Marter, Martyrium und Seelenpein. Aspekte von Melancholie und legendarischem Erzählen in der Historia von D. Johann Fausten (1587)


Bachelorarbeit, 2011
43 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. „Vnnd der gantzen Christenheit zur warnung“ - zur Attraktivität des Abschreckenden

2. „Faustus gieng abermals gantz Melancholisch vom Geist hinweg“ - Vom Leiden an der Melancholie
2.1. Melancholie als Temperament
2.2. Melancholie als Sünde
2.2.1. „Aber er wardt in allen seinen opinionibus vnnd Meynungen zweiffelhaftig / vngl(ubig vnd keiner Hoffnung“: Melancholie und die acedia
2.2.2. Nulla tentatio - omnis tentatio: Das Problem der Anfechtung
2.2.3. „Mein vbermFhtig Fleisch und Blut hat mich / an Leib vnd Seel / in Verdammlichkeit gebracht“ - Melancholie und die superbia
2.3. Melancholischer Zwiespalt - Poetik der Entzweiung

3. „Daß er seiner Seelen Seligkeit nicht bedencken wolte“ - Die Seelenpein des Doktor Faustusbr /> 3.1. Fausts untaugliche Reue
3.2. Unheilvolle Selbstsorge
3.3. Höllenängste und die Qual des bösen Gewissens
3.4. „Denn der Teuffel hatt jn zu hart gefangen“ - Schmerzlicher Kontrollverlust

4. Faust - ein Gemarterter?
4.1. Marter als Strafe
4.2. Symbolische Marter - seelische Marter
4.3. „So l(sset doch der Teuffel nit nach / dem Menschlichen Geschlecht nachzustellen“ - Mephisto als Marterknecht
4.4. Seelisch gemartert - Faust ein Märtyrer?

5. Die Historia als Legendenkontrafaktur

6. Schlussbemerkung: Das gescheiterte Selbst

7. Literaturverzeichnis

1. „Vnnd der gantzen Christenheit zur warnung“ - zur Attraktivität des Abschreckenden

Faust - eine Figur, deren Schicksal sich seit der frühen Neuzeit zu einem der unzweifelhaft einflussreichsten literarischen Stoffe entwickelte. Wieder und wieder wurde die Geschichte des weitbeschreyten Zauberers vnnd Schwartzk F nstlers aufgenommen, bearbeitet und umgestaltet. Das Leben und Ende des Mannes, der seine Seele dem Teufel verschreibt, um die Grenzen seines irdischen Daseins und Wissens zu sprengen, entwickelte eine schier unerschöpfliche Anziehungskraft, aus der eine intensive Auseinandersetzung mit der Figur und dem Schicksal Fausts resultierte. Friedrich Ohly fasst die Problematik der Faustrezeption folgendermaßen zusammen:

„Die Dichter sehen ihn meist in der Verdammnis, selten und später auch als Erlösten. Es macht ihr Zutrauen zu dem Gefallenen und den Mächten um ihn, welches Jenseits sie Faust bescheiden. Judas war allen der Verfluchte und Gregorius allen der Erwählte. Faust konnte man, nach Einschätzung, das eine und das andere zudenken. Er konnte im überschaubaren Gefüge der literarischen Möglichkeiten des menschlichen Daseins in der Welt die Stelle wechseln, ein Verdammter oder ein Erlöster sein.“1

Im Verlauf der Jahrhunderte unterliegt der Lebens- und Leidensweg Fausts deutlichen Umdeutungen, die schließlich in Goethes „Faust“-Bild gipfeln. Nach Goethe dominiert endgültig die positive Deutung der Faustfigur als Inbegriff des emanzipierten wie auch tragischen Intellektuellen die weitläufige Assoziation mit dem Namen „Faust“.

