Der 1986 von Peter Härtling verfasste zeitgeschichtliche Kinderroman „Krücke“ spielt in den Jahren 1945 und 1946 – in einer Zeit, die durch das alltägliche Elend des Zweiten Weltkrieges geprägt ist.
Der zwölfjährige Thomas, der auf der Flucht seine Mutter verloren hat, trifft dabei auf den einbeinigen Kriegsinvaliden Eberhard Wimmer - genannt Krücke - der sich Thomas zunächst widerwillig später jedoch überaus fürsorglich annimmt.
Zusammen meistern sie den Kampf ums Überleben in der vom Krieg gezeichneten Stadt Wien und dank Krücke lernt Thomas im weiteren Verlauf des Romans auch die Jüdin Bronka kennen, bei der die beiden zunächst wohnen können. Sie ist es auch, die Thomas und Krücke die Fahrbescheide für die Flucht in einem Güterzug nach Deutschland besorgt, wo die beiden schließlich über mehrere Monate in verschiedenen Unterkünften wohnen.
Im Laufe dieser Zeit entwickelt sich zwischen Thomas und Krücke eine immer tiefer werdende Freundschaft bis Thomas Mutter ihren Sohn über das Rote Kreuz letztendlich wiederfindet (vgl. Härtling 1986).
Betrachtet man die Biographie des Autors Peter Härtling wird sofort deutlich, dass es sich bei diesem Kinderroman um ein „autobiographiebasiertes literarisches Werk handelt, das in weitreichendem Maße auf selbst Erlebtes zurückgreift“ (Ewers 2005, S. 113).
Härtling, der 1933 bei Chemnitz geboren wurde und seine Kindheit unter der Diktatur der Nationalsozialisten verbrachte, erlebte mit elf Jahren das Ende des Dritten Reiches.
Sein Vater, unter dessen Distanziertheit Härtling jahrelang litt, starb unmittelbar nach Ende des Krieges in russischer Kriegsgefangenschaft.
Im Frühjahr 1945 floh Härtling mit seiner Mutter, seiner Schwester, seiner Großmutter und seiner Tante zunächst nach Wien und gelangte von dort aus kurze Zeit später mit einem Flüchtlingstransport nach Deutschland, wo sich Härtlings Mutter 1947 das Leben nahm.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2. Die kinder- und jugendliterarischen Erzählkonventionen und ihre Auswirkungen auf die Erzählstruktur des Kinderromans „Krücke“
3. Die autobiographischen und fiktionalen Elemente des Kinderromans „Krücke“ und ihre Funktionen
3.1 Die autobiographischen Elemente des Kinderromans „Krücke“ und ihre Funktionen innerhalb der Erzählung sowie für den Autor
3.2 Die fiktionalen Elemente des Kinderromans „Krücke“ und ihre Funktionen innerhalb der Erzählung sowie für den Autor
4 Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit analysiert, warum Peter Härtling in seinem Kinderroman „Krücke“ die autobiographischen Bezüge zu seiner eigenen Nachkriegskindheit nicht offenlegt. Das primäre Ziel besteht darin, die Wechselwirkung zwischen den in der Kinderliteratur üblichen Erzählkonventionen und dem bewussten Einsatz fiktionaler Überformung als Mittel zur literarischen Traumabewältigung und Distanzwahrung zu untersuchen.
- Analyse der kinder- und jugendliterarischen Erzählkonventionen
- Untersuchung der autobiographischen Wurzeln der Romanfiguren
- Funktion fiktionaler Umformungen für die Erzählstruktur
- Psychologische Aspekte der autobiographischen Erinnerungsarbeit
- Vergleich zwischen Kinder- und Erwachsenenliteratur des Autors
Auszug aus dem Buch
Die autobiographischen Elemente des Kinderromans „Krücke“ und ihre Funktionen innerhalb der Erzählung sowie für den Autor
Das vorliegende Kapitel thematisiert die Identifikation der autobiographischen und fiktionalen Elemente des Kinderromans „Krücke“, sowie ihre Auswirkungen auf die Erzählung und die Funktion, die sie für den Autor Peter Härtling einnehmen.
Die Ausführungen konzentrieren sich dabei auf die drei Hauptfiguren Thomas, Krücke und Bronka, da insbesondere bei diesen drei Charakteren eine autobiographische Prägung bzw. fiktionale Umformung und die daraus resultierenden Auswirkungen besonders deutlich veranschaulicht werden können.
Zunächst ist zu erwähnen, dass es sich bei Thomas, Krücke und Bronka keineswegs um erfundene Figuren handelt, da alle drei Charaktere ein historisches Vorbild besitzen. Außer Zweifel steht dabei, dass der kindliche Protagonist Thomas wirklich existiert hat und noch heute existiert, da Härtling in der Figur dieses Protagonisten seine eigenen Kindheitserlebnisse aus der Nachkriegszeit schildert (vgl. Härtling 1998a, S. 11).
