Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit beim Bildungserwerb

Maßnahmen im österreichischen Bildungssystem


Seminararbeit, 2012

26 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Allgemeines
1.1. Das meritokratische Weltbild
1.2. Gleichheit und Gerechtigkeit
1.3. Die genetische und soziale Lotterie
2. Bildung und Chancengerechtigkeit
2.1. Ein theoretischer Lösungsansatz
2.2. Unterschiedliche Bildungssysteme – unterschiedliche Chancen
2.3. Othering als eine Konsequenz
2.4. Erklärungsansätze zur Benachteiligung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund
2.4.1. individuelle Ebene
2.4.2. Gruppenebene
2.4.3. staatlich-institutionelle Ebene
3. Maßnahmen im österreichischen Bildungssystem
3.1. Allgemeines
3.2. Konkrete Maßnahmen in Bezug auf Mehrsprachigkeit an Schulen
3.2.1. Qualitätssicherung durch Bildungsstandards
3.2.2. Sprachförderung
3.2.3. Interkulturelles Lernen
3.3. Chancengleichheit als Resultat?

III. Schluss

Literatur

I. Einleitung

Diese im Zuge des Seminars „Chancengerechtigkeit beim Bildungserwerb“ entstandene Arbeit soll, nach einer Einführung in die Thematik, die oft synonym verwendeten Termini „Chancengleichheit“ und „Chancengerechtigkeit“ definieren und voneinander abgrenzen, denn, wie sich bald herausstellen wird, handelt es sich dabei nicht um dieselbe Bedeutung; Gleichheit entspricht bei näherer Betrachtung nämlich nicht zwingend Gerechtigkeit. Weiters soll ein Einblick in die vermeintliche Chancengerechtigkeit im Bildungsbereich gegeben und darüber diskutiert werden, was sich seit den 60er Jahren, in welchen diese Begriffe erstmals Einzug in die allgemeine sowie in die bildungspolitische Diskussion gefunden haben, verändert hat.

In den Zeiten zunehmender Ungleichheit innerhalb der meisten Nationalstaaten, ein derzeitiger Tatbestand, erwächst das Bedürfnis nach einer gerechten Chancenverteilung. Chancenungleichheit im Bildungsbereich entsteht nicht nur zwischen Menschen mit bzw. ohne Migrationshintergrund, das Phänomen findet sich genauso innerhalb der Gruppe ohne Migrationshintergrund, wenngleich erstere Gruppe generell dennoch am stärksten davon betroffen ist. Unabhängig davon erweist sich das Phänomen der Chancenungleichheit jedoch meist in Zusammenhang von der Bildung der Eltern; Bildung oder Nicht-Bildung ist in unserer so genannten Wissensgesellschaft demzufolge vererblich – oder erblich belastet.

Um dem entgegenzuwirken, wurden bereits etliche Konzepte zur Chancengerechtigkeit entwickelt, jedoch spricht man trotzdem noch immer von einer Illusion der Chancengerechtigkeit, da unter den Schlüsselbegriffen Gleichberechtigung und der Chancengleichheit gleiche Ausgangsbedingungen im Bildungssystem geschaffen werden, was aber zu einer maskierten Form der Reproduktion der Ungleichheit führt, indem privilegierte Schüler durch den gleichen Wettbewerb unter Ungleichen profitieren.[1]

Nach einer theoretischen Auseinandersetzung mit den Schlagworten Meritokratie und sozialer Lotterie, die in das Thema einführen, soll das aktuelle österreichische Bildungssystem kritisch beleuchtet und mit jenen erfolgreicheren verglichen werden, die dem Ziel der Chancengleichheit eher gerecht werden. Nachdem das Phänomen des Othering vorgestellt wird, werden die Unterschiede im Bildungserfolg von Migrationsanderen in Österreich aufgeschlüsselt und analysiert und schließlich sollen die bisher gesetzten Maßnahmen des Österreichischen Bildungssystems vorgestellt und bewertet werden.

II. Hauptteil

1. Allgemeines

In diesem Kapitel sollen grundlegende und zum besseren Verständnis notwendige Begriffe bzw. Ansätze diskutiert werden.