Die Attraktivität des zwiespältigen Individuums Faust durch die Inszenierung seines letzten Lebensabschnitts als mercklich und schrecklich Exempel im positiven Sinne noch zu steigern, war definitiv nicht die Intention des anonymen Autors, dem in der Forschung beinahe einstimmig die Absicht zugeschrieben wird, mit der Historia des D. Johann Fausten ein „Negativexempel der protestantischen Rechtfertigungslehre“ verfasst zu haben.2 Bereits in der Vorrede kann nicht oft genug darauf hingewiesen werden, dass er mit der Illustration des erschrecklichen Endes des Fausts schreckliche Geschicht als ein schrecklich Exempel den christlichen Lesern vorzulegen beabsichtige.3

Das Abschreckende jedoch wird im Laufe der Jahrhunderte nur anziehender. Woher rührt diese Attraktivität? Ist es die menschliche Tragik, die in Faustus` Schicksal liegt? Der Zwiespalt zwischen übergeordneten Wertekodices auf der einen und individuellem Entfaltungsstreben, sei es Befriedigung der Triebe oder geistiger Neugier, auf der anderen Seite, scheint nur allzu nachvollziehbar und macht aus dem als sündhaft schuldig Angeprangerten im Laufe der Zeit ein tragisches Opfer.

Die Frage nach Fausts Schuld soll hier nicht vordergründig die Auseinandersetzung bestimmen. Wie bereits angesprochen, lohnt hierfür ein Blick in die literarischen Bearbeitungen des Fauststoffes von Lessing bis Thomas Mann.

Im Zentrum der folgenden Ausführungen soll hingegen eben jenes stehen, das der Anonymus mit seiner Historia beabsichtigte: die Inszenierung des Schrecklichen und Abscheulichen - das Leiden des D. Johann Fausten. Denn, so die Annahme, von welcher ausgehend sich die vorliegende Argumentation entwickelt, in der illustren Schilderung von Fausts Leiden liegt ein nicht unerhebliches Potential des Reizvollen. Aus dem Widerspruch zwischen anfänglichem Übermut und sündhafter hoffart des Faustus und seinen im Verlauf der Narration zunehmenden Klagen und Leidensbekundungen entsteht die Spannung der Geschichte. Dass Faust sich mit Leib und Seele dem Teufel verschreibt und sein Unheil nicht mehr abzuwenden ist, zeichnet sich recht früh ab. Für den Text ergibt sich daraus, dass sich die Spannung mit Blick auf den Gang der Handlung aufbaut, da die elementaren Handlungskoordinaten bereits in der Vorrede des Verfassers gegeben werden und der Ausgang quasi feststeht.4 Meine These ist, dass sich die Spannung der gesamten Erzählung über die Darstellung von Fausts Leidensweg definiert. So bemerkt auch Jan-Dirk Müller ein Ungleichgewicht zwischen dem eindrücklich geschilderten Leiden und Sterben des Faustus und der relativ banalen Erzählung über die Phasen seines Lebens, in denen es Faust recht gut zu gehen scheint.5 Wie wird nun aber Fausts Leiden inszeniert? Sind es mehrere Leiden, an denen Faust zugrunde geht, noch bevor der Teufel nach Ablauf der Paktzeit Körper und Seele mit sich nimmt? Worin besteht seine Seelenpein? Ist Faust, da er nicht vordergründig körperlich leidet, als Opfer einer geistigen Marter zu bezeichnen? Durchlebt Faust gar seinen Leidensweg als inneres Martyrium? Abschließend soll die Lesart der Faust-Historia als Legendenkontrafaktur in den Blick genommen werden, um sowohl die Inszenierung Fausts als Anti-Heiligen als auch den Legendencharakter der Narration als Erklärungsmuster für die faszinatorische Wirkung der Faust- Historia zu diskutieren.

2. „Faustus gieng abermals gantz Melancholisch vom Geist hinweg“ - Vom Leiden an der Melancholie

Im Text finden sich zahlreiche Verweise des Erzählers, die für eine Charakterisierung Fausts als Melancholiker sprechen. Die Semantik der Melancholie erweist sich darüber hinaus auch als äußerst dienlich, um die narrative Struktur der Historia zu deuten. Es soll hier die Melancholie am Anfang der Ausführungen stehen, da sie m. E. eine zentrale Bedeutung in der Diskussion um Fausts Leiden einnimmt und auf allen möglichen Ebenen der Erzählung effektiv inszeniert wird.6

2.1. Melancholie als Temperament

Im ersten Kapitel der Historia charakterisiert der Erzähler Faust als den Sohn eines Bauern mit einem gantz gelernigen vnd geschwinden [ Kopff ] und einem thummen/ vnsinnigen vnnd hoffertigen Kopff. 7 In dieser Charakterisierung sind mehrere Aspekte enthalten, die auf das Kernproblem des Faustschicksals hindeuten und zeigen, wie in der Historia unterschiedliche Melancholie-Diskurse verknüpft werden.8

