Wittgensteins Tractatus - Unsinn oder Unsinn mit Sinn?


Hausarbeit, 2012

12 Seiten, Note: 2,3

Danny Krämer (Autor:in)


Leseprobe

Wittgensteins Tractatus: Unsinn oder Unsinn mit Sinn?

1. Einleitung: Was machen wir nun mit der Leiter?

„Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie- auf ihnen - über sie hinausgestiegen ist. (Er muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.) Er muß diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.“ (TLP 6.54) Das ist wohl einer der Abschnitte, die am meisten in der Literatur über Wittgensteins Tractatus diskutiert wurden. Er wirft viele Fragen auf: Wie sollen wir mit den Sätzen im Tractatus nun umgehen? Müssen wir sie als Unsinn verwerfen oder sind sie trotz allem nützlich? Und warum überhaupt die Leiter wegwerfen? Die traditionelle Interpretation geht davon aus, dass es so etwas wie „nützlichen Unsinn“ gibt. Die Sätze im Tractatus sind zwar Unsinn, allerdings helfen sie uns etwas über die Sprache und unsere Welt zu erfahren. Etwas, das zwar nicht gesagt, aber gezeigt werden kann. Neuere Interpretationen, die vor allem durch Cora Diamond und James Conant bekannt wurden, behaupten, dass es so etwas wie „nützlichen Unsinn“ nicht gibt. Es gibt auch nichts, dass nicht gesagt, aber gezeigt werden kann. Der Tractatus besteht aus purem Unsinn und muss deswegen überwunden werden. Er und alle seine Unterscheidungen und Argumente sind die Leiter, die wir wegwerfen sollen.

Im Folgenden sollen einige Antworten auf diese Fragen vorgestellt werden. Cora Diamonds und James Conants Interpretationen werden skizziert und eine Kritik von P.M.S. Hacker vorgestellt. Eigene Gedanken sollen mit eingestreut werden und zum Schluss ein Fazit gezogen werden, was wir mit der wittgensteinschen Leiter machen sollen.

2. Die resolute Lesart

2.1 Cora Diamond: Wittgensteins Sätze als „transitional remarks“1

Diamond beschreibt die klassische Interpretation Wittgensteins als „chickening out“, also als etwas aus dem Text „hinausquetschen“. Solche Interpretationen wollen aus den Sätzen des Tractatus Eigenschaften der Realität „herausquetschen“, von denen man nicht sprechen kann, die sich allerdings zeigen. Diese Eigenschaften der Realität manifestieren sich in unserer Sprache.

Diamond schlägt dagegen eine resolute Interpretation Wittgensteins vor. Wenn Wittgenstein schreibt, dass wir die Leiter wegwerfen sollen, dann, so Diamond, müssen wir auch die komplette Sprache von Eigenschaften der Realität, die sich nur zeigen, aber nicht sagen lassen wegwerfen. Diese Unterscheidung mag zwar für eine Zeit nützlich gewesen sein, aber sollte nun endgültig als reiner Unsinn erkannt werden. Doch wie kann uns dieser pure Unsinn dabei helfen, die philosophischen Probleme zu lösen? (Das ist ja Wittgensteins Anspruch im Vorwort, dass er im Wesentlichen alle philosophischen Probleme gelöst habe. (TLP Vorwort)) Diamond beruft sich hier auf Ausführungen Freges. Für Diamond hatte Wittgenstein die Unterscheidung vom Sagen und Zeigen übernommen, allerdings hatte Wittgenstein eine andere Auffassung von Logik an sich, als Frege. Wenn Frege zum Beispiel von der Unterscheidung zwischen Funktion und Gegenstand spricht, dann zeigt sich dieser Unterschied in der Sprache. Er benötigt diese Unterscheidung, um klar zu machen, warum in einer idealen Notation (Begriffsschrift) der Unterschied zwischen Funktion und Gegenstand klar erkennbar sein muss. Diamond nennt es ein „transitional remark“. Es muss ein Übergang stattfinden, zwischen Alltagssprache, die die logische Struktur teilweise verschleiert und einer Begriffsschrift, die die logische Struktur klar erkennbar macht. Nach diesem Übergang wird allerdings die Unterscheidung von Funktion und Gegenstand nutzlos, da sie nicht mehr benötigt wird. Die logische Notation sorgt dafür, dass der Unterschied sofort erkennbar ist und nicht mit der Unterscheidung benannt werden muss. Der Unterschied zwischen Frege und Wittgenstein ist nun, dass Frege annimmt ein Satz wäre ein komplexer Name, während Wittgenstein einen Satz als eigenständiges Zeichen annimmt, dass eine andere logische Form als ein Name hat. Die Eigenart des Satzes ist, dass er wahr oder falsch sein kann. Metaphysische Sätze die bestimmte Notwendigkeiten aussagen, erfüllen diese Voraussetzung nicht. Sie nehmen eine Perspektive ein, in der so ein Satz wahr oder falsch ist, weil die ontologischen Kategorien so oder so sind. Diese Perspektive ist aber eine Illusion. Notwendigkeiten können nicht in normalen Sätzen Ausgedrückt werden, da jeder Satz auch seine Negation ermöglicht.

