GKV-Markt
2.2 Informationsasymmetrien
2.3 Neues Rollenverständnis der Krankenkassen
2.4 Das Verhalten der Versicherten
2.5 Steigende Gesundheitsausgaben: „Teufelskreis“ und Wachstumsmarkt
3 Wettbewerb im Wandel – der Gesundheitsfonds
3.1 Wettbewerb im Versicherungsmarkt bis Ende 2008
3.2 Wandel in der Finanzierung: der Gesundheitsfonds
3.3 Folgen des Gesundheitsfonds für den Wettbewerb
4 Morbiditätsorientierter Risikostrukturausgleich als Ausgangspunkt für Versorgungsmanagement
4.1 Ziele, Aufbau und Funktion des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs
4.1.1 Berücksichtung von Krankheiten im Risikostrukturausgleich
4.1.2 Prospektiver Ansatz
4.1.3 Von der Diagnose zur Ausgleichzahlung
4.1.4 Weiterentwicklung des Morbi-RSA 2010
4.1.5 Manipulationsanfälligkeit des Morbi-RSA
4.2 Anreizwirkungen des Morbi-RSA
5 Handlungsfelder der Krankenkassen im Versorgungsmanagement
5.1 Versorgungsmanagement durch die Krankenkassen
5.2 Wettbewerb im Versorgungsmarkt – Selektives Kontrahieren
5.2.1 Gesetzliche Regelungen zum selektiven Kontrahieren
5.2.2 Ökonomische Bedeutung des selektiven Kontrahierens
5.2.3 Selektives Kontrahieren – Unterschiede zum Kollektivvertrag
5.2.4 Vertragstypen und Vergütungsformen von Selektivverträgen
5.2.5 Transaktionskosten
5.2.6 Selektivverträge – Chancen und Risiken für die Krankenkassen
5.3 Versorgungsmanagement und selektives Kontrahieren – Anforderungen an die Krankenkassen
6 Die Betriebskrankenkassen im Wettbewerb
6.1 Branchenstruktur des GKV-Marktes
6.2 Konkurrenzanalyse der gesetzlichen Krankenkassen
6.3 BKK Typologie
6.4 Umfeld- und Unternehmensanalyse
6.5 Strategiekonzeption
7 Fazit: Betriebskrankenkassen im Versorgungsmarkt
Zielsetzung & Themen
Diese Masterarbeit untersucht die Auswirkungen des Gesundheitsfonds und des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs (Morbi-RSA) auf den Wettbewerb zwischen Krankenkassen. Ziel ist es, auf Basis dieser Analyse Strategien für die Betriebskrankenkassen (BKK) zu entwickeln, um sich langfristig im Versorgungsmarkt als wettbewerbsfähige Akteure zu positionieren.
- Analyse des GKV-Marktes und seiner Akteure
- Wettbewerbsveränderungen durch den Gesundheitsfonds
- Wirkungsweise des Morbi-RSA und Anreizstrukturen
- Möglichkeiten und Hürden des selektiven Kontrahierens
- Strategische Positionierung von Betriebskrankenkassen
Auszug aus dem Buch
2.2 Informationsasymmetrien
Das Gesundheitswesen ist durch ein System unterschiedlicher Informationsasymmetrien und daraus folgend Prinzipal-Agenten-Beziehungen gekennzeichnet. Dabei haben der medizinische Leistungserbringer als Agent und die Prinzipale Patient und Krankenkasse jeweils unterschiedliche Interessen. Das Ziel des Patienten besteht unter dem Aspekt der Nutzenmaximierung darin, für seinen Beitrag zur Krankenversicherung eine möglichst gute medizinische Versorgung (Qualität der Behandlung) zu erhalten. Dagegen versucht die Krankenversicherung unter dem Aspekt der Gewinnmaximierung, ihre Ausgaben für die medizinische Versorgung (Effizienz der Behandlung) – bei gegebenen Einnahmen – niedrig zu halten. Für den medizinischen Leistungserbringer sind die Zielgrößen Qualität und Honorierung relevant. Durch seinen Informationsvorsprung verfügt der Arzt (Agent) als einziger über die Informationen bezüglich des Gesundheitszustandes des Patienten sowie über den notwendigen Umfang der Behandlung. Er fungiert als Doppelagent zwischen den beiden Prinzipalen Patient und Krankenkasse. Dabei ist sein Verhalten für die Prinzipale nicht direkt zu beurteilen und es entstehen hohe Kontrollkosten.
Bei Prinzipal-Agent-Beziehungen bestehende Unsicherheiten lassen sich in drei Problemtypen einteilen:
1. „hidden characteristics“
Vor Vertragsabschluss besteht beim Prinzipal Unsicherheit über die Eigenschaften der vom Agenten angebotenen Leistung. Es besteht das Risiko, einen schlechten Vertragspartner zu wählen.
