Autoaggressionen - Beschreibung, Erklärungsansätze, Therapiemöglichkeiten


Hausarbeit, 2003

21 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Beschreibung und Definition
2.1 Definition
2.2 Klassifizierung
2.3 Erscheinungsformen/ Phänomenologie
2.4 Auftretungshäufigkeit/ Epidemiologie
2.5 Diagnose

3. Erklärungsansätze
3.1 Biologischer Ansatz
3.2 Lerntheoretischer Ansatz
3.3 Psychoanalytischer Ansatz
3.4 Entwicklungspsychologischer Ansatz

4. Ritzen
4.1 Ritzen – typisch weibliches Verhalten? Oder weibliche Perversion?
4.2 Funktion und Dynamik
4.3 Die Selbstverletzungssituation
4.4 Auslöser
4.5 Intention

5. Ursachen/ Ätiologie
5.1 Menstruation
5.2 Sexueller Missbrauch
5.3 Körperliche Misshandlung
5.4 Deprivation/ emotionale Vernachlässigung

6. Therapiemöglichkeiten
6.1 Psychoanalytische Therapie
6.2 Körpertherapie
6.3 Gestaltungstherapie
6.4 Verhaltenstherapie

7. Schlussbetrachtung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

"Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind, und was weiß ich von Deinen. Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüsstest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrfürchtig, so nachdenklich (...) stehen, wie vor dem Eingang zur Hölle." (Franz Kafka)

Autoaggressionen bzw. Selbstverletzendes Verhalten gehören wohl zu den erschreckendsten Verhaltensweisen, insbesondere dann, wenn es bei Kindern und Jugendlichen auftritt.

Dieses Verhalten löst in der Umwelt Gefühle wie Entsetzen, Unverständnis und Ohnmacht, aber auch Erbarmen, Ablehnung, Mitgefühl und Distanzierung aus. Oftmals wird auch nicht verstanden, warum es zu diesen Selbstverletzungen kommt, viele sind der Meinung, dass Kinder und Jugendliche, die dieses Verhalten aufzeigen, versuchen sich selbst umzubringen und es nur nicht „geklappt“ hat.

In unserer Gesellschaft haben Aggressionen nur wenig Raum, sie müssen unterdrückt oder in anderen Handlungen sublimiert werden. Selbstverletzungen werden überwiegend heimlich, im "stillen Kämmerlein", vollzogen. Aufgrund dessen gibt es nur wenig gesicherte Daten über Auftretenshäufigkeit und die Verteilung. Jedoch wird in der Literatur immer wieder die signifikante Häufigkeit bei Mädchen bzw. Frauen erwähnt.

Dazu muss man sagen, dass es in der Geschichte der Menschheit zu jeder Zeit Personen gegeben hat, die sich selbst Schaden zufügten, meist jedoch im Stillen. Entdeckungen wurden entweder verurteilt oder totgeschwiegen. Heute gibt es immerhin Ansätze, dieses gesellschaftliche Problem ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken und Verständnis für die betroffenen Jugendlichen zu wecken.

Die landläufigen Meinungen und meine Erfahrungen in der Praxis brachten mich dazu, dieses Thema als Hausarbeitsthema aufzugreifen.

In dieser Arbeit möchte ich das Hauptaugenmerk auf das Verhalten „normaler“ Menschen richten, da eine Ausweitung auf alle Gruppen, wie zum Beispiel Autisten, zu weit führen würde.

2. Beschreibung und Definition

2.1 Definition

Rohmann und Hartmann interpretieren autoaggressives Verhalten als „einen aggressiven Akt gegen das Selbst“ (1988, S.12). Autoaggressionen werden als Verhaltensweisen beschrieben, die sich gegen den eigenen Körper richten, die dem eigenen Körper physische Schäden zufügen und einen stereotypen Charakter haben können. Es ist problematisch die Handlung der Selbstverletzung als „bewusste Schädigung“ zu beschreiben, da die automatisierte Autoaggression nicht mehr bewusst gesteuert werden kann. Die oftmals vorausgesetzte vorhandene Schmerzempfindung muss nicht zwangsläufig existent sein. In der praktischen Arbeit kann man immer wieder eine wechselnde Schmerzempfindung feststellen. Oftmals berichten Betroffene davon, dass sie während dem Vorgang selbst nichts spüren, für andere ist es gerade der Schmerz währenddessen, der zur Sucht werden kann. Ein Ziel der Autoaggression kann sein, unangenehmen Situationen auszuweichen, Anforderungen so zu vermeiden oder auch um Aufmerksamkeit zu erreichen. Die Selbstbeschädigung wird von Betroffenen als weniger unangenehme Konsequenz empfunden. (vgl. Rohmann, Hartmann, 1988, S.14ff)

Winchel und Stanley definieren Selbstverletzendes Verhalten als: „...die Absicht der absichtlichen Schädigung des eigenen Körpers. Die Verletzung fügt man sich zu, ohne die Hilfe einer weiteren Person, und die Verletzung ist ernst genug, um eine Gewebeschädigung (wie z.B. Narben) hervorzurufen. Handlungen, die mit bewussten suizidalen Absichten ausgeführt werden, oder verbunden sind mit sexueller Erregung, sind ausgeschlossen“. Diese Definition deckt sich am besten mit meiner praktischen Erfahrung in einem Mädchenheim.

