Als Caster Semenya in Berlin 2009 die Goldmedaille gewann, war die Sportszene entsetzt. [...]
„Es gibt Zweifel, dass diese Lady eine Frau ist.“ [...]
Im Rahmen dieser Arbeit wird das Themenfeld der Geschlechterkonstruktion aufgegriffen. Fachrichtungen der Sozial- und Naturwissenschaften versuchen mit Hilfe verschiedenster Theorien die Ursachen für die geschlechtsspezifischen Differenzen zu finden. Anhand eines ersten Schritts soll zunächst durch den Zusammenhang von Gesellschaft, Geschlecht und Sport ersichtlich werden, wie das gesellschaftliche Teilssystem Sport durch die Alltagstheorie beeinflusst und strukturiert wurde. Es soll am Beispiel des Phänomens der Geschlechtstests im Sport gezeigt werden, dass das Geschlecht eines Menschen nicht mit biologisch-medizinischen Kriterien messbar ist. Diese These steht entgegen der in der Medizin und Biologie weit verbreiteten Auffassung, dass das Geschlecht anhand von fünf Kriterien eindeutig bestimmbar sei. Daher soll zuvor durch eine Zusammenfassung dieser Kriterien ein Grundverständnis für die Verfahrensweise und Grundlagen der Geschlechtstests geschaffen werden. In einem Zwischenfazit werden die bis dahin erbrachten Erkenntnisse analysiert. In einem zweiten Schritt wird gezeigt, dass es durch eine sozialwissenschaftliche Theorie möglich ist, Hypothesen einer rein biologischen, vorsozialen Natur des Menschen in Frage zu stellen. Eine grundlegende Erkenntnis besteht darin, dass die Gesellschaft, in der wir leben, ein Ergebnis unseres eigenen Handelns darstellt. Die alltägliche Unterscheidung in Mann und Frau ist Ausdruck der Zuschreibung, die nicht auf den Akteur, sondern auf das kulturelle System verweist. Es stellt sich die Frage nach dem Sozialen der Kategorie Geschlecht. Diese stellt die kollektiven Annahmen des binären Systems der Zuschreibung in Frage, da der Prozess der Herausbildung der verschiedenen Geschlechter in der sozialen Welt betrachtet wird. Harold Garfinkel stellt hierbei den Bezugsautor für den ethnomethodologischen Ansatz dar. In seiner Transsexuellen-Studie Agnes stellt er fest, dass auch Transsexuelle dem sozialen Gesellschaftssystem der Zweigeschlechtlichkeit folgen. Im Bruch der Normalität liegt der herausragende Gehalt seiner Transsexuellenforschung. Doch durch diesen ergeben sich besonders im Teilsystem Sport besondere Probleme, denn das Geschlecht ist mit einer Geschlechtsklasse verbunden und ein Wechsel undenkbar.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Zusammenhang von Gesellschaft, Geschlecht und Sport
3 Geschlechtstests im Sport
3.1 Konstruktion des biologischen Geschlechts
3.1.1 chromosomales Geschlecht
3.1.2 gonadales Geschlecht
3.1.3 hormonelles Geschlecht
3.1.4 morphologisches Geschlecht
3.1.5 zerebrales Geschlecht
3.2 Geschlechtstest im Sport
3.2.1 Visuelle Inspektion
3.2.2 Visuelle und gynäkologische Überprüfung
3.2.3 Geschlechts-Chromatin-Test
3.2.4 PCR-Untersuchung auf SRY
3.3 Zwischenfazit
4 Geschlecht als soziales Konstrukt
4.1 Sex und Gender
4.2 Interkultureller Vergleich
4.3 Konstruktionskonzepte des sozialen Geschlechts
4.3.1 Transsexualität als Bruch der Normalität
5 Aktuelle Richtlinien des Sports
6 Schluss
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die Geschlechterkonstruktion im Leistungssport am Beispiel von Geschlechtstests. Dabei wird analysiert, inwieweit das Geschlecht biologisch-medizinisch messbar ist und wie gesellschaftliche Alltagstheorien sowie sozialwissenschaftliche Ansätze die Kategorisierung von Menschen in ein binäres Geschlechtersystem beeinflussen.
