Intergenerationelle Gerechtigkeit


Hausarbeit, 2011

32 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkurzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Thematische Hinfuhrung und Begriffsabgrenzungen
2.1 Debatte uber Generationengerechtigkeit
2.2 Generationenkonzepte
2.2.1 Chronologische (temporale) Generation
2.2.2 Chronologische (intertemporale) Generation
2.2.3 Soziale Generation
2.2.4 Familiare Generation
2.3 Beziehung zwischen inter- und intragenerationeller Gerechtigkeit

3. Praktische Probleme der intergenerationellen Gerechtigkeit
3.1 Verantwortung fur Alte
3.2 Verantwortung fur Zukunftige

4. Besonderheit intergenerationeller Gerechtigkeit
4.1 Anwendbarkeit etablierter ethischer Prinzipien
4.2 Spezielle Merkmale intergenerationeller Gerechtigkeit

5. Ethische Begrundungsmodelle
5.1 Hans Jonas
5.2 Dieter Birnbacher
5.3 John Rawls

6. Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Zeitachsen inter- und intragenerationeller Gerechtigkeit

Abbildung 2: Besonderheiten intergenerationeller Gerechtigkeit

1. Einleitung

Von Eva Katharina Hott

Das Thema der intergenerationellen Gerechtigkeit hat in der politischen, der okonomi- schen und in der sozialphilosophischen Diskussion zunehmend an Bedeutung gewonnen. Wahrend im Bereich der Politik der Geltungsanspruch nach dem Postulat der intergenera- tionellen Gerechtigkeit scheinbar schon selbstverstandlich ist, ist „die theoretische Refle­xion der Geltungsbedingungen sowie der inhaltlichen Konkretisierung keineswegs ge- klart"[1]. Das lasst sich auch auf eine fehlende philosophische Tradition zuruckfuhren, in der fundamentale Aufschlusse und Erkenntnisstandards hatten entwickelt werden konnen. Das Thema der intergenerationellen Gerechtigkeit ist erst mit vermehrten Hinweisen auf irreversible Folgeschaden des menschlichen Handelns zum taglichen Diskurs geworden. Seit den siebziger Jahren hat sich ein Bewusstsein dahingehend eingestellt, dass heutige Handlungen kunftige Lebensgrundlagen wesentlich mitbestimmen, somit ist die Umwelt- problematik und das Nachhaltigkeitsthema wesentlich an die Frage nach der Generatio- nengerechtigkeit geknupft.

Eine Ethik, die die Verantwortbarkeit des Handelns bezuglich der Folgen besonders fur zukunftige Generationen zum Inhalt hat, ist noch relativ neu und erst im Kommen. Es existiert der Trend dahingehend, dass sich Okologen, Mediziner, Gentechniker sowie wirtschaftlich und politisch Handelnde immer mehr mit zukunftsethischen Fragestellungen konfrontiert sehen.[2]

Diese Arbeit soll einen kurzen inhaltlichen Einblick in die Themenfelder der intergenerati­onellen Gerechtigkeit geben. Dazu wird zunachst in Kapitel zwei die vorwiegend politische Debatte uber das Thema naher betrachtet. AnschlieBend werden unterschiedliche Defini- tionen des Generationenbegriffs vorgestellt um dann auf die Unterscheidung zwischen intra- und intergenerationelle Gerechtigkeit naher einzugehen. Kapitel drei ist den mehr praktischen Problemen, die mit Generationengerechtigkeit verknupft sind, gewidmet, wo- bei konkret die Verantwortung fur Zukunftige und fur Alte kurz erlautert wird. Kapitel vier pruft anschlieBend, ob etablierte ethische Konzepte der Gerechtigkeit auf die intergenera­tionellen Problemstellungen anwendbar sind und zeigt ferner die Besonderheiten selbiger auf. Das funfte Kapitel beschaftigt sich mit den theoretischen sozialethischen Ansatzen im Bereich der Generationengerechtigkeit. Thematisiert werden die ethischen Begrun- dungsmodelle von Hans Jonas, Dieter Birnbacher und John Rawls, wobei maBgebli- che Grundaussagen verstandlich dargestellt werden sollen. Das finale sechste Kapitel fasst zentrale Punkte zusammen und gibt einen Ausblick.