Hinsichtlich der Begrifflichkeiten besteht in Fachkreisen keine Einigkeit welcher Begriff zu welchem genau definierten Symptom gehört. So werden folgende Begriffe zum Teil synonym verwendet: Autoaggressionen, Selbstverstümmelnde Verhaltensweisen, Selbstdestruktives Verhalten, Selbstbeschädigung, Automutilation und Selbstverletzendes Verhalten.

2.2 Klassifizierung

In Standardwerken psychiatrischer Diagnostik wird selbstverletzendes Verhalten nicht als eigenständiges Krankheitsbild aufgeführt, sondern als Symptom oder Kriterium für bestimmte Krankheiten.

Im DSM IV gilt es als ein diagnostisches Kriterium für die Borderline- Persönlichkeitsstörung, so heißt es: „wiederholte suizidale Handlungen, Selbstmordandeutungen oder –drohungen oder Selbstverletzungsverhalten.“

Im ICD 10 wird im Rahmen der Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen die "Artifizielle Störung" genannt, wo unter anderem explizit von "sich selbst zugefügten Schnittverletzungen und Schürfwunden" die Rede ist, jedoch wird hier von Vortäuschung gesprochen, bei der offenen Selbstverletzung geht es aber gerade darum nicht.

2.3 Erscheinungsformen/ Phänomenologie

Smith unterscheidet in große und mäßige Selbstzerstümmelung, sowie stereotype Selbstzerstümmelung. Bei der großen Selbstzerstümmelung, der extremsten Form, wird ein großer Teil des Körpers zerstört (Abtrennung von Gliedmaßen, Kastration, Bloßlegung von Knochen, etc.). Diese Form tritt häufig während eines psychotischen oder intoxikierten Zustand auf. Zu der stereotypen Form, die aus fixierten, rhythmischen Mustern besteht, zählt Smith Kopfschlagen, Beißen in Finger oder Arme, etc. Die häufigste Form der Selbstbeschädigung ist die mäßige Form, wobei der Schweregrad hier stark variieren kann. Sie ist oftmals ein Signal für eine emotionale Notlage und tritt meistens wiederholt auf. Das Verlangen nach dieser Selbstbeschädigung hat manchmal die Qualität einer Sucht. Die üblichsten Formen sind: Schneiden bzw. Ritzen mit Glas oder Rasierklingen o.ä., Verbrennen der Haut, Kratze, Schlagen. (vgl. 2000, S.12)

Auch Rohmann und Hartmann unterscheiden in drei Formen der Autoaggression, leichte, mittlere und schwere Autoaggression. Zu den leichten Autoaggressionen zählen Selbstbeschädigende Verhaltensweisen geringer Intensität, die häufig in einem erkennbaren Situationsbezug stattfinden, aber ohne sichtbare Verletzungen, z.B. Schlagen mit der flachen Hand. Bei der mittleren Autoaggression ist die Intensität und Regelmäßigkeit gesteigert, so dass Verletzungen (Narben, Verhornungen, etc.) sichtbar sind. Hierzu zählen: Beißen, Kratzen, Schlagen, wobei dieses Verhalten bereits automatisiert auftreten kann. Die schwere Autoaggression kann Verletzungen hervorrufen, die lebensbedrohlich sind. Verhaltensweisen wie Schlagen des Kopfes gegen Wände, das Stechen mit den Fingern in die Augen, Halten des Kopfes in offenes Feuer, Abbeißen von Fingerkuppen, Lippen oder Zunge. Die Intensität des Verhaltens ist massiv, das Verhalten findet ohne jeglichen erkennbaren Grund statt und ist so stark automatisiert, dass die Selbstkontrolle völlig fehlt und die Betroffenen „sich selbst ausgeliefert“ sind. (vgl. ROHMANN, HARTMANN, 1988, S.17)

In der Medizin wird zwischen offener und heimlicher Selbstverletzung unterschieden. Die offene Selbstverletzung unterscheidet sich von der Heimlichen dadurch, dass die Betroffenen entweder seine Verletzungen vor anderen Personen vornimmt oder ansonsten bei der Erstversorgung oder einer Ärztlichen/ psychiatrischen Untersuchung die Ursache der Verletzung sofort aufklären, also mitteilen, dass sie sich selbst verletzt haben. Bei der heimlichen Selbstverletzung wird die Ursache der Verletzungen verschwiegen oder verleugnet, die Symptome werden als „Eigensymptome“ (vom Körper verursacht) bezeichnet. Bei der heimlichen Selbstverletzung gibt es noch eine „Steigerungsform“, das Münchhausen- Syndrom, das aber eine besonders extreme Erscheinungsform darstellt. (vgl. www.selbstverletzung.com)