Laut Diamond sei es jetzt Wittgensteins Auffassung von Philosophie, dass das komplette philosophische Vokabular auf diese Art ersetzt werden müsse. Das bisherige philosophische Vokabular sorgt für Verwirrung und muss deswegen analysiert werden und durch eine eindeutige Notation ersetzt werden. Wittgenstein versucht also mit seinem Tractatus zu zeigen, dass diese Perspektive, die versucht Eigenschaften der Realität durch die Analyse der Sprache zu entdecken eine Illusion ist. Sätze die aus ihr folgen sind nichts weiter als reiner Unsinn. Wittgenstein schreibt: „Jeder mögliche Satz ist rechtmäßig gebildet, und wenn er keinen Sinn hat, so kann das nur daran liegen, daß wir einigen seiner Bestandteile keine Bedeutung gegeben haben. (Wenn wir auch glauben, es getan zu haben.)“ (TLP 5.4733) „A ist ein Gegenstand“ ist Unsinn weil er eine Notwendigkeit behauptet, als ob sie von bestimmten Wahrheitsbedingungen abhängt. Wenn Sätze wie „A ist ein Gegenstand“ Unsinn sind, dann nur, weil wir einigen der Bestandteile keine Bedeutung gegeben haben. Der Begriff „Gegenstand“ der in der üblichen Sprache als Variable fungiert, wird hier in einer grammatikalisch komplett anderen Weise verwendet, der wir keine Bedeutung gegeben haben. So entsteht die Illusion wir hätten einen sinnvollen Satz gebildet. Diamond schreibt: „We are so convinced that we understand what we are trying to say that we see only the two possibilities: it is sayable, it is not sayable. But Wittgenstein’s aim is to allow us to see that there is no ‘it’.”2

Der Tractatus ist also selbst solch ein „trainsitional remark“, der uns zeigen soll, dass unsere bisherige philosophische Perspektive eine Illusion ist, die es zu überwinden gilt.

2.2 James Conant: Wittgenstein als Ironiker?3

Auch James Conant betrachtet Freges Einfluss auf Wittgenstein als ausschlaggebend. Wir sollen uns klar machen, was es mit „Unsinn“ und „erläutern“ auf sich hat und warum der Tractatus die Form hat, die er hat. Conant arbeitet eine Unterscheidung zwischen substantiellen und strengen Unsinn heraus. Substantieller Unsinn ist ein logisch inkohärenter Gedanke. Aus dieser Art von Unsinn leiten sich die Standardinterpretationen ab, die er positivistische und Unausprechlichkeits-Lesart nennt. Die positivistische Lesart beschreibt die Verletzung der logischen Syntax, als ein rein linguistisches Phänomen. Für sie sind die Grenzen unserer Sprache die Grenzen unseres Denkens. Für die Unaussprechlickeits-Lesart ist die Verletzung der logischen Syntax ein Phänomen, das nur gedacht werden kann, aber etwas über Sprache zeigt. Für sie gibt es Gedanken, die gedacht, aber nicht gesagt werden können.