2. Thematische Hinfuhrung und Begriffsabgrenzungen

Von Eva Katharina Hott

2.1 Debatte uber Generationengerechtigkeit

Die Forderung nach Gerechtigkeit innerhalb einer Generation ist keine neue, begegnet uns doch taglich Unmut daruber, wie ungerecht doch alles in der heutigen Zeit sei. Neuer hingegen ist der Appell, Gerechtigkeit zwischen Angehorigen verschiedener Generationen herzustellen. Eine gerechte Behandlung zwischen heutigen und zukunftigen Generationen wird vor allem „im Hinblick auf eine langfristige Erhaltung der bestehenden Umweltstan- dards und auf die Situation in der gesetzlichen Rentenversicherung verlangt"[3].

In diesem Sinne erobert der Begriff ..Generationengerechtigkeit" immer weiter die politi- sche Agenda und besonders durch den Nachhaltigkeits-Diskurs gewinnt er zunehmend an Bedeutung.[4] Parteien integrieren in ihren Entwurfen zur Umwelt-, Wirtschafts-, Finanz-, Sozial- oder Bildungspolitik entsprechende Forderungen. Hierbei zeigt der Begriff We- senszuge zwischen „vagem Leitbild und politischem Kampfbegriff"[5]. So nimmt die Bun- desregierung in ihrem Konzept zur Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie .Generationenge­rechtigkeit" als Schlusselwort auf.[6] Auch die Grunen und die SPD gewahren der Generati­onengerechtigkeit einen eigenen Unterabschnitt in ihren Grundsatzprogrammen. Nicht zuletzt hat auch die CDU/CSU-Bundesfraktion ein Positionspapier zu dem Thema verof- fentlicht.[7]

Neben politischen Institutionen macht sich auch die Kirche in ihren Sozialverkundigungen das Gebot der intergenerationellen Gerechtigkeit zu Eigen. Daher wird in fast jeder kirchli- chen Stellungnahme zu aktuellen Problemen der Gesellschaft dieses Axiom verwendet.[8] Hintergrund all dieser Forderungen nach intergenerationeller Gerechtigkeit, besonders nach Verantwortung fur zukunftige Generationen, sind die aktuellen okologischen, oko- nomischen und sozialpolitischen Problemlagen, die langwierige und zum Teil auch irre­versible negative Folgen haben konnen, d.h. Generationengerechtigkeit wird haufig als Begrundung genannt, warum Umwelt und Natur zu schutzen sind. Da eben diese Folgen nicht nur die gegenwartige Generation sondern auch die zukunftigen Generationen tref- fen, wird die Debatte um Generationengerechtigkeit immer lauter und dringlicher.[9]

Das nachste Kapitel widmet sich diesen praktischen Problemen. Es werden dabei die Verantwortungsbereiche gegenuber alteren Menschen und gegenuber zukunftigen Gene- rationen genauer vorgestellt. Zunachst erfolgen aber eine Vorstellung der verschiedenen Verwendungsmoglichkeiten von ..Generation" und eine Abgrenzung von inter- zu intrage- nerationeller Gerechtigkeit, um den Anwendungsbereich verstandlicher zu machen.

2.2 Generationenkonzepte

Der Begriff ..Generation" wird in unterschiedlichen Zusammenhangen gebraucht und ist mehrdeutig. Nach Tremmel gibt es vier Konzepte zu unterscheiden, wobei nur die chro- nologischen fur den Vergleich im Rahmen von Generationengerechtigkeit geeignet sind.[10] Hintergrund ist, dass man fur Gerechtigkeitsuntersuchungen einen Generationenbegriff benotigt, der auf nur einem Merkmal basiert, welches auch nicht anderes interpretiert werden kann. Jahrgange, speziell Geburtsjahrgange, sind daher geeignet.

2.2.1 Chronologische (temporale) Generation

Dieses Konzept wird durch die durchschnittliche Zeitspanne gepragt, in der aus Kindern Eltern und aus Eltern GroBeltern werden. In diesem Sinne unterscheidet man zwischen einer jungen (0-30 Jahre), einer mittleren (30-60 Jahre) und einer alten (60-90 Jahre) Ge­neration.[11] Ahnlich diesem Konzept werden in der Bevolkerungswissenschaft auch kleine- re Untergruppen gebildet. Die Kohorte bspw. lasst sich definieren als „samtliche Individu- en einer Untersuchungseinheit, die einen gemeinsamen Standort oder Startplatz im Zeit- ablauf haben: Ein Geburtenjahrgang, ein Schulanfangerjahrgang, ein EheschlieBungs- jahrgang (bzw. eine Gruppe von benachbarten Jahrgangen ...)"[12].