2. „hidden action“
Nach Vertragsabschluss kennt der Prinzipal nur die Ergebnisse des Handelns des Agenten, das Handeln selbst bleibt verborgen. Der Agent nutzt Handlungsspielräume nur für sich.
3. „hidden intention“
Vor Vertragsabschluss unternimmt der Prinzipal irreversible Vorleistungen, (spez. Investitionen, Bindungsfristen) mit denen er nach Vertragsabschluss in die Abhängigkeit vom Agenten gerät, weil er auf die Leistungen des Agenten angewiesen ist.
Diese Unsicherheiten spielen sowohl im Versichtungsmarkt – Abschluss eines Versicherungsvertrags - als auch im Versorgungsmarkt – beim selektiven Kontrahieren – eine Rolle.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die veränderte Wettbewerbssituation der Betriebskrankenkassen durch den Gesundheitsfonds und das GKV-WSG ein und definiert die Problemstellung sowie das Untersuchungsziel.
2 Der Markt in der Gesetzlichen Krankenversicherung: Dieses Kapitel erläutert die Besonderheiten des GKV-Marktes, insbesondere die Tripolarität, Informationsasymmetrien und das Verhalten der Versicherten.
3 Wettbewerb im Wandel – der Gesundheitsfonds: Hier wird der Einfluss des Gesundheitsfonds und der neuen Finanzierungsmechanismen auf den Wettbewerb der Krankenkassen analysiert.
4 Morbiditätsorientierter Risikostrukturausgleich als Ausgangspunkt für Versorgungsmanagement: Dieses Kapitel beschreibt die Ziele, den Aufbau und die Anreizwirkungen des Morbi-RSA für die Krankenkassen.
5 Handlungsfelder der Krankenkassen im Versorgungsmanagement: Das Kapitel diskutiert Versorgungsmanagement und selektives Kontrahieren sowie die damit verbundenen Herausforderungen und Kostenstrukturen.
6 Die Betriebskrankenkassen im Wettbewerb: Es erfolgt eine Analyse der Branchenstruktur sowie eine Konkurrenz- und BKK-Typologie, woraus eine Strategiekonzeption abgeleitet wird.
7 Fazit: Betriebskrankenkassen im Versorgungsmarkt: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Zukunftsfähigkeit des BKK-Systems im Versorgungsmarkt.
Schlüsselwörter
Gesetzliche Krankenversicherung, Gesundheitsfonds, Morbiditätsorientierter Risikostrukturausgleich, Betriebskrankenkassen, Versorgungsmanagement, Selektives Kontrahieren, Wettbewerb, Prinzipal-Agent-Beziehung, Patientenversorgung, Leistungserbringer, Krankenkassenstrategie, Transaktionskosten, Patientenorientierung, Gesundheitsreform, Managed Care
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie sich die strategische Ausrichtung von Betriebskrankenkassen (BKK) im Zuge der gesetzlichen Veränderungen durch den Gesundheitsfonds und den morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich verändern muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Finanzierung der GKV, die Auswirkungen des Morbi-RSA, das Versorgungsmanagement, selektive Verträge und die spezifische Wettbewerbssituation der BKK.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, Auswirkungen von Gesundheitsfonds und Morbi-RSA auf den Wettbewerb zu untersuchen, um konkrete Vorschläge für die strategische Positionierung der BKK im Versorgungsmarkt abzuleiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine institutionenökonomische Analyse, kombiniert mit Branchen- und Unternehmensanalysen (z.B. nach Porter und mittels SWOT-Analyse), um Handlungsfelder und strategische Optionen abzuleiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit den Strukturen des GKV-Marktes, der funktionalen Analyse des Morbi-RSA, den Instrumenten des Versorgungsmanagements sowie der detaillierten Wettbewerbsanalyse der BKK.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Gesundheitsfonds, Morbiditätsorientierter Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA), Selektives Kontrahieren, BKK, Versorgungsmanagement und Wettbewerbsstrategie geprägt.
Wie beeinflusst der Morbi-RSA die Anreize für Krankenkassen?
Der Morbi-RSA schafft über krankheitsspezifische Zuschläge Anreize, die jedoch laut Autor kurzfristig eher zu einer Kostenvermeidungsstrategie als zu einer optimalen Versorgung chronisch Kranker führen können.
Warum ist die Kooperation für Betriebskrankenkassen besonders wichtig?
Da viele BKK einzeln nicht über genügend Marktmacht verfügen, um selektive Verträge effizient zu verhandeln, ist die Kooperation (z.B. über Gemeinschaftsunternehmen) ein zentraler Hebel, um Transaktionskosten zu senken und Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.
- Quote paper
- Detlef Chruscz (Author), 2010, Morbi-RSA, Versorgungsmanagement und Wettbewerb der Krankenkassen: Strategische Ausrichtung von Betriebskrankenkassen im Versorgungsmarkt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195681