"Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind, und was weiß ich von Deinen. Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüsstest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrfürchtig, so nachdenklich (...) stehen, wie vor dem Eingang zur Hölle." (Franz Kafka) Autoaggressionen bzw. Selbstverletzendes Verhalten gehören wohl zu den erschreckendsten Verhaltensweisen, insbesondere dann, wenn es bei Kindern und Jugendlichen auftritt. Dieses Verhalten löst in der Umwelt Gefühle wie Entsetzen, Unverständnis und Ohnmacht, aber auch Erbarmen, Ablehnung, Mitgefühl und Distanzierung aus. Oftmals wird auch nicht verstanden, warum es zu diesen Selbstverletzungen kommt, viele sind der Meinung, dass Kinder und Jugendliche, die dieses Verhalten aufzeigen, versuchen sich selbst umzubringen und es nur nicht "geklappt" hat. In unserer Gesellschaft haben Aggressionen nur wenig Raum, sie müssen unterdrückt oder in anderen Handlungen sublimiert werden. Selbstverletzungen werden überwiegend heimlich, im "stillen Kämmerlein", vollzogen. Aufgrund dessen gibt es nur wenig gesicherte Daten über Auftretenshäufigkeit und die Verteilung. Jedoch wird in der Literatur immer wieder die signifikante Häufigkeit bei Mädchen bzw. Frauen erwähnt.
Dazu muss man sagen, dass es in der Geschichte der Menschheit zu jeder Zeit Personen gegeben hat, die sich selbst Schaden zufügten, meist jedoch im Stillen. Entdeckungen wurden entweder verurteilt oder totgeschwiegen. Heute gibt es immerhin Ansätze, dieses gesellschaftliche Problem ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken und Verständnis für die betroffenen Jugendlichen zu wecken. Die landläufigen Meinungen und meine Erfahrungen in der Praxis brachten mich dazu, dieses Thema als Hausarbeitsthema aufzugreifen. In dieser Arbeit möchte ich das Hauptaugenmerk auf das Verhalten "normaler" Menschen richten, da eine Ausweitung auf alle Gruppen, wie zum Beispiel Autisten, zu weit führen würde.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Beschreibung und Definition
2.1 Definition
2.2 Klassifizierung
2.3 Erscheinungsformen/ Phänomenologie
2.4 Auftretungshäufigkeit/ Epidemiologie
2.5 Diagnose
3. Erklärungsansätze
3.1 Biologischer Ansatz
3.2 Lerntheoretischer Ansatz
3.3 Psychoanalytischer Ansatz
3.4 Entwicklungspsychologischer Ansatz
4. Ritzen
4.1 Ritzen – typisch weibliches Verhalten? Oder weibliche Perversion?
4.2 Funktion und Dynamik
4.3 Die Selbstverletzungssituation
4.4 Auslöser
4.5 Intention
5. Ursachen/ Ätiologie
5.1 Menstruation
5.2 Sexueller Missbrauch
5.3 Körperliche Misshandlung
5.4 Deprivation/ emotionale Vernachlässigung
6. Therapiemöglichkeiten
6.1 Psychoanalytische Therapie
6.2 Körpertherapie
6.3 Gestaltungstherapie
6.4 Verhaltenstherapie
7. Schlussbetrachtung
8. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, das Phänomen des selbstverletzenden Verhaltens bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu beleuchten, psychologische Erklärungsansätze zu diskutieren und therapeutische Ansätze in einem sozialpädagogischen Kontext einzuordnen.
- Phänomenologie und Definition selbstverletzenden Verhaltens
- Psychologische und biologische Erklärungsmodelle
- Die Funktion von Autoaggression als Bewältigungsstrategie
- Ätiologische Faktoren wie Missbrauch, Vernachlässigung und Entwicklungskonflikte
- Therapeutische Handlungsmöglichkeiten in der Sozialen Arbeit
Auszug aus dem Buch
4.2 Funktion und Dynamik
Die Selbstverletzung, das Ritzen hat für die Betroffene verschieden Funktionen, das Verhalten erfüllt eine bestimmte oder mehrere Aufgaben in ihrer Lebensbewältigung. Diese Funktionen können in verschiedenen Situationen unterschiedlich sein und sich im zeitlichen Rahmen ändern.