Auf Generationengerechtigkeit angewandt ist die temporale Gerechtigkeit also die Ge­rechtigkeit zwischen jungen, mittelalten und alten heute lebenden Menschen.

2.2.2 Chronologische (intertemporale) Generation

Bei dieser Verwendung des Generationenbegriffs ist die Gesamtheit der heute lebenden Menschheit gemeint. Intertemporal weckt hier ebenso wie temporal Assoziationen mit „zeitlich", wobei ersteres fur groBere Zeitraume steht. Zur gleichen Zeit lebt demnach nur eine einzige Generation. Intertemporale Gerechtigkeit ist also dann hergestellt, wenn Gerechtigkeit zwischen den Menschen, die fruher lebten, die heute leben und die in Zukunft leben werden, herrscht.[13]

2.2.3 Soziale Generation

Die sozialwissenschaftliche Sichtweise versteht unter Generation eine Gruppe sozialer Akteure, die durch besondere pragende gesamtgesellschaftliche Ereignisse (soziale Schlusselereignisse) in ihren Einstellungen, Orientierungen und Verhaltensweisen glei- cherma&en geformt wurden.[14] Sie teilen gemeinsame Erfahrungen und „drucken einer zeitlichen Epoche den Stempel auf", z.B. die 68er-Generation oder die Generation Golf. Ferner ist der soziale Generationsbegriff in Kunst und Literatur wieder zu finden. Hier geht er mit Gemeinsamkeiten der Stile und Themen einher, wobei das Alter keine Rolle spielt.[15]

2.2.4 Familiare Generation

Die familiare Generation, oder auch das genealogisch-familiensoziologische Generatio- nenkonzept, bezeichnet die Abstammungsfolge in der Familie, der jeder Mensch fur die Gesamtheit seines Lebens zugehorig ist.[16] Mutter und Tochter gehoren demnach unter- schiedlichen Generationen an. So konnen auch Verwandte im gleichen Alter eine Genera­tion voneinander getrennt sein, z.B. wenn eine Frau ihr erstes Kind erst mit 40 Jahren bekam, deren jungere Schwester aber schon mit 20 Jahren bekommen hat und dieses Kind dann wieder mit 20 Jahren Mutter wurde.[17]

2.3 Beziehung zwischen inter- und intragenerationeller Gerechtigkeit

Intragenerationelle Gerechtigkeit bezeichnet die Gerechtigkeit innerhalb einer Generation. Hierbei werden die verschiedenen Zustande und Lebensbedingungen von Menschen verglichen, die zur selben Zeit leben. In diesem Sinne kann man mehrere Untersuchungsbereiche feststellen: Soziale Gerechtigkeit bezieht sich dabei auf die Gerechtigkeit innerhalb eines Landes zwischen armen und reichen Menschen. Internationale Gerechtigkeit geht mit der Frage des Ausgleichs zwischen verschiedenen Landern einher. Dabei sind aber die Einkommensverteilungen innerhalb dieser Lander
nicht relevant. Geschlechtergerechtigkeit beschaftigt sich mit der Gerechtigkeit zwischen Mannern und Frauen. Weitere Formen von intragenerationeller Gerechtigkeit sind bspw. Gerechtigkeit zwischen Familien und Kinderlosen, Angehorigen verschiedener Religionen oder auch Homo- und Heterosexuellen.[18]

Intergenerationelle Gerechtigkeit, oder auch intergenerative Gerechtigkeit oder Generati- onengerechtigkeit, bezieht sich hingegen auf die Gerechtigkeit zwischen Generationen, die in verschiedenen Zeitaltern existieren bzw. existierten und fragt danach inwieweit un- tereinander Gerechtigkeit herrscht.[19] Die Angehorigen dieser Generationen werden dabei in Durchschnitten zusammengefasst. In der raumlichen Betrachtung konnen zusatzlich Unterschiede gemacht werden: Zum einen gibt es den globalen Fokus, in welchem der Durchschnitt aller Menschen bspw. heute mit dem Durchschnitt aller Menschen in Zukunft betrachtet wird. AuBerdem existiert ein kontinentaler (z.B. durchschnittlicher Europaer), ein nationaler (z.B. durchschnittlicher Deutscher) und ein regionaler Fokus. In all diesen Bereichen wird die Gerechtigkeit in Bezug auf die unterschiedlichen Zeiten bzw. zwischen den Generationen untersucht.[20]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Zeitachsen inter- und intragenerationeller Gerechtigkeit