Zum einen kann das Phänomen der Melancholie im Kontext der Humoralpathologie betrachtet werden. Ausgehend von der Vier-Säfte-Lehre des Hippokrates sieht Galen im 2. Jahrhundert n. Chr. in einem Ungleichgewicht der vier Körpersäfte Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle die natürliche Ursache des melancholischen Temperaments. Ein Übermaß an schwarzer Galle bedingt demnach das Temperament des Melancholikers und abhängig vom Zustand der atra bilis schwankt die Gemütsverfassung des melancholischen Menschen zwischen trauriger Schwermut und ekstatischer Euphorie.9

Beide Momente des bipolaren melancholischen Gemüts ließen ein Bild entstehen, das den typischen Melancholiker als zugleich betrübt und schwersinnig Nachdenkenden und als Menschen einer unerschöpflichen, teilweise orgeastisch-besinnungslos anmutenden Aktivität zeigt, der an der Unvereinbarkeit seiner Befindlichkeiten und Gemütszustände leidet.

Die zwei extremen Pole der Melancholie erlauben ebenfalls, die ausgeprägt leichte Erregbarkeit des Verstandes als Ursache für außerordentliche Geisteskräfte zu deuten und dem melancholischen Typus eine gewisse Genialität zu attribuieren. Die Betonung des Genialischen des Melancholikers hat ihren Ursprung in den Problemata des Pseudo-Aristoteles und leitete eine grundlegende, positive Neubewertung der Melancholie ein.10

Der gelernige und geschwinde Kopf des Faust einerseits und sein vnsinniger Kopf andererseits spiegeln die genialisch-destruktive Bipolarität eines melancholischen Charakters. Es wird von ihm berichtet, dass er [ ] Tag vnd Nacht nach [trachtet]. Außerdem wollte er [...] alle Gr F nd am Himmel vnd Erden erforschen. 11 Neben seiner gesteigerten und forschenden Aktivität lesen wir jedoch gegen Ende der Historia zunehmend von einem betr F bten Fausto.12 Die Melancholie als „Komplex höchst gegensätzlicher Momente“13 bestimmt also auch Faustus, jedoch werden Fähigkeit und Neigung des Melancholikers, sich absolut in Kontemplation zu versenken und die konzentrierte Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand oder Sachverhalt zu richten, in der Historia nicht positiv ausgelegt. Die Historia erzählt mitnichten die Geschichte eines Mannes, dessen melancholischer Charakter ihn geniale Leistungen des Geistes hervorbringen lassen, sondern sie zeigt vielmehr, wie sich die Konzentration in unheilvolle Grübeleien und depressive Schwermut verkehrt, bzw. wie im Laufe der Zeit Unbeständigkeit und die Unfähigkeit zur Konzentration überhand nehmen und die Fähigkeit zu bewusster Reflexion verloren geht.14

Fausts Melancholie wird vom Erzähler der Historia nicht als zwar krankhaftes, aber natürliches Temperament anerkannt, sondern zum Zeichen der Sündhaftigkeit deklariert.

2.2. Melancholie als Sünde

[ Vnnd ] ist dieser Abfall nichts anders / dann sein stoltzer Hochmuht / Verzweifflung / Verwegung vnd Vermessenheit 15 - das Urteil des Erzählers über Fausts Abfall von Gott spielt auf die Bipolarität des Melancholikers zwischen Euphorie und Schwermut an, deklariert diese allerdings als Hochmut und Verzweiflung. Anhand der Faust-Figur kann gezeigt werden, wie die kontradiktorischen Momente der Melancholie vom Erzähler als Sünden ausgelegt werden, aus denen sich die Leiden des Protagonisten ableiten.

2.2.1. „Aber er wardt in allen seinen opinionibus vnnd Meynungen zweiffelhaftig / vngl(ubig vnd keiner Hoffnung“: Melancholie und die acedia