Für betroffene Mädchen bzw. junge Frauen ist die Selbstbeschädigung oftmals die einzige Möglichkeit mit auftauchenden Gefühlen, bzw. mit dem „Gefühl, keine Gefühle zu haben“ umzugehen. Sie geraten in Zustände, in denen sie das Gefühl haben ihren eigenen Körper nicht mehr spüren zu können. Sie fühlen sich „abgestorben“, das Schmerzempfinden ist ausgesetzt. Diese Zustände treten meist im Zusammenhang mit bedrohlichen Gefühlen auf, die ein (verdrängtes) vergangenes Erlebnis hervorrufen. Die Betroffenen haben Angst durchzudrehen, fühlen sich tot, sind aber doch lebendig. Diese Situation wird durch den Vorgang des Ritzens beendet. Sie kommen dadurch der Umwelt wieder näher, sie spüren den langsam einsetzenden Schmerz und dadurch sich selbst. Das Blut führt zur Beruhigung, weil es die Lebendigkeit demonstriert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die gesellschaftliche Relevanz und die Herausforderung des selbstverletzenden Verhaltens bei Jugendlichen.
2. Beschreibung und Definition: Dieses Kapitel definiert autoaggressives Verhalten, klassifiziert verschiedene Formen und beleuchtet die diagnostische Einordnung.
3. Erklärungsansätze: Verschiedene wissenschaftliche Theorien – von biologischen über lerntheoretische bis hin zu psychoanalytischen Modellen – werden zur Erklärung des Verhaltens herangezogen.
4. Ritzen: Der Fokus liegt hier spezifisch auf dem Phänomen des "Ritzens", seiner Funktion als Bewältigungsstrategie, den Auslösern und der zugrunde liegenden Intention.
5. Ursachen/ Ätiologie: Dieses Kapitel untersucht biographische und psychosoziale Hintergründe wie Menstruation, Missbrauch und emotionale Vernachlässigung als mögliche Auslöser.
6. Therapiemöglichkeiten: Es werden verschiedene therapeutische Ansätze vorgestellt, die helfen können, den Teufelskreis der Selbstverletzung zu durchbrechen.
7. Schlussbetrachtung: Ein Resümee über die Bedeutung der Thematik für die Soziale Arbeit und die Notwendigkeit, das Thema aktiv anzugehen.
8. Literaturverzeichnis: Ein Verzeichnis der verwendeten Fachliteratur und Online-Quellen.
Schlüsselwörter
Selbstverletzendes Verhalten, Autoaggression, Ritzen, Jugendhilfe, Psychologie, Traumatisierung, Bewältigungsstrategie, Ätiologie, Therapie, Körperbild, Borderline, Adoleszenz, Soziale Arbeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen des selbstverletzenden Verhaltens bei Kindern und Jugendlichen, analysiert dessen Hintergründe und diskutiert Ansätze für die Soziale Arbeit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Kernbereichen zählen die Definition und Klassifizierung, psychologische Erklärungsansätze, die Analyse von "Ritzen" als Symptom, sowie Ursachenforschung und Therapiemöglichkeiten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, ein besseres Verständnis für das "Warum" hinter der Selbstverletzung zu entwickeln und aufzuzeigen, wie sozialpädagogische Fachkräfte angemessen reagieren können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturrecherche und der Verknüpfung theoretischer Modelle mit praktischen Erfahrungen aus einem Mädchenheim.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Erklärungsmodelle (biologisch, lerntheoretisch, psychoanalytisch), eine detaillierte Auseinandersetzung mit dem Ritzen und eine Analyse potenzieller Ursachen wie Trauma oder Vernachlässigung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Selbstverletzendes Verhalten, Autoaggression, Trauma, Bewältigungsstrategie und Therapie.
Warum wird im Text speziell auf die Menstruation als Faktor eingegangen?
Das Dokument erläutert, wie der Übergang vom Kind zur Frau und der Umgang mit dem weiblichen Körper bei betroffenen Mädchen oft mit Scham und dem Wunsch nach Kontrolle verknüpft ist.
Welche Rolle spielt die "Parentifizierung" bei den betroffenen Mädchen?
Der Text beschreibt, wie Kinder in dysfunktionalen Familien frühzeitig die Rolle der Mutter übernehmen müssen, was zur Entfremdung von eigenen Bedürfnissen und zur Entstehung von Dissoziation führen kann.
- Citar trabajo
- Nicole Lorch (Autor), 2003, Autoaggressionen - Beschreibung, Erklärungsansätze, Therapiemöglichkeiten, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19581