Quelle: Tremmel, J. (2010), S.22

Selbstverstandlich haben auch die Angelegenheiten der intragenerationellen Gerechtig- keit eine zeitliche Komponente. Ziele, wie bspw. die Angleichung der Arbeitschancen zwi- schen Mannern und Frauen, sollen erreicht werden. Auch hier liegt der gewunschte Zu- stand in der Zukunft. Allerdings soll nicht erst die nachste Generation mit den verbesser- ten Chancen leben, sondern moglichst noch diese Generation - spatestens nach der nachsten Wahl. Die Zukunft ist bei intragenerationellen Anliegen also kurzer gefasst.[21] Zusammenfassend liegt der groBte Unterschied zwischen den beiden Konzeptionen darin, dass bei intergenerationeller Gerechtigkeit die „Vergleichsobjekte jeweils in einem Durch- schnittsindividuum"[22] zusammengefasst werden, hingegen die intragenerationelle Gerech­tigkeit eben diese differenten Verhaltnisse und Lebensbedingungen von Einzelnen der selben Generation in den Fokus der Untersuchung ruckt.

Nicht ohne Kritik ist die Zusammenfassung in Durchschnitten geblieben, da dies angeblich vom Handlungsbedarf ablenke, z.B. die ungleiche Einkommensverteilung weltweit direkt heute anzugehen. Dagegen wurde wiederum argumentiert, dass es auch zukunftig intra­generationelle Verschiedenheiten geben wird. Durch generationengerechte Politik konnte es zumindest den Armsten der Zukunft besser gehen als denen heute, sofern alle ande- ren EinflussgroBen konstant blieben.[23]

3. Praktische Probleme der intergenerationellen Gerechtigkeit 3.1 Verantwortung fur Alte

Von Eva Katharina Hott

In den praktischen Problemstellungen um Generationengerechtigkeit hat man sich bei der Verwendung des Begriffs ..Generation" auf das verbreitete Generationenmodell mit 30 Jahren festgelegt.[24] Dies ist in Ubereinstimmung mit den Systemen zur sozialen Vorsorge geschehen, d.h. die gegenwartig Lebenden umfassen drei Generationen: Kinder, Er- werbstatige und Alte. In Hinblick auf diese Einteilung richtet sich die Forderung, Verant­wortung gegenuber Alten und Zukunftigen zu tragen und entsprechend zu handeln, an die mittlere Generation, die Erwerbstatigen. Der Grund dafur liegt auf der Hand: Den Er­werbstatigen ist es ermoglicht, Form und Aktivitat des sozialen System am ehesten zu beeinflussen, eben durch ihre Berufstatigkeit. Kinder und Alte sind erwerbsunfahig und somit ohne Einfluss.[25]

Intergenerationelle Gerechtigkeit lasst sich nicht nur auf zukunftige Generationen be- schranken. Die Erwerbstatigen stehen nicht nur in einem Austauschverhaltnis zur heran- wachsenden Generation, den Kindern, sondern auch zu der Generation der Alten. Der naturliche Ausgleich zwischen den drei lebenden Generationen ist kein neues Terrain, so ist in Deutschland schon langst ein Vorsorgesystem installiert, dem das Drei- Generationen-Prinzip zu Grunde liegt: Die Erwerbstatigen finanzieren die Renten der Al­ten und begleichen somit ihre Schuld gegenuber der Generation, die vorher dafur gesorgt hat, dass sie aufgezogen und ausgebildet werden. Durch das Aufziehen der jungen Gene­ration wiederum „trifft sie die einzig mogliche Vorsorge dafur, dass auch fur sie, wenn sie alt und erwerbsunfahig geworden sein wird, (...) Unterhaltsmittel (...) abgezweigt werden konnen"[26]. Uberschrieben wird dies mit der sozialpolitischen Terminologie des „Generati- onenvertrages", dem gesellschaftlichen Konsens daruber, dass Solidaritat und Verantwor­tung fur andere Generationen vorhanden sein mussen. Im Umlageverfahren soll die ge- setzliche Rente finanziert werden, d.h. die Arbeitenden kommen durch ihre Beitrage fur die Rentner von heute auf.[27]

Allerdings ist das Sozialvorsorgesystem gefahrdet und die Versorgung der Alten wird im- mer problematischer. Grund dafur ist der sog. demografische Wandel, also die veranderte Zusammensetzung der Altersstruktur in der Bevolkerung. Der zunehmende Geburten- ruckgang bewirkt immer mehr, dass die Zahl der Menschen im erwerbstatigen Alter sinkt.

