Verbotene Liebe - Das Inzestmotiv in der Literatur am Beispiel von Clemens Brentanos „Die drei Nüsse“


Hausarbeit, 2008

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

I. Das Inzestmotiv in der Romantik

II. Das literarische Inzestmotiv in Clemens Brentanos „Die drei Nüsse“
1. Die Struktur des Inzestmotivs
1.1. Erzählerischer Aufbau und Funktion des Motivs
1.2. Zwischen Rätsel und Geheimnis
1.3. Die Nuss als Leitmotiv
2. Das Streben nach Einheit und Vollkommenheit
2.1. Figurenkonstellation der Novelle
2.2. Charakterisierung der Amélie
2.3. Exkurs: Platons Kugelmenschen

III. Das Inzestmotiv in der Literaturgeschichte

IV. Literaturverzeichnis

Verbotene Liebe - Der literarische Inzest

I. Das Inzestmotiv in der Romantik

Geheimnisse und Rätsel spielen in der Literatur eine besondere Rolle, durch das Ungewisse lassen sich Geschichten und Handlungen spinnen. Geheimnisse entwickeln ihre eigene Dynamik und bewirken Vorgänge und Entwicklungen. Einen besonderen Platz nimmt es in der Epoche der Romantik ein. Das Mysteriöse zeigt sich in dieser Zeit als interessant, da die reine Vernunft nicht ausreicht, die Fragen zu beantworten, die sich durch die Sehnsucht der Menschen stellen. So finden sich natürlich auch viele Motive, die dieses Interesse am Geheimnisvollen unterstützen oder ausdrücken. Ein solches ist der literarische Inzest. Die körperliche Liebe innerhalb der Familie wirft viele Fragen auf und ist gleichzeitig eine Mischung aus Faszination und Ablehnung.

Die Konfrontation der Ideen der Aufklärung mit der veränderten Selbstwahrnehmung der Romantik verändert dabei den Umgang mit dem Inzestmotiv und ist ein Impulsgeber für die Bearbeitung des Themas. Einige Theoretiker gehen sogar davon aus, dass der literarische Inzest symbolisch für die zentrale Frage nach der Identität des bürgerlichen Subjekts in der Romantik ist.1 Das neue Selbstbewusstsein des Einzelnen fühlt sich durch die gesellschaftlichen Regeln beengt und in seiner individuellen Entwicklung eingeschränkt. Der Inzest spiegelt auf psychischer Ebene genau diese Empfindungen wieder und wird zum Transfer dieses Gefühls als literarisches Mittel genutzt. Es dokumentiert außerdem, dass der Befreiung des Selbst auch die Machtlosigkeit gegenüber überindividuellen Kräften steht. Diesem Gefühl zu entrinnen bleibt in der Romantik nur die Flucht in die Geborgenheit der anderen Seelenhälfte.

So finden sich in vielen Werken der Epoche Geschwisterliebe oder familiäre Liebesverhältnisse. Die geheimnisvolle Anziehung zwischen den Verwandten findet sich sowohl bei Ludwig Tieck als auch E.T.A. Hoffmann. Ein wichtiger Vertreter, der sich ebenfalls nicht der Faszination des Themas entziehen konnte, ist der Dichter Clemens Brentano. Zahlreiche Märchen und Erzählungen hat er hinterlassen, das Motiv des Inzests blieb dabei nicht unberührt. Zentral angelegt ist es zum Beispiel in seiner Erzählung der Romanzen vom Rosenkranz, in der ein Paar nicht ahnt, dass es verwandt ist. Die Geschwister gehen unwissentlich eine inzestuöse Beziehung ein und werden darum mit einem Familienfluch belegt.

Grundlage dieser Arbeit soll aber ein anderes Werk des Romantikers sein, welches sich in besonderer Weise dieser Thematik angenommen hat. Dabei handelt es sich um die Schicksalsnovelle Die drei Nüsse, die Brentano erstmals 1817 in der Zeitschrift „Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz“ veröffentlichen ließ͘2 Darin erzählt die Witwe eines Alchemisten ihre Geschichte von der Liebe zu ihrem vermeintlichen Bruder. Dieser wurde aus Eifersucht von ihrem Mann erschossen. Aus diesem Konflikt entspinnt sich eine verstrickte Handlung, in der sich letztlich die wahren Geschwister doch finden. Diese Erzählung bietet nicht nur aufgrund ihres Inhalts genügend Raum für eine Analyse des Inzestmotivs. Ihre komplexe Struktur sowie die verwendete Symbolik bieten weitere Anhaltspunkte, um die Verwendung des Motivs zu untersuchen. Neben diesem Hauptaugenmerk, wird sich diese Arbeit mit der Ambivalenz von Verworrenheit und Vollkommenheit auseinandersetzen. Abgerundet werden soll sie durch einen Exkurs in die antike Theorie, um ein wichtiges Mythosmodell mit in die Analyse des Inzest-Motivs einzuschließen.

