Das Alltagsverständnis vom Verhältnis zwischen Gewalt und Sprache ist geprägt von zwei Intuitionen, die nur schwer miteinander vereinbar scheinen. Einerseits gelten Sprache und Gewalt als Gegensatz. Sie verhalten sich zueinander wie Zivilisation und Barbarei oder Kultur und Kulturverlust. Sigmund Freud beispielsweise wird das Bonmot zugeschrieben, dass „derjenige, der zum ersten Mal anstelle eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, [...] der Begründer der Zivilisation“ war (vgl. Schächtele 2009, 233). Sprache gilt gemeinhin als etwas, das der Gewalt entgegengesetzt ist, als ein Medium, den Streit dank des „eigentümlich zwanglosen Zwangs des besseren Arguments“ (Habermas 1984, 137) in Konsens zu verwandeln – ohne dass die Faust zum Einsatz kommen müsste. Andererseits finden wir uns im Alltag oft genug in Situationen wieder, in denen wir durch Sprache tatsächlich verletzt werden, sodass wir annehmen müssen, dass durchaus ein Zusammenhang zwischen Sprache und Gewalt besteht. Das Sprechen kann in bestimmten Situationen zu einem Feldzug verkommen, in dem die Zunge zum Schwert wird. Unter gewissen Umständen können mit der Sprache Gewaltakte ausgeübt werden, die mit der Zerstörungskraft von physischer Gewalt vergleichbar sind. In diesem Sinn beinhaltet das Sprechen nicht nur die Möglichkeit, Gewalt anzudrohen, sondern ist selbst eine Form von Gewalt. Die Gewalt ist also nicht stumm und die Sprache nicht gewaltlos, auch wenn sie manchmal die Dynamik der Gewalt zu unterbrechen vermag. Deswegen ist es wichtig, nicht zuletzt um des gewaltfreien Potenzials der Sprache willen, ihre Gewaltsamkeit zu verstehen. In der vorliegenden Arbeit soll darum die Frage im Zentrum stehen, wie mit Sprache Gewalt ausgeübt werden kann. An diesem Kern setzen folgende weiteren Fragen an: Woher kommt die verletzende Kraft im Sprechen? Wie kann Sprache verletzen? Wie kann mit sprachlicher Gewalt umgegangen werden? Um sich diesen Fragen annähern zu können, muss in einem ersten Schritt eine konzeptionelle Grundlage gefunden werden, die es überhaupt erst erlaubt, gewalttätiges Sprechen zu untersuchen. Denn im traditionellen systemlinguistischen Verständnis der Sprache als ein körperloses System von Zeichen, ist das von ihr ausgehende Gewaltpotenzial nicht beschreibbar. Darum wird, aufbauend auf Ludwig Wittgensteins Gebrauchstheorie, für eine pragmatische Sicht auf die Sprache argumentiert, die das Sprechen als einen Teil der sozialen Praxis bestimmt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Sprache und Sprechen
2.1. Sprache als virtuelles System von Zeichen
2.2. Sprache als Gebrauch von Zeichen
3. Wie kann Sprache verletzen?
3.1. Der Mensch als sozial interagierendes Subjekt
3.2. Anrufung: Sprachliche Subjektivierung des Individuums
3.3. Der doppelte Körper von Personen
4. Wie wir mit Worten Dinge tun
5. Zwischenbilanz I
6. Gewalttätiges Sprechen als Illokution
6.1. Konventionalität und Iterabilität
6.2. Verbot von gewaltätigen Sprechakten
6.3. Resignifikation und Dekontextualisierung
6.4. Beispiele für Resignifikationen
7. Gewalttätiges Sprechen als Perlokution
7.1. Persönliche Integrität
7.2. Eigennamen
7.3. Individuelle Körpermerkmale
7.4. Moralische Verbundenheit
7.5. Verhältnis zum Sprecher: Erwartungshaltung
8. Zwischenbilanz II
9. Grenzfälle sprachlicher Gewalt
9.1. Schweigen
9.2. Drohung
10. Mensch - Sprache - Gewalt: Untrennbar verbunden?
11. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie mit Sprache Gewalt ausgeübt werden kann und inwiefern sprachliche Gewalt als integraler Bestandteil sozialer Interaktion zu verstehen ist. Das primäre Ziel ist es, ein theoretisches Fundament zu schaffen, um verletzende Sprechakte nicht nur als isolierte Wortwahl, sondern als Handlungsakte innerhalb gesellschaftlicher Kontexte zu analysieren.
- Sprechakttheoretische Analyse von sprachlicher Gewalt
- Die Rolle der Anrufung bei der Subjektkonstitution (Althusser, Butler)
- Unterscheidung von Illokution und Perlokution in verletzenden Äußerungen
- Resignifikation als subversive Strategie der Gegenwehr
- Das Konzept der "doppelten Körperlichkeit" der Person
Auszug aus dem Buch
3.3. Der doppelte Körper von Personen
Die sozial-konstruktivistische Anrufungstheorie kann eine erste Form sprachlicher Gewalt erklären: Die Wirkung des Schimpfnamens, der einen als etwas anderes anruft, als der gewohnte und geschätzte Eigenname. Dass ein Benennungsakt aber überhaupt als eine Form von Gewalt wirksam werden kann, findet seinen Grund in der Eigenschaft unseres Personseins. Krämer weist darauf hin, dass Personen über einen zweifachen Körper verfügen. Wir sind zugleich physisch-leiblicher wie auch sozial-symbolisch konstituierter Körper. Das Bild von der Doppelkörperlichkeit der Person veranschaulicht gut, was passiert, wenn wir mit einem Schimpfnamen angerufen werden. Wenn der Eigenname uns Identität verleiht, indem mit ihm ein bestimmter Ort im öffentlichen Raum der Gemeinschaft verbunden ist, dann können wir sagen: Nicht nur der physische Körper nimmt im Hier und Jetzt seines Gegebenseins eine Stelle in Raum und Zeit ein, sondern auch der symbolische Körper hat einen durch den Namen markierten Ort im Netzwerk des sozialen Raums. Die Doppelnatur dieses Ortsprinzips macht Personen in ihrer Stellung zweifach angreifbar: Sie können sowohl leiblich wie auch symbolisch verdrängt, verrückt sowie vertrieben werden.