Andererseits steigt die Lebenserwartung durch die medizintechnologische Entwicklung und somit wachst die altere Bevolkerungsgruppe.[28] Das Resultat daraus ist, dass immer weniger Erwerbstatige fur immer mehr Pensionare aufkommen mussen.[29]

3.2 Verantwortung fur Zukunftige

Von Melanie Funk

Verantwortung fur Zukunftige ist heutzutage ein bekanntes Stichwort in der Politik und im Bereich der angewandten Ethik.[30] Aufgrund gegenwartigen Handelns werden zukunftige Gegebenheiten und Lebensbedingungen beeinflusst. Der okologische Krisenalltag offe- riert taglich neue Details, inwiefern die heute lebende Generation das Leben der Zukunfti- gen teilweise im positivem Sinne, aber vor allem negativ steuert. GemaB der Begriffser- klarung beginnen die zukunftigen Generationen mit den gegenwartig lebenden Kindern und erstrecken sich unbegrenzt in die Zukunft.[31] Innovationen und neuste GroBtechnolo- gien bestimmen nicht nur den Alltag der Wirtschaftswelt, sondern vor allem auch das tag- liche Leben des Menschen. Die moderne Entwicklung und der Fortschritt beeinflusst ak- tuelle Generationen in ihrem Handeln und Denken sowie zukunftige Generationen bereits in ihren Grundumstanden.[32] Einerseits haben demnach technische Entwicklungen einen groBen Beitrag zur Lebenserleichterung getan. Folglich ist bspw. ein Handy oder das In­ternet nicht mehr im Bereich der menschlichen Kommunikation wegzudenken und ermog- licht dadurch eine neue Dimension der Flexibilitat und Erreichbarkeit der Informationen. Offensichtliche Vorteile liefert neben der Wissenschaft die Medizintechnik. Die Forschung und Entwicklung im medizinischen Bereich tragt einen wesentlichen Teil zur langeren Le­benserwartung bei, da Krankheiten mit neuem Wissen und Technikstandards effizienter behandelt werden konnen. Ferner bietet die gesamte Wirtschaft eine allgemeine Verbes- serung der Lebensumstande. Andererseits sind aber negative Veranderungen in der Ge- sellschaft und dem Leben der heutigen Generationen zu konstatieren. Die Existenz und stetige Weiterentwicklung der Wissenschaft generiert bereits heutzutage extreme Folgen und Schaden.[33] Demnach stellt man taglich neue gravierende Klimaveranderungen fest, indem z.B. Luft- und Wasserverschmutzung durch menschlichen Einfluss in Form von Automobilen und Transportschiffen zunehmen oder atomare Endlagen weiter in Betrieb sind. Ferner ist auf Grund der Produktionsstandards eine Ausbeutung von Mineralien und fossilen Brennstoffen zu verzeichnen. Ein weiteres Problem ist, dass der Stand der Wis- senschaft keine zuverlassigen Langzeitsicherheitsprognosen uber 100.000 - 1.000.000 Jahre erstellen lasst. Grundsatzprobleme lassen eine Zuverlassigkeit fraglich erscheinen, da eine sichere Abschatzung der geologischen und klimatischen Veranderungen schwer zu ermitteln ist. Die Entwicklung von Mineralschichten und bspw. die Funktionsfahigkeit naturlicher und kunstlicher Barrieren eines Endlagers sind schon aufgrund des langen Prognosezeitraums nur schwer einzuschatzen, selbst wenn ein umfassendes Wissen u- ber den aktuellen Zustand vorlage.[34] Die aktuelle Uberbevolkerung der Erde sorgt fur Landschaftszerstorung und Baum- bzw. Artensterben. Die Vor- und Nachteile der weltli- chen Entwicklungen sind nicht ausgeglichen und es liegt der Verdacht nahe, dass Fort- schritt und Lebensstandards nur auf Kosten der zukunftig Lebenden zu realisieren sind. Aktuelles Agieren der Menschen wird ma&geblich das Leben in der Zukunft betreffen. Die Verantwortung fur zukunftige Generationen ist somit ein relevanter Teil der Frage nach intergenerationeller Gerechtigkeit.