1.1. Das meritokratische Weltbild

Während soziale Ungleichheiten bis in die 1950er Jahre als eine Art natürliche Ordnung gesehen wurde, ersetzte man diese Anschauung ab dem Wiederaufbau und der damit einhergehenden wohlfahrtsstaatlichen Expansion im Zuge eines aufblühenden Kapitalismus durch das Konzept der Meritokratie. Unter dem meritokratischen Konzept der Verteilungsgerechtigkeit versteht man die Einflussnahme individueller Leistungen auf die dadurch entstehenden gesellschaftlichen Gratifikationen.[2] Vereinfacht ausgedrückt bedeutet dies: Wer viel kann, der bekommt auch viel dafür. Leider bedeutet dies dann daraus folgend auch: Wer wenig oder nichts kann, der erreicht oder bekommt auch nichts. Und wenn derjenige, der nichts kann, nie die Chance bekommen hat, etwas zu lernen?

Im Erwachsenenalter ist es schwierig, die sich aus Chancenungleichheit ergebenen Mankos wieder aufzuholen, aus diesem Grunde ist es von großer Wichtigkeit, dass bereits im Kindesalter beziehungsweise bei der Einschulung damit angefangen wird, den Kindern, aus welchen sozialen Verhältnissen sie auch stammen mögen, nicht nur eine Chancengleichheit, sondern eine Chancen-gerechtigkeit zu bieten.

1.2. Gleichheit und Gerechtigkeit

Um Gleichheit und Gerechtigkeit voneinander abgrenzen zu können, geht man von einem Konzept der absoluten Gleichheit aus: die gleiche Zuteilung von materiellen und immateriellen Gütern für alle. Sobald es aber zur Verteilung bzw. Zuteilung dieser Güter kommt, entsteht ein Ungleichgewicht und weiters ist es nicht sinnvoll jedem eine gleiche Menge von allem zu geben, da nicht jeder dieselben Bedürfnisse hat und mit gewissen Gütern nichts anfangen könnte. Wenn mein Nachbar beispielsweise eine Nierenspende benötigt, will ich deswegen nicht auch eine neue Niere, nur um Gleichheit hervorzurufen. Somit wird das Konzept der absoluten Gleichheit durch jenes einer auf Bedarfslagen bezogenen Gleichheit abgelöst. Doch auch hier könnte dieser Ansatz nur gültig sein, wenn es keine Güterknappheit jeglicher Art gäbe, deshalb kam man schlussendlich zu dem Kompromiss, Mindestniveaus menschlichen Lebens zu definieren, welche auf keinen Fall unterschritten werden sollen. In Gesellschaften mit Güterknappheit ist deren Zuteilung im Normalfall mit Leistung gekoppelt, welche wiederum am Ergebnis gemessen wird und den dahintersteckenden Aufwand außen vor lässt. Aus ungleicher Leistung resultierende Ungleichheit ist dem meritokratischen Ansatz zufolge gerecht bzw. gerechtfertigt.[3]

1.3. Die genetische und soziale Lotterie

Schulbildung respektive Bildung im Allgemeinen stellt jene Basis dar, welche die Verteilungskriterien der Merikrotaie bedingt. Während Bildungsungleichheiten bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts mit genetisch determinierten Begabungsunterschieden begründet wurden, ist man sich heute bereits darüber im Klaren, dass diese Unterschiede natürlich auch mit genetischem Material zu tun haben, dass aber auch soziale Faktoren eine sehr wichtige Rolle spielen. Wie bereits im Vorfeld erwähnt wurde, ist Bildung und gute Ausbildung in unseren Kreisen vererbbar und um zum Punkt zu kommen, ist „Bildungsungleichheit durch gesellschaftspolitische Eingriffe“ veränderbar, was bei der genetischen Grundausstattung nicht zutreffen kann.[4]

Überspitzt ausgedrückt heißt das, man kommt entweder mit günstigem oder ungünstigem genetischem Repertoire zur Welt, und alles was man tun kann, ist es diesen Zustand als solchen anzuerkennen und das Beste daraus zu machen. Eine soziologisch aufgeklärte Variante der Meritokratie versucht mit egalisierenden Maßnahmen die durch die soziale Lotterie entstandenen Unterschiede so weit wie möglich auszugleichen und somit deren Auswirkung auf den Bildungserfolg zu verringern, denn die Art und Weise wie Bildungsstätten auf gegebene Ungleichheiten reagieren, stellt den einzigen Bereich dar, in welchen die Bildungspolitik aktiv eingreifen kann: Was in den Familien passiert und in welcher Form die Kinder von ihren Eltern unterstützt oder nicht unterstützt werden, ist in nicht beeinflussbar.[5]

2. Bildung und Chancengerechtigkeit

Der Bildungsbegriff im Kontext der Chancengerechtigkeit führt unweigerlich zum Schlagwort Bildungsgerechtigkeit, was von Marianne Heimbach-Steins zu Recht als „die soziale Frage der Gegenwart“ bezeichnet wird.