Vor diesem Hintergrund stellt sich zunächst die Frage, warum Härtling sich für eine – wenn auch verdeckte - autobiographische Prägung seines Kinder- und Jugendromans entschieden hat.
Erzählanalytisch betrachtet, fördert das Zurückgreifen auf die eigene Biographie und das Einbeziehen eigener Kindheitserinnerungen aus der Nachkriegszeit die Ausgestaltung der Erlebnisperspektive des kindlichen Protagonisten dahingehend, dass sie insgesamt erlebnishafter sowie spannender und unterhaltsamer anmutet, wodurch sich die junge Leserschaft besser in die Perspektive des Erzählers hineinversetzen kann.
Zudem wirken die Darstellungen zeitgeschichtlicher Ereignisse und Umstände durch das Einbringen eigener Kindheitserlebnisse in besonderem Maße authentisch, da von den Darbietungen real existierender Einzelschicksale eine besondere Ernsthaftigkeit und Erschütterung ausgeht.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in den historischen Kontext des Romans ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach dem Verhältnis von Autobiographie und Fiktion in Härtlings Werk.
2. Die kinder- und jugendliterarischen Erzählkonventionen und ihre Auswirkungen auf die Erzählstruktur des Kinderromans „Krücke“: Dieses Kapitel untersucht, wie literarische Konventionen den Autor dazu zwingen, auf ein reflektierendes Ich zu verzichten und die autobiographische Ebene zu verbergen.
3. Die autobiographischen und fiktionalen Elemente des Kinderromans „Krücke“ und ihre Funktionen: Hier werden die realen Vorbilder der Figuren identifiziert und analysiert, wie deren Umformung sowohl die Erzählweise stützt als auch der persönlichen Traumabewältigung dient.
3.1 Die autobiographischen Elemente des Kinderromans „Krücke“ und ihre Funktionen innerhalb der Erzählung sowie für den Autor: Dieser Abschnitt fokussiert auf die Authentizität durch eigene Kindheitserlebnisse und die Funktion des Romans als Medium zur Verarbeitung traumatischer Erinnerungen.
3.2 Die fiktionalen Elemente des Kinderromans „Krücke“ und ihre Funktionen innerhalb der Erzählung sowie für den Autor: Dieser Teil beleuchtet, wie der Autor historische Vorbilder fiktional anpasst, um seine zeitgeschichtlichen Ansichten zu transportieren und Wunschbiographien zu entwerfen.
4 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die bewusste Trennung von autobiographischem Pakt und fiktionaler Gestaltung es Härtling ermöglicht, traumatische Erfahrungen künstlerisch zu bewältigen.
Schlüsselwörter
Peter Härtling, Krücke, autobiographische Erinnerungsarbeit, Fiktionalisierung, Kinderroman, Nachkriegszeit, Erzählkonventionen, Thomas, Zeitgeschichte, Traumabewältigung, Wunschbiographie, literarische Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die autobiographischen Hintergründe des Kinderromans „Krücke“ von Peter Härtling und analysiert, warum der Autor diese Bezüge gegenüber der jungen Leserschaft verbirgt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf den Erzählkonventionen der Kinderliteratur, dem Einsatz von autobiographischen Elementen und der Funktion der fiktionalen Umgestaltung für den Schreibprozess des Autors.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt nach den Gründen, die Härtling dazu bewegen, keinen sogenannten autobiographischen Pakt einzugehen, und wie er stattdessen fiktionale Mittel nutzt, um seine eigene Geschichte zu verarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine erzähltheoretische und literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text mit biographischen Dokumenten und theoretischen Ansätzen zur Kinderliteratur vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung literarischer Erzählkonventionen und die detaillierte Identifizierung und Funktion der fiktionalen sowie autobiographischen Elemente in den Hauptfiguren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Autobiographie, Fiktionalisierung, Zeitgeschichte, Traumabewältigung und Erzählkonventionen.
Welche Rolle spielt die Figur des „Krücke“ für den Autor?
Die Figur dient als fiktional umgeformtes Sprachrohr, das es Härtling ermöglicht, historische Fakten und persönliche Ansichten in den Roman zu integrieren, während das historische Vorbild als Held seiner Kindheit fungierte.
Wie unterscheidet sich der Kinderroman von Härtlings Erwachsenenliteratur?
Während Härtling in seinem Erwachsenenroman „Nachgetragene Liebe“ offen autobiographisch schreibt, nutzt er im Kinderroman eine einschichtige Erzählstruktur, die das offene Bekennen zur eigenen Biografie innerhalb des Textes ausschließt.
- Citation du texte
- Merle Meinhardt (Auteur), 2012, Peter Härtlings Kinder- und Jugendroman „Krücke“ zwischen autobiographischer Erinnerungsarbeit und fiktionaler Überformung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195807