Die Diskussion der Melancholie im humoralpathologischen Kontext durch Hippokrates und Galen wird im Mittelalter rezipiert, der Terminus Melancholie bleibt in seinem Gebrauch jedoch auf den medizinisch-naturkundlichen Diskurs beschränkt.16 Mit dem moraltheologisch verwendeten Begriff der acedia, welche als eine der sieben Todsünden die Trägheit im Glauben und das Verzagen an Gott beschreibt, verbindet die Melancholie das Phänomen der tristitia, die als tiefe Traurigkeit zentrale Eigenschaft sowohl der acedia als auch der Melancholie ist . Diese Traurigkeit wird im Zusammenhang mit den beiden Phänomenen jeweils unterschiedlich gedeutet. Ist die tristitia der Melancholie Folge einer physiologischen Konstellation, nämlich eines Übermaßes an schwarzer Galle, ist sie im Zusammenhang mit der Sünde der acedia Ausdruck äußerster Sündhaftigkeit, da sie als vom Teufel hervorgerufene Traurigkeit gilt, mit der verbunden außerdem noch die timor mali und die amor inordinatus auftreten können.17 Beide Phänomene sind auch der Faustfigur nachgesagt, denn zum einen leidet Faust an der Furcht vor der Verdammung seiner Seele, ohne dass er sich jedoch aktiv um sein Seelenheil bemühen könnte. So [...] wollte [ er ] beten / es wollte jhme aber nit eingehen. 18 Zum anderen wird er durch den Erzähler durchgehend beschuldigt, das zulieben / das nicht zu lieben war.19

Die Isolation und Apathie, in welche die Traurigkeit den Menschen geraten lässt, macht ihn anfällig für alle möglichen Laster und den Einfluss des Teufels - die verheerende Folge ist der Abfall von Gott.20 So ergeht es auch Faust: Doctor Fausto / in seiner Trawrigkeit vnd Schwermut / ist sein Geist erschienen / jhn getr = stet / vnnd gefraget / was f F r Beschwernußvnnd Anliegen er hett. 21 Und nachdem dem Teufel einmal Einlass gewährt wird, gibt er Faust einen [...] Gottlosen vnd falschen Bericht / sagte / die Welt / mein Fauste / ist vnerboren vnnd vnsterblich. 22 Faust speculierte dem nach / vnnd wolte jhme nicht in den Kopff / Sondern wie er Genesis am Ersten Capitel gelesen / dass es Moyses anders erzehlet / also dass er Doct. Faustus nicht viel darwider sagte. 23

Die Schwermut der Melancholie wird Faust im doppelten Sinne zum Verhängnis und macht ihn leiden, indem sie ihn schwächt und er den Verführungen des Teufels keinen Widerstand zu leisten vermag. Des Weiteren verfälscht sie Fausts Wissen um seinen Glauben und die göttliche Weltordnung und bringt ihn auf diese Weise immer weiter ab vom Weg der rechten Frömmigkeit, wodurch sich wiederum sein Leiden stetig steigert, da er zunehmend ein falsches Bewusstsein von der Unrettbarkeit seiner Seele entwickelt.

Mit der Reformation und der Ablehnung der Sieben Todsünden, kommt der Begriff der acedia aus der Verwendung. Unter dem Begriff der Melancholie mit der ihr anhaftenden Traurigkeit werden nun sowohl die physiologische Disposition als auch der Vorwurf moralischer Fehlhandlungen subsumiert.24 Dass die Traurigkeit, welche als eine dem melancholischen Temperament natürlicherweise innewohnende Eigenschaft angesehen werden kann, vom Erzähler der Historia im Zeichen der acedia ausgelegt wird, zeigt sich am Urteil über Fausts Schuld: Das ist ja kein Menschliche Schwachheit [...] Sondern [...] grewliche Verstockung. 25 Die Verstockung der Melancholie erscheint als religiöse Verzweiflung, die aus der Sünde wider den Heiligen Geist resultiert.26

2.2.2. Nulla tentatio - omnis tentatio: Das Problem der Anfechtung

Mit dem Begriff Melancholie konnotiert man also zunehmend auch „[a]lle möglichen Gefährdungen des Glaubens, sogenannte „Anfechtungen“, wie sie in jenem Zeitalter tausendfach erfahren und reflektiert wurden, also etwa das Verzweifeln an Gott, das Gefühl, von Gott verlassen zu sein, die Angst, Gott nicht genügen zu können und verdammt zu werden, vor allem jener Zustand, den das Mittelalter acedia genannt und zu den Todsünden gerechnet hatte, nämlich jene hoffnungslose lähmende Traurigkeit und Trägheit der Seele, in der Gott dem Menschen gleichgültig wird [...].“27