II. Das literarische Inzestmotiv in Clemens Brentanos „Die drei Nüsse“

1. Die Struktur des Inzestmotivs

1.1. Erzählerischer Aufbau und Funktion des Inzests

Die Struktur, die Clemens Brentano in seiner Erzählung konstruiert, ist vielschichtig, verzweigt und komplex. Ihre Analyse soll deshalb in mehreren Schritten erfolgen. Zunächst gilt es das Grundgerüst von Die drei Nüsse darzulegen und die Bedeutung des Inzests in diesem Zusammenhang zu verdeutlichen.

Der Text öffnet mit einem Ereignis im Jahr 1665 im französischen Kolmar. Ein reisender Alchemist ist zu Gast bei Bürgermeister Maggi und seiner Familie, die Situation wird jedoch schnell verwirrend. Nachdem der Hofmeister Möller beim gemeinsamen Verzehr einiger Wahlnüsse das lateinischen Sprichwort Unica nux prodest, nocet altera, tertia mors est erwähnt, verlässt der Alchemist namens Pierre du Pont entsetzt den Tisch und schließt sich verstört in seiner Kammer ein. Dieses Ereignis ist bereits eine ungewisse Ankündigung, dass die bevorstehende Handlung eine dramatische Wendung nehmen wird. Solche Ereignisse sind typische Elemente, die mit dem Gebrauch des literarischen Inzestmotivs einhergehen.3 Eine weitere solche Vorahnung tritt etwas später auf, als mehr als ein Jahr später eine Reisende in Kolmar auftaucht und sich dort niederlassen will. Eine starke Abweisung der angebotenen Nüsse und der Zusammenbruch vor einem Gemälde unterstreichen die seltsame Situation.

Gleichzeitig fungieren diese Ereignisse als dynamisches Moment, welches die Handlung vorantreibt und gleichzeitig Unklarheiten aufdeckt. Dafür muss eine zweite zeitliche als auch eine narrative Ebene eingeführt werden. Eingeleitet wird dies durch das wundersame Verhalten der bis dato namenlosen Fremden. Durch Einfügen einer Binnenerzählung in die eigentliche Rahmenhandlung erhält die Figur die Möglichkeit, sich selbst und ihre Identität einzuführen, als auch den eigentlichen Konflikt der Erzählung darzustellen. Es kommt somit also zu einem erzählerischen Rückgriff, um die Auswirkungen auf die Gegenwart der Geschichte zu erläutern.4

Diese Binnenerzählung gliedert sich zum einen in eine allgemeine Vorstellung der Figur Amélie und der Darstellung der Ausgangsposition für den Konflikt. Zum anderen zeigt sich hier der Handlungsablauf und die Entwicklung des vermeintlichen Inzest zwischen Amélie und Ludwig. Angekündigt wird dies, wie auch schon in der Rahmenhandlung, durch ein zunächst seltsames Ereignis, nämlich den Johanniskäfern und den zahlreichen Geschenken im Schlafzimmer der Apothekerfamilie, gefolgt vom Einschub eines Briefes an Amélie von Ludwig Dies bedeutet ein erstes Eingestehen und den Beginn eines Geständnisses, das Amélie vor dem Bürgermeister ablegt͘ llerdings erfolgt dies in drei Schritten͘ Zunächst gesteht sie „für einen fremden Mann Zärtlichkeit empfunden“5 zu haben, kündigt aber weitere Einzelheiten an. Erst am dramatischen Höhepunkt der Binnenerzählung - also dem Mord an Ludwig durch Amélies Gatten - bezeichnet Amélie den Ermordeten als ihren Bruder. Nach einer genaueren Schilderung der nachfolgenden Ereignisse, fügt sie die beiden Tatsachen klar zusammen und gesteht das inzestuöse Verhältnis zu Ludwig.6

Diese Schritte stehen stets im Zusammenhang mit einem Sprung von der Binnen- in die Rahmenhandlung und zurück. Diese kurzen Passagen bieten Raum für eine kurze Feststellung des Bürgermeisters, eine Art Resümee des vorangegangenen Erzählabschnitts und eine Überleitung zur Fortführung der Binnenhandlung. Gleiches geschieht auch nach der vollständigen Beichte von Amélie, als der Bürgermeister sich nach dem Schicksal ihres Mannes erkundigt. Dieser ist nach den Ereignissen an den Hof des Königs von Dänemark gegangen und traf danach auf den Bürgermeister in Kolmar. Nach den dortigen Ereignissen übergab er sich in Lyon selbst dem Gericht und wurde enthauptet. An diesem Teil der Erzählung führen also zwei Handlungsstränge wieder in der erzählerischen Gegenwart zusammen. Mit der einführenden Szene im Haus des Bürgermeisters ergibt sich somit eine dreifache Gliederung der Handlung.