2.4 Auftretungshäufigkeit/ Epidemiologie

Die Selbstverletzung ist kein Phänomen einer bestimmten Gesellschaftsschicht. Schätzungen in Deutschland gehen davon aus, dass 0,6 bis 0,75 % der Gesamtbevölkerung von offener Selbstverletzung betroffen sind, bei der Gruppe der 15- 30jährigen geht man von ca. zwei Prozent aus. Wie groß hier der Frauen- und wie groß der Männeranteil ist, ist nicht bekannt. Man hat z.B. festgestellt, dass Männer mit Selbstverletzendem Verhalten, dies vor allem in Situationen tun, in denen sie das Gefühl haben die Kontrolle zu verlieren, in denen sie zur Passivität gezwungen werden. Bei den meisten nachfolgenden Untersuchungsergebnissen lag jedoch eine reine Frauengruppe vor. Der Altersdurchschnitt liegt bei der offenen Selbstverletzung bei 18- 28 Jahren, wobei man aber davon ausgeht, dass die Selbstverletzung in den meisten Fällen (60 %) im frühen Erwachsenenalter (16- 25 Jahren) oder zu einem noch früheren Zeitpunkt beginnt, nämlich in der Pubertät, bei Frauen nicht selten nach dem ersten Auftreten der Menstruation. Viele Frauen haben auch das Gefühl oder die Phantasie, das ‚schlechte Blut’ mit dem‚ guten Blut’ der Selbstverletzung kontrollieren, aufhalten, verhindern zu können. Bei der heimlichen Selbstverletzung geht man von zwei Prozent der Patienten in Allgemeinkrankenhäusern aus. Der Beginn der chronischen Erkrankung ist hier zwischen dem 18. und 30. Lebensjahr anzusiedeln. Man kann auch nicht davon ausgehen, dass Selbstverletzung ein Phänomen einer bestimmten Gesellschaftsschicht ist. Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland 0,6 bis 0,75 Prozent der Gesamtbevölkerung von Selbstverletzung betroffen sind, wobei man hier nicht sagen kann, wie viel der heimlichen Selbstverletzungen bekannt wurden. (vgl. www.selbstverletzung.com)

2.5 Diagnose

Die diagnostischen Kriterien sind noch nicht allgemein gültig definiert. Levenkron sieht darin die Gefahr, dass trotz des schweren, körperlich gefährlichen und psychisch belastenden Verhaltens das Problem an sich als zweitrangig behandelt wird. Er beschreibt folgende Kriterien zur Diagnose von Selbstverletzungen:

- wiederholtes Verletzen der eigenen Haut,
- ein Gefühl der Anspannung unmittelbar vor dem entsprechenden Handeln,
- der körperliche Schmerz geht einher mit Gefühlen der Entspannung, Befriedigung und einer angenehmen Betäubtheit,
- das Gefühl von Scham und Angst vor sozialer Ächtung bewirkt, dass die Betroffene versucht Narben, Blut oder andere Anzeichen für das selbstzerstörerische Verhalten zu verbergen. (vgl. LEVENKRON, 2001, S.24)

Doch gerade beim letzten Kriterium entsteht ein Widerspruch, der die Ambivalenz der Betroffenen widerspiegelt. Herpertz und Saß nennen als einen Grund dafür, dass die meisten Selbstverletzungen an den Armen auftreten, die Möglichkeit die Verletzungen situationsabhängig mit entsprechender Kleidung zu verstecken oder auch sie gut sichtbar für die Umwelt offen zu legen. (vgl. HERPERTZ; SAß, 1994, S.299)

Hänsli führt neben dem Kriterium der körperlichen Verletzung die Selbstverletzung als Handlung einer psychischen Krise auf. Als typisch bezeichnet er auch, dass das Verhalten sozial nicht akzeptiert ist. (vgl. HÄNSLI, 1996, S.25)

[...]

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Details

Titel
Autoaggressionen - Beschreibung, Erklärungsansätze, Therapiemöglichkeiten
Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Stuttgart, früher: Berufsakademie Stuttgart  (Sozialwesen)
Note
1,6
Autor
Jahr
2003
Seiten
21
Katalognummer
V19581
ISBN (eBook)
9783638236683
ISBN (Buch)
9783640318964
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand.
Schlagworte
Autoaggressionen
Arbeit zitieren
Nicole Lorch (Autor:in), 2003, Autoaggressionen - Beschreibung, Erklärungsansätze, Therapiemöglichkeiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19581

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