Die Anfechtung des Glaubens ist nach Luther nötig und heilsam. Sie stellt zwar eine Versuchung und Verführung durch teuflische Mächte dar, ist aber zugleich immer auch die Heimsuchung des Menschen durch Gott. In diesem Sinne bedeutet der Zweifel am Glaube eine Prüfung, in der sich der Versuchte in der Standhaftigkeit seines Glaubens bewähren kann.28 Es ist also nicht vordergründig die niedere Versuchung des Fleisches, die im Kontext der Melancholie diskutiert wird, sondern die Versuchung des Gewissens und Glaubens, die von Gott kommt und in „jener Grenzerfahrung vollkommener religiöser Verzweiflung und Melancholie“ besteht, die auch Faust verspürt und an der er leidet.29 Der Ausweg aus dieser Verzweiflung besteht für den Versuchten einzig und allein in der Erkenntnis der Ohnmacht seiner Vernunft und seines Willens und in der Annahme seiner unaufhebbaren Sündhaftigkeit.30 Erst in der tiefsten Verzweiflung an seiner eigenen Rettung kann die Gottesgnade wirksam werden. So gesehen bedeutet die Anfechtung ein Heil für den Menschen, denn sobald sich die Seele in Sicherheit und Sorglosigkeit wiegt und der Sünder sich gerettet wähnt, gewinnt der Teufel das Spiel, welches er vorzugsweise auf dem Feld der Anfechtung treibt: Er redet dem Menschen ein, dass eine Rettung nicht mehr möglich sei und treibt ihn auf diese Weise in eine wirklich hoffnungslose und gotteslästerliche Verzweiflung.31 Der Theologe Simon Musaeus weist in seinen Schriften zur Warnung vor dem „Melancholischen Teuffel“ auf diese Gefahr hin:

„Es ist eben die schwere Not vnd fehrliche Anfechtung/ darwider vns Gottes Sohn in der sechsten Bitte deßVatter vnsers/ so ernstlich heisset seufftzen/ vnnd sprechen: F F hre vns nicht in Versuchung/ das ist/ wenn vns der Melancholische Teuffel in sein Hellisch Bad der Schwerm F tigkeit gestossen vnnd geworffen hat/ so zeuch du vns durch den Tr = ster den heiligen Geist/ wider herauß/ daßwir nicht darinnen ersauffen vnnd versincken.“ 32

In jenem höllischen Bad der schwermütigen Verzweiflung scheint sich Faust zu befinden, nachdem er seinen Geist zur Disputation über die Hölle auffordert. Mephostophiles setzt ihm zuerst ausführlich die Pein und Marter auseinander, die der Verdammten in der Hölle harren und betont dann nicht weniger als sechsmal, dass [...] kein Hoffnung der Erl = sung vorhanden sei.33 Die eindringliche Betonung der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflungswürdigkeit von Fausts Situation durch den Geist, die beinahe an eine Predigt erinnert, ist dafür verantwortlich, dass Faust die Anfechtung seines Gewissens und Glaubens durch Mephostophiles, die für den Protestantismus erst die Voraussetzung für den wahren Glauben sind, eben nicht im Sinne des Prinzips contra deum ad deum fugere bestehen kann.34 Er will zwar nicht wider Gott handeln, fürchtet sich vor seiner Verdammung und äußert vor der ersten Blutsverschreibung: Jch will darumb nicht verdampt seyn / vmb deinet willen. 35 Mephostophiles antwortet ihm daraufhin: Dennoch mustu mit / da hilft kein Bitt / Dein verzweiffelt Hertz hat dirs verscherzt. 36 Das verzweifelte Herz als Symbol der melancholischen Verzweiflung meint hier weniger ein Gefühl des Verlassenseins, der Traurigkeit und der endgültigen Hoffnungslosigkeit, als vielmehr das Zerrissensein im Glaubens-Zweifel, das Faust plagt und ihm ein Erkennen des teuflischen Blendwerks und der grundsätzlichen Möglichkeit einer Vergebung seiner Sünden durch Gottes unbegrenzte Gnade unmöglich macht. In der Versuchung, die ihm Leiden bringt, liegt bereits die Möglichkeit seiner Erlösung und in den Worten So were es mit mir auch noch fr F h genug / wann ich mich besserte 37 wird erkennbar, dass Faust noch nicht der völligen Hoffnungslosigkeit verfallen ist. Doch richtet er seine berechtigte Frage an den Falschen, denn der Geist antwortet ihm: Wann du auch vor deinen groben S F nden zur Gnade Gottes kommen k = ndtest / aber es ist nun zu spat vnnd ruhet Gottes Zorn vber dir. 38

Er kann in seinem Handeln und Streben wider Gott nicht zu Gott fliehen, da er neben der religiösen Verzweiflung auch noch einer verhängnisvollen Selbstüberschätzung verfällt, die ihn daran hindert, die eigene Ohnmacht gegen die Allmacht Gottes zu erkennen und bei Gott auch in tiefster Verzweiflung ehrliche Zuflucht zu suchen.