Denn Bildung geht über die reine Anhäufung von Wissen hinaus; im Zuge einer guten Ausbildung kommt es zur Persönlichkeitsbildung, zur Aneignung an wichtigen Kompetenzen zur Generierung von Selbstständigkeit sowie zu Weltwissen der einzelnen Individuen; ein unabdingbares Repertoire, wenn nicht sogar Voraussetzung, für die erfolgreiche Teilnahme am sozialen und beruflichen Leben in unserer heutigen Leistungsgesellschaft.[6]

Die Chancen auf eine Bildungsbeteiligung sind in der Tat aber „höchst ungleich verteilt“ und das Ziel eine Bildungsgerechtigkeit zu erreichen liegt, nach Heimbach-Steims, noch in weiter Ferne. Benachteiligte Gruppen, wie Menschen ohne oder mit unsicherem Aufenthaltsstatus, mit Migrationshintergrund oder Behinderungen, haben in den entwickelten Gesellschaften wie Deutschland oder Österreich mit dieser ungerechten Verteilung zu kämpfen.[7]

Ein exemplarisches Beispiel dafür liefern die PISA-Ergebnisse der Erhebung 2009: Dabei konnte generell eine große Diskrepanz zwischen den (Lese-)Kompetenzen von deutschsprachig aufgewachsenen und solchen Schülerinnen und Schülern mit anderen Erstsprachen als Deutsch festgestellt werden.[8] Ein weiteres Beispiel, das diese Problematik vor Augen führt, von Heimbach-Steims aus der Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2008 zitiert, besagt, dass in Deutschland rund acht Prozent der 15-17jährigen Schüler die allgemeinbildende Schule ohne Abschluss verlassen, während unter den ausländischen Schülern eine doppelt so hohe Ausfallsquote verzeichnet wurde.[9]

[...]


[1] vgl. Dirim, Inci und Merechil, Paul (2010): Die Schlechterstellung Migrationsanderer. Schule in der Migrationsgesellschaft. In: Migrationspädagogik. Merchil, Paul (Hrsg.). Beltz. Weinheim und Basel. S. 128.

[2] vgl. Pechar, Hans (2011): Bildungsgerechtigkeit in der Wissensgesellschaft. In: Wirtschaftspolitische Blätter 2011/2. PDF-Dokument. S.46.

[3] vgl. ebd. S.46.f.

[4] vgl. ebd. S.47.

[5] vgl. ebd. S.48.ff.

[6] vgl. Heimbach-Steins, Marianne (2009): Bildungsgerechtigkeit – die soziale Frage der Gegenwart. Eine Skizze. In: Heimbach-Steins, Marianne, Kruip, Gerhard, Kunze, Axel Bernd (Hrsg.): Bildungsgerechtigkeit – Interdisziplinäre Perspektiven. Ber. Bielefeld. S. 13.

[7] ebd. S. 13.f.

[8] vgl. http://www.ibw.at/html/buw/BW31.pdf (Schmid, Kurt (2004): Regionale Bildungsströme in Österreich. Entwicklungen seit dem Schuljahr 1985/86 und Prognosen für die Grundstufe sowie die Sekundarstufe I und Sekundarstufe II bis zum Jahr 2020. ibw-Reihe Bildung und Wirtschaft. Nr. 31. Wien. S. 63.)

[9] vgl. Heimbach-Steins, Marianne (2009): Bildungsgerechtigkeit – die soziale Frage der Gegenwart. Eine Skizze. In: Heimbach-Steins, Marianne, Kruip, Gerhard, Kunze, Axel Bernd (Hrsg.): Bildungsgerechtigkeit – Interdisziplinäre Perspektiven. Ber. Bielefeld. S. 14.f.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit beim Bildungserwerb
Untertitel
Maßnahmen im österreichischen Bildungssystem
Hochschule
Universität Wien  (Lehrerinnenbildung)
Veranstaltung
Chancengerechtigkeit beim Bildungserwerb
Note
1
Autor
Jahr
2012
Seiten
26
Katalognummer
V195872
ISBN (eBook)
9783656217534
ISBN (Buch)
9783656218562
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
meritokratisches Weltbild, Chancengerechtigkeit, Chancengleichheit, Bildungssystem, Othering, soziale Lotterie, Benachteiligung, Migration, Migrationshintergrund, Bildungsstandards, Sprachförderung, interkulturelles Lernen
Arbeit zitieren
Antje Schrammel (Autor), 2012, Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit beim Bildungserwerb, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195872

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