Peter Härtlings Kinder- und Jugendroman „Krücke“ zwischen autobiographischer Erinnerungsarbeit und fiktionaler Überformung


Hausarbeit, 2012
14 Seiten, Note: 2,3
Merle Meinhardt (Autor)

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1 Einleitung

2. Die kinder- und jugendliterarischen Erzählkonventionen und ihre Auswirkungen auf die Erzählstruktur des Kinderromans „Krücke“

3. Die autobiographischen und fiktionalen Elemente des Kinderromans „Krücke“ und ihre Funktionen
3.1 Die autobiographischen Elemente des Kinderromans „Krücke“ und ihre Funktionen innerhalb der Erzählung sowie für den Autor
3.2 Die fiktionalen Elemente des Kinderromans „Krücke“ und ihre Funktionen innerhalb der Erzählung sowie für den Autor

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis
Primärliteratur:
Sekundärliteratur

1. Einleitung

Der 1986 von Peter Härtling verfasste zeitgeschichtliche Kinderroman „Krücke“ spielt in den Jahren 1945 und 1946 – in einer Zeit, die durch das alltägliche Elend des Zweiten Weltkrieges geprägt ist.

Der zwölfjährige Thomas, der auf der Flucht seine Mutter verloren hat, trifft dabei auf den einbeinigen Kriegsinvaliden Eberhard Wimmer - genannt Krücke - der sich Thomas zunächst widerwillig später jedoch überaus fürsorglich annimmt.

Zusammen meistern sie den Kampf ums Überleben in der vom Krieg gezeichneten Stadt Wien und dank Krücke lernt Thomas im weiteren Verlauf des Romans auch die Jüdin Bronka kennen, bei der die beiden zunächst wohnen können. Sie ist es auch, die Thomas und Krücke die Fahrbescheide für die Flucht in einem Güterzug nach Deutschland besorgt, wo die beiden schließlich über mehrere Monate in verschiedenen Unterkünften wohnen.

Im Laufe dieser Zeit entwickelt sich zwischen Thomas und Krücke eine immer tiefer werdende Freundschaft bis Thomas Mutter ihren Sohn über das Rote Kreuz letztendlich wiederfindet (vgl. Härtling 1986).

Betrachtet man die Biographie des Autors Peter Härtling wird sofort deutlich, dass es sich bei diesem Kinderroman um ein „autobiographiebasiertes literarisches Werk handelt, das in weitreichendem Maße auf selbst Erlebtes zurückgreift“ (Ewers 2005, S. 113).

Härtling, der 1933 bei Chemnitz geboren wurde und seine Kindheit unter der Diktatur der Nationalsozialisten verbrachte, erlebte mit elf Jahren das Ende des Dritten Reiches.

Sein Vater, unter dessen Distanziertheit Härtling jahrelang litt, starb unmittelbar nach Ende des Krieges in russischer Kriegsgefangenschaft.

Im Frühjahr 1945 floh Härtling mit seiner Mutter, seiner Schwester, seiner Großmutter und seiner Tante zunächst nach Wien und gelangte von dort aus kurze Zeit später mit einem Flüchtlingstransport nach Deutschland, wo sich Härtlings Mutter 1947 das Leben nahm.

Die Kindheit des Schriftstellers wurde jedoch nicht nur durch die traumatischen Erlebnisse der Nachkriegszeit geprägt.

Auch die zerrüttete Ehe seiner Eltern sowie die Entfremdung zwischen Härtling und seinem Vater und der Freitod von Härtlings Mutter stellten für den Autor erhebliche Belastungsfaktoren dar (vgl. ebd., S. 112).

Obwohl sich die große Nähe der Erzählung zur Biographie des Autors als eindeutig erweist, ist es auffällig, dass Härtling innerhalb des Kinderromans keinen einzigen Hinweis darauf gibt, dass die Erzählung in weiten Teilen autobiographisch geprägt ist, wobei sich der Autor in seinen zeitgeschichtlichen Erwachsenenromane – wie beispielsweise „Nachgetragenen Liebe“ - hingegen offen zu der autobiographischen Prägung des Romans bekennt.

Die Gründe dafür liegen zum einen in den kinder- und jugendliterarischen Erzählkonventionen, die dem Autor zeitgeschichtlicher Kinderliteratur die Möglichkeit verwehren, mit der jungen Leserschaft einen sog. autobiographischen Pakt einzugehen.

Zum anderen liegt der Grund, sich vor den jungen Leserinnen und Lesern nicht offen zu der autobiographischen Prägung der Erzählung zu äußern, in der bewussten Entscheidung des Autors, keinen autobiographischen Pakt mit seiner Leserschaft einzugehen, um sich von den strikten Vorgaben dieses Paktes, die dem Autor in erster Linie Faktentreue abnötigen, loszulösen, wodurch sich der Autor selbst die Möglichkeit eröffnet, seine eigene Biographie weiterhin - wenn auch stillschweigend – literarisch aufzuarbeiten, gleichzeitig aber auch zusätzliche fiktionale Elemente in die Erzählung einzubauen (vgl. ebd.).