2.2.3. „Mein vbermFhtig Fleisch und Blut hat mich / an Leib vnd Seel / in Verdammlichkeit gebracht“ - Melancholie und die superbia

Auch das euphorisch-tatkräftige Moment der Melancholie, das Lobsien als das „Wissen um die Möglichkeit eines plötzlichen Über-sich-Hinausgehens“39 bezeichnet, erhält in der Historia den Anschein des Sündhaften, wenn der Erzähler Faustus` Teufelbeschwörung folgendermaßen kommentiert:

[ D ] ann sein F F rwitz / Freyheit vnd Leichtfertigkeit stache vnnd reitzte jhn also / dass er auff eine zeit etliche z (uberische vocabula / figuras / characteres vnd coniurationes / damit er den Teufel vor sich m = chte fordern / ins Werck zusetzen / vnd zu probiern jm f F rname. 40

Den Teufel beschwören zu können, stellt für Faust eine Überschreitung der Grenzen seines Selbst dar, indem der Teufel für ihn zunächst eine Instanz verkörpert, welche die Beschränkungen überwindet, denen seine eigenen natürlichen Gaben zur Erlangung von Wissen und Erkenntnis unterliegen. Dieses Streben nach einem Wissen, das über die Wahrnehmung und das Verständnis der irdischen, menschlichen Dinge hinausgeht, gibt Faust jedenfalls als Grund dafür an, dass er sich mit seinem Blute dem Teufel verschreibt:

Nach dem ich mir f F rgenommen die Elementa zu speculieren / vnd aber außden Gaaben / so mir von oben herab bescheret / vnd gnedig mitgetheilt worden / solche Geschickligkeit in meinem Kopff nicht befinde / vnnd solches von den Menschen nicht erlernen mag / So hab ich gegenwertigen gesandtem Geist / der sich Mephostophiles nennet / ein Diener deßHellischen Printzen in Orient / mich vntergeben / auch denselbigen / mich solches zuberichten vnd zu lehren / mir erwehlet / der sich auch gegen mir versprochen / in allem vnderthenig vnnd gehorsam zuseyn. 41

In einem Moment der euphorischen Selbstüberschätzung wird Faust dazu verleitet, die von Gott gegebenen Geistesgaben als ungenügend zu empfinden und sich über die Grenzen, die ihm in seiner irdischen Existenz gesetzt sind, mithilfe des Teufels hinwegzusetzen. Im Ausblenden des Umstandes, dass der Mensch in jeglicher Hinsicht Gott unterlegen ist, liegt die unverzeihliche Anmaßung Fausts, die der Erzähler der Historia als Fürwitz und Leichtfertigkeit bezeichnet.

Außerdem sei [ o ] hn allen zweiffel [...] die Zauberey vnd Schwartzk F nstlerei die gr = ste vnnd schwereste S F nde f F r Gott und f F r aller Welt. 42 Mit der Zauberei verstößt Faust gegen das erste Gebot, nur dem einen Gott zu dienen. Sich dem Teufel und den Götzen der Zauberei zu ergeben bedeutet Abgötterei und wird in eine andere Kategorie als die menschlichen Schwächen, Laster und Verfehlungen gezählt, denn sie stellt den Versuch dar, die Herrschaft Gottes über die Schöpfung anzutasten43 und ist gleichzusetzen mit dem „Vorstoß gegen den göttlichen Anspruch des alleinigen Wissens.“44 Damit ist die superbia die einzige Sünde, die direkt gegen Gott gerichtet ist und kann nicht, wie die meisten anderen Sünden, als menschliche Schwäche entschuldigt werden.45

Faustus leidet auch an dem Zwiespalt zwischen seinem festen, als vermessen diskreditierten Glauben, sich über die dem Menschen von Gott bestimmten Grenzen setzen zu können und dem Scheitern an diesem Anspruch, das sich früh und merklich abzeichnet. Als „faustischen Grundkonflikt“ benennt Maria E. Müller den Konflikt zwischen den Gefühlen des „Sich-empor- schwingen-wollens und Nicht-könnens.“46 Fausts als Verwegenheit und Vermessenheit verurteilter Drang nach einer Überschreitung der ihm gesetzten Grenzen, vormals auch als genialischer Zug der Melancholie akzeptiert, erscheint im Kommentar des Erzählers deutlich als verwerfliche Sünde.