Zuletzt erweist sich der Inzest in Brentanos Erzählung aber nicht nur als „strukturbildendes Motiv“7, wie die vorangegangene Analyse gezeigt hat. Da sich die Situation unerwartet wendet und der Bürgermeister sich als der wahre Bruder von Amélie entpuppt, kann auch von einem „blinden Motiv“8 gesprochen werden. Zu erklären ist dies durch das Auswechseln von Ludwig und dem Bürgermeister im Säuglingsalter durch die Amme von Amélie. Der Spannungsaufbau Brentanos endet somit gegen die Erwartungen der Figuren und des Rezipienten. Statt einer leidenschaftlich verstrickten inzestuösen Beziehung begegnet am Ende eine moralisch intakte Konstellation.9

Da das Thema Inzest ein Tabu darstellt, wurde die offene Nennung dieses Konflikts auch bis zum letztmöglichen Zeitpunkt hinausgezögert. So liegt die Konzentration der Binnenerzählung auf dem Erkennen dieses Tabus͘ Dieser vorläufige „Skandal-Effekt“10 verstärkt dabei umso mehr den unerwarteten Ausgang der Geschichte.

Neben dieser zweifachen Struktur von Haupt- und Binnenerzählung sowie den drei Handlungssträngen, zeichnet Brentano aber auch weitere Dimensionen, die durch die Konstruktion von Geheimnissen entstehen. Wie dies geschieht und welche Auswirkungen sich daraus für den Text ergeben, soll im nächsten Abschnitt genauer erläutert werden.

1.2. Zwischen Rätsel und Geheimnis

Wie bereits oben erläutert, haben seltsame Ereignisse, Vorahnungen und ungewisse Ankündigungen eine Signalwirkung für die Verwendung des Inzestmotivs. Diese Indikatoren werden dabei häufig mit rätselhaften oder geheimnisvollen Strukturen verbunden. Zwischen diesen beiden Termini zu unterscheiden ist wichtig, denn nach von Hoff, besteht hier ein großer Unterschied͘ „Geheimnisse haben zwar immer etwas Rätselhaftes, weisen jedoch über das Rätselhafte hinaus, da sie nicht aufklärbar sind, das heißt, das Geheimnis bleibt unerkannt͘“11

Stellt man die unklaren Gegebenheiten den Ereignissen gegenüber, die ebendiese Fragen beantworten können, so ergibt sich, dass nicht alle Unklarheiten der Erzählung beseitigt werden können. Es bleiben für den Leser also Geheimnisse übrig, auf die der Text keine Antworten gibt. Diese teilweise mysteriöse Dualität wird noch durch einen weiteren Aspekt der Erzählweise Brentanos verstärkt. Er bemüht sich um eine sehr akkurate Darstellung.

[...]


1 Vgl. Thorslev, Peter zitiert in Schöne, S.53

2 Vgl. Werner S.543

3 Vgl. Daemmrich S. 203

4 Vgl. Daemmrich S.203

5 S.392

Im Folgenden wird aus dieser Ausgabe zitiert: Brentano, Clemens: Die drei Nüsse. In: Kluge, Gerhard (Hrsg) (1987): Clemens Brentano. Erzählungen, Frankfurt

6 Somit handelt es sich hier um einen bewusst begangenen Inzest.

Prinzipiell lassen sich nach Herbert Maisch drei charakteristische Darstellungsformen des Inzest: den unwissentlichen und den wissentlichen sowie den unbewussten Inzestwunsch. Letztere Form entwickelte sich speziell nach der Theorie der Psychoanalyse.

Vgl. Maisch, S.11

7 Daemmrich S.203

8 Kluge, S.799

Die Verwendung eines solchen Motivs ist bei Brentano kein Einzelfall. Auch in anderen Erzählungen des Schriftstellers ist es andeutungsweise zu finden.

9 Von Hoff, S.99

10 Ebd.

11 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Verbotene Liebe - Das Inzestmotiv in der Literatur am Beispiel von Clemens Brentanos „Die drei Nüsse“
Hochschule
Universität Erfurt
Veranstaltung
(Offene) Geheimnisse
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V195962
ISBN (eBook)
9783656219743
ISBN (Buch)
9783656220480
Dateigröße
734 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literatur, Romantik, Inzest, Brentano, Platon, Kugelmensch, Geschwisterliebe, Motiv, Schicksalsnovelle, Walnuss
Arbeit zitieren
Nadine Pensold (Autor), 2008, Verbotene Liebe - Das Inzestmotiv in der Literatur am Beispiel von Clemens Brentanos „Die drei Nüsse“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195962

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