Die nähere Erläuterung der o.g. kinder- und jugendliterarischen Erzählkonventionen und ihre Auswirkungen auf die Erzählstruktur des Kinderromans „Krücke“ sowie die Identifikation der von Seiten des Autors eingesetzten autobiographischen und fiktionalen Elemente inklusive ihrer Funktionen innerhalb des Romans bilden den Gegenstand dieser Ausarbeitung und werden im Folgenden eingehender thematisiert.

2. Die kinder- und jugendliterarischen Erzählkonventionen und ihre Auswirkungen auf die Erzählstruktur des Kinderromans „Krücke“

Wie bereits in der Einleitung erläutert, liegt das Verhalten Härtlings, den autobiographischen Gehalt des Kinderromans „Krücke“ innerhalb des Werkes nicht offen einzugestehen, zum Teil darin begründet, dass sich der Autor beim Verfassen seines Kinderromans an die vorherrschenden kinder- und jugendliterarischen Erzählkonventionen gebunden hat, die ihm, durch genaue Vorgaben bezüglich der Erzählstruktur, die Offenbarung der autobiographischen Prägung des Romans untersagen.

Aufgrund dessen beschäftigt sich dieses Kapitel zunächst mit den o.g. Erzählkonventionen sowie mit deren Auswirkungen auf die Erzählstruktur des Kinderromans.

Zu diesen Konventionen zählt zum einen die sog. Gegenstandsangemessenheit, die vor allem historische Objektivität, sachliche Korrektheit und die adressatengerechte Vermittlung der Kriegs- bzw. Nachkriegsthematik, in Form einer erlebnishaften Darstellung, in den Vordergrund der zeitgeschichtlichen Kinder- und Jugendliteratur stellt.

Persönliche Erlebnisse sollen demnach nur insoweit in die Erzählung einfließen, als dass sie die zuvor erwähnten Prinzipien nicht unterlaufen, da die eigenen Kindheitserlebnisse als nicht ausreichend repräsentativ angesehen werden, geschichtlich bedeutende Ereignisse angemessen zu vermitteln, wodurch der Autor dazu angehalten wird, möglichst keinen autobiographischen Pakt mit seiner Leserschaft einzugehen (vgl. ebd., S. 100/ 101).

Die zweite Konvention stellen die vorherrschenden kinder- und jugendliterarischen Erzählstrukturen dar, die sich in Deutschland seit den späten 50er Jahren zu einer Art Erzählkonvention entwickelt haben, die dadurch gekennzeichnet ist, dass ihr zufolge „erwachsene Erzählerfiguren bzw. Erzählinstanzen […] zugunsten eines Erzählens aus der Perspektive des bzw. der kindlichen oder jugendlichen Helden [zurücktreten]“ (ebd., S. 106), wodurch das berichtende Erzählen einer erwachsenen Zwischeninstanz durch überwiegend szenische und dialogreiche Darstellungen in den Hintergrund gerät.

Diese Erzählkonvention verwehrt dem Schriftsteller zeitgeschichtlicher Kinder- und Jugendliteratur somit die Möglichkeit, „sich als erwachsenes und erinnerndes Ich offen und unverstellt in das Werk einzubringen“ (ebd., S. 107) und dadurch zu offenbaren, dass Teile der betreffenden Erzählung die eigene Biographie widerspiegeln (vgl. ebd., S. 106/ 107).

Betrachtet man die Erzählstruktur des Kinderromans Krücke genauer und vergleicht diese mit der Erzählform von Härtlings erwachsenenliterarischem Werk „Nachgetragene Liebe“, welches inhaltlich betrachtet sozusagen den Vorgänger des Kinderromans „Krücke“ darstellt, wird sofort deutlich, dass sich der Autor beim Verfassen von „Krücke“ an den zuvor dargestellten kinder- und jugendliterarischen Konventionen orientiert hat.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Peter Härtlings Kinder- und Jugendroman „Krücke“ zwischen autobiographischer Erinnerungsarbeit und fiktionaler Überformung
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Krieg, Konflikt, Erinnerung in der Kinder- und Jugendliteratur
Note
2,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
14
Katalognummer
V195807
ISBN (eBook)
9783656218777
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
peter, härtlings, kinder-, jugendroman, krücke, erinnerungsarbeit, überformung
Arbeit zitieren
Merle Meinhardt (Autor), 2012, Peter Härtlings Kinder- und Jugendroman „Krücke“ zwischen autobiographischer Erinnerungsarbeit und fiktionaler Überformung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195807

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