Der Fokus und die Problematik liegen demnach auf der bestehenden Lucke zwischen dem Wissen, dass eine Rucksichtnahme angebracht ware und dem tatsachlichen Han- deln. Demnach ist eine fehlende oder mangelhafte Beachtung von ausgefertigten Recht- fertigungsprogrammen zu konstatieren. Dies hat zur Folge, dass konkrete Vorsorgepflich- ten fur zukunftige Generationen ignoriert werden. Anton Leist fuhrt zwei wesentliche Grunde fur die Ignoranz der Verantwortung fur Zukunftige auf. Zum einen benennt er die Unsicherheit durch fehlendes Wissen uber die wahren Bedurfnisse und Interessen der in Zukunft Lebenden sowie uber die Folgen der Einflusse. Man kann nur erahnen und ver- muten, wie die Lebensweisen in Zukunft gestaltet sind, diese aber nicht beweisen. Ein zweiter bedeutender Punkt ist die Ungewissheit, ob uberhaupt eine moralische Verpflich- tung gegenuber Zukunftigen besteht. Die Ethik der intergenerationellen Gerechtigkeit bzw. die Zukunftsethik benotigt daher einen Begrundungsrahmen fur die moralische Rucksicht- nahme gegenuber Zukunftigen.[35]

[...]


[1] Suchanek, A. (1995), S.129

[2] Vgl. bspw. Tremmel, J. (2010), S.1f.

[3] Lux-Wesener, C. (2003), S.405

[4] Vgl. Tremmel, J. (2010), S.1

[5] Veith, W. (2006a), S.11

[6] Vgl. Buregie (2011) „Die in der Strategie formulierten Leitlinien decken das Spektrum "Generationen­

[7] gerechtigkeit - Lebensqualitat - sozialer Zusammenhalt und internationale Verantwortung" ab.“

[8] Vgl. Tremmel, J. (2010), S.1

[9] Vgl. Veith, W. (2006a), S.11 Vgl. Veith, W. (2006b), S.1

[10] Vgl. Tremmel, J. (2010), S.8

[11] Vgl. Tremmel, J. (2003), S.30

[12] Pfeil, E. (1967), S.645

[13] Vgl. Tremmel, J. (2010), S.5

[14] Vgl. Jureit, U. / Wildt, M. (2005), S.9ff

[15] Vgl. Tremmel, J. (2010), S.6f

[16] Vgl. Veith, W. (2006b), S.1

[17] Vgl. Tremmel, J. (2010), S.8

[18] Vgl. Tremmel, J. (2010), S.21

[19] Vgl. Kreibich, R. (2003), S.222. Intergenerationelle Gerechtigkeit wird in der Literatur haufig auch synonym mit Generationengerechtigkeit oder auch intergenerative Gerechtigkeit verwendet. Im weiteren Verlauf der Arbeit sollen solche differenten Verwendungen damit legitim sein.

[20] Vgl. Tremmel, J. (2010), S.21.

[21] Vgl. Tremmel, J. (2010), S.22

[22] Tremmel, J. (2010), S.22

[23] Vgl. Tremmel, J. (2003), S.23

[24] Vgl. Leist, A. (1991), S.324

[25] Vgl. Leist, A (1991), S.324

[26] Nell-Breuning, O. (1979), S.77

[27] Vgl. Bufinanz (2011)

[28] Vgl. Demograf (2007), S.3

[29] Vgl. Leist, A. (1991), S.325

[30] Vgl. Tremmel, J. (2010), S.1

[31] Vgl. Unnerstall, H. (1999), S.32

[32] Vgl. Leist, A. (1991), S.322ff.

[33] Vgl. Tremmel, J. (2003), S.349ff.

[34] Vgl. Shrader-Frechette, K. (1994), S.41ff.

[35] Vgl. Leist, A. (1991), S.323

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Intergenerationelle Gerechtigkeit
Hochschule
Universität Kassel
Veranstaltung
Ökonomie und Gerechtigkeit
Note
2,0
Autoren
Jahr
2011
Seiten
32
Katalognummer
V195973
ISBN (eBook)
9783656219682
ISBN (Buch)
9783656220640
Dateigröße
635 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Intergenerationelle Gerechtigkeit, Generationenvertrag, Generationenkonzept, Birnbacher, soziale Verantwortung, John Rawls, Hans Jonas, Verantwortung für Alte, Ethik, Philosophen, Intragenerationelle Gerechtigkeit, Generationengerechtigkeit
Arbeit zitieren
Dipl-Oec Katharina Hott (Autor)Melanie Funk (Autor), 2011, Intergenerationelle Gerechtigkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195973

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