In der Rede vom sozialen Subjekt als Person steckt noch ein weiterer interessanter Aspekt. Ein Blick auf die Etymologie des Begriffs Person zeigt, dass er vom lateinischen persona stammt, das im antiken Drama die Maske des Schauspielers bezeichnete. Das Verb dazu, per-sonare, heisst soviel wie hindurchtönen und beschreibt somit den Vorgang des Sprechens durch die Maske. Wir können unseren sozialen Körper in diesem Sinne als dasjenige verstehen, das hinter der Maske unserer gesellschaftlichen Rollen liegt. Es ist der Kern unserer Identität, markiert durch unseren Eigennamen, durch welchen wir uns als den Menschen verstehen, der wir sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Stellt das Alltagsverständnis von Sprache und Gewalt gegenüber und führt in die Fragestellung ein, wie Sprache als Gewaltakt fungieren kann.
2. Sprache und Sprechen: Untersucht die Grundlagen von Sprache als Zeichensystem und als soziale Praxis unter Rückgriff auf Saussure und Wittgenstein.
3. Wie kann Sprache verletzen?: Analysiert die Bedingungen sozialer Interaktion und die sprachliche Konstitution des Subjekts durch Anrufung.
4. Wie wir mit Worten Dinge tun: Führt Austins Sprechakttheorie ein, um Sprache als Handlung und Eingriff in die Welt zu verstehen.
5. Zwischenbilanz I: Reflektiert die theoretischen Grundlagen und die Verknüpfung von Sprache, Subjekt und Gewalt.
6. Gewalttätiges Sprechen als Illokution: Behandelt die konventionelle Wirkmacht verletzender Sprache und Strategien wie die Resignifikation.
7. Gewalttätiges Sprechen als Perlokution: Fokus auf die individuelle Wirkung der Verletzung und die Bedeutung persönlicher Integrität.
8. Zwischenbilanz II: Zusammenführung der illokutionären und perlokutionären Perspektive auf sprachliche Gewalt.
9. Grenzfälle sprachlicher Gewalt: Untersuchung von Schweigen und Drohungen als besondere Formen sprachlicher Übergriffe.
10. Mensch - Sprache - Gewalt: Untrennbar verbunden?: Kritische Auseinandersetzung mit der Frage, ob eine Sprache ohne Gewaltpotenzial überhaupt existiert.
11. Schlusswort: Resümiert die Ergebnisse der Arbeit und zeigt Grenzen der sprachwissenschaftlichen Analyse sowie Potenziale für interdisziplinäre Forschung auf.
Schlüsselwörter
Sprachliche Gewalt, Sprechakttheorie, Illokution, Perlokution, Anrufung, Resignifikation, Subjektkonstitution, soziale Interaktion, Integrität, Performativität, Diskurs, Lebensform, Iterabilität, Sprachspiel, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen sprachlicher Gewalt aus einer sprachwissenschaftlichen und sprechakttheoretischen Perspektive, um zu erklären, wie Worte nicht nur über die Welt berichten, sondern als "geladene Waffen" handlungswirksam verletzen können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die philosophischen Grundlagen der Sprachpragmatik, die Theorie der Subjektwerdung durch Sprache sowie die Analyse, wie diskursive Machtstrukturen verletzende Handlungen ermöglichen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass sprachliche Gewalt keine bloße Eigenschaft von Wörtern ist, sondern in situativen Handlungsakten innerhalb sozialer Gemeinschaften entsteht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt sprechakttheoretische Ansätze (Austin, Searle), konstruktivistische Ansätze zur Subjektkonstitution (Althusser, Butler) und diskurstheoretische Perspektiven (Foucault, Derrida).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von sprachlicher Gewalt als Illokution (konventionelle Handlungsmacht) und als Perlokution (individuelle psychische Wirkung) sowie die Analyse von Grenzfällen wie Schweigen und Drohen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Sprechakttheorie, Anrufung, Resignifikation, Integrität und die Untrennbarkeit von sprachlicher Identität und gesellschaftlicher Anerkennung.
Wie kann eine Resignifikation sprachliche Gewalt schwächen?
Durch die Aneignung und Dekontextualisierung eines abwertenden Begriffes (z.B. "schwul" oder "nigger") in neuen Kontexten kann die ursprüngliche, verletzende illokutionäre Kraft unterwandert und das Wort neu besetzt werden.
Warum ist das Schweigen eine Form sprachlicher Gewalt?
Schweigen fungiert als gewaltsames Mittel, wenn es gezielt als Ausschlussinstrument eingesetzt wird, um dem Anderen die Möglichkeit zur sprachlichen Reaktion und damit zur Identitätsbehauptung zu entziehen.
- Arbeit zitieren
- Mathias Haller (Autor:in), 2010, Verwundet durch Worte: Studie über Gewalt in der Sprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195858