Auf den ersten Blick implizieren acedia und superbia Gegenteiliges, nämlich verstockte Verzweiflung einerseits und vermessene Selbstüberschätzung andererseits. Beide Sünden jedoch bedeuten einen Abfall von Gott, denn Faust entfernt sich von seinem Glauben zum einen, indem er seine Existenz, so wie sie ihm von oben herab bescheret / vnd gnedig mitgetheilt worden 47 als unvollkommen kritisiert und eigenmächtig verändern will. Es erweist sich die „Selbstbemächtigung des melancholischen Subjekts [...] als fortgesetzter Abfall von Gott.“48 Zum anderen verfällt er zunehmend einer lähmenden Verzweiflung, so dass es ihm unmöglich wird, sich an Gott zu wenden, um für seine Seele Heil zu erbitten.

[...]


1 Ohly: Der Verfluchte und der Erwählte: Vom Leben mit der Schuld. Düsseldorf 1976, S. 98.

2 Müller, J.-D.: Ausverkauf menschlichen Wissens. Zu den Faustbüchern des 16. Jahrhunderts. In: Burghart Wachinger und Walter Haug (Hrsg.): Literatur, Artes und Philosophie. Tübingen 1992, S. 163.

3 Historia von D. Johann Fausten. Text des Druckes von 1587. Kritische Ausgabe. Mit den Zusatztexten der Wolfenbütteler Handschrift und der zeitgenössischen Drucke. Hrsg. von Stephan Füssel und Hans Joachim Kreutzer. Ergänzte und bibliographisch aktualisierte Ausgabe. Stuttgart 2006 (= Reclams Universal-Bibliothek 1516), S. 5.

4 Über Was- und Wie-Spannung vgl. Pfister: Das Drama. Theorie und Anaylse. München 1984, S. 143.

5 Vgl. Müller, J.-D. 1992, S. 191.

6 Es wird oft darauf aufmerksam gemacht, wie die Melancholie als textstrukturierende Kategorie wirkt und die Gliederung der Narration bestimmt. Vor allem die Schwank- und Reisekapitel, die Fausts wachsende Unruhe und Hast widerspiegeln und in der früheren Forschung (v.a. von Könneker) als irrelevant und für ein Verständnis der Historia unnötig interpretiert wurden, deutete man im Kontext der Melancholie als Ausdruck der Bipolarität und Zerrissenheit des Protagonisten (vgl. u.a. Kraß 2003, S. 541 ff.; Maria E. Müller 1986, S. 601 ff.; Münkler 2004: Höllenangst und Gewissensqual 2004, S. 260 ff.). Es soll auf die Problematik der Erzähltechnik hier nicht ausführlich eingegangen werden, aber es genügt wohl die Andeutung, dass die Folie der Melancholie weit mehr für die Deutung der Historia zu leisten vermag, als lediglich die Gemütsverfassungen des Protagonisten zu begründen, um den großen Spielraum zu rechtfertigen, den die Thematisierung des Melancholie-Problems hier einnimmt.

7 Historia 2006, S. 14.

8 Vgl. Münkler: Ubi Melancholicus - Ibi Diabolus. Die Historia von D. Johann Fausten. In: Humboldt-Spektrum 11 (2004) H. 2., S. 30.

9 Vgl. Münkler 2004: Ubi Melancholicus - Ibi Diabolus, S. 31.

10 Vgl. Münkler 2004: Ubi Melancholicus - Ibi Diabolus, S. 32 f.

11 Historia 2006, S. 15.

12 Historia 2006, S. 115.

13 Lobsien: Das manische Selbst. Frühneuzeitliche Versionen des Melancholieparadigmas in der Genese literarischer Subjektivität. In: Reto Luzius Fetz, Robert Hagenbüchle und Peter Schulz (Hrsg.): Geschichte und Vorgeschichte der modernen Subjektivität. Berlin 1998. (= European Cultures. Studies in Literature and the Arts, Reihe 11, Bd. 1). S. 717.