Strenger Unsinn verstößt gegen die logische Syntax und erzeugt somit die Illusion, dass wir etwas meinen, wenn wir eigentlich nichts meinen. Auf diese Form von Unsinn beruft er sich bei seiner Interpretation.

James Conant weist die Vorstellung eines substantiellen Unsinns zurück. Es wird dabei davon ausgegangen, dass ein Satz zwar grammatikalisch richtig ist, aber gegen die logische Syntax verstößt. Er benutzt logische Typen, die nicht zusammen passen. Das ist aber nicht, was Wittgenstein beschreibt. Für ihn entsteht Unsinn nur, wenn wir einem Zeichen im Satz keine Bedeutung gegeben haben. (TLP 5.4733) Conant beschreibt Beispiele, in denen man sieht, dass das gleiche Wort (Zeichen) als Gegensand oder Begriff benutzt werden kann. Die Analyse muss also immer bei der Proposition beginnen. Wittgenstein betont, dass Namen außerhalb des Satzes keine Bedeutung haben. (TLP 3.3) Jeder mögliche Satz ist rechtmäßig gebildet. (TLP 5.4733) Mit unseren Sätzen in der Alltagssprache ist also alles in Ordnung. Wenn sie unsinnig sind, dann haben wir einem Zeichen keine Bedeutung gegeben. Das Zeichen verletzt also nicht gegen die logische Syntax, sondern besitzt keine Syntax. Wie ein Zeichen symbolisiert zeigt sich nur in der Sprache, in den Sätzen. Wenn also ein augenscheinlicher Eigenname eine Begriffsstelle im Satz einnehmen kann, dann ist das ausreichend um das Zeichen als Begriff zu verstehen. Daraus folgert Conant dass es für Wittgenstein so etwas wie substantiellen Unsinn nicht gibt.

Die logische Syntax beschäftigt sich nicht damit, welche Kombinationen von Zeichen zulässig sind, sondern damit, wie es überhaupt möglich ist, dass ein Zeichen symbolisiert.

Eine Verletzung der logischen Syntax kann daher nur erfolgen, wenn das gleiche Zeichen auf verschiedene Weise symbolisiert. Damit ist der Unterschied der Alltagssprache und der Begriffsschrift nur einer der Notation. Wittgenstein verfolgt also nicht das Projekt einer perfekten Sprache, sondern es soll die logische Struktur klarwerden, die immer schon in unseren Sätzen der Alltagssprache vorhanden war. Eine genauere Notation würde dann die Illusion verhindern, dort Bedeutung zu sehen, wo eigentlich keine ist. Der Tractatus, so Conant tut also so, als ob man Sprache außerhalb von Sprache verwenden könne und zeigt bei der Ausarbeitung, dass das Unsinn ist. Er beschreibt vier Schritte: 1. Ich sehe da muss etwas sein, 2. Da kann nichts sein, 3. Wenn es nicht sein kann, kann es nicht gedacht werden, 4. Es gibt kein „es“. Der Tractatus leuchtet diese Illusion von innen aus, um sie zu verstehen und zu zeigen, dass hinter den Grenzen der Sprache nur Unsinn liegt.

[...]


1 Im Folgenden werden rgumente aus Diamonds rtikel „Throwing way the Ladder“ paraphrasiert͘

2 Cora Diamond, „Throwing away the ladder“ in: Philosophy, Vol͘ 63, No. 243, Cambridge University Press, 1988, S. 24

3 Im Folgenden werden rgumente aus Conants rtikel „The Method of The Tractatus“ paraphrasiert͘

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Wittgensteins Tractatus - Unsinn oder Unsinn mit Sinn?
Hochschule
Universität Erfurt  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Wittgenstein's Tractatus
Note
2,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
12
Katalognummer
V195950
ISBN (eBook)
9783656218692
ISBN (Buch)
9783656219231
Dateigröße
917 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wittgenstein, Tractatus, TLP, Tractatus logico-philosophicus, Logisch-philosophische Abhandlung, Sprachphilosophie, Analytische Philosophie, Sinn, Unsinn, Geschichte der Philosophie
Arbeit zitieren
Danny Krämer (Autor:in), 2012, Wittgensteins Tractatus - Unsinn oder Unsinn mit Sinn?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195950

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