- Historische Entwicklung der Geschlechterrollen und deren Naturalisierung
- Biologische und medizinische Kriterien der Geschlechtsbestimmung
- Geschichte und Problematik von Geschlechtstests im Sport
- Sozialwissenschaftliche Theorien zur Konstruktion von Geschlecht
- Herausforderungen für Transsexuelle und intersexuelle AthletInnen im Sportsystem
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Visuelle Inspektion
Die ersten Geschlechtstests wurden 1966 bei der Europameisterschaft in Ungarn durchgeführt. Durch eine optische Überprüfung der äußeren Geschlechtsmerkmale sollte die Weiblichkeit der Sportlerinnen bestätigt werden. Kriterien der Weiblichkeit waren die primären und sekundären Geschlechtsmerkmale Vagina und Brüste.63 Alle Athletinnen mussten sich daher von den Ärztinnen nackt begutachten lassen, da sichergestellt werden sollte, dass sie gleiche körperliche Voraussetzungen hätten.64 Dass kein Mann unter ihnen sein könne. Von Begin an wurde diese Prozedur von den Teilnehmerinnen als erniedrigend empfunden. Die ehemalige deutsche Leichtathletin und Olympiateilnehmerin Liesel Westermann-Krieg beschrieb die Prozedur folgender Maßen:
„Wir hatten uns auszuziehen. Wir mussten mit einer Startnummer in der Hand splitternackt auf- und abmarschieren. Es war wie bei der Trichinenschau65. Nur bekamen wir den Stempel nicht auf den Hintern, sondern auf eine Karteikarte.“66
Auf der anderen Seite befürworteten jedoch viele Athletinnen die Geschlechtstest, da gerade in den 1960er Jahren die Sportwelt und Öffentlichkeit im großen Umfang mit Darlegungen und Berichten über Androgyne und Transvestiten aufgescheucht wurden.67 Die Gerüchte über Männer in der Frauenklasse wurden jedoch noch intensiviert, da gleich fünf Weltrekordhalterinnen nicht zur optischen Überprüfung antraten.68 Unter ihnen die ukrainischen Press Schwestern, die noch bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom fünf Goldmedaillen gewannen. Sie verschwanden daraufhin aus der aktiven Sportszene und ließen Platz für Spekulationen. Die Rückzugsgründe sind bis heute ungeklärt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in das Thema anhand des Falls Caster Semenya und Darstellung der These, dass Geschlecht ein gesellschaftlich konstruiertes und kein rein biologisch messbares Phänomen ist.
2 Zusammenhang von Gesellschaft, Geschlecht und Sport: Analyse der historischen Entwicklung, wie Geschlecht als Strukturierungsprinzip in der Gesellschaft und explizit im Sport etabliert wurde.
3 Geschlechtstests im Sport: Detaillierte Untersuchung verschiedener biologisch-medizinischer Testverfahren und deren Unzulänglichkeiten bei der Identifikation des Geschlechts.
4 Geschlecht als soziales Konstrukt: Theoretische Fundierung des Geschlechtsbegriffs mittels sozialwissenschaftlicher Ansätze, inklusive Differenzierungen zwischen Sex und Gender sowie der Bedeutung von Kultur.
5 Aktuelle Richtlinien des Sports: Diskussion der Problematik für transsexuelle AthletInnen und der Entwicklung von Reglements im Sport angesichts der Herausforderungen durch Intersexualität.
6 Schluss: Zusammenfassung der Erkenntnisse, wonach Geschlecht ein fortschreitender sozialer Konstruktionsprozess ist, und kritische Würdigung der Rolle des Sports bei der Normalisierung dieser Kategorien.
Schlüsselwörter
Geschlechterkonstruktion, Leistungssport, Geschlechtstests, biologisches Geschlecht, soziales Geschlecht, Sex und Gender, Intersexualität, Transsexualität, Doing Gender, Zweigeschlechtlichkeit, Caster Semenya, Sportsoziologie, Biologismus, Leistungsklasse, Körperlichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Mechanismen, durch die das Geschlecht im Leistungssport definiert und überprüft wird, und stellt dabei die Gültigkeit biologischer Geschlechtertests infrage.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Geschichte der Geschlechtertrennung im Sport, medizinisch-genetische Testverfahren, soziologische Konstruktionsansätze sowie die Situation von intersexuellen und transsexuellen AthletInnen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu zeigen, dass das Geschlecht eines Menschen nicht anhand biologisch-medizinischer Kriterien eindeutig messbar ist, sondern als ein Ergebnis gesellschaftlicher Zuschreibungsprozesse verstanden werden muss.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen sozialwissenschaftlichen Ansatz, insbesondere die Theorie der sozialen Konstruktion von Geschlecht und ethnomethodologische Perspektiven, um die Praxis der Geschlechterkontrolle zu analysieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die fünf biologischen Kriterien des Geschlechts, die verschiedenen Testmethoden (von der visuellen Inspektion bis zur PCR-Untersuchung) und die soziologischen Hintergründe der Geschlechtskonstruktion.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Geschlechterkonstruktion, Sport, Intersexualität, Transsexualität und Doing Gender definieren.
Wie bewertet die Arbeit die Zuverlässigkeit von Geschlechtstests?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass kein technisches Messverfahren existiert, das der Komplexität des Geschlechts gerecht wird, da biologische Variationen wie das Turner- oder Klinefelter-Syndrom von den starren Tests nicht erfasst werden.
Wie wirkt sich die Geschlechterkategorisierung auf transsexuelle AthletInnen aus?
Transsexuelle AthletInnen stehen vor der Herausforderung, dass das Sportsystem polar aufgestellt ist; ein Wechsel der Leistungsklasse ist schwierig und erfordert oft invasive operative Eingriffe oder langjährige Hormontherapien.
- Arbeit zitieren
- Oliver Bellstedt (Autor:in), 2011, Die Konstruktion von Geschlecht am Beispiel von Geschlechtstests im Leistungssport, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195940