14 Vgl. Münkler 2004: Ubi Melancholicus - Ibi Diabolus, S. 30.

15 Historia 2006, S. 21.

16 Vgl. Münkler 2004: Ubi Melancholicus - Ibi Diabolus, S. 31.

17 Vgl. Münkler 2004: Ubi Melancholicus - Ibi Diabolus, S. 32.

18 Historia 2006, S. 122.

19 Historia 2006, S. 15.

20 Vgl. Forster: Faust und die ‘acedia’. Mephisto und die ‘superbia’. In: Victor Lange und Hans-Gert Roloff (Hrsg.): Dichtung, Sprache, Gesellschaft. Königstein 1971, S. 315.

21 Historia 2006, S. 48.

22 Ebd.

23 Historia 2006, S. 49.

24 Vgl. Münkler 2004: Ubi Melancholicus - Ibi Diabolus, S. 32.

25 Historia 2006, S. 11 f.

26 Vgl. Kraß: Schwarze Galle, schwarze Kunst. Poetik der Melancholie in der ‘Historia von D. Johann Fausten’. In: Zeitsprünge. Forschungen zur Frühen Neuzeit 7 (2003), S. 552.

27 Schmitz: Das Melancholieproblem in Wissenschaft und Kunst der frühen Neuzeit. In: Sudhoffs Archiv 60 (1976), S. 141.

28 Vgl. Schmitz 1976, S. 152.

29 Schmitz 1976, S. 152 f.

30 Vgl. Schmitz 1976, S. 153.

31 Vgl. Ebd.

32 Musaeus: »Melancholischer Teuffel«. Nach Vorlage des Exemplars der Mainfrankfurter Drittausgabe 1587/ 88. In: Roland Lambrecht: Der Geist der Melancholie. Eine Herausforderung philosophischer Reflexion. München 1996. S. 257.

33 Historia 2006, S. 42. Gegen Ende der Erzählung von der Hölle häufen sich die Hinweise darauf, dass jegliche Hoffnung vergebens sei, deutlich: da keine Hoffnung nimmermehr ist (S. 40, V. 32 f.) , denn da ist nichts zu hoffen (S. 41, V. 2 f.) , vnd kein Huld oder Gnade bey Gott zu erlangen / zuhoffen habe (S. 41, V. 22 f.) , daßdie Verdampnten auff kein Ziel oder Zeit zuhoffen haben (S. 41, V. 25), so st doch kein Hoffnung der Erlösung vorhanden (S. 42, V. 8).

34 Vgl. Müller, M. E.: Der andere Faust. Melancholie und Individualität in der Historia von D. Johann Fausten. In: DVjs 60 (1986) H. 4, S. 594.

35 Historia 2006, S. 19.

36 Ebd.

37 Historia 2006, S. 43.

38 Ebd.

39 Lobsien 1998, S. 715.

40 Historia 2006, S. 15.

41 Historia 2006, S. 22 f.

42 Historia 2006, S. 8.

43 Vgl. Könneker: Faust-Konzeption und Teufelspakt im Volksbuch von 1587. In: Heinz Otto Burger und Klaus von See (Hrsg.): Festschrift für Gottfried Weber zum 70. Geburtstag. Bad Homburg 1967, S. 165 ff.

44 Scholz Williams: Faust verführt: Epikur in der Frühen Neuzeit. In: Johannes Janota u.a. (Hrsg.): Festschrift für Walter Haug und Burghart Wachinger. Bd. 1. Tübingen 1992, S. 136.

45 Vgl. Forster 1971, S. 312.

46 Müller, M. E. 1986, S. 591 f.

47 Historia 2006, S. 22.

48 Münkler 2004: Ubi Melancholicus - Ibi Diabolus, S. 34.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Marter, Martyrium und Seelenpein. Aspekte von Melancholie und legendarischem Erzählen in der Historia von D. Johann Fausten (1587)
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Germanistik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
43
Katalognummer
V195941
ISBN (eBook)
9783656217428
ISBN (Buch)
9783656219415
Dateigröße
685 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ur-Faust, Faust-Historia, D. Johann Fausten, Legende, Melancholie, Marter, Seelenpein, Martyrium
Arbeit zitieren
Thérèse Remus (Autor), 2011, Marter, Martyrium und Seelenpein. Aspekte von Melancholie und legendarischem Erzählen in der Historia von D. Johann Fausten